Nie mehr Zinsen?

Seit 500 Jahren sinken die Zinsen weltweit. Werden Negativzinsen für sichere Anlagen zu einem Dauerzustand?

In der 123. Folge von „bto 2.0 – der Ökonomie-Podcast mit Dr. Daniel Stelter“ geht es um den Zins. Seit Jahren rückläufig, stellt sich die Frage, ob die Zinsen jemals wieder steigen werden. Im Gespräch Dr. Paul Schmelzing, Postdoktorand an der Yale School of Management, der im Rahmen seiner Promotion an der Harvard Universität tief in die Historie von Zins und Inflation eingestiegen ist.

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Kommentare (10) HINWEIS: DIE KOMMENTARE MEINER LESERINNEN UND LESER WIDERSPIEGELN NICHT ZWANGSLÄUFIG DIE MEINUNG VON BTO.
  1. Werner
    Werner sagte:

    Ich habe eine Geschäftsidee und bekomme einen Kredit von einer Bank. Geld wird erzeugt. Sobald ich Geld verdiene mit meinem Produkt, zahle ich den Kredit zurück. Ich vernichte Geld. Ich füge der Wirtschaft ein Produkt hinzu und gleichzeitig verringere ich die Geldmenge mit der Rückzahlung des Kredits. Dieses Schuldgeldsystem ist einfach widersinnig.

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  2. Bernd Zattler
    Bernd Zattler sagte:

    Ich bin Gründer von Access Mikrofinance Holding AG und von LFS Advisory. Beides sind Firmen die Banken in Entwicklungsländern managen und beraten. Vor dem Hintergrund dieser Erfahrung kann ich mir vorstellen, dass nicht makroökonomische Faktoren für die säkulare zinsniveaureduzierung verantwortlich sind sondern institutionelle Faktoren auf den Finanzmärkten. Zwei davon sind: (1) die Verminderung der Kreditrisiken durch transparentere Rechnungslegung, Kreditauskunfteien, etc. (2) Der Transfer von Finanzbeziehungen von den informellen Märkten (zB Sparen unter der Matratze, Kredite von Geldverleihern) zu den formellen Finanzmärkten (Banken, etc.), was das Angebot an Finanzmitteln erhöht.
    Gruss
    Bernd Zattler

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  3. Dietmar Tischer
    Dietmar Tischer sagte:

    Ob die realen Zinsen positiv oder negativ sind, hängt von der Inflation und den Nominalzinsen ab:

    – Die Inflation hängt ab von Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen und deren Angebot.

    – Die Nominalzinsen hängen vom Volumen der Kredite ab, die gewährt werden.

    – Die von den Banken vergebenen Kredite werden für privatwirtschaftliche Investitionen gewährt.
    – Diese Investitionen hängen wiederum von der Nachfrage ab

    Ich lasse bei den folgenden Überlegungen unberücksichtigt:

    demografische Entwicklung, Produktivitätssteigerungen, Innovationen, die Nachfrage und Investitionen beeinflussen, sowie Standortbedingungen für Investitionen. Ebenso beziehe ich sich regional unterschiedlich entwickelnde Arbeitskosten und überregionale Kriege nicht ein.

    Bezogen auf Europa ist m. A. n. absehbar:

    Es wird anhaltende Inflation geben, wegen des energetischen Umbaus der Wirtschaft mit anhaltend großer Nachfrage nach

    – Gütern (Material und Vorprodukte) sowie Arbeitskräften (Facharbeiter)

    – Energie (vor allem elektrische Energie)

    und

    – gewollter, quasi exogener Verteuerung von Energie (Verschmutzungszertifikat)

    – Einfuhrbesteuerung für „schmutzige“ Produkte

    Das Angebot:

    Das Güterangebot wird sich mengenmäßig im Konsumgüterbereich nicht gravierend ändern, das Dienstleistungsangebot tendenziell zu gering sein (Gesundheit und Pflege).

    Die Angebotspreise werden jedoch tendenziell steigen (sektorübergreifend durch teureren Energieinput)

    Zwischenfazit:

    Es ist mit anhaltend steigender Inflation zu rechnen

    Nominalzinsen:

    a) Das Volumen der Kredite, das für die Realisierung dieses Szenario erforderlich ist, wird sehr groß sein, weil die Energiewende eine Anpassung praktisch das gesamten Sachvermögens (Gebäude) und Produktivvermögens (Herstellungsprozesse) erfordert.

    Das deutet auf steigende Nominalzinsen

    Das private Finanzsystem wird einen großen Teil aufbringen, aber bei weitem nicht alles.

    b) Finanzierung durch den Staat

    – Einen anderen großen Teil des Finanzbedarfs für diese Investitionen wird der Staat durch Subventionen zu erbringen haben

    – Der Staat wird bei anhaltender Inflation und bei den Friktionskosten der Umstellung der Energiegewinnung und -nutzung weiterhin den Sozialstaat erheblich ausbauen müssen.

