Sieben (gute) Thesen zur Eurozone

Die FINANCIAL TIMES (FT) ist eine herausragende Zeitung und gerade die Kommentare von Martin Sandbu sind eine wirkliche Erleuchtung. Nicht, dass ich immer mit ihm einer Meinung wäre, dennoch, ich wünschte, wir hätten entsprechenden ökonomischen Sachverstand hierzulande.

Wenn er „sieben Thesen zur Eurozone“ formuliert, sind diese zumindest diskussionswürdig. Gerade bei bto:

  • „1. The cyclical growth impulse from an economy’s trade and capital flows with the rest of the world is a function of the change in the current account (as a share of gross domestic product), not its level (as a share of GDP). (…)  An increase in an external surplus, and indeed a reduction of an external deficit, is a drag on growth elsewhere, but a constant surplus is not.“ bto: Das ist richtig, einleuchtend und wichtig. Es ist also nicht schlimm (aus dieser Sicht, für uns natürlich schon!), dass wir einen großen Überschuss haben.
  • „2. For aggregate demand externalities in the eurozone, what matters are changes in intra-eurozone current account asymmetries. It is mistaken, therefore, to blame Germany for reducing growth in the eurozone after the financial crisis. Its surplus with the rest of the monetary union shrank in 2011-13 and has remained constant since. That means it cushioned the recession in the periphery. What is true is that its growing surplus with the rest of the world passed the eurozone’s aggregate demand contraction in that period on to other parts of the global economy.“ bto: Das ist wichtig, reduziert es doch den Druck auf uns, zur „Eurorettung“ im französischen Sinne beizutragen.
  • „3. Current account levels asymmetries can matter for financial stability (as opposed to aggregate demand externalities). That is because they add up over time to excessive stocks of cross-border liabilities. But that is only so if they are out of proportion to economic growth in the recipient economies, and if they take the form of hard-to-restructure claims such as debt. (…) the eurozone should also push capital flows away from shorter-term debt instruments towards very long-term debt or ideally equity-type investments.“ bto: Hier sind wir beim Problem. Die anderen sind zu hoch verschuldet, wir haben zu hohe Forderungen. Deshalb muss es knirschen!
  • „4. Fiscal union is neither necessary nor sufficient for national fiscal countercyclical stabilisation. It is not necessary so long as one allows national-level fiscal policy to be sufficiently countercyclical, and so long as there is market access (on which see the next point). It is not sufficient because the scale will be too small (the US fiscal union cushions only about 20 per cent of idiosyncratic shocks to state economies). It is also not sufficient because if any transfers are truly temporary and will later have to be paid back, then markets will take this into account when assessing the creditworthiness of a country in crisis.“ bto: Klartext: Es ist nicht groß genug, und um groß genug zu sein, müsste es gigantisch sein. So groß, wie es nie und nimmer realisiert werden kann.
  • „5. Fiscal union is neither necessary nor sufficient for sovereign “safe liabilities” — that is to say, for governments to have market access. (…) With a sufficiently long-term debt structure, temporarily high interest rates are affordable. Fiscal union is also not necessary because further alternatives exist: central bank support such as the European Central Bank’s programme to intervene against speculation that a country may leave the euro; or in extremis, various forms of debt restructuring (…).“ bto: Und genau diese brauchen wir, wobei die Befürworter bei uns immer wieder vergessen, wer dafür bezahlt.
  • „6. Fiscal union is neither necessary nor sufficient for “safe assets” often thought to be needed as benchmarks for a stable private financial system. It is not necessary because there are alternatives, such as the proposed European Safe Bonds. Besides the ECB can always issue its own liabilities for this purpose.“ bto: Auch das bestechend klar.
  • „7. Fiscal union is neither necessary nor sufficient for eurozone-level fiscal countercyclical stabilisation. It is not necessary because the European Commission can use its power over national budget policy to pursue a common fiscal stance for the eurozone. It is not sufficient because any fiscal union mechanism to insure against national shocks may have no ability to stabilise economic fluctuations that affect all countries at the same time.“ bto: Es wäre auch schlichtweg zu klein!

