Wie viel Schulden sind zu viel?

Gestern haben wir im Podcast die nüchternen Gedanken von William White gehört. Es gibt keinen schmerzfreien Weg aus der Situation, in die wir uns manövriert haben. Doch ist es wirklich schon so ein Problem?

Der angesehene Ökonom Raghuram G. Rajan, eine Zeit lang Chef der indischen Nationalbank und derzeit Professor an der University of Chicago Booth School of Business diskutiert die Frage, wie viele Schulden „zu viel“ sind in einem Beitrag für Project Syndicate:

  • „Das kumulative Schuldenniveau übersteigt nun in vielen entwickelten Ländern das BIP, und im Durchschnitt betrachtet nähert sich die Verschuldung als Anteil vom BIP, was die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg angeht, inzwischen Höchstständen.“ – bto: Das wissen wir schon lange und es wäre auch so dazu gekommen – nur etwas langsamer.
  • „Trotzdem können es sich die hoch entwickelten Volkswirtschaften laut Olivier Blanchard und anderen Ökonomen angesichts des niedrigen Zinsniveaus leisten, noch viel mehr Schulden zu machen. Berechnungen anhand von Daten des Internationalen Währungsfonds zeigen, dass die staatlichen Zinszahlungen in den zwei Jahrzehnten vor der Pandemie in diesen Ländern von über 3 % vom BIP auf rund 2 % gesunken sind, obwohl sich die Schuldenquoten um mehr als 20 Prozentpunkte erhöht haben. Und da für einen großen Teil der neu ausgegebenen Staatsanleihen inzwischen Negativzinsen gezahlt werden, dürfte die zusätzliche Kreditaufnahme den Zinsaufwand noch weiter verringern.“ – bto: Nein, die Staaten machen sogar einen Gewinn damit. Alles gut also!
  • „Welche Grenzen sind der staatlichen Kreditaufnahme in dieser seltsamen Welt ultraniedriger Zinssätze gesetzt? Laut den Befürwortern der modernen Geldtheorie gar keine, zumindest was Länder angeht, die Anleihen in eigener Währung ausgeben können und noch freie Produktivkapazitäten haben. Schließlich könne die Notenbank einfach Geld drucken, um fällig werdende Anleihen zu tilgen, und dies würde nicht zu Inflation führen, solange es eine beträchtliche Arbeitslosigkeit gebe. Kein Wunder also, dass die moderne Geldtheorie für Politiker, die sich zur Abmilderung sämtlicher Probleme für höhere Staatsausgaben aussprechen, die Idee der Wahl ist.“ – bto: auch für mich. Es wird ein schwieriges Experiment – William White erwähnt gar Weimar –, aber die Alternativen sind auch nicht schön. Mit Inflation kann man wenigstens umgehen.
  • „Natürlich sollte man jeder ‘Theorie’, die etwas gratis verspricht, mit Skepsis begegnen. (…) Nehmen wir an, wir befänden uns in einem normalen Umfeld positiver Zinssätze. Die Notenbank könnte beschließen, Geld zu drucken, um Staatsanleihen aufzukaufen, und die Regierung könnte dieses Geld dann ausgeben, indem sie es an die Bürger überweist. (Diese werden) die staatlichen Transferleistungen auf ihre Bankkonten einzahlen, und die Bank wird dann all das angesammelte Bargeld als Einlagen bei der Notenbank einzahlen. Letztlich hat die Notenbank damit Staatsanleihen aufgekauft, indem sie den Handelsbanken Einlagen verschafft hat, für die die Banken dann Zinsen haben wollen. Die Regierung hätte also genauso gut Staatsanleihen an die Handelsbanken ausgeben können. Die Zinskosten wären mehr oder weniger dieselben. Der einzige Unterschied wäre, dass es nicht so schiene, als wäre das Ganze umsonst zu haben.“ – bto: das unter der Voraussetzung, dass den Banken Zinsen auf die Einlagen gezahlt werden.