    Folgen:

    Die STAATSVERSCHULDUNG wird daher über das bisherige Maß kontinuierlich ZUNEHMEN.

    Damit sind wir bei einem STRUKTURELL steigendendem Finanzbedarf der Staaten, der ZUNEHMENEND nicht mehr durch Steuern und private Verschuldung, sondern nur noch mit direkter Finanzierung durch die NOTENBANKEN geleistet werden kann.

    Diese monetäre Staatsverschuldung wird noch DOMINANTER als jetzt schon durch die Aufkauf von Staatsanleihen durch die NOTENBANKEN bestimmt sein.

    Sie wird durch extrem NIEDRIGE Zinsen die Finanzierungskosten der Staaten unter den Langfristzinsen, die an den Märkten verlangt werden, halten.

    Heißt:

    Die heute schon beachtliche Senkung der Finanzierungskosten für die Staaten wird durch ihre zunehmenden Bedarf, Finanzierungshilfen weit in den privaten Sektor hinein leisten zu müssen, so massiv sein, dass sie immer mehr die privatwirtschaftlich bestimmten Nominalzinsen ÜBERSPIELT.

    Fazit:

    Wir werden tendenziell stabil NEGATIVE Realzinsen haben trotz nominal steigender Zinsen im privaten Sektor.

    Allerdings kann ihr Ausmaß durch die Zinspolitik der Notenbanken gebremst werden, wenn sie durch Einflussnahme die Kreditgewährung der Banken für privatwirtschaftliche Kreditnehmer verteuert und so die Nachfrage und damit die Inflation schwächt.

    Dies wird geschehen, weil zu hohe Inflation gesellschaftlich nicht tragbar ist.

    Die Verschuldung der Staaten bei den Notenbanken muss das nicht berühren, weil die Notenbanken den Zins für deren Anleihen durch ihre Ankaufspreise festlegen können.

    Wenn dies die zukünftige TENDENZ sein sollte, laufen wir über unterschiedliche Finanzierungsbedingungen für Staat und Privatwirtschaft in eine mehr und mehr STAATLICH GELENKTE Wirtschaft.

    Es ist die Mutation in eine Staatswirtschaft mit dem SCHEIN, dass der Kapitalismus und Marktwirtschaft weiterhin systembestimmend sind.

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  4. PW
    PW sagte:

    Herr Dr. Stelter,
    wieder ein interessanter Podcast!
    Aber, warum haben Sie Herrn Dr. Schmelzing nicht explizit zum naheliegenden Faktor Produktivität im Rahmen seiner Untersuchung befragt?
    Der Produktivitätsfortschritt implizierte in den 700 Jahren einen immensen Wohlstandsgewinn.
    Solange mit immer weniger immer mehr Wohlstand geschaffen wird, ist ein negativer Realzins auf den Kapitalstock nicht sofort ein Wohlstandsverlust. Das gilt auch für das Argument Zeitpräferenz.

    Die Zeitenwende sehe ich aber jetzt, da wir nicht nur faktisch unseren Kapitalstock grün verkürzen, sondern gleichzeitig unsere Produktivität grün dezimieren.

    Antworten
  5. FL
    FL sagte:

    Haben H. Schmelzing und H.Stelter Piketty gelesen?
    Sein Argument ist nur, dass sich die Ungleichheit in den letzten Jahrzehnten vergrößert hat. Die langfristige Entwicklung über Jahrhunderte zu weniger Ungleichheit in ihm durchaus bewusst. Siehe Kapital und Ideologie.

    Antworten
  6. @foxxly
    @foxxly sagte:

    bto, anmerkungen:

    -staatsfonds norwegen, – wird immer als die beste lösung zur altersvorsorge etc. hingestellt.
    das prinzip dabei ist, dass wirtschaftsleistung der welt über aktien-teilhabe, nach norwegen umverteilt wird.
    wenn dies alle länder der erde machen, dann funktioniert diese lösungen nur noch sehr eingeschränkt, nähmlich: die finanzstärksten länder wären die gewinner und die finanzschwachen länder würden weiter abgehängt.

    -vermögensverteilung, wie sie dr schmelzing als positiv dargestellt hat, ergab in der jüngeren vergangenheit von verschieden medien einen sigifikannten trend, dass reichtum in immer wenigen händen immer mehr wurde (dies ist m.m kein widerspruch, wenn bestimmte kreise unterhalb der superreichen, trotz der systemischen umverteilungsmechanik, reicher werden)

    -gute und schlechte verschuldung: investive verschuldung sei die bessere! nun, wenn alle kredite nur investiv wären, dann würde die güterproduktion noch mehr überangebot liefern. wäre auch nicht gut.
    generell besteht wachstum aus krediten. am ende sind die investiven kredite auch keine heilende lösung im schuldgeldsystem.

    – historisch kann man sicher sagen, dass bisher kein wachstum aus der verschuldungs-problematik heraus geholfen hat. ein “herauswachsen” aus der gesamtverschuldung, halte ich für nicht möglich. natürlich ist dies partiell möglich, aber niemals für alle wirtschaftsteilnehmer.

