Die Theorie der Kreise erklärt den Erfolg von Le Pen

Am 24. April 2022 geht es in meinem Podcast um die Präsidentenwahl in Frankreich. Zur Einstimmung ein paar Beiträge. Heute blicken wir auf die soziologischen Ursachen der Radikalisierung der französischen Politik. Viel wurde in diesen Tagen darüber geschrieben. Nehmen wir die FINANCIAL TIMES (FT):

  • Die FT fragt: what has happened since the FN (renamed the Rassemblement National in 2018) first appeared on the French political scene in the mid-1980s (…)? How does one explain the growing fatigue, perhaps even detachment, of many voters who, until recently, had always rallied to the so-called Republican front to keep the far right out of the Elysée Palace?“ – bto: In der Tat ist es eine Radikalisierung, wie wir sie nur aus den Geschichtsbüchern kennen.
  • „(…) larger sociological forces were at play. The inexorable decay of Catholicism and Communism as the two structuring forces of French society, allowed individualism and the questions of identity raised by the children of first-generation immigrants from north Africa gradually to become more politically salient. Economic factors, including rising unemployment and deindustrialisation, also helped to redraw the political map. Disaffected working-class voters in the old industrial heartlands in the north and east of the country turned to the far-right where previously, for generations, they had embraced the French Communist party.“ – bto: Das wiederum ist ein Trend, den wir auch erleben (werden).
  • „The left put down roots instead in the île de France, the area around Paris, in the ethnically diverse banlieues, or suburbs, and in university cities.“ – bto: Auch hier dürfte sich in Deutschland eine ähnliche Entwicklung abzeichnen.
  • The distribution of the votes in last Sunday’s first round of the election demonstrates perfectly the shifts that have taken place over the past 30 years or so, and the extent to which, in France today, geography determines how you live, what you think and how you vote. (…) the further away people live from a railway station, the likelier they are to vote for Le Pen. The gilets jaunes movement, which violently disrupted the first two years of Macron’s presidency, highlighted the decisive new tension in French politics between centre and periphery. The closer people live to a city centre, the more access they have to services, cultural activities, quality public infrastructure such as transport links, hospitals and schools, the more likely they are to be optimistic about their future. And, it seems, to vote for Macron.“ – bto: Und das haben sie diesmal wieder getan. Die Frage ist, wohin gehen die Stimmen derjenigen, die radikal links gewählt haben?
  • „(….) perhaps the greatest danger for the movement that carried Macron to power in 2017, and may just manage to keep him there for another five years, is that it still dreams of a united France — whereas, in reality, the French today prefer to keep themselves to themselves, to live alongside others, rather than together as one.“ – bto: ein etwas schwülstiger Schluss. Im Kern ist es ein nicht lösbares Problem, was Folgen für die EU und Deutschland hat.

Es gab bereits früher entsprechende Analysen:

Schon 2004 erkannte der französische Sozialgeograf Christophe Guilluy diese Spaltung in einem Essay mit dem Titel Fractures Françaises”. 2014 entwickelte er seine Theorie in “La France périphérique” (die Peripherie Frankreichs oder die Randgebiete) weiter und erwarb sich nationalen Ruhm. Seine Argumentation ist nicht besonders kompliziert. Frankreich, ein scheinbar geeintes Land, ist in Wirklichkeit zweigeteilt zwischen globalisierten, kulturell lebendigen Städten wie Paris, Bordeaux, Lyon – wo sich Karrieren, Investitionen und Reichtum konzentrieren – und allen anderen.

Dieses riesige, deprimierte, „periphere“ Frankreich aus kleinen und mittelgroßen Städten,  unattraktiven Vororten, postindustriellen Brachflächen und den fast vergessenen ländlichen Gebieten umfasst heute etwa 60 Prozent der Bevölkerung des Landes. Perspektiven, Lebensstandard und öffentliche Infrastruktur sind erodiert, Arbeitslosigkeit, Armut und Unsicherheit sind in die Höhe geschossen.

Der rechte Präsidentschaftskandidat Eric Zemmour hatte 2017 die Idee von Guilluy weiterentwickelt. In einem Zeitungsbeitrag schrieb er “Alle Metropolen der Welt kennen das gleiche Schicksal. Hier fließt Reichtum und hier ist die Allianz zwischen den ‘Gewinnern der Globalisierung’ und ihren ‘Dienern’, Einwanderern, die gekommen sind, um den neuen Herren der Welt zu dienen, ihre Kinder aufzuziehen, ihre Pizzen zu bringen oder in ihren Restaurants zu arbeiten.” Von nun an, schreibt er, isei “Paris eine globale Stadt, nicht wirklich eine französische Stadt”.

Hier werden also drei Gruppen definiert: die globale Elite in den boomenden Zentren, die Zuwanderer als billige Arbeitskräfte im Umfeld dieser Städte und das „alte Frankreich“ auf dem Land, welches der große Verlierer ist. Und diese Verlierer entscheiden sich zunehmend dafür, Marine LePen zu wählen. Genau das, was wir bei der ersten Runde der Präsidentschaftswahlen gesehen haben.

