Macht Vollgeld das System nicht sicherer?

Es ist schon einige Zeit her, da habe ich mich mit der Thematik von Vollgeld beschäftigt. Es ist eine interessante Fragestellung, wobei ich zunehmend zweifle, dass es in der Praxis so funktioniert, wie erhofft. Ich sehe vor allem die starke Rolle der Notenbanken kritisch, die bekanntlich schon im heutigen System nicht unschuldig an den massiven Problemen sind.

„From Zirp, Nirp, QE, and helicopter money to a better monetary system“

Joseph Huber: „Der Euro – sein Woher und Wohin“

„Financial reform: Call to arms“

Nun steht die Volksabstimmung in der Schweiz an und damit eine Flut an Beiträgen zu dem Thema. Was ich spannend finde, werde ich hier kommentieren. Beginnen wir mit einem Schweizer Professor, der sich kritisch im Interview mit der FINANZ und WIRTSCHAFT äußert:

  • Die Vollgeld-Initianten verstehen nicht, dass das Nationalbankgeld und das Giralgeld der Banken zwar Substitute sind, nicht aber homogene Produkte. Beide haben Vor- und Nachteile. Ein solches Produkt zu verbieten, wäre ein grosser Fehler.“ – bto: In der Tat ist das Bankengeld etwas anderes, vor allem risikoreicheres als das Notenbankgeld.
  • „(…) in den Dreissigerjahren wurde die Einführung von 100 % Reserven propagiert. Das ist im Kern dieselbe Idee. Sie wurde damals von prominenten Ökonomen vertreten, etwa von Irving Fisher. Sie verlangten 100 % Reserven für Sichteinlagen. Die Vollgeld-Initianten gehen insofern noch einen Schritt weiter, als dass sie den Banken grundsätzlich verbieten wollen, eigenes Geld auszugeben. Das soll nur noch der Nationalbank erlaubt sein.“ – bto: Es geht in der Tat darum, den Banken die eigenständige Schaffung von Geld zu verbieten.
  • „Das heisst nicht, dass wir das Banken- und das Finanzsystem nicht resistenter machen müssen. Da wurde ja auch schon einiges getan. Der wichtigste Ansatz ist die Stärkung der Eigenmittel der Banken. (…) Klar ist, dass die Eigenmittel höher sein sollten als heute.“ – bto: Ja, es muss aber auch wieder echtes Risiko für die Banken und ihre Manager geben, da nur so eine Vermeidung von zu riskanten Geschäften gelingt.
  • „Die Vollgeld-Konten wären nominell so sicher wie das heutige Zentralbank-Geld. Die Bankkunden müssten im Vergleich zu heute jedoch mit deutlich höheren Gebühren rechnen, weil die Banken mit den Sichteinlagen nicht mehr arbeiten könnten. Ob dies von den Kunden goutiert würde, ist eine andere Frage.“ – bto: heute natürlich nicht, weil die Banken ja auch ohne diese Zusatzkosten vom Staat – also von den abstrakten Steuerzahlern – gerettet werden.
  • „Die Menschen würden wohl andere Anlageformen suchen, die leicht in Zahlungsmittel eintauschbar sind und nicht unter das Sichteinlageverbot fallen. Nach der Logik des Vollgeld-Systems müssten diese dann auch verboten werden. Das Finanzsystem würde über die Sichteinlagen hinaus immer weiter reglementiert, seine Effizienz würde leiden.“ – bto: denkbar aber nicht zwingend. Wir könnten auch sagen, wer bewusst „investiert“, sollte auch die Risiken prüfen und überwachen.