Fazit FT: „A combination of smarter structuring of cross-border financial claims, better use of the eurozone’s fiscal rules (which the treaty does not just allow but arguably requires) and a greater acceptance of debt restructuring (…) eventually secure risk-sharing through private channels, there is little left for a fiscal union to do.“

bto: Die Message ist klar: Lasst uns endlich die faulen und privaten Schulden restrukturieren, statt über Umwege die Eurozone eine Runde weiterzubringen. Recht hat er.

→ FT (Anmeldung erforderlich): „Seven theses on the eurozone“, 6. Oktober 2017

Kommentare (13) HINWEIS: DIE KOMMENTARE MEINER LESERINNEN UND LESER WIDERSPIEGELN NICHT ZWANGSLÄUFIG DIE MEINUNG VON BTO.
  1. Avatar
    Markus sagte:

    Ich denke auch, dass das mit dem Konsumieren nicht klappt. Oder erst wenn es zu spät ist und alle Panikkaeufe tätigen. Wenn Menschen merken, dass sie sich keine Immobilie mehr leisten können, dann werden sie in Anbetracht zu erwartender steigenden Mieten eher sparen. Und die in Miete wohnen können tatsächlich weniger konsumieren, weil die Mieten schneller als die Löhne steigen. Die Löhne werden aber nicht steigen, weil kein echter Arbeitskräftemangel herrscht. Ironischerweise wird übrigens die Bautätigkeit durch die hohen Preise reduziert: Eigenheimler können es sich nicht mehr leisten und für Investoren lohnt sich der Bau nicht weil die Mieten nicht hoch genug getrieben werden können.

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      Dietmar Tischer sagte:

      Bin Ihrer Meinung.

      Es wird mit dem Konsumieren nicht funktionieren, weil zu viele Menschen ALTERSSPAREN betreiben aus der Besorgnis, am Ende hilf- und mittellos dazustehen.

      Das gilt übrigens auch für Helikoptergeld.

      Es würde wahrscheinlich funktionieren, wenn das Bargeld abgeschafft ist.

      Dann könnte die finanzielle Repression durch die REGIERUNG betrieben werden mittels Besteuerung von Bankeinlagen.

      Allerdings würde es dann vermutlich auch gewaltigen politischen Widerstand geben.

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    NoFiatMoney sagte:

    Da (NoFiatMoney says: 26. Oktober 2017 um 0:11)ging etwas verloren:

    Statt „Geldentwertung hat ähnliche Folgen und insbesondere bei denen, die gar kein Vermögen haben, welches ihnen der Staat mittels Entschädigung abnehmen könnte“ sollte es heißen:

    Geldentwertung hat ähnliche Folgen und insbesondere bei denen, die gar kein Vermögen haben, welches ihnen der Staat mittels Enteignung gegen Entschädigung abnehmen könnte“

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    NoFiatMoney sagte:

    Zitat: „Ich meinte Geldentwertung und nicht Enteignung.“

    Das war ein Volltreffer; auch wenn Sie selbst es wohl nicht bemerkt haben:
    Enteignung geht nach dem Grundgesetz nur gegen Entschädigung (Art. 14 Abs. 3 GG). Geldentwertung hat ähnliche Folgen und insbesondere bei denen, die gar kein Vermögen haben, welches ihnen der Staat mittels Entschädigung abnehmen könnte. Kaufkraftschmälerung ist u.a. Konfiskation (entschädigungslose Beraubung) der Arbeitsfrüchte derjenigen, denen die Stange zu halten, Planwirtschaftler und Kollektivisten vorgeben.

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      NoFiatMoney sagte:

      Das sollte eigentlich unter dieser Erleuchtung stehen:

      Daniel says:
      25. Oktober 2017 um 16:39
      Ich meinte Geldentwertung und nicht Enteignung. Der richtige Satz lautet: „Die GELDENTWERTUNG hat bereits vorher stattgefunden“.

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      Daniel sagte:

      Wer sollte ihrer Meinung nach diese „entschädigungslose Beraubung“ anstreben? Endet das nicht in einer politischen Krise, in der ausnahmslos alle verlieren werden?

