Der Mindest­lohn wird zum Standort­killer – vor allem im Osten

Die Politik mischt sich immer mehr in die Wirtschaft ein. Gute Absichten sollen sich auch entsprechend positiv niederschlagen – so die Behauptung. Leider ist es oftmals sehr schwer, vielleicht sogar unmöglich nachzuprüfen, ob die Maßnahme überhaupt wirkt und wenn ja, ob positiv oder negativ.

So war es in der Vergangenheit beispielsweise mit der Erhöhung des Mindestlohns. Dieser ist bekanntlich seit seiner Einführung im Jahr 2015 von 8,50 auf 13,90 Euro pro Stunde gestiegen. Bis 2023 mit 41,2 Prozent deutlich schneller als das allgemeine Lohnniveau (21,7 Prozent), wie das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung errechnet hat.

Trotz dieses deutlichen Anstiegs vermochten die Forscher jedoch kaum einen negativen Beschäftigungseffekt zu erkennen. Bis 2020 seien lediglich rund 76.000 Arbeitsplätze weggefallen, hauptsächlich in Ostdeutschland sowie in Betrieben, die einem hohen Wettbewerbsdruck ausgesetzt sind. Oftmals konnten die betroffenen Mitarbeiter in Betriebe mit höherer Produktivität wechseln, was positiv zu werten ist.

Entwarnung also mit Blick auf den nächsten Sprung im Mindestlohn auf dann 14,60 Euro (plus fünf Prozent) zum 1. Januar 2027? Skepsis ist angebracht. Nicht nur hat sich die wirtschaftliche Lage in den vergangenen Jahren deutlich verschlechtert. Hinzu kommt, dass die negativen Folgen des Mindestlohns in den gesamtwirtschaftlichen Zahlen unter Umständen unzureichend abgebildet werden.

Einblicke gibt der Datev-Mittelstandsindex, der seit September 2024 monatlich veröffentlicht wird und sehr zeitnah über die Entwicklung von Umsatz, Löhnen und Gehältern und Beschäftigung im Mittelstand Auskunft gibt. Die Daten stammen aus der laufenden Arbeit von Steuerberatern, Wirtschaftsprüfern und Rechtsanwälten mit Datev-Systemen.

Für den Umsatz werden Daten aus Umsatzsteuervoranmeldungen von knapp einer Million Unternehmen ausgewertet; die Lohn- und Beschäftigungsdaten basieren auf Abrechnungen für etwa acht Millionen Arbeitnehmer. Das entspricht rund 25 Prozent aller abhängig Beschäftigten in Deutschland und etwa 40 Prozent der Unternehmen, mit einem Schwerpunkt auf KMU.

Die ländlichen Regionen haben das Nachsehen

Schon über die Wirkung der vergangenen Mindestlohnerhöhungen können die Daten gut Auskunft geben. Während diese Erhöhungen in Metropolregionen praktisch keine Auswirkungen haben – das Lohnniveau liegt schon hoch –, trifft es ländliche Regionen vor allem im Osten stärker. Die Folge: Die Gewinnmargen der Unternehmen kommen unter Druck, und Personal wird abgebaut oder weniger aufgebaut. Der Dachdecker aus Thüringen verliert an Wettbewerbsfähigkeit gegenüber den Kollegen in Oberbayern.

Was Letztere freut, ist jedoch eine schlechte Nachricht für ohnehin bereits benachteiligte Regionen. Unternehmensschließungen und Abwanderung von Arbeitskräften aus strukturschwachen Regionen sind mögliche Folgen. Der Mindestlohn wirkt regional also schädlicher, was auch mit Blick auf die politischen Folgen nicht einfach verdrängt werden sollte.

Es wird spannend sein zu sehen, wie der nächste Sprung im Mindestlohn wirkt. Der Datev‑Mittelstandsindex sollte sehr schnell die Auswirkungen nach Regionen und Branche aufzeigen und damit der Wirtschaftspolitik unmittelbares Feedback geben.

Leider ist allerdings nicht davon auszugehen, dass dieses Feedback eine entsprechende Kurskorrektur zur Folge hätte. Das liegt daran, dass die Wirtschaftspolitik sich zu sehr auf die großen Unternehmen fokussiert, obwohl die kleinen Unternehmen mit weniger als 250 Mitarbeitern rund 55 Prozent der gesamten Nettowertschöpfung in der Bundesrepublik erwirtschaften.

Besser wäre es, jeden Mindestlohn-Anpassungsbeschluss einer Ex-post-Evaluation nach Region und Branche innerhalb von zwölf Monaten zu unterziehen. Und das ist nur eine denkbare Anwendung des Datenschatzes der Datev. Auch die Wirkung des Tariftreuegesetzes oder der Infrastruktur-Schuldenprogramme auf den Mittelstand ist ein interessantes Forschungsgebiet. Gut möglich allerdings, dass diese Daten der Politik nicht gefallen.

→ handelsblatt.com: „Der Mindestlohn wird zum Standortkiller – vor allem im Osten, 14. September 2026