Dazu bringt die FINANZ und WIRTSCHAFT noch dieses Chart zur Erläuterung:

Quelle: FINANZ und WIRTSCHAFT

  • „Was wäre die Auswirkung auf die Kreditvergabe? – Sie würde auch in einem Vollgeld-System grundsätzlich funktionieren. Die Rolle der Banken im Kreditsystem wäre aber stark verändert. Die Sichteinlagen als Basis für die Kreditfinanzierung würden fehlen. Die Kreditvergabe müsste vermehrt über andere Kanäle laufen. Den Initianten fehlt das Verständnis für die volkswirtschaftlichen Leistungen, welche die Banken im Zusammenhang mit Liquiditätsschöpfung, Zahlungsverkehr und Kreditvergabe erbringen. Bankdienstleistungen würden weniger effizient erbracht und teurer.“ – bto: Nun könnte man meinen, dass es sich vor allem negativ auf die Vermögenswerte auswirkt, weil Banken eben nicht mehr einfach Geld auch für überwiegend unproduktive Zwecke schaffen würden. Stichwort: Immobilien.
  • „Die Initianten möchten eine Geldmengenentwicklung, die zu Preisstabilität führt. Die SNB könnte die Geldmenge mit dem Vollgeld-System exakt steuern. Die Zentralbanken verfügen aber schon heute über genügend Mittel, die Geldschöpfung der Banken zu begrenzen, wenn sie dies wollen. Die aktuelle Liquiditätsschwemme haben die Zentralbanken verursacht, nicht die Geschäftsbanken.“ – bto: Der letzte Punkt stimmt, doch stimmt auch der erste? Können Zentralbanken wirklich die Geldmenge steuern? Es sieht doch mehr danach aus, dass sie den Geschäftsbanken hinterherlaufen.
  • „Die Initianten schüren die Illusion, die schuldfreie Abgabe von Geld als Geschenk an Bürger und Staat sei für diese ein Vorteil im Vergleich zu heute. Das ist ein Irrtum. Im heutigen System gibt die Nationalbank neu geschaffenes Geld im Austausch gegen ertragsbringende Anlagen ab. Den Ertrag der Anlagen kann sie als Strom von Zentralbankgewinnen Jahr für Jahr ausschütten. Das kann sie im Vollgeld-System nicht, weil keine Erträge mehr fliessen. Es spielt letztlich keine Rolle, ob das Geld am Anfang verschenkt wird oder ob die über die Zeit anfallenden Erträge ausgeschüttet werden. Es gibt auch mit «schuldfreiem Geld» nicht mehr zu verteilen als heute.“ – bto: Heute haben doch die privaten Banken den überwiegenden Teil des Geldschöpfungsgewinnes. Bliebe so nicht ein größerer Teil bei den Bürgern?
  • „Buchgeld bleibt Buchgeld, auch wenn es von der Zentralbank geschaffen wird. Die Dienstleistungen im Zahlungsverkehr – die für den Inhaber den Wert der Einlagen ausmachen – müssen auch im Vollgeldsystem erbracht werden. Die Banken werden dies zu vollen Kosten verrechnen, wenn sie nur noch treuhänderische Verwalter der Konten sind. Das müssten die Kunden berappen, oder aber die SNB subventioniert den Zahlungsverkehr.“ – bto: Und der Zahlungsverkehr ist so teuer in der neuen digitalen Welt, dass er den gesamten 300 Milliarden entspricht, den die Initiative als Nutzen ausgerechnet hat?
  • „Ein System, das die Geldschöpfung so direkt mit der Staatsfinanzierung verbindet, wie das bei der Vollgeld-Initiative der Fall ist, wäre enormen fiskalpolitischen Versuchungen unterworfen. Die Initianten versprechen jährliche Geschenke für Bürger und Staat von 5 bis 10 Mrd. Fr., zusätzlich zum Anfangsgewinn von 300 Mrd. Fr. Die Politiker werden nicht verlegen sein, Projektideen zu entwerfen, die man damit finanzieren kann. Mittelverschwendung in grossem Stil wäre programmiert.“ – bto: Die Gefahr sehe ich auch.
  • „Was wären die Auswirkungen von Vollgeld auf den Aussenwert des Frankens? – In einer Übergangsphase würde der Franken wegen der zu erwartenden Verunsicherung wohl geschwächt. Die Umstellung auf ein Vollgeld-System wäre ein grosses, im internationalen Umfeld einmaliges Experiment. Längerfristig sind die Wirkungen schwierig abzuschätzen. Wenn das Experiment gemäss den Vorstellungen der Initianten gelingt und zu einer strikten Geldmengenkontrolle und Preisstabilität führt, würde der Franken eher gestärkt.“ – bto: Das denke ich auch, weil die Qualität des Franken eine höhere wäre!