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  4. Avatar
    Daniel sagte:

    Zum vorherigen Artikel, den man leider nicht kommentieren kann:

    „Die EZB würde also die faulen Schulden aufkaufen und dauerhaft auf der Bilanz halten oder gar zu einem zukünftigen Zeitpunkt annullieren. Die Folgen sind offen und unter Volkswirten heftig umstritten. Während die einen es für gefahrlos halten, fürchten die anderen eine Hyperinflation.“

    Diese Volkswirte schauen auf den falschen Effekt. Die Enteignung hat bereits vorher stattgefunden:
    (1) Die Notenbanken kaufen Schulden auf.
    (2) Dadurch bleiben die Realzinsen negativ.
    (3) Eigentümer von Nominalvermögen werden dadurch schleichend enteignet (jährlicher Kaufkraftverlust).
    (4) Realwerte (Immobilien, Aktien) steigen.
    (5) Wenn die Eigentümer von Nominalvermögen die schleichende Enteignung durchschauen, dann können sie nur noch in die stark gestiegenen Realwerte investieren.
    (6) Durch (5) wird dann die Enteignung für jeden sichtbar.

    Oder mit anderen Worten: Wer jetzt noch Geldvermögen hat und irgendwann bemerkt, dass es nie wieder Zinsen geben wird, der wird dann beispielsweise feststellen, dass er von diesem Vermögen nur noch eine kleine Eigentumswohnung kaufen kann, die vor 10 Jahren in besserem Zustand wesentlich weniger gekostet hat.

    Bei der Streichung der Schulden wird, wenn man das so verkauft, dass kein Vertrauen verloren geht, nichts passieren.

    Am Ende der ganzen Maßnahmen, wird es so gut wie keinen Mittelstand mehr geben, sondern eine reiche Oberschicht und viele relativ Arme.

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      Daniel sagte:

      Ich meinte Geldentwertung und nicht Enteignung. Der richtige Satz lautet: „Die GELDENTWERTUNG hat bereits vorher stattgefunden“.

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      Dietmar Tischer sagte:

      >5) Wenn die Eigentümer von Nominalvermögen die schleichende Enteignung durchschauen, dann können sie nur noch in die stark gestiegenen Realwerte investieren.>

      Das stimmt nicht.

      Die Eigentümer von Nominalvermögen können auch KONSUMIEREN und dadurch der Geldentwertung entgehen.

      Nach dem ersten Ziel, de jure Liquiditätsversorgung, de facto aber Systemerhaltung, ist dies das zweite Ziel der EZB.

      Über das erste Ziel kann man streiten.

      Über das zweit kann man nicht streiten.

      Es ist legitim, Anreize für eine höhere Nachfrage zu setzen.

      Wenn die EZB keine zur Steigerung der Investitionen setzen kann, dann muss sie das eben durch finanzielle Repression zur Steigerung des Konsums tun.

      Das macht auch Sinn:

      Alterssparen erhöht zwar die Ansprüche auf das zukünftige BIP, es steigert das zukünftige BIP aber nicht.

      Geldsparen mag zwar individuell sinnvoll sein, im Aggregat ist es aber kontraproduktiv.

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        Daniel sagte:

        „Das stimmt nicht.

        Die Eigentümer von Nominalvermögen können auch KONSUMIEREN und dadurch der Geldentwertung entgehen.“

        Das ist ein guter Punkt. Ich denke, dass man den Konsum nur dann spürbar erhöhen könnte, wenn man Vermögen von den Reichen zu den Armen umverteilt. Beispielsweise könnte man die Erbschaftsteuer erhöhen oder eine Vermögensteuer einführen und im Gegenzug Hartz IV und den Einkommensteuerfreibetrag erhöhen.

        Ja, Menschen könnten anfangen zu konsumieren, wenn sie sehen, dass das Geld nach und nach immer mehr an Wert verliert. Aber wie realistisch ist es, dass Menschen aus der Mittelschicht, die sowieso schon jetzt alles haben, plötzlich anfangen Ferraris und andere Luxusgüter zu kaufen? Das würde bei den meisten Menschen eine dramatische Charakteränderung voraussetzen. Wer spart, der spart normalerweise sein ganzes Leben.

        Es ist in dieser Situation gleichwohl wahrscheinlicher, dass Menschen sogar noch weniger konsumieren und mehr sparen, weil sie Angst vor schlechten Zeiten haben. Man darf nicht vergessen, dass von allen Maßnahmen der Notenbanken derzeit nur die Top 10% der Bevölkerung profitieren.