  • „Im heutigen unnormalen Umfeld kann die Notenbank den Kauf von Staatsanleihen durch Schaffung unverzinster Einlagen der Handelsbanken finanzieren, die ihrerseits bereit sind, große Mengen derart hochliquider Reserven zu halten. Dies klingt nach einem Nirwana moderner Geldtheorie. Doch auch in diesem Fall könnte die Regierung genauso gut unverzinste Staatsanleihen an die Handelsbanken ausgeben. Wenn die Handelsbanken sich nicht sträuben, enorme Mengen an Forderungen gegenüber der Notenbank (Einlagen) zu halten, sollten sie sich auch nicht sträuben, enorme Mengen an Forderungen direkt gegenüber der Regierung zu halten, deren Tochterunternehmen die Notenbank ist.“ – bto: Auch das klingt nachvollziehbar. Wir wissen ja auch, dass QE letztlich nur die Überschussreserven der Banken erhöht hat, da diese ja kein Zentralbankgeld verleihen, sondern ihr selbst geschaffenes.
  • „Die von der modernen Geldtheorie propagierte Finanzierung über die Geldpolitik ist Schall und Rauch. Natürlich kann die Regierung durch eine Finanzierung über die Notenbank kurzfristige Turbulenzen an den Geldmärkten vermeiden. Mittelfristig jedoch ermöglicht es ihr dieser Ansatz nicht, mehr Geld aufzunehmen, als sie direkt hätte aufnehmen können. Tatsächlich ist es, wenn die langfristigen Zinsen ebenfalls niedrig oder negativ sind, deutlich besser, sich diese Zinssätze zu sichern, indem man direkt an den Märkten langfristige Schuldverschreibungen begibt und die Notenbank komplett aus dem Spiel lässt.“ – bto: weil man damit die Enteignung durch Inflation besser umsetzen kann.
  • „Dies bringt uns zurück zur ursprünglichen Frage, wie viel Anleihen eine Regierung ausgeben kann. Es reicht nicht, dass eine Regierung sicherstellt, dass sie sich ihre Zinszahlungen leisten kann; sie muss zudem nachweisen, dass sie und ihre Nachfolger die aufgenommenen Kredite zurückzahlen können. Einige Leser werden jetzt protestieren, dass eine Regierung ihre Schulden nicht zurückzahlen muss, weil sie neue Anleihen ausgeben kann, um fällig werdende Schulden zu begleichen. Doch werden die Anleger neue Anleihen nur kaufen, wenn sie überzeugt sind, dass die Regierung ihre sämtlichen Schulden aus ihren kommenden Einnahmen bezahlen kann.“ – bto: oder aber ein anderer als Schuldner einspringt, was die Strategie in der EU ist.
  • „Es gibt eine Grenze, doch wenn die aufgenommenen Gelder in renditestarke Infrastrukturprojekte investiert werden, wird diese vermutlich nie getestet – die zusätzlichen künftigen Einnahmen werden für die zusätzlichen Schulden bezahlen. Wird das Geld allerdings für die dringend erforderliche Unterstützung armer und gefährdeter Haushalte ausgegeben, wird diese Grenze irgendwann deutlich werden.“ – bto: Und wofür werden die Gelder aus dem EU-Rettungsfonds verwendet? Genau. Auch wenn damit Solardächer gefördert werden, bringt es keine künftigen Cashflows.
  • „Der einfachste Weg (zum Schuldenabbau) ist durch Zahlungsausfälle bei den alten Verpflichtungen, doch würden die Regierungen der meisten hoch entwickelten Volkswirtschaften dies als undenkbar betrachten. Die Alternative ist, eine höhere Inflation zuzulassen, die den auf aktuelle Dollars lautenden Schuldenbestand gegenüber künftigen Steuereinnahmen aushöhlen würde. Die Inflation träte in diesem Fall nicht deshalb auf, weil innerhalb der Volkswirtschaft Vollbeschäftigung herrscht (wie die Vertreter der modernen Geldtheorie argumentieren), sondern weil die Regierung die Grenze erreicht hat, bis zu der sie ihre Schulden noch zurückzahlen kann.“ – bto: Inflation als politisches Phänomen.
  • „Natürlich werden die hoch entwickelten Volkswirtschaften so schnell nicht zu einem Simbabwe werden (wenn überhaupt). Doch ermutigt eine politische Polarisierung, wie sie in einigen von ihnen herrscht, normalerweise zu höheren Ausgaben ohne höhere Einnahmen; viele Schwellenmärkte können ein Lied davon singen. Und wenn es hierzu käme, wäre es nicht überraschend, wenn wir in ein paar Jahren eine etwas höhere Inflation erleben würden.“ – bto: So ist es. Hinzu kommt der demografische Umbruch.