Nicht zur Sprache kommt ein wesentlicher Aspekt, wie ich finde. Wenn die Umstellung erfolgt, gibt es weniger Kredite für unproduktive Zwecke. Gut. Aber damit fehlt die Basis für die hohen Immobilienpreise in der Schweiz. Diese würden deshalb bei der Umstellung kollabieren, weshalb die Initiative hätte vorschlagen sollen, bei der Verwendung der 300 Milliarden Anfangsgewinne alle Hypothekenschuldner in der Schweiz proportional zu entschulden. Ökonomisch wäre das angezeigt.

FuW: „Baltensperger: Vollgeld macht das System nicht sicherer„, 14. Mai 2018

Kommentare (6) HINWEIS: DIE KOMMENTARE MEINER LESERINNEN UND LESER WIDERSPIEGELN NICHT ZWANGSLÄUFIG DIE MEINUNG VON BTO.
  1. Avatar
    Richard Ott sagte:

    @ bto: „Und der Zahlungsverkehr ist so teuer in der neuen digitalen Welt, dass er den gesamten 300 Milliarden entspricht, den die Initiative als Nutzen ausgerechnet hat?“

    Nicht einmal ansatzweise. Hier ein Beispiel: Das Visa-Kreditkartennetzwerk hat im Jahr 2017 weltweit insgesamt 111,2 Milliarden Transaktionen verarbeitet und laut Jahresfinanzbericht 2017 dabei Gesamtkosten von 6 Milliarden US-Dollar aufwenden müssen (https://investor.visa.com/annual-report-meeting/)

    Die Gesamtkosten für Zahlungsverkehr in der Schweiz wären also gegenüber den 300 Milliarden CHF „Vollgeld-Gewinn“ völlig vernachlässigbar.

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    Christoph Naujoks sagte:

    Mir dürfte ein Denkfehler im vorherigen Kommentar unterlaufen sein:

    In einem Vollgeldsystem würde das Geld ausschliesslich von der Zentralbank geschaffen, welche folgende Möglichkeiten hätte, das Geld unter das Volk zu bringen:

    – via Banken (über Kreditvergabe – wie würde das funktionieren?)
    – verschenken an private Haushalte, Unternehmen, NGO
    & eben dem Staat.

    Folglich käme es zu keiner weiteren Verschuldung des Staates, also keine Änderung der Verfassung etc notwendig.

    Noch irgendwas übersehen?

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    Michael Stöcker sagte:

    „in den Dreissigerjahren wurde die Einführung von 100 % Reserven propagiert.“

    Die Debatte ist in der Tat schon etwas älter; es geht um die zentrale Machtfrage (Currency- vs Banking-School). Siehe hierzu insbesondere auch meine Antwort im Herdentrieb auf einen Irrtum von Henry Kaspar: https://blog.zeit.de/herdentrieb/2018/05/14/macht-vollgeld-das-finanzsystem-stabiler_10885#comment-219750. Erstaunlich ist es übrigens nicht, dass das Original im Netz so schwer zu finden ist; denn beim Thema Geld hört bekanntlich die Freundschaft auf. Da kann es dann auch schon mal zu weiteren Banker- und Präsidenten-Shootings kommen (Stichwort Herrhausen, Kennedy…).

    LG Michael Stöcker

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    Christoph Naujoks sagte:

    Sehr geehrter Herr Dr. Stelter

    Herzlichen Dank für die Kommentierung, ich freue mich schon jetzt auf Ihre Behandlung des Interviews des ehemaligen Chef-Volkswirts der Deutschen Bank aus der FuW!

