Droht die große Krise? ‒ und ein P. S. zu Italien

Tweet about this on TwitterShare on FacebookShare on Google+Share on LinkedInEmail this to someone

Man könnte sagen, auch die F.A.Z. springt jetzt auf die Panikwelle, um die Auflage zu steigern. Dies glaube ich aber nicht. Umso interessanter der kleine Beitrag zum Thema Krisenindikator: „In der Finanzwelt gibt es viele Charts, die auf vermeintliche oder tatsächliche Krisen hinweisen oder gar die Zukunft voraussehen sollen. Vieles davon ist reine Kaffeesatzleserei, doch es gibt auch einige Linien, bei denen ein genauerer Blick nicht schaden kann. Zu dieser Sorte gehört auch das Gold-Öl-Verhältnis. Die Relation gibt an, wie viele Fass Öl mit rund 159 Litern gebraucht werden, um eine Feinunze Gold mit etwa 31,1 Gramm zu kaufen. (…) Steigt das Verhältnis auf über 20 ‒ also müssen mehr als 20 Fass Öl für eine Feinunze Gold bezahlt werden ‒ droht demnach eine Krise.“ Und weiter: „Sinkt der Ölpreis, wie es auch im Moment der Fall ist, deutet das auf eine schwache Nachfrage hin und damit auf eine schlechte weltwirtschaftliche Lage. Und Gold wird in diesem Zusammenhang zur Krisenwährung. Es soll als Schutz vor Inflation dienen, und eigentlich sollte der Preis immer steigen, wenn Geldentwertung droht oder andere Krisen die wirtschaftliche Stabilität in Frage stellen.“

„Droht nun konkret eine Krise? Jedenfalls gibt es viele Vorzeichen, die dafür sprechen: Die Notenbanken pumpen noch immer viel Geld in die Märkte, so dass die Gefahr einer Blase am Aktienmarkt wächst. Zahlreiche geopolitische Krisen schüren Unsicherheit. Und der niedrige Ölpreis stützt zwar alle Netto-Ölimporteure. Doch für die Förderländer gibt es große Probleme: Manche rutschen in eine Rezession, wie Russland, andere stehen vor der Staatspleite, wie Venezuela, einige haben kaum noch Geld für den Kampf gegen den Terror, wie Nigeria. Sollte der Ölpreis nicht schnell wieder deutlich anziehen, drohen in diesen Ländern Umwälzungen.“

bto: Leider hat die F.A.Z. das Chart aus der Printausgabe nicht online gestellt. Dies zeigt nämlich deutlich, dass der Indikator deutlich über den Ständen vor der Euro- und Finanzkrise steht. Fast auf dem Niveau des Ostblock-Kollaps. Jetzt könnte man natürlich schreiben, dass jetzt der Westen kollabiert. Doch das ist zu naheliegend und unoriginell. Ich denke jedoch, dass tiefer Ölpreis, Währungskrieg (jetzt macht Singapur auch mit), Rekordstände an den Börsen, Minizinsen für Anleihen, Deflation, Gelddruck-Orgien und stagnierende Wirtschaft irgendwie nicht gesund aussehen. Aber das wissen Sie ja bereits.

F.A.Z.: Droht die große Krise?, 28. Januar 2015

P. S. Italien hat jetzt ein neues Wahlgesetz. Die NZZ berichte: „Die geplante Wahlrechtsreform sieht in erster Linie einen grossen Siegerbonus vor. Wenn eine Partei 40 Prozent der Stimmen erreicht, bekommt sie 54 Prozent der Sitze in der Abgeordnetenkammer (340 von 630). Erreicht keine Partei diese Schwelle, kommt es zu einer Stichwahl zwischen den beiden stärksten Gruppierungen. Die Regierung von Matteo Renzi hatte sich für einen solchen Bonus starkgemacht, um den Einfluss kleinerer Parteien zu begrenzen.“ Und an anderer Stelle: „Das Wahlgesetz tritt erst Mitte 2016 in Kraft. Diese Bestimmung ist ein Zugeständnis Renzis an Berlusconi und andere Akteure – derzeit würde Renzi Neuwahlen wahrscheinlich deutlich gewinnen. Laut Umfragen hat der PD im letzten Jahr an Popularität eingebüsst, ist aber weiterhin mit Abstand die stärkste Partei.“ ‒ bto: Bedeutet im Klartext: Wenn bei den nächsten Wahlen die Eurogegner vorne liegen, bekommen sie alle Macht. Ob sich Brüssel wirklich über das Gesetz freut?

NZZ: Ein Schritt auf Renzis langem Weg, 27. Januar 2015

8 Antworten
  1. Cajus says:

    Der kollabierende Ölpreis übt eben nicht nur Druck auf mißliebige Staaten aus, sondern greift auch bereits in infektiöser Weise auf die US-Industrie über. Carterpillar beispielsweise gab aktuell im Zuge der Bekanntgabe seiner Quartalszahlen den stark gefallenen Ölpreis als einen wesentlichen Einflussfaktor für sein unbefriedigendes Zahlenwerk an.

    Gemäß einem Research-Papier der Deutschen Bank ist der US-Energie-Sektor „responsible for a third of S&P 500 capex. 35% of S&P EPS from investment and commodity spend, 15-20% US“. Wenn der Ölpreis gemäß der aktuellen Goldman Sachs-Prognose auf 30 US-Dollar fallen sollte, dürfte es in vielfacher Hinsicht auch üble Nebenwirkungen für den US-Energie-Sektor haben: Massive Jobverluste, massive Steuermindereinnahmen vieler am Ölschiefer-Boom beteiligter US-Bundesstaaten, ehebliche Investitionsrückgänge, Trouble am Junk-Bond-Markt, usw., usf.. One thing leads to another.

