Schwangerschaften prognostizieren Rezessionen – Börsen auch

Es gibt Ökonomen, die an die Wirkung von sozialen Strömungen glauben. Ich zähle mich dazu. Demzufolge sind Börsen nichts anderes als Stimmungsbarometer, die das abbilden, was in der Gesellschaft passiert. Dem folgen dann die Realwirtschaft und die Politik. Je besser man also die Stimmungen der Gesellschaft, die sich auch in Wellen bewegt, abbilden kann, desto höher die Wahrscheinlichkeit Realwirtschaft und letztlich auch Börsen vorherzusagen.

Blödsinn? Wohl nicht, wenn man sich die neuste Studie zum Zusammenhang von Schwangerschaften und Rezessionen ansieht. Offensichtlich spüren die Menschen den Abschwung frühzeitig und bekommen weniger Kinder:

  • „A paper published (…) by the National Bureau of Economic Research shows that, ahead of the past three US recessions, the number of conceptions began to fall at least six months before the economy started to contract. While previous research has shown how birth rates track economic cycles, the NBER study is the first to show that fertility declines are a leading indicator for recessions.“bto: was ja eigentlich nicht so überraschen sollte, sind doch Schwankungen in der Wirtschaft auch Ausfluss von vielen einzelnen Entscheidungen von Menschen.
  • „(…) it was “striking” that the drop in pregnancies was evident before the recession that came after the 2007 financial crisis, since it has traditionally been argued that this slump had been hard to predict. (…) In fact the (…) number of conceptions in the US rose slightly between the first half of 2006 and the first half of 2007. But the year-on-year growth rate turned negative in the third quarter of that year, when US stock indices were still hitting then-all-time highs and six months before a similar decline in economic output.“ bto: Nicht schlecht, damit kann man also die Kursentwicklung vorhersagen. Wäre die Frage, wie sich die Zahlen derzeit entwickeln!
  • „The analysis used data on the 109m births in the US between 1989-2016 to examine how fertility rates changed through the last three economic cycles — in the early 1990s, the early 2000s and the late 2000s. (…) The team found that falls in conceptions predicted recessions as well and as far in advance — if not more so — than many commonly used indicators such as consumer confidence, measures of uncertainty, and purchases of big-ticket items such as washing machines and cars.“ bto: Letztlich ist ein Kind auch ein unumkehrbares finanzielles Commitment in erheblicher Höhe und langer Dauer.
  • „If economists did begin to take note, it would not be the first time unusual gauges of economic performance had been proposed. As long ago as the 1920s, it was suggested that the length of women’s skirts tracked stock market performance — rising and falling in tandem. Estée Lauder chairman Leonard Lauder proposed a lipstick index in 2001, claiming that purchases of cosmetics were inversely correlated with the health of the economy. The idea was later discredited. The 2008 recession gave rise to the tie index, sales of which, it was claimed, rise as employees fear for their jobs. Alan Greenspan, the former head of the US Federal Reserve, used to track sales of men’s underwear, which he said fell at the onset of recessions as men — and their partners on their behalf — delayed buying new underwear during tough economic times.“ bto: Ja, es gibt eine Reihe möglicher Indikatoren. Bei den Rocklängen ging es um die „Risikobereitschaft“ der Frauen, die in einem guten ökonomischen Umfeld eher ihre Attraktivität betonen.

Wie dem auch sei: Zurzeit sinkt die Zahl der Schwangerschaften deutlich:

Quelle: FT

ft.com (Anmeldung erforderlich): „Economists urged to use fertility to predict recessions“, 26. Februar 2018

Kommentare (5) HINWEIS: DIE KOMMENTARE MEINER LESERINNEN UND LESER WIDERSPIEGELN NICHT ZWANGSLÄUFIG DIE MEINUNG VON BTO.
  1. Avatar
    Felix Kurt sagte:

    Klar, ganz einfach und NICHTS NEUES. Advice & Opinion von Rüdiger Braun analysiert solche Zusammenhänge in der Tiefe seit Mitte der 90er Jahre:

    Die geburtenbedingten Veränderungen bestimmen die zukünftige Zahl junger erwachsener Menschen, also derjenigen Gruppe, welche die größte Ausgabenneigung hat (Beruf, Geld, Familie, Hausstand, etc.). Da nicht nur in den USA die Konumsausgaben 70% und mehr des BIP ausmachen, kann man mit DEMOGRAPHISCHEN TRENDS, die heute bereits Fakten beschreiben, Aussagen zu den Veränderungen in der Konsumdynamik treffen kann und ziemlich weit in die Zukunft „schauen“. Bliebe noch zu klären, wie sich länderübergreifend solche Trends, die Wendepunkte in der Dynamik oder die Wellentäler und -berge gegenseitig verstärken oder nivellieren.

