Ein Verarmungsprogramm für Milliarden von Menschen
Am 4. Juni hat das von Thomas Piketty geleitete World Inequality Lab in Paris seinen „Global Justice Report“ vorgestellt. 45 Autoren, mehr als 200 Forscher, Hunderte Seiten, Dutzende Tabellen. Die Botschaft: Endlich ein Plan, der die Klimakrise lösen und gleichzeitig die globale Ungleichheit beenden soll. Allen Menschen ein durchschnittliches Monatseinkommen von 5000 Euro pro Kopf, die Erderwärmung wird auf 1,8 Grad begrenzt – wer könnte dagegen sein?
Wer den Report liest, wird ernüchtert. Was uns als wissenschaftliche Studie verkauft wird, ist ein politisches Manifest. Eines, das nicht das Klima retten will, sondern die Marktwirtschaft abschaffen.
Pikettys Finanzierungsinstrument heißt „Global Justice Fund“ und soll 10,3 Prozent des Welt-BIP pro Jahr umverteilen – gegenüber 0,4 Prozent heutiger Entwicklungshilfe. Finanziert wird das durch eine globale Vermögensteuer von bis zu 20 Prozent pro Jahr auf Vermögen oberhalb der Milliardärsschwelle und einen Spitzeneinkommensteuersatz von 90 Prozent. Hinzu kommt ein „World Sovereign Fund“, der nach norwegischem Vorbild die großen Vermögen schrittweise „übernimmt“.
Wer um 20 Prozent pro Jahr enteignet wird, hat nach fünf Jahren noch ein Drittel seines Vermögens, nach zehn Jahren rund elf Prozent. Das ist eine Konfiszierung in Zeitlupe. Ein bemerkenswerter Vorschlag von jemandem, der seit Jahren erklärt, moderate Vermögensteuern beeinflussten Investitionsverhalten nicht. Der Ökonom Jean Pisani-Ferry vom Think Tank Bruegel hatte bereits früher zu Pikettys Thesen notiert, derartige Sätze würden „Kapitalbesitz in der heute bekannten Form beenden“ – mit „unvorhersehbaren Folgen“ für Investitionen und Innovation.
Das ist aber noch nicht alles. Der Report schreibt zentral vor:
- Die jährliche Arbeitszeit soll von etwa 2100 auf 1000 Stunden halbiert werden
- 43 Prozent aller Arbeitsstunden sollen 2100 in Bildung, Gesundheit und öffentliche Dienste fließen – wer das festlegt, sagt der Report nicht ganz so deutlich
- Die Ernährungsgewohnheiten sollen sich „verändern“ (sprich: deutlich weniger Fleisch), um Flächen für die Wiederaufforstung freizumachen
- Eine „Global Justice Platform“ mit One-person-one-vote-Prinzip erhält Steuerhoheit über die genannten 10 Prozent des Welt-BIP
Wer Wirtschaftsleistung, Arbeitszeit, Konsumstile und politische Repräsentation global zentralisieren will, bewegt sich nicht mehr im Bereich der Klimapolitik. Er konstruiert eine globale Planwirtschaft. Der Ökonom Noah Smith hat das in seinem Roundup vom 8. Juni nüchtern festgehalten: Eine solche Umverteilungsmaschinerie würde „Gosplan in den Schatten stellen“ (Gosplan war das Komitee für die Wirtschaftsplanung in der Sowjetunion).
Der dramatische Effekt der „Nachhaltigen Konvergenz“ gegenüber dem Gegenszenario „Produktivistische Konvergenz“ beruht auf einer Klimabaseline von rund 4,8 Grad Erwärmung – also dem Szenario RCP8.5. Genau dieses Szenario hat das UN-Klimapanel im Mai 2026 offiziell als „unplausibel“ verworfen. Die aktualisierte Projektion liegt bei rund 3,5 Grad. Eine ernste Herausforderung, ja. Aber kein Weltuntergang, der weltweite Enteignungsprogramme rechtfertigt. Auf X hängt an Pikettys Verkündungstweet eine entsprechende Community Note. Der Stanford-Ökonom Hanno Lustig hat den methodischen Fehler in einer Reply-Kaskade direkt unter dem Tweet sauber dokumentiert.