    “The recent dramatic decline in the price of oil is the most significant reason for the year-over-year decline in our sales and revenues outlook. Current oil prices are a significant headwind for Energy & Transportation and negative for our construction business in the oil producing regions of the world. In addition, with lower prices for copper, coal and iron ore, we’ve reduced our expectations for sales of mining equipment. We’ve also lowered our expectations for construction equipment sales in China. While our market position in China has improved, 2015 expectations for the construction industry in China are lower”

    http://www.zerohedge.com/news/2015-01-27/who-could-have-possibly-anticipated-caterpillars-disastrous-earnings-and-guidance

    Antworten
    • Daniel Stelter
      Daniel Stelter says:

      Ich habe den ZH-Beitrag auch gesehen. Simpel gesprochen bedeutet dies aber auch, dass der US-Aktienmarkt zur Zeit „am gefährdedsten“ ist und der US-Dollar auch schwächeln könnte …

      Antworten
  2. Johann Schwarting says:

    Ein wichtiger Index für den Verlauf des Welthandels und für die gegenwärtige Deflation ist auch der Frühindikator Baltic Dry Index (BDI) http://www.bloomberg.com/quote/BDIY:IND/chart, der am 28. Januar 2015 veröffentlicht wurde. Der Vorlauf des BDI zeigt die reale Entwicklung in der Regel einige Monate im Voraus und sagt uns heute etwas über die bevorstehende konjunkturelle Entwicklung. Der längerfristige Verlauf gibt deutlich die „boom and bust“ Periode der Nullerjahre wieder.
    Viel wichtiger ist der http://economicedge.blogspot.de/2010/03/most-important-chart-of-century.html für die USA. Er zeigt den Zusammenhang zwischen in Dollar gerechneter zusätzlicher Verschuldung und zusätzlichem Bruttosozialprodukt. 1996 erzeugten 1$ Aufschuldung noch 0,90$ Bruttosozialprodukt; nach der Finanzkrise waren wir im negativen Bereich. Die Trendgerade schneidet in diesem Jahr die waagerechte Achse, was endgültig bedeutet, dass die Aufschuldungen in Zukunft um ein Vielfaches schneller steigen müssen, um ein positives Wachstum des Bruttosozialproduktes zu erreichen (z.B. zur Verringerung der Arbeitslosigkeit). Ähnliche Zusammenhänge gelten in Europa und Japan und zukünftig auch in China. Die überbordenden Aufschuldungen aber auch Deleveraging führen gemäß dem Debitismus in die Deflation oder noch schlimmer in die deflationäre Depression. Was sind und wie lauten die Lösungen?

    Antworten
    • Daniel Stelter
      Daniel Stelter says:

      Sie weisen auf einen in der Tat sehr wichtigen Aspekt hin: Wir brauchen immer mehr Schulden für immer mehr BIP (habe ich auch als Chart in meinem „Die Krise…“-Büchlein) Damit kommt aber auch das Aufschulden an ein Ende. Neue Schulden dienen nur der „Bedienung“ der alten und dem Minimalwachstum. Mit Negativzins und dem Aufkaufen von allem, was es gibt, kann die ZB es allerdings noch eine Weile weiter machen. Oder nicht?

      Antworten
      • Johann Schwarting says:

        Auch Sarah Wagenknecht hat ja schon vor langer Zeit in der Illner ZDF-Talkshow gesagt: „Die Zentralbanken kaufen nur Zeit!“
        Ich muss Paul C. Martin – den Begründer des Debitismus – aus http://www.dasgelbeforum.net/ewf2000/forum_entry.php?id=271028
        zitieren:
        „Die Inflation ist nie in Eile, da sie sich erst warmlaufen muss. Warum? Weil jeder, der den Preis erhöht (und es muss ein erster damit anfangen), Kopf und Kragen riskiert, da er teurer anbietet als alle (!) seine Konkurrenten.
        Bei der Defla ist es umgekehrt: Der erste (und es muss ein erster damit anfangen) senkt den Preis und ist billiger als alle (!) anderen, die – um nicht Kopf und Kragen zu riskieren – sehr schnell folgen müssen.“
        Wie zum Beweis lesen wir heute die Mitteilung in http://www1.wdr.de/themen/infokompakt/nachrichten/nrwkompakt/archiv/nrwkompakt36310.html
        „Heizöl, Benzin und Butter deutlich billiger: (11.20 Uhr)
        Die Verbraucherpreise sind in NRW im Januar so stark gesunken wie seit 1950 nicht mehr. Gegenüber dem Dezember fiel der Verbraucherpreisindex um ein Prozent, wie das Statistische Landesamt am Donnerstag (29.01.2015) mitteilte. Vor allem Heizöl, Benzin und Butter wurden billiger.
        Heizöl war im Januar 2015 mehr als 32 Prozent günstiger als im Januar 2014. Kraftstoffe kosteten 14,6 Prozent weniger. Nahrungsmittel verbilligten sich in den vergangenen zwölf Monaten um 1,4 Prozent, Butter sogar um 20,1 Prozent, Obst und Gemüse um rund 7 Prozent.“

      • Daniel Stelter
        Daniel Stelter says:

        Als Leser und Besitzer sämtlicher PCM-Bücher kenne ich genau diese Logik und habe sie in 23 Jahren als Berater immer wieder genauso erlebt. Bleibt abzuwarten, ob es nochmal gelingt die Deflationsspirale aufzuhalten. DSt

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Bitte das Captcha ausfüllen * Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.