Es wundert nicht, dass diese Thesen nicht beliebt sind:

  • “Guilluy, work is not universally admired in France, particularly by academic geographers and many on the left, seems to have seen it all coming. So there will be considerable interest in his latest work, published in French as Le Crépuscule de la France d’en haut in 2016 and now, by Yale. In a further development of his now-familiar argument, he tackles head on – and with great virulence – the flip side of La France périphérique, those he considers largely responsible for the country’s profound social, economic and political dislocation: hipsters, who the French call bourgeois-bohèmes or bobos.”
  • “It is not so much ‘big capital’ that is to blame for the divide, Guilluy writes, as when ‘previous generations of the bourgeoisie lusted nakedly after power or money’, but the ‘laid-back, unostentatious dominance (…) without hatred or violence’ of the ‘bobo-ised upper classes in what he calls the ‘new citadels’. They have ‘supported the economic policies of the upper class for 30 years now’ (policies which only really work for them) and developed ‘a single way of talking and thinking … that allows the dominant classes to substitute for the reality of a nation subject to severe stress and strain the fable of a kind and welcoming society’. “ – bto: Auch hier eifert Deutschland mit aller Macht nach.
  • “Because hipsters are also hypocrites, Guilluy argues: they denounce globalisation, but never challenge it because it serves them so well; they preach diversity, but send their children to private schools; they love the ‘authenticity’ of living in working-class areas, but contribute to their destruction through rising property prices.” – bto: Spricht er gerade vom Prenzlauer Berg?
  • “The revolution is coming, he warns: ‘The existing order will finally break down not as the result of some decisive event, but as the result of a slow process of social and cultural disaffiliation of the working class.’ It has already brought us Brexit in Britain and Trump in the US; ‘a new form of class conflict’ is upon us, and a ‘modern slave rebellion’ is on its way. (…) The new world will be made ‘not by the fine speeches of the politicians, but by the social insecurity, sedentarisation and separatism imposed by the daily existence of the working class’.” – bto: Ja, diesen Sonntag dürfte es ja nochmal gut ausgehen, doch was sind die Perspektiven?

theguardian.com: „Twilight of the Elites by Christophe Guilluy review – France and a new class conflict“, 17. Januar 2019

Kommentare (27) HINWEIS: DIE KOMMENTARE MEINER LESERINNEN UND LESER WIDERSPIEGELN NICHT ZWANGSLÄUFIG DIE MEINUNG VON BTO.
  1. Bakwahn
    Bakwahn sagte:

    Macron hat klar gewonnen – keine Überraschung.
    Wieder eine Niederlage von Le Pen und ihrer/ihrem Rassemblement National.

    Das Problem für Deutschland ist folgendes; schnell formuliert, ohne tiefer nachzudenken:
    beide Kandidaten sind deutschfeindlich. Nicht nur Macron und Le Pen, sondern auch die hinter diesen beiden stehenden Parteien bzw. politische Blöcke.
    Beide Politiker bzw. beide politischen Blöcke wollen eine von Frankreich dominierte und geführte EU. Das Ziel ist immer wieder, aus der EU möglichst viel Geld und tunlichst viele Vorteile für Frankreich herauszuholen.
    Macron hat dieses Ziel in den vergangenen Jahren meisterhaft realisiert; durch seine raffinierte EU-, EBZ- und Personalpolitik hat er den Franzosen gigantische Vorteile verschafft (vdLeyen, Lagarde, Staatsanleihenkäufe, Corona-Fond etc.).
    Das scheint mir die tiefere Grund für seinen Wahsieg zu sein.
    Le Pens Germanophobie kommt ehe plump und ein wenig primitiv anmutend daher.
    Ihre Maßnahmen gegen Deutschland führten ehe zu Nachteilen Frankreichs.
    Der Rassemblement National muß in naher Zukunft auch personelle Veränderungen vornehmen, wenn er denn in fünf Jahren erfolgreich sein will. Ein Kandidat oder eine Kandidatin, die intellektuell und von allem in seinem / ihrem politischen Raffinement Macron ebenbürtig ist, muß her.

    Live aus Buxtetown am Esteriver – 24.4. 2022 – 20.40 Uhr Ortszeit
    Felix Haller – nicht erst seit 2013 alternativ

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    • weico
      weico sagte:

      @Bakwahn

      “Ein Kandidat oder eine Kandidatin, die intellektuell und von allem in seinem / ihrem politischen Raffinement Macron ebenbürtig ist, muß her.”

      Da Macron in 5 Jahren Mal nicht mehr antreten darf, sollten sich seine Partei schon jetzt überlegen, wer gegen Le Pen dann antreten soll .

      Macron ist sich ja selbst völlig bewusst, das viele nicht für Ihn und seine Politik ,sondern schlicht gegen Le Pen abgestimmt haben.

      “Macron verspricht »Antworten« auf Wut der Le-Pen-Wähler
      Emmanuel Macron hat sich nach seiner Wiederwahl als Präsident aller Franzosen bezeichnet. Er sei sich bewusst, dass viele Wähler vor allem die rechtsextreme Marine Le Pen verhindern wollten.”

      https://www.spiegel.de/ausland/macron-verspricht-antworten-auf-wut-der-le-pen-waehler-a-0d5b88da-bbdd-4aaa-844b-0e8e1c13f154

      Der zurückhaltende Jubel der französischen Presse zeigt sichtbar .. Frankreich ist noch TIEFER GESPALTEN als vor 5 Jahren .

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  2. Petersen
    Petersen sagte:

    Zur F-Wahl heute:

    Ich dachte gerade an die DDR-Banner “Wählt die Kandidaten der Nationalen Front!”

    Das erforderte für heute nur ein “i” für ein “e”.

    Antworten
    • weico
      weico sagte:

      @Petersen
      “Zur F-Wahl heute:”
      Ich dachte gerade an die DDR-Banner “Wählt die Kandidaten der Nationalen Front!”

      ..dazu kann man nur JEDEM WÄHLER den folgenden guten Rat “mitgeben”:

      “Es rettet uns kein höh’res Wesen,
      kein Gott, kein Kaiser noch Tribun
      Uns aus dem Elend zu erlösen
      können wir nur selber tun!”

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  3. Bakwahn
    Bakwahn sagte:

    bto: „Erfolg von Le Pen“???
    Le Pen und ihre Partei und auch nicht die sie unterstützende „rechte Bewegung“ haben keine (Wahl-)Erfolge vorzuweisen, nur deutliche Niederlagen.
    Das wird sich auch morgen Sonntagabend 24. April 2022 wieder bewahrheiten.
    Macron wird wieder mit deutlichem Vorsprung gewinnen; eine eindeutige Mehrheit der französischen Wähler wird Macron und seine Politik stützen.
    Erfolg sieht anders aus.

