Die unerwiderte Liebe der Menschen zum Kapitalismus

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Der Ökonom und Sozialforscher Meinhard Miegel ist ein langjähriger Kritiker der Wachstumspolitik und Vorstand des wachstumskritischen Thinktanks „Denkwerk Zukunft“. In einem ausführlichen Beitrag für die F.A.Z. fasst er seine Sicht der Dinge zusammen. Die Menschen würden sich selbst versklaven und einem materiellen Reichtum hinterherlaufen und dabei die Umwelt und damit die Grundlagen unseres Lebens und Wirtschaftens zerstören. Ich finde den Artikel sehr lesenswert, gebe aber folgende Punkte zu bedenken:

  1. Miegel vernachlässigt den enscheidenden Punkt, dass ein auf Privateigentum und Schuldverhältnissen basierendes System, immanent einem Wachstumszwang unterliegt. Es stimmt sicherlich, dass Bedürfnisse geweckt werden, um Märkte zu schaffen. Doch werden diese Märkte geschaffen im Versuch, Geld für die Bedienung von Schulden zu erwirtschaften. Natürlich kommen Gier und Wettbewerbsgeist hinzu. Doch Letztere mag man „wegerziehen“ können. Der Schuldendruck bleibt. Wer also das System ändern will, der muss auch den Schuldendruck abschaffen oder einen anderen Weg finden, diesen zu erfüllen.
  2. Er predigt eine Verzichtskultur als Antwort auf die Folgen unseres Wirtschaftens. Ich selbst denke, dass wir mit den technologischen Fortschritten die – gerade im kapitalistischen System erheblich sind – bessere Antworten auf unsere Herausforderungen finden können. Beispiel: Die Ölintensität der Industrieländer hat sich seit den 1980er-Jahren halbiert. Natürlich müssen wir erkennen, dass wir wieder einen größeren Anteil unserer Einkommen für Nahrungsmittel und Wohnen aufwenden müssen und demzufolge weniger für diskretionären Konsum haben. Eine Verzichtskultur wird aber nicht die Lösung sein. Vor allem dann nicht, wenn wir die einzigen sind, die diesen Weg gehen.
  3. Wer das System reformieren will, muss denzufolge an zwei Hebeln arbeiten: einer Reduktion des Schuldendrucks durch höhere Eigenkapitalanforderungen, Verschuldung zu mehrheitlich produktiven Zwecken und eine Beschränkung des Geldmengenwachstums zum Beispiel über Vollgeld. Auf der anderen Seite müssen Anreize für effizienzsteigernde Innovationen und Investitionen gesetzt werden. Damit meine ich keineswegs unausgegorene Maßnahmen wie die Energiewende und die Förderung erneuerbarer Energien. Diese sind gute Beispiele für nichtkapitalistische Lösungen (sie belohnen zwar die von Miegel bedauerten Neigungen der Menschen, tragen aber nichts zur eigentlichen Lösung bei). Besser wäre es, externe Kosten systematisch zu internalisieren.
  4. Auf der anderen Seite passen die Überlegungen durchaus in den Zeitgeist. Wie schon in dem Beitrag von heute Morgen wird eine zunehmende Unzufriedenheit mit unserer Wirtschaftsordnung deutlich. Dies liegt daran, dass wir es übertrieben haben. Ein vierzigjähriger Verschuldungsboom liegt hinter uns. Wenn nun von einigen im Crash die Lösung gesehen wird, spricht das für die Ermüdung, nicht unbedingt für rationales Verhalten. Natürlich würde eine schwere Krise wie in der Vergangenheit den Konsum dämpfen. Dies wäre aber temporär, da die grundlegenden Treiber nicht geändert würden.

F.A.Z.: Die unerwiderte Liebe der Menschen zum Kapitalismus, 17. August 2014

3 Antworten
  1. thewisemansfear says:

    „…dass ein auf Privateigentum und Schuldverhältnissen basierendes System, immanent einem Wachstumszwang unterliegt.“
    Wie begründen Sie diesen genau? Wenn die Gewinner/Verlierer sich im Mittel abwechseln, mal der Eine, mal der Andere, dann läuft das System ohne größere Probleme. Die Welt ist groß genug, dass dies möglich sein müsste. Eben dieser Ausgleich im Mittel fehlt, aber nicht aus systemischen Zwängen, sondern aus Unwillen der Beteiligten, insbesondere der Profiteure.

    Antworten
    • Daniel Stelter
      Daniel Stelter says:

      Damit beziehe ich mich auf meine Ausführungen zur Eigentumsökonomik. In einem System mit Schuld und Zins muss es Wachstum geben, sonst können die Schuldner nicht die Zinsen verdienen. Dies setzt wiederum wachsende Geld-/Kreditmengen voraus.

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      • thewisemansfear says:

        Nunja, bis der Zins bei Null angekommen ist. Oder wenn sich dann wie oben beschrieben Gewinner und Verlierer im zeitlichen Mittel abwechseln, mal der eine, mal der andere, dann gäbe es keinen Wachstumszwang (mehr).
        Ich habe mich nur an dem systemimmanent gestört, denn das trifft meines Erachtens nicht zu.

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