Lustig fragt überdies, was in der WIL-Studie eigentlich vorkommt – und vor allem, was nicht vorkommt: „Was hier komplett fehlt, ist Sorge um intergenerationale Gerechtigkeit. Was wären die Folgen, wenn sich Frankreich tatsächlich auf eine Null-Wachstums-Politik festlegt? Angesichts aller Versprechen an Bondholder und ältere Bürger wären die Implikationen drastisch.“
Das ist der blinde Fleck der gesamten Degrowth-Linken. Die Ungleichheit zwischen reichen und armen Zeitgenossen wird zum moralischen Letztgrund erklärt. Die viel handfestere Ungleichheit zwischen heute Lebenden und ihren Nachkommen, die unsere Schulden und Rentenversprechen bezahlen sollen, kommt im Report nicht vor. Sie würde stören.
Pikettys Programm ist im Kern Degrowth – übersetzt: geplante Schrumpfung. Die Argumente sind seit Jahren bekannt, sie werden seit Jahren widerlegt und seit Jahren in Endlosschleife wiederholt. Die Ökonomen Ivan Savin und Jeroen van den Bergh haben 561 Degrowth-Studien systematisch ausgewertet. Das Ergebnis: Fast 90 Prozent basieren auf Meinungen, nicht auf belastbaren Analysen. Nur rund 10 Prozent versuchen überhaupt eine quantitative Untermauerung. Repräsentative Daten? Fallstudien auf Inseln mit wenigen Tausend Einwohnern. Die Übertragbarkeit auf komplexe Industrievolkswirtschaften: nahezu null.
Savin formuliert nach seiner Lektüre der Literatur eine bemerkenswert ehrliche Beobachtung: „Wenn ich Themen wie Umverteilung, Einkommensobergrenze, bedingungsloses Grundeinkommen lese, wirkt das für mich ein bisschen wie eine persönliche Wunschliste für die Funktionsweise der Gesellschaft.“ Sein Kollege van den Bergh ergänzt: „Viele Degrowth-Forscher suggerieren, Umwelt- und Klimaprobleme zu lösen, sind aber stark von Gerechtigkeitserwägungen motiviert.“
Genau das ist Pikettys Methode in Reinform: Umverteilung ist das Ziel, das Klima das Vehikel.
Wenig Klima, viel Armut
Was tatsächlich passieren würde, wenn man Pikettys Logik durchrechnet, hat Jonathan Moyer von der University of Denver in einer der wenigen seriösen quantitativen Studien zum Thema gezeigt („Nature Scientific Reports“). Drei Szenarien, drei nüchterne Ergebnisse:
- Kein Wachstum mehr in reichen Ländern: CO₂-Reduktion 2100 nur 3,6 Prozent. Dafür 34,5 Millionen zusätzliche Menschen in extremer Armut bis 2050
- Negativwachstum auf 1970er-Niveau: CO₂-Reduktion 10,5 Prozent. BIP-Rückgang von 52,6 Prozent. Massiver globaler Anstieg der Armut
- Globales Negativwachstum: CO₂-Reduktion 45 Prozent. Dafür 7,9 Milliarden zusätzliche Menschen in Armut, Lebenserwartung minus 11,7 Jahre, Bildungsjahre minus 21,2 Prozent
Moyers Fazit ist eindeutig: „Degrowth ist nicht die Lösung für die Bekämpfung des Klimawandels. Degrowth steht eindeutig im Widerspruch zu den UN-Nachhaltigkeitszielen.“ Konkret torpediert Degrowth 16 von 17 UN-Zielen, um das 17. (Klimaschutz) marginal zu verbessern. Ein Programm, das das Weltklima nur minimal entlastet, aber Milliarden Menschen in Armut zurückwirft.