    Antworten
    • Dietmar Tischer
      Dietmar Tischer sagte:

      @ Bakwahn

      Wenn man „Erfolg“ wie Sie wortwörtlich nimmt, was erst einmal richtig ist, dann haben Sie recht.

      Denn Le Pen hat bisher keinen Erfolg bei den Präsidentschaftswahlen aufzuweisen und wird vermutlich auch bei dieser keinen haben, so wie es aussieht.

      Wenn man mit „Erfolg“ aber etwas anderes MEINT, nämlich ihren BEITRAG zur POLITISCHEN VERÄNDERUNG der Gesellschaft, dann ist dieser nahezu beispiellos.

      Man betrachte es einmal so:

      Seit Sarkozy (Konservative) an der Macht war und danach Hollande (Sozialisten), also Mehrheiten erringen konnten, sind gerade einmal 15 Jahre vergangen.

      Letzten Sonntag wurden für ihre „Mitte-Parteien“ jeweils weniger als 5% der Stimmen abgegeben.

      Insgesamt ca. 50% der politisch interessierten Franzosen wollen dem Wahlergebnis nach mit dieser EU und der NATO nichts zu tun haben.

      Man muss dies einfach mal übertragen, auch wenn es bei uns keine derartigen Präsidentschaftswahlen gibt und daher der Vergleich nicht ganz sauber ist, gleichwohl aber SIGNIFIKANT:

      Wie müsste man werten, wenn CDU/CSU und SPD bei der letzten Bundestagswahl nicht mehr im Bundestag vertreten und die moderate AfD mit ca. 23%, ihr „Flügel“ mit 7% und die Linke mit 20% der Stimmen eingezogen wären?

      Was mich betrifft:

      Ich würde in Fassungslosigkeit sagen, dass ich das Land nicht mehr erkenne.

      Was wir in Frankreich erleben, ist vor allem deshalb atemberaubend, weil es sozusagen “nur” eine kontinuierliche Entwicklung widerspiegelt.

      Ich frage mich, was zu erwarten ist, wenn SCHOCKS auf diese Entwicklung träfen.

      Es wird wohl so sein, dass ich an diesem Blog der ewige Pessimist bin.

      Bin ich es grundlos?

      Antworten
    • weico
      weico sagte:

      @Bakwahn

      “Le Pen und ihre Partei und auch nicht die sie unterstützende „rechte Bewegung“ haben keine (Wahl-)Erfolge vorzuweisen, nur deutliche Niederlagen.”

      ..nur schon zum Wiederholten mal die Sozialisten geschlagen zu haben ist, wenn man die Geschichte der Fünften Republik kennt, ein grosser Erfolg.

      Ob Macron Präsident wird/bleibt ist für die “Entwicklung” der EU besonders wichtig.

      Alles unter dem letzten Ergebnis von 2017 (66%) ist eine Niederlage von Macron’s grossem Ziel 2017:

      “Wahlsieger Macron will gespaltenes Frankreich einen”
      Nach dem Wahlsieg gegen die EU-feindliche Rechtspopulistin Marine Le Pen will Frankreichs künftiger Präsident Emmanuel Macron das zerrissene Land wieder zusammenführen. «Ich werde mit allen Kräften gegen die Spaltung kämpfen, die uns zermürbt und entmutigt»

      https://www.moneycab.com/international/emmanuel-macron-wird-frankreichs-naechster-praesident/

      Ergo:
      Frankreich wird wohl noch tiefer gespalten sein … als vorher.

      Inflationsauswirkungen, Rentenalter, Immigration usw. bereiten den Nährboden für die nächsten Wahlen …bzw. für die in Frankreich “beliebten” Strassenproteste .

      Antworten
  4. Bauer
    Bauer sagte:

    Um dieses französische Problem zu verstehen, muss man gar nicht so weit ausgreifen.

    In F fliessen alle Steuereinahmen zunächst nach Paris, eine böse Folge des Zentralismus. Die Regionen und Kommunen haben nur einen äusserst geringen originären Anteil im einstelligen Prozentbereich daran, dessen Verwendung längst festgeschrieben ist für die unabdingbaren Aufgaben vor Ort (Strassenunterhalt, Soziales etc.).

    Der weit überwiegende Teil wird höchst ungleich an die Gebietskörperschaften weitergereicht. So gibt der französische Staat in der Ile de France (Grossraum Paris) glatt das Doppelte aus pro Einwohner wie in der Provinz. Die anderen Grosstädte (Lyon, Marseille, Bordeaux, usw) werden ähnlich bevorzugt, teils schon gezielt, um sich Ruhe in der banlieue (Vorstädte) zu erkaufen. Kein Wunder, dass es in der Provinz sehr oft noch aussieht wie vor fünfzig Jahren und die Umschichtung und soziale Umsortierung der Bevölkerung unvermindert anhält.

    Antworten
    • Richard Ott
      Richard Ott sagte:

      @Bauer

      “So gibt der französische Staat in der Ile de France (Grossraum Paris) glatt das Doppelte aus pro Einwohner wie in der Provinz. Die anderen Grosstädte (Lyon, Marseille, Bordeaux, usw) werden ähnlich bevorzugt, teils schon gezielt, um sich Ruhe in der banlieue (Vorstädte) zu erkaufen.”

      Ist ja auch völlig schlüssig. Um in Guilluys Ordnungsschema zu bleiben: Wieso sollte Geld zum alteingessenen Provinzpöbel umgeleitet werden, wenn in den Provinzen weder die “Gewinner der Globalisierung” noch deren zugewanderte “Diener” leben?

      Können Sie sich eigentlich erklären, wieso Macron so verblüffend gute Ergebnisse in der Bretagne hat, obwohl die doch auch sehr ländlich und recht strukturschwach ist? Fließt so viel Geld aus Paris nach Rennes und nach Brest? Oder hat das irgendwelche Gründe, die mit der bretonischen Autonomiebewegung zu tun haben?