    Eine kleine Anmerkung:

    „„Ein System, das die Geldschöpfung so direkt mit der Staatsfinanzierung verbindet, wie das bei der Vollgeld-Initiative der Fall ist, wäre enormen fiskalpolitischen Versuchungen unterworfen. Die Initianten versprechen jährliche Geschenke für Bürger und Staat von 5 bis 10 Mrd. Fr., zusätzlich zum Anfangsgewinn von 300 Mrd. Fr. Die Politiker werden nicht verlegen sein, Projektideen zu entwerfen, die man damit finanzieren kann. Mittelverschwendung in grossem Stil wäre programmiert.“ – bto: Die Gefahr sehe ich auch.“

    Bei diesem Argument habe ich mich sehr gewundert, mir scheint das Angstmacherei. Um den – fraglos vorhandenen – Ausgabengelüsten der Politiker ein quäntchen Chance zu geben, wäre eine weitere, revidierende, Volksabstimmung in der Schweiz notwendig, die Aufhebung der 2003 eingeführten, in der Bundesverfassung verankerten Schuldenbremse: https://www.efd.admin.ch/efd/de/home/themen/finanzpolitik/die-schuldenbremse/fb-schuldenbremse.html
    &
    https://www.admin.ch/opc/de/classified-compilation/19995395/index.html#a126

    Insofern kann ich mich nicht des Verdachts erwehren, dass der Interviewte in Ignoranz seiner Kenntnis von der Schweizerischen Bundesverfassung diese Aussage getroffen hat. Das wäre schmerzhaft für die politische Diskussionskultur eines Landes, die zumindest in meiner Erinnerung im allgemeinen sachlich war.

    Oder übersehe ich hier etwas?

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    Wolfgang Selig sagte:

    Dazu habe ich eine Verständnisfrage: Führt das Vollgeldsystem nicht erst recht zu einer höchst riskanten Kreditstrategie seitens der Banken mit noch mehr Problemen nach ein paar Jahren? Heute habe ich als Banker noch das Problem, dass mein Eigenkapital als Bank schmilzt, wenn ich faule Kredite nicht mehr hereinbekomme. Schlimmstenfalls verliere ich meine Selbstständigkeit als Kreditinstitut bzw. als Manager meinen Job. Das bisherige System hilft wenigstens in Ansätzen, volkswirtschaftlich unsinnige Investitionen zu verhindern, da die Bank ein Eigeninteresse an einer genauen Kreditprüfung hat. Natürlich werden Sicherheiten (z.B. Immobilien) damit überbewertet und gute Geschäftsideen von Leuten ohne Sicherheiten zu schlecht bewertet. Das liegt aber daran, dass zu viele Anleger für mehr Renditechancen nicht genügend Risiken eingehen wollen (oder können) und lieber Sparanlagen tätigen als Unternehmern Eigenkapital zur Verfügung zu stellen.

    Bei 100 % Einlagen durch die Notenbank kann es mir als Banker aber doch im Vollgeldsystem weitgehend egal sein, was damit passiert bzw. ob das Geld zurückkehrt, oder? Es verkürzt sich nur meine Bilanzsumme etwas, aber ich kann vorher volles Risiko auf Expansion gehen, solange die Notenbank mitmacht. Und das wird im Zweifelsfalle politisch gewollt sein, um Steuereinnahmen und Arbeitsplätze zu generieren, auch wenn es nur kurzfristig ist.

    Die Alternative wäre eine Kontigentierung mit späterer Beamten- und Behördenmentalität bei allen Banken. Ich bitte um Diskussionsbeiträge, vielleicht begehe ich hier auch nur einen Denkfehler.

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      Thomas sagte:

      Um Kredite zu vergeben, müsste die Bank im Vollgeldsystem doch zunächst Fremdkapital einsammeln; also Anleger finden, die ihr Geld inkl. Verlustrisiko für x% der Bank geben. Theoretisch kann der Bank der Verlust nach dem Einsammeln und der Kreditvergabe egal sein, aber praktisch würden doch da Sicherheiten und Prüfungen ins Spiel kommen, damit die Anleger bei der Bank nicht später im Regen stehen und die Bank ihre Kunden verliert oder schlechte Ratings bekommt. (Ich würde sogar davon ausgehen, dass sie nur mit Mühen solche Kunden findet, da die meisten das unmögliche, nämlich Zins ohne Risiko wollen.)

      Falls die Bank eigenes Kapital einsetzt, müssten Sicherheiten und Kreditprüfungen analog auch im Interesse der Bankeigentümer sein.

      Ich vermute ohnehin, dass weit mehr als die Hälfte der Bürger denken, dass wir ein Vollgeldsystem haben und die zur Euro gebrachten Bank dort tatsächlich liegen…

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