Die Alternative existiert. Sie heißt Innovation. Die Wirtschaftsnobelpreisträger 2025 – Joel Mokyr, Philippe Aghion, Peter Howitt – haben gezeigt, dass Wachstum durch Innovation und kreative Zerstörung die Grundlage steigender Lebensstandards ist. Eine McKinsey-Studie zeigt: Bereits ausgereifte Klimatechnologien könnten 60 Prozent der nötigen Emissionsminderungen bis 2050 bewirken, weitere 25 bis 30 Prozent kämen aus existierenden, aber noch nicht ausgereiften Technologien. Nur 10 bis 15 Prozent erfordern echte Grundlagenforschung.
Konkret: Allein in der EU beträgt der industrielle Wärmeüberschuss 2860 Terawattstunden pro Jahr – fast der gesamte Energiebedarf für Wärme und Warmwasser in Wohngebäuden. Solarthermie liefert Prozesswärme bis 400 Grad Celsius. In der deutschen Industrie sind 40 Prozent Energieeinsparung möglich, bei Investitionen von 104 und jährlichen Einsparungen von 29 Milliarden Euro. Die nächste Generation der Kernenergie ist verfügbar, Carbon Capture funktioniert.
Auch die These der angeblichen Untrennbarkeit von Wachstum und Emissionen ist empirisch falsch. Die produktionsbasierten CO₂-Emissionen Deutschlands sind seit 1990 um 36 Prozent zurückgegangen, die konsumbasierten um 30 Prozent – bei deutlich gestiegener Wirtschaftsleistung. Entkopplung funktioniert. Leider ist das keine willkommene Botschaft für eine Bewegung, die das System stürzen will.
Der Volkswirt Thomas Vierhaus hat den theoretischen Kernfehler präzise benannt: „Kapitalismus ist keine Wachstumsreligion, sondern ein Ordnungsprinzip. Preise, Wettbewerb, Haftung, Eigentum und Innovation sind keine metaphysischen Wachstumstreiber, sondern Informations- und Anreizmechanismen.“ Unser Klimaproblem ist Marktversagen – fehlende Bepreisung des CO₂-Ausstoßes –, nicht Systemversagen. Die richtige Antwort darauf lautet: Regeln verschärfen, Preise korrigieren, Innovation beschleunigen.
Vierhaus zieht die rote Linie, die Piketty überschreitet: „Der Staat soll die Regeln setzen, innerhalb derer sich gesellschaftliche Prozesse entfalten – nicht Produktionsmengen, Konsumstile und Lebensentwürfe planen. Wird diese Grenze überschritten, verwandelt sich Klimapolitik in Strukturpolitik, Strukturpolitik in Verteilungsökonomie und Verteilungsökonomie in politische Kontrolle des Alltags.“
Genau das ist der Plan. Pikettys Forderungsliste – 20 Prozent Vermögensteuer, 90 Prozent Spitzensteuer, World Sovereign Fund, halbe Arbeitszeit, sektoraler Shift per Anordnung, vorgeschriebene Ernährungsmuster, globale One-person-one-vote-Plattform mit Steuerhoheit – ist exakt jene „persönliche Wunschliste“, von der Savin spricht. Es ist die alte sozialistische Tagesordnung, neu verpackt im grünen Mantel. Diesmal soll nicht der „bessere Mensch“ geschaffen, sondern „das Klima gerettet“ werden. Die Mittel sind dieselben. Das Ergebnis wäre dasselbe.
Zwei Kämpfe
Wer das Klima retten will, gibt CO₂ einen Preis, fördert Innovation, nutzt Kernenergie, baut Bürokratie ab und setzt auf jene Entkopplung von Wachstum und Emissionen, die nachweislich funktioniert. Wer dagegen Pikettys Programm will, sollte ehrlich sein und sagen, worum es ihm geht: um eine andere Wirtschaftsordnung.
Die zwei Kämpfe sollten getrennt geführt werden. Der gegen den Klimawandel wird mit Innovation gewonnen. Der Kampf für eine sozialistische Weltwirtschaft ist eine politische Ideologie – und sollte als solche kenntlich sein. Mit Wissenschaft hat er nichts zu tun.
Die Tarnung der einen Forderung als die andere ist der eigentliche Skandal des „Global Justice Report“. Wir sollten sie nicht durchgehen lassen.
→ Welt.de: »Ein Verarmungsprogramm für Milliarden von Menschen«, 14. Juni 2026