      Antworten
    • weico
      weico sagte:

      @Bauer

      “In F fliessen alle Steuereinahmen zunächst nach Paris, eine böse Folge des Zentralismus.”

      …und die “Ironie” ist, dass gerade der Zentrist Macron, “sein” Frankreich in den den EU-Zentralismus und Totalitarismus führen will.
      Solche “Grossmachtsträume” haben ja bekanntlich auch viele in Deutschland.
      Nicht umsonst schreiben die Medien in Deutschland ,dass Macron ….nach den Wahlen… schnell und zielstrebig, mit der Unterstützung Deutschland’s, handeln muss.

      Das dieser EU-Moloch dann noch etwas mit “Demokratie” oder “Freiheit” gemein hat, glauben nur EU-Narren.

      Wie sagt Wolfgang Streeck treffend:
      “Demokratisch ist nur der souveräne, nicht zu große Nationalstaat”

      https://wolfgangstreeck.files.wordpress.com/2021/08/welt-iia.pdf

      Antworten
  5. Dietmar Tischer
    Dietmar Tischer sagte:

    >bto: … Im Kern ist es ein nicht lösbares Problem, was Folgen für die EU und Deutschland hat.>

    So ist es.

    Konkreter:

    Es gibt KEINE politische KRAFT in Frankreich, die das Problem lösen kann.

    DAHER ist es UNLÖSBAR – egal, wer morgen die Wahl gewinnt und danach die Parlamentswahlen.

    Was auch heißt:

    ÖKONOMISCHE Rezepte, nach denen der Staat dieses oder jenes tun MÜSSTE, damit … sind Leerformeln, die nichts bewirken.

    Es ist die Frage nach dem WARUM zu stellen.

    Jetzt wieder in neuer Form aufgehübscht das Problem an einem KLASSENKAMPF aufzuhängen, führt schon deshalb in die Irre, weil mit „Klasse“ ein Verständnis verbunden ist, dem mit der AUFLÖSUNG von Arbeiterschaft/Proletariat/Ausbeutung der REALE Boden entzogen worden ist.

    In die GRUNDSÄTZLICH richtige Richtung weist der hier vorgestellte Ansatz von Christophe Guilluy aus dem Jahr 2004, der 2017 von Eric Zemmour erweitert wurde:

    >Hier werden also drei Gruppen definiert: die globale Elite in den boomenden Zentren, die Zuwanderer als billige Arbeitskräfte im Umfeld dieser Städte und das „alte Frankreich“ auf dem Land, welches der große Verlierer ist.>

    Das ist MESSBAR so, also EMPIRIE und daher kein Konstrukt.

    Weitere Differenzierungen von Zuwanderungen würden nicht nur „billige Arbeitskräfte“, sondern u. a. auch ein wachsendes Potenzial Krimineller ausweisen.

    Die ENTWICKLUNG hin zu den drei Gruppen kann man nicht mit rein ökonomischen Kategorien erklären, aber ohne sie auch nicht.

    Ein Aspekt, den ich hier einfach mal als DENKANSTOSS in den Ring werfe, ohne ihn in irgendeiner Weise in einen Gesamtmechanismus für Frankreich integrieren zu wollen bzw. zu können:

    Es ist die Landwirtschaft, die ja nicht in den Zentren, sondern schon dem Namen nach auf dem Land zuhause ist, also im „alten Frankreich“ der Verlierer.

    Zahlen, die für Deutschland gelten, aber natürlich nicht denen Frankreichs gleichen, gleichwohl TENDENZIELL gleichermaßen bedeutsam sind für dieses Land, beziehen sich auf „unsere“ VERLIERER:

    Zu Beginn des vorigen Jahrhunderts waren 38% der Erwerbstätigen in der Land- und Forstwirtschaft tätig, Nach WK II, so um 1950 herum, waren es in Westdeutschland ca. 24% und in 2017 sollen es in Gesamtdeutschland nur 1,4% sein.

    Hier mehr dazu:

    https://www.bauernverband.de/situationsbericht/1-landwirtschaft-und-gesamtwirtschaft/12-jahrhundertvergleich

    Heißt:

    Es ist der ENORME Produktivitätsfortschritt durch vermehrten Einsatz von Maschinen und Pflanzenschutzmitteln, die Züchtung von ertragreicheren Pflanzensorten sowie Skaleneffekte durch Flächenzusammenlegungen, der für den VERLUST von BESCHÄFTIGUNG auf dem LAND gesorgt hat („Produktion von Verlierern“) und damit z. T. auch für den Zuwachs der Metropolen.

    Wie gesagt, nur ein Aspekt, aber eben auch ein bedeutsamer, der in jeder seriösen Erklärung der Entwicklung gehört.

    Auch wenn es keine Lösung gibt im Sinne von GEWOLLTER Konsolidierung, bleibt die Entwicklung nicht stehen.

    WOHIN also bewegt sich Frankreich?

    Und:

    Wenn es KEINE einzigartige Entwicklung ist, sondern modifiziert eine mehr oder weniger für ALLE wirtschaftlich entwickelten Gesellschaften des Westens geltende (PRODUKTIVITÄT!), wohin bewegen sich dann diese Gesellschaften?

    Meine These – und NUR eine These:

    Zu zunehmender SPALTUNG und DESTABILISIERUNG.

    Antworten
    • jobi
      jobi sagte:

      Naja, nicht steigende Produktivität sondern die Verteilung und geografische Konzentration der Produktivitätsfortschritte dürfte das Problem sein.

      Und dass dies nicht alle westlichen Gesellschaften gleichermaßen betrifft, wird klar, wenn man das zentralistische Frankreich mit dem föderalen Deutschland vergleicht, wo die Herstellung bundesweit gleichartiger Lebensverhältnisse ein erstrangiges politisches Ziel ist, und das nicht erst seit der Wiedervereinigung.