    Antworten
  7. Stoertebekker
    Stoertebekker sagte:

    Spannender Podcast. Aber für mich bleiben doch mehr Fragen als Antworten gegeben wurden.

    a) Die These der zunehmenden Kapitalallokation als Ursache für tendenziell fallende Zinsen scheint mir nicht stimmig. Wenn eine Brücke so gebaut werden kann, dass sie nicht mehr zwei, sondern zehn Jahre hält, zieht das doch unmittelbar neue, größere Vorhaben nach sich.

    Die Brücke soll dann nicht mehr das Bächlein im 5. Arrondissement sondern die Seine überwinden. Oder nicht mehr nur den Rotgerberbach in Köln sondern nun den Rhein, usw. Jede technologische Verbesserung zieht unmittelbar neuen, höheren Kapitalbedarf nach sich. Dampfmaschinen, Eisenbahnen, Flugzeuge, Raumschiffe.

    Im Übrigen gilt das auch für den Bestand an Häusern. Es stimmt wahrscheinlich, dass die Häuser immer längere Lebenszeiten hatten – aber gleichzeitig sind die Bevölkerungszahlen in den großen Städten halt wahnsinnig schnell gestiegen. Mit dem Bedarf an vielen weiteren Häusern.

    b) Oder die These, dass Geld produktiv verwendet werden muss, damit ausreichend Wachstum erzeugt werden kann. Das würde ich, genau wie @DStelter, sofort unterschreiben. Aber wenn dann gesagt wird, dass über Jahrhunderte Staatsfinanzen eigentlich immer nur Kriegsfinanzierung bedeutete und diese unproduktiv sei, dann passt doch die Argumentation nicht mehr. Dann gab es doch viele Jahrhunderte unproduktiver Geldausgeberei mit trotzdem tendenziell fallenden Zinsen.

    c) Aus meiner Sicht sollt man sich mal das Geldsystem und die Breite der Datenbasis anschauen. Vielleicht gibt’s da ja Hinweise. Die ersten Zahlen stammen aus Venedig im 14. Jhdt. Ok, da haben vielleicht 1-2% der Bevölkerung am (dokumentierten) Geldsystem teilgenommen. Und das ist bis heute auf nahezu 100% gewachsen. (Nahezu, weil es Teile der Welt gibt, in denen der Tausch eher über Cryptos/Telefonminuten/… läuft.)

    Diese umfassendere „Tiefe“ des Geldsystems muss doch irgendwie wirken.

    Dann kommt dazu, dass die Geldsysteme selbst sich auch entwickelt haben. Für mich sind die diversen Schritte zur Abschaffung des Goldstandards Zäsuren, die zu untersuchen lohnen würde.

    Oder was ist mit den Plan-(Kriegs-)wirtschaften, die überhaupt keine „echten“ Zinsen haben. Wie betrachtet man die im historischen Verlauf? Immerhin waren Deutschland zusammen mit den kriegsreagierenden Länder in den dreißiger/vierziger (und 10er) Jahren des letzten Jahrhunderts doch die geballte Wirtschaftskraft der Welt.

    Und was ist mit dem Ostblock, heute China, …? Selbst wenn man deren Daten außen vor lässt, haben reale Wirtschaftsbeziehungen mit diesen Staaten doch zwangsläufig Auswirkungen aufs eigene Geldsystem.

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    • Namor
      Namor sagte:

      Als Laie darf man auch mal einfach einen raus hauen. Bto vom 11.02.2022
      1) “Vielmehr lässt sich seit mindestens 500 Jahren ein Rückgang der realen Verzinsung feststellen.”
      2) “Damit ist klar, dass die heutigen Negativzinsen die Folgen… (von staatlicher) Regulierung (sind) , die einige Anleger in diese Investments zwingt…)

      Konklusion: die anwachsenden Staatsgeblide samt Machtausweitung (bis in die intimsten Bereiche, denn was bleibt ganz aktuell noch dem staatlichen Zugriff versagt?) richten sich die Bedingungen des Kredites einseitig. Weil sie es können.

      Massivere Negativzinsen sollten (bald schon) kein Problem sein, Bargeld ist angezählt, Goldverbote jederzeit umsetzbar.

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  8. Vater Thiel
    Vater Thiel sagte:

    Wenn Robinson Crusoe sich in den kommenden 4 Wochen ausschließlich dem Bau einer komfortablen Hütte widmen will muss er sich in dieser Zeit die kokosnüsse fürs tägliche Überleben bei anderen Insulanern leihen. Das ist der reale Hintergrund des realzinses. Der Preis für das Ausleihen von Gütern des unmittelbaren Bedarfs um sich längerfristigen Projekten widmen zu können. Wovon hängt Robinsons realzins ab, wieviel Kokosnüsse mehr muss er zurückzahlen als er von den mit-insulanern erhalten hat ?

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