    Z. B. gut erklärt auf: https://www.youtube.com/watch?v=Q-nD2jOqYf4&feature=youtu.be

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    MSt sagte:

    Wenn man die Bevölkerungspyramide in Deutschland anschaut, dann sieht man, dass die Anzahl der Frauen im Alter von 28 Jahren (meines Wissens das Durchschnittsalter für Erstgeburten) ab jetzt jedes Jahr schrumpfen wird. Diese Entwicklung wird die nächsten 13 Jahre fortschreiten. Somit steht es fast schon mathematisch fest, dass es weniger Schwangerschaften geben wird.

    https://service.destatis.de/bevoelkerungspyramide/#!y=2018

    Laut der Logik der Studie steht uns eine lange Rezession bevor. Es sei denn das Thema Diskriminierung der Familien kommt endlich auf die Agenda (vor dem Thema Renten). Anzupacken gäbe es genug: von steuerlicher Diskriminierung (Kinderfreibetrag< Erwachsenenfreibetrag, Einkommenssplitting nur für Erwachsene, etc.) über die Bildungsmisere bis zu der alltäglichen Kinderfeindlichkeit in der Gesellschaft.

    Wenn ich mir aber den oberen Teil der Pyramide anschaue (65+), dann sieht man, welche Altersgruppe in den nächsten Jahren das Sagen haben wird.

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      Gibson sagte:

      @MSt

      Da wäre ich mir nicht so sicher. Die Geburtenziffer (Kinder pro Frau) steigt stark an, außerdem wandern neue Mütter nach Deutschland ein.

      So ist in Berlin die Geburtenziffer von 1,45 Kindern pro Frau in 2015 auf 1,54 in 2016 gestiegen. Die Geburtenziffer ist ein sehr volatilitätsarmer Indikator, ein solcher Anstieg ist gravierend. Wir könnten hier vor einer Trendwende in Deutschland stehen. Verursacht wurde der Anstieg übrigens vor allem durch ausländische Mütter. Syrische, afghanische und irakische Frauen haben in Berlin in 2016 z.B. eine Geburtenziffer von 4,85 Kinder zu Stande gebracht. In Brandenburg lag die Geburtenziffer für dieselbe Gruppe sogar bei 5,08 Kindern je Frau.

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    Thomas sagte:

    „Offensichtlich spüren die Menschen den Abschwung frühzeitig und bekommen weniger Kinder.“

    Ich hatte den Gedanken, dass Kinder Optimismus stiften (oder zumindest von anderen Sorgen ablenken…) und daher die Konsumfreude beibehalten wird/steigt – neben den ohnehin notwendigen neuen Konsumausgaben.

    Aber das ein muss das andere ja nicht ausschließen. Auf jeden Fall eine interessante Korrelation…

    Leider gibt’s das nicht als Overlay im Chart-Modul :)

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  4. Avatar
    Dr. Doom sagte:

    Gutes Analysewerkzeug zur Zustandsbestimmung für den amerikanischen Aktienmarkt ist neben einer Trendfolgestrategie wie der 200-Tage-Linien-Strategie die Auswertung von Richtung und Steigerungsrate der amerikanischen Wertpapierkredite (Nyse Margin Debt):

    http://www.finra.org/investors/margin-statistics

    https://www.advisorperspectives.com/dshort/updates/2018/03/09/margin-debt-and-the-market

    http://aktien-mit-strategie.de/200-tage-linien-strategie/

    https://www.boerse.de/trendvergleich/Dow-Jones-Aktien/US2605661048

    https://www.boerse.de/kurse/SundP-500-Aktien/US78378X1072

    https://www.boerse.de/trendvergleich/Nasdaq-100-Aktien/US6311011026

    Wobei die wirtschaftliche Krise in Amerika von 2000 bis 2003 nach dem New-Economy-Boom keine Rezession war, da sich nicht in mindestens zwei aufeinaderfolgenden Quartalen die Wirtschaftsleistung von Amerika verminderte:

    2000 10.284,8 Mrd. –> 12.559,7 Mrd. + 4,1 %
    2001 10.621,8 Mrd. –> 12.682,2 Mrd. + 1,0 %
    2002 10.977,5 Mrd. –> 12.908,8 Mrd. + 1,8 %
    2003 11.510,7 Mrd. –> 13.271,1 Mrd. + 2,8 %

    http://www.pdwb.de/nd23.htm

    Vgl. diese vergangenen Wachstumsraten der amerikanischen Wirtschaft mit denen, die heute zu Zeiten einer sog. Hochkonjunktur als normal angesehen werden!

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