      Antworten
      • @foxxly
        @foxxly sagte:

        @ jobi
        ja, die verteilung ist eines der größten probleme bei der gesellschaftlichen unterschiedlichen entwicklungen.
        hierzu muss auch die systemische zunehmende ungleich-verteilung durch das schuldgeldsystem einbezogen werden.

        nun, hat deutschland wirklich eine bessere, ausgeglicherne gesellschaft bzw. vermögens-verteilung, als frankreich?

        die armut-reichtums-verteilung könnte sogar in D größer sein.

      • Namor
        Namor sagte:

        @jobi
        Schon im gestrigen bto dachte ich mir, immer sucht man die Schuld bei anderen. Besser wäre es, den Grund für den Erfolg zu suchen.

        Ich glaube es war Crefeld, der die außerordentliche Kampfkraft im wesentlichen auf drei Aspekte zurückführen.
        1) relative Entscheidungsfreiheit der Einheiten (Auftragstaktik) 2) gute Berufs-Ausbildung auch der einfachsten Soldaten und 3) ein Zusammenhalt erzeugendes Wir-Gefühl über alle Ränge hinweg.

        Ich denke alle drei Aspekte sind auch für das gesellschaftliche Gelingen wichtig, werden aber (systematisch?) abgebaut.

      • Dietmar Tischer
        Dietmar Tischer sagte:

        @ jobi

        Wenn es eine UMFASSEND steigende Produktivität gibt – sei es in der Landwirtschaft, in der Industrie oder in den Dienstleistungsbereichen – dann ist das DIE Basis, aber natürlich nicht die einzige für eine VERÄNDERUNG im Zeitverlauf, die in nächsten Schritten runter dekliniert werden muss in die VERTEILUNG von EFFEKTEN nach Region, Bildung, Geschlecht etc., etc.

        Das variiert dann natürlich von Land zu Land.

        Und richtig, da gibt es riesige Unterschiede u. a. zwischen Deutschland und Frankreich.

        Wir hinken in der Entwicklung den Franzosen sozusagen auf unsere Art hinterher.

        >… wo die Herstellung bundesweit gleichartiger Lebensverhältnisse ein erstrangiges politisches Ziel ist, und das nicht erst seit der Wiedervereinigung.>

        Kleine Korrektur dazu:

        Im Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland wurde in der ursprünglichen Fassung von 1949 der Begriff „Einheitlichkeit der Lebensverhältnisse“ verwendet. Seit der Verfassungsreform von 1994 im Zusammenhang mit der deutschen Wiedervereinigung wird von der „Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse“ gesprochen. Siehe GG Artikel 72.

        „Gleichwertige Lebensverhältnisse“ öffnet ANDERS als “gleichartige Lebensverhältnisse” Spielräume für einen RELATIVISMUS, der kommunikativ nutzbar ist.

        Dies ändert aber nichts daran, dass eine REALE Gleichwertigkeit den ANSPRÜCHEN der Menschen nach damit nicht zu erreichen ist.

    • Thomas M.
      Thomas M. sagte:

      @Hr. Tischer

      >Meine These – und NUR eine These:
      >”Zu zunehmender SPALTUNG und DESTABILISIERUNG.”

      Da sind Sie in guter Gesellschaft. Ray Dalio – kein Soziologe, aber globaler Makro-Analyst mit dem Blick für Wesentliches – hat genau diese These für die USA. Er klingt nicht sonderlich optimistisch, dass sich das drehen lässt.

      Auf der Seite

      https://www.csis.org/analysis/book-event-ray-dalios-principles-dealing-changing-world-order-why-nations-succeed-and-fail

      findet sich ein Interview, das die Kernthese enthält.

      Der Schlüsselsatz für mich ist “The second issue if how we are with each other. There’s a real tendency when you have financial problems and polarity to have increased populism of the left and increased populism of the right. And a populist is a person who’s going to fight for that side. By their nature they’re not compromisers. And that greater and greater polarity, when conditions are problematic, can produce periods of disorder, periods of – types of civil war.”

      Antworten
      • Dietmar Tischer
        Dietmar Tischer sagte:

        @ Thomas M.

        Identische Entwicklungen gibt es nicht, aber Parallelen der Entwicklung in unterschiedlichen Gesellschaften bzw. Nationen schon.

        Die Parallele, die Ray Dalio sieht und ich auch:

        „Finanzielle Probleme“ als Ausdruck, in der wohlhabenden Gesellschaft als Individuum bzw. Familie materiell NICHT mithalten zu können (man lebt zwar nach historischen Maßstäben so gut wie nie zuvor, aber „unter Standard“).

        In DIESER Situation folgen die einen den Versprechungen der linken Populisten, diesen Zustand zugunsten der Unterprivilegierten zu ändern.

        Die anderen folgen den Versprechungen der rechten Populisten, die alten Zustände, in denen es massenhafte Unterprivilegierte nicht gab, weil die weit überwiegende Zahl der Menschen annähernd gleich arm war, wiederherzustellen.

        Ganz richtig: Entweder/oder – Einen Kompromiss im Sinne eines gesellschaftlichen KONSENS gibt es nicht.

        Das überwiegende Verständnis aus einer “neutralen Perspektive” vor allem der Nichtwähler scheint in Frankreich zur morgigen Alternative wohl zu sein:

        Wahl zwischen Pest und Cholera.

        Ein GLEICHES Phänomen wird sich allerdings bei beiden zeigen:

        ZUNEHMENDE Staatsverschuldung zur Finanzierung des jeweiligen populistischen Projekts.

  6. Petersen
    Petersen sagte:

    “… Radikalisierung, wie wir sie nur aus den Geschichtsbüchern kennen …”

    Dieser Lesart entgegen stellen möchte ich die These, dass die Parteien der konservativ-bürgerlichen Mitte ihre Positionen verlassen haben, um den “Bo-Bos” zu gefallen. Diese bilden zwar insgesamt keine Wählermasse wie die frühere bürgerliche Mitte, bestimmen jedoch in den Medien und Universitäten. Dort erzeugen sie eine Lautstärke und – verstärkt durch Shitstorms per Twitter&Co – eine Deutungsmacht, die letztlich die Mitte-Parteien verführt hat.