        Auszuschließen ist Ihr Szenario natürlich trotzdem nicht.

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        Dietmar Tischer sagte:

        @ Daniel

        Es geht mir nicht um ein Szenario, sondern um eine Alternative, die des Konsumierens.

        Und es geht mir um eine Begründung dafür, WARUM die EZB ihre Mittel einsetzen darf, damit diese Alternative wirksam wird.

        Das ist alles.

        In meiner Erwiderung auf Ihren Kommentar habe ich nicht ausgesprochen, dass ich es grundsätzlich für PROBLEMATISCH halte, wenn DERART der Konsum gesteigert werden soll.

        Problematisch ist es nicht, ein höheres BIP zu wollen, sondern das höhere BIP quasi ausschließlich über die Nachfrage erzwingen zu wollen.

        Hayek soll irgendwann einmal gesagt haben, dass es kein Nachfrageproblem gäbe.

        Das lediglich als Hinweis darauf, dass es auch eine Gegenposition gibt.

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        Daniel sagte:

        @Dietmar

        Dies sehe ich auch so. Die Notenbank möchte u.a. über den Wealth Effekt den Konsum erhöhen. Das Problem ist nur, wenn die unteren 90% nicht (mehr) von der Notenbankpolitik profitieren, sondern nur noch die oberen 10%, dann ist man irgendwann in der paradoxen Situation, dass das Gesamtvermögen steigen der Konsum jedoch sinken wird (Angstsparen, s.o.).

        Spätestens dann ist die aktuelle Notenbankpolitik am Ende und eine Wirtschaftskrise steht bevor.

  5. Avatar
    Wolfgang Selig sagte:

    bto: „Die Message ist klar: Lasst uns endlich die faulen und privaten Schulden restrukturieren, statt über Umwege die Eurozone eine Runde weiterzubringen. Recht hat er.“
    Entschuldigung, aber das ist Wunschdenken. Die Transferunion ist nur in zweiter Linie zum Erhalt der Eurozone gedacht; der Wunsch nach Erhalt ist nur der Anlass für die Initiative von Macron. Der Hauptgrund ist die gewünschte Umwandung der Eurozone von einem Staatenbund in einen Bundesstaat, der nur in winzigen Schritten realisiert werden kann, weil er in Volksabstimmungen keine Mehrheiten in den Nationen finden würde. Durch den Umweg a) keine Umverteilung (früher), b) Umverteilung über die EZB (aktuell) und c) fiskalische statt geldpolitische Umverteilung (Ziel) kann eine bundesstaatliche Ordnung zumindest wirtschaftlich erreicht werden. Nur so können die Regierungen der Empfängerländer ihren Wählern unangenehme Botschaften (z.B. Arbeitsmarktreformen) ersparen. Und nur so können die Regierungen der Zahlerländer über ihren nationalen Wirkungskreis hinweg in fremden Ländern stärker mitmischen, wobei sie dabei oft auch noch selbst glauben, friedensstiftend und wirtschaftsfördernd tätig zu sein. Wie man an Katalonien, Venetien, der Lombardei, Flandern und anderen Teilgebieten von europäischen Nationalstaaten sieht, funktioniert das aber nicht mal national mehr wirklich gut. Daher ist Herr Sandbu zwar zu unterstützen, aber politischen Erfolg wird er dabei in Deutschland und Frankreich außer bei den politischen Rändern momentan nicht haben. Es sei denn, die Meinung der Ränder wird wie beim Brexit, aber auch den Wahlen in Österreich oder Tschechien so groß, dass sie mehrheitsfähig wird. Auch bei uns bildet sich ja von Sarah Wagenknecht von der Linkspartei über erste vereinzelte Stimmen bei der FDP bis hin zur kompletten AFD immer mehr politische Kritik an der Umverteilung heraus. Mal schauen, ab wann die Thesen von Sandbu bei uns politisch mehrheitsfähig werden. Ich wage mal die Prognose, zwei bis drei Bundestagslegislaturperioden und eine mindestens mittlere Finanzkrise brauchen wir noch in Deutschland…

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