    Die Rechte wiederum hat über ihr traditionelles Milieu hinweg nach wie vor keine Mehrheit, aber da sie die verlassene Mitte besetzen konnte, gewinnt sie Stimmen dazu. Die besonders in Deutschland von regierungsnahen Instituten propagierte These einer “Radikalisierung der Mitte” durch Rechte Parteien wäre dann eine Nebelkerze, in Wahrheit können rechte Parteien die Mitte durch Slogans gewinnen, die vor 25 Jahre zum Kernbestand der bürgerlichen Parteien gehörten. Gesellschaftspolitisch (links-)radikalisiert hat sich – zugespitzt gesagt – zB die Merkel-CDU.
    Der von ihr verlassene Raum ist nach wie vor weitgehend frei. Man frage doch mal daas Volk, was sie von Gendern, der Transhysterie und der Maseneinwanderung samt Finanztransfers halten.

    Antworten
    • Black-Jack
      Black-Jack sagte:

      <>
      “Unis, NGOs nicht vergessen und auf Stufe 3 die “Leitmedien” Gegen diese gesellschaftliche Power sind die Mitte und Rechts machtlos.

      Antworten
  7. Kosider Jürgen
    Kosider Jürgen sagte:

    Das Reizthema in Frankreich ist seit über 40 Jahren der fortschreitende Verfall sogenannter Vorstädte („banlieue“ ) d.h. den Wohngegenden in der Peripherie großer/mittlerer Städte. Hier herrscht eine überdurchschnittliche Kriminalität, Arbeitslosigkeit und Migrantenanteil. Insbesondere seit den Aufständen in diesen Vorstädten von 2005 spricht man auch immer wieder von „rechtsfreien Zonen (Zone de non-droit). Manche Vertreter vom rechten Spektrum sprechen von 500 solcher „zone de non-droit“, was natürlich von der Regierung verneint wird.

    Tatsache ist, dass es keiner Regierung seit 40 Jahren gelungen ist, dieses Thema auch nur ansatzweise in den Griff zu bekommen. Es wurde insbesondere Mitterand unterstellt, um seine Wiederwahl in 1988 zu gewinnen, bewusst die extreme Rechte (Front National/Le Pen) gefördert zu haben (Anweisung an staatliche Medien, Le Pen mehr Präsenz zu geben, Einführung des Verhältniswahlrechts für Parlamentswahl, wodurch erstmals Vertreter des FN im Parlament vertreten waren, keine Priorität mehr auf das Programm zur Verbesserung der Situation in den Vorstädten). Man könnte also unterstellen, dass es politisches Machtkalkül von Mitterand war, das rechte Spektrum durch die Förderung des FN insgesamt zu schwächen, ganz nach dem Prinzip „Teile und herrsche“.

    https://www.europe1.fr/politique/les-chefs-de-letat-et-la-banlieue-30-ans-de-politique-et-de-renoncement-2536067

    Ich denke, dass das Problem in Zukunft in Frankreich eher zunehmen wird und in 5 Jahren dann vielleicht die Nichte, Marion Maréchal Le Pen eine ernsthafte Herausforderin in den Präsidentschaftswahlen sein wird und es dann vielleicht sogar zu einer Konfrontation zwischen der extremen Linken und der extremen Rechten kommen wird. Macron hält heute noch die Mitte zusammen, aber ich sehe derzeit keinen Kandidaten, der in 2027 dieses Kunststück fertigbringen wird.

    Antworten
    • Dietmar Tischer
      Dietmar Tischer sagte:

      @ Axel:

      Der „woke Kapitalismus“ als GESCHWÄTZ von Leuten, die mit Symtombeschreibung KASCHIEREN, dass sie keine ZEITGEMÄSSEN MECHANISMEN der Veränderung vorweisen können und deren Kritiker auf einen ÜBERHOLTEN Marxismus zurückgreifen, um NICHTS erklären zu müssen.

      Beispielhaft:

      >Natürliche Dinge oder Eigenschaften gibt es nicht mehr.>

      Der Trend zu BIO ist also hin zu MEHR Künstlichkeit?

      >Was millionenfach produziert wird, kann keine Individualität beglaubigen. Der
      Mensch der Massenproduktion versinkt in Massengütern und kämpft zugleich mit
      ihrer Hilfe um seine Individualität.>

      Ein bestimmter Automobil-Typ kann mit Sonderausstattungen und letztlich auch der Programmierung seines Eigners so INDIVIDUELL sein, dass es bei millionenfacher Reproduktion KEINE einzige Produktidentität geben muss.

      >Denn ein kapitalistisches Gesellschaftssystem, schon Karl Marx sah das ganz klar, bedarf im Kern der permanenten Kulturrevolution, um die sich immer wieder
      neuformierenden Gewohnheiten und Überlieferungen zu sprengen, die einer
      grenzenlosen Kapitalakkumulation entgegenstehen>

      Was Marx “klar” vor mehr als 160 Jahren (!!) sah, ist etwas anderes.

      Marx hat folgende Auffassung vertreten (Zitat aus dem Vorwort von „Zur Kritik der politischen Ökonomie“):

      >Die Produktionsweise des materiellen Lebens bedingt den sozialen, politischen und geistigen Lebensprozess überhaupt. Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, das ihr Sein, sondern ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt.>

      Daher:

      Produktionsweise im WEITESTEN Sinn → GESMAMTHEITLICHER Lebensprozess inkl. Kultur → BEWUSSTSEIN der Menschen.

      Wenn sich die Produktionsweisen ÄNDERN, dann ändern sich nach Marx davon abgeleitet AUCH die Kulturpraktiken.

      „Kulturrevolution“ gibt es im Marxismus nicht, weil DIESE Revolution eine EIGENSTÄNDIGE Ursächlichkeit wäre, die nach Marx AUSSCHLIESSLICH der sich ändernden Produktionsweise vorbehalten ist und die gesellschaftliche ANEIGNUNG der Produktionsmittel, d. h. ihre Verstaatlichung BEWIRKT, was Revolution IST.

      >Alles ist verfügbar. Grenzen gibt es keine. Dass kommt den Vordenkern des globalen Marktes ebenso entgegen wie den woken Ideologen.>

      Weil ALLES verfügbar ist, wählt eine halbe Nation morgen Le Pen.

      Fazit:

      Der Artikel erfasst NICHTS die REALITÄT fundamental ERKLÄRENDES, weil er das woke-Geschwätz zwar ERKENNT, es aber OHNE fundierten Realitätsbezug kritisiert.

      Antworten
      • Richard Ott
        Richard Ott sagte:

        @Herr Tischer

        Ach, vielleicht sind Sie so, wie Sie sind, weil der Woke-Schwachsinn der modernen intersektionalen Geistesgestörten durch die Gnade der frühen Geburt an Ihnen größtenteils vorbei geht. Sie verstehen überhaupt nicht, wie wahnsinnig die tatsächlich sind.

        “>Natürliche Dinge oder Eigenschaften gibt es nicht mehr.>
        Der Trend zu BIO ist also hin zu MEHR Künstlichkeit?”

        Nein, nein, “natürlich” ist hier als Gegensatz zu “selbstgewählt” zu verstehen. Um die Produktionsbedingungen von Lebensmitteln geht es dabei nicht, sondern eher darum, ob zum Beispiel eine Person von Geburt an eine Frau ist und dann auch bleibt oder ob man sich das einfach nach Lust und Laune spontan aussuchen kann wie bei den Grünen:

        „Ein Penis ist nicht per se ein männliches Sexualorgan“, sagte die Grünen-Politikerin [sic] der taz. Ganserer kämpft seit Jahren dafür, dass Menschen ihr Geschlecht selbst bestimmen können, auch ohne Operation.”
        https://www.merkur.de/politik/tessa-ganserer-die-gruenen-trans-transgender-emma-magazin-geschlecht-initiative-bundestag-ampel-91255265.html

        “„Kulturrevolution“ gibt es im Marxismus nicht, weil DIESE Revolution eine EIGENSTÄNDIGE Ursächlichkeit wäre, die nach Marx AUSSCHLIESSLICH der sich ändernden Produktionsweise vorbehalten ist und die gesellschaftliche ANEIGNUNG der Produktionsmittel, d. h. ihre Verstaatlichung BEWIRKT, was Revolution IST. ”

        Sie vermischen hier “Marx” und “Marxismus”. In China gab es zweifelsohne eine Kulturrevolution und die Chinesische Kommunistische Partei hielt Marx gleichzeitig für ihren bedeutendsten politischen Vordenker, ohne den die ganze Parteiideologie niemals existiert hätte.

        Aber Marx hat ja schon unter dem Eindruck der französischen Sozialisten und deren bizarren Ideen um 1870 gesagt: “All I know is that I am not a Marxist.”

        Ist auch praktisch so, immer wenn es schief geht, können die Linken dann behaupten, dass es gar kein “richtiger Sozialismus” war. :D :D :D

      • Stoertebekker
        Stoertebekker sagte:

        @D Tischer

        Na, Sie gehen ja wieder mal voll drauf.

        1) Bzgl BIO. Es wurde überhaupt nicht von künstlich als Gegensatz zu natürlich gesprochen, Es ging darum, dass Dinge/Gegenstände/Geschlechter usw. nicht als mit ihren messbaren/sichtbaren/… Eigenschaften existent akzeptiert werden, sondern immer erst durch eine Interpretation zu dem werden, was das Individuum darin sehen will. Die Ausweitung der Geschlechter von zwei auf x ist doch ein Superbeispiel.

        2) Der Widersinn vom Streben nach Individualität über den Konsum von Massenprodukten ist doch ebenfalls offensichtlich. Jeder, der glaubt, sich über den Besitz von bestimmten Dingen von seiner Peer-Group endlich abgesetzt zu haben, landet doch immer nur in einer neuen Peer-Group. Und dass der Kapitalismus dieses Bedürfnis in allerfeinsten Nuancen bespielt, steht doch außer Frage.

        3) Der Schluss, dass die Totalauflösung der Faktenwelt (mit dem Ziel der Totalindividualität) quasi systemimmanent kompatibel mit den kapitalistischen Wirkmechanismen ist, mag etwas weit hergeholt sein. Unplausibel ist er nicht.

        Schauen Sie sich AOC (woke) in den USA an, die im tausende Dollar teuren Ballkleid zu einer Wohltätigkeitsgala schreitet – mit dem kunstvoll gestalteten Schriftzug „Tax the rich“ auf dem Rücken.

        Und dass der Kapitalismus permanent Neues braucht/schafft, ist doch systemimmanent. Die Auflösung der Faktenbindung schafft einen unendlichen Möglichkeitenraum. Ist doch ein genialer Gedanke. Genauso die These, dass Konservatismus und Kapitalismus deswegen EIGENTLICH nicht zusammenpassen.

      • Axel
        Axel sagte:

        @Dietmar Tischer

        Ja, es ist zum Teil pauschal, intellektuell verklausuliert und der akademische Anstrich kaschiert komplexe Sachverhalte. Und zu vielen logischen Schlußfolgerungen fällt auch mir mindestens ein Gegenargument ein. Aber ist das nicht bei allen soziologischen Thesen so, eben weil die “Wirklichkeit” an sich widersprüchlich und zu komplex für den Verstand, der naturbedingt immer nur Teilaspekte erfassen kann, ist, und die psychologisch/historischen (etc) Dynamiken kreativ und damit alles andere als deterministisch sind?

        Auch ist man hinterher immer schlauer! Warum hat z.b. noch vor 20 Jahren niemand gesagt, daß schon Marx prophezeit hat, daß die Gesellschaft irgendwann mal im woken Gendergagawahn endet?
        Auch die Rolle der Medien, die mit ihrer linken Prägung die Minderheitenidiologien überhaupt erst in das Massenbewußtsein durchdrücken konnten, findet hier überhaupt keine Beachtung.

        Das die Linke allerdings überhaupt so erfolgreich werden konnte, verdankt sie ironischer Weise aber dann doch dem Kapitalismus, der mit seiner finanziellen Potenz die Grundlage für den Sozialstaat, die Hängematte und die Beschäftigung mit Luxusproblemen wie Gender- und Diversitätsungereimtheiten überhaupt erst ermöglicht hat und somit den Keim der Unfreiheit und eigenen Zerstörung bereits in sich trägt.

        Worauf der gute Professr aber wohl hauptsächlich hinaus will, ist die einfache Feststellung, die Bismarck zugeschrieben wird: Die erste Generation verdient das Vermögen, die zweite verwaltet es, die dritte studiert Kunstgeschichte, die vierte verarmt.
        Und insofern hat der Autor recht, wenn er feststellt, daß Wohlstand und Übersättigung zu zunehmenden Hedonismus, Dekadenz und Werteverfall beitragen können, eben weil die menschliche Natur so gestrickt ist, daß sie Annehmlickeiten (von Vergnügungen) der Pein (des Arbeitslebens) bevorzugt, die erst durch (kapitalistischen) Wohlstand verwirklicht werden können.
        Auch wirkt der Kapialismus hier tendenziell areligiös und damit wertezersetzend, da sich viele Menschen der Religion zugewandt haben, um das Leid ihres (ärmlichen) Daseins mit der Zuversicht auf eine seelige Paradieserfahrung erträglich zu beten. Dieser Druck fällt bekanntlich weg, wenn die angenehme (paradiesische) Erfahrung im Hier und Jetzt verfügbar ist.
        Das unsere Religion dem Streben nach Vergnügen und Reichtum außer dem einfachen Glauben und der reinen Lehre keine wirklich erfüllenden “spirituellen” Erfahrungen mehr entgegenzustellen vermag, wird sicherlich einen Teil zur Werteerosion beigetragen haben.

      • Dietmar Tischer
        Dietmar Tischer sagte:

        @ Richard Ott, @ Stoertebekker, @ Axel

        Ich habe mich offensichtlich nicht verständlich ausgedrückt.

        Meinen EINGANGSSATZ wollte ich so verstanden wissen, wie ich ihn jetzt aufdrösele:

        Es GIBT die Phänomene, die der Autor benennt und auf die Sie sich beziehen.

        Ich nenne sie Symptombeschreibungen und verorte sie damit als Realität.

        Es sind im Wesentlichen BESCHREIBUNGEN von „so verstehen sich die Leute heute“, anders als gestern oder vorgestern.

        Insofern ist daran nichts zu beanstanden.

        Was ich kritisiere ist:

        a) die wok-Beschreiber erklären NICHT, welche MECHANISMEN die feststellbaren Veränderungen hin zur POLARISIERUNG von Gesellschaften zugrunde liegen.

        Beschreibung zeigt auf, was IST (wenn sie richtig ist), aber NICHT, warum, d. h. URSÄCHLICH etwas GEWORDEN ist, was es vorher so nicht gab und sich u. a. in politischer Radikalisierung ausdrückt.

        und

        b) Der Autor kritisiert nicht dieses DEFIZIT, sondern suggeriert, dass die woke-Beschreiber zwar erklären, dies aber FALSCH, weil sie sich – ich vereinfache – auf eine „Kulturrevolution“ fixieren, statt den „wirklichen Kapitalismus“ zu erkennen.

        Sorry, ich kann nicht ernst nehmen, wenn so kritisiert wird:

        >Denn ein kapitalistisches Gesellschaftssystem, schon Karl Marx sah das ganz klar, bedarf im Kern der permanenten Kulturrevolution, um die sich immer wieder neuformierenden Gewohnheiten und Überlieferungen zu sprengen, die einer grenzenlosen Kapitalakkumulation entgegenstehen>.

        Ich frage nur einmal:

        Haben wir gegenwärtig ein Gesellschaftssystem, das man UNQUALIFIZIERT als kapitalistisches bezeichnen kann, d. h. eines in dem u. a. der Staat eine so GERINGE Rolle spielt wie zu Zeiten von Marx in ca. 1860/70, als er seine grundlegenden Gedanken zum Kapitalismus formulierte?

        Hatte u. a. die Sozialgesetzgebung von Bismarck KEINE Auswirkungen auf die Entwicklung?

        Haben die sich ändernden FUNKTIONALITÄTEN von Technologien (Digitalisierung, Vernetzung etc.) KEINEN Einfluss auf die Wertschöpfung (Art der Güterproduktion und der Dienstleistungen), die Konditionierung der Menschen (Bildung und Regulierung u. a.), so dass wir von einem Kapitalismus reden können, wie ihn Marx „ganz klar sah“?

        Hat es schon immer ein GERICHT gegeben, das wie das BVerfG der Regierung sie VERPFLICHTEND vorschreibt, dass diese die „Transformation der Gesellschaft“ hin zu einem im Wesentlichen von Wissenschaftlern ausgerufenen Ziel zu beschleunigen habe?

        etc., etc., etc.

        Ich behaupte:

        Wir haben – unabhängig von ihrer Komplexität − eine ANDERE Realität (mit selbstverständlich unterschiedlichen Ausprägungen, siehe Frankreich vs. Deutschland), deren Zustandekommen weder mit der Beschreibung von Symptomen, noch mit dem Rückgriff auf Marx erklärt werden kann.

        Die Fragen, die zu beantworten sind, lauten demnach:

        WAS verursachte die sich geändert habende Realität?

        und

        WOHIN bewegt sie sich?

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