project-syndicate.org: „Wie viel Schulden sind zu viel?“, 30. November 2020

Kommentare (12) HINWEIS: DIE KOMMENTARE MEINER LESERINNEN UND LESER WIDERSPIEGELN NICHT ZWANGSLÄUFIG DIE MEINUNG VON BTO.
  1. Avatar
    Dietmar Tischer sagte:

    Wenn der Umgang mit der Realität schwierig wird, muss es die Realität der Statistik richten.

    Diese Erkenntnis ist bereits eingetütet, wir sind mit der EU auf einem guten Weg.

    Hier:

    https://www.handelsblatt.com/politik/international/wiederaufbaufonds-deutschlands-schuldenstand-ist-nur-in-der-offiziellen-statistik-so-niedrig/26718932.htmlr:

    Daraus:

    >Tatsächlich ist Deutschlands Staatsschuldenquote im internationalen Vergleich mit 74 Prozent sehr niedrig. Aber streng genommen wird er in den nächsten Jahren deutlich höher sein, als es diese Zahl und die offiziellen Statistiken ausweisen – zumindest laut der Deutschen Bundesbank.

    Der Grund dafür sind die Schulden, die die EU in der Coronakrise macht. Sie treiben den Schuldenstand Deutschlands laut Bundesbank bis 2026 faktisch um 280 Milliarden Euro nach oben – umgerechnet acht Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

    Mit anderen Worten: Die Bundesbank fürchtet, die EU-Schulden könnten künftig in offiziellen Statistiken unter den Tisch fallen.>

    Fazit:

    Nicht alles so streng nehmen, wenn man ein gutes Bild abgeben will.

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      Richard Ott sagte:

      Das ist auch eine hübsche Methode, um die Maastricht-Kriterien auszuhebeln. Von einer Begrenzung der Schuldenaufnahme auf EU-Ebene ist da nicht die Rede.

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        Dietmar Tischer sagte:

        @ Richard Ott

        Sehr richtig.

        Deutschland haftet auch nicht, denn die EU haftet.

        Das erinnert an Münchhausen, allerdings mit einem Unterschied:

        In Brüssel wird vorgegaukelt, dass man mit der EU zu neuen Ufern aufbreche.

        Bei Münchhausen ist davon nicht die Rede.

        Der zieht sich AUS dem Sumpf, aber WOHIN er sich zieht, wird meines Wissens nicht gesagt.

        Frei schwebend ist unter ihm immer noch der Sumpf.

  2. Avatar
    Johann Schwarting sagte:

    @ Dr. Stelter

    „Schließlich könne die Notenbank einfach Geld drucken, um fällig werdende Anleihen zu tilgen, und dies würde nicht zu
    Inflation führen, …“

    Papiergeld und sagenhafter Inflationierung und immer stärker werdende Bürokratisierung mit einhergehender Einschränkung individueller Freiheiten dürfen wir in Argentinien im Rahmen direkter Finanzierung des Landes durch die ZB bewundern: Innerhalb von 100 Jahren vom reichsten Land der Erde zum Entwicklungsland heute – die neuerliche Umschuldung (= Staatsbankrott) nach vielen vorangehenden verlief wohl erfolgreich.

    Gunnar Heinsohn hat dazu aus der Sicht der Eigentumsökonomik ( https://www.metropolis-verlag.de/Eigentumsoekonomik/717/book.do ) – auch im Vergleich zu anderen Ländern – einige Anmerkungen gemacht.

    „Zu solchem Scheineigentum (= Sicherheiten aus dem Nichts als Material für die Geldschöpfung) aus reichseigenen Instituten zählen beispielweise die ‚Darlehnskassenscheine‘ im Ersten Weltkrieg, die ‚Finanzwechsel‘ unter der Regierung Brüning und die ‚Mefo-Wechsel‘ der Hitlerzeit, gegen die von der Reichsbank Noten emittiert werden mußten. In allen diesen Fällen ist das deutsche Geldsystem nicht anders zerstört worden als damals in dem heutigen Entwicklungsland Argentinien, das bis zur Weltwirtschaftskrise (1929 – 1930) zu den zehn reichsten Ländern der Welt gehört und damals vor Schweden, Frankreich, Japan oder Italien rangiert.“ (Seite 189)

    „Es ist nicht der Mißbrauch des Finanzministers, der zur Entwertung des Australs geführt hat, sondern die Unfähigkeit der Notenbank ihre Geschäfte wie eine Bank zu führen. Dies wiederum resultiert daraus, daß die argentinischen Banken nicht fähig sind, der Notenbank erstklassige Sicherheiten anzubieten. Der IWF räumt das lediglich indirekt dadurch ein, daß er 1991 unter er Regierung Menem einen ‚currency board‘ unterstützt, in dem die neue Währung, die wieder Peso heißt, im Verhältnis 1:1 an den Dollar gebunden wird. Damit läßt sich zwar Gelddrucken und Inflation stoppen, nicht jedoch die notwendige Schaffung eines tiefen Kapitalmarktes herbeiführen, der eine interne Verschuldungsfähigkeit ermöglicht hätte. Dazu ist die Verankerung einer zuverlässigen Eigentumsstruktur notwendig, die in Argentinien ungeachtet der Privatisierungen unter Menem in den 1990er Jahren gerade nicht gelingt.“ (Seite 143)

    Der Peronismus (‚Argentiniens Populismus für alle‘), der Argentinien nur Leid und Elend und zeitweise Militärdiktaturen als Reaktion auf die regelmäßig wiederkehrenden ökonomischen Still- und Missstände gebracht hat, sollte als Vorbild für unsere Entwicklung ein warnendes Beispiel sein.

    Das Problem sind die Besicherung und Haftung. Knapp hat mit seiner Erkenntnis: „Das Geld ist ein Geschöpf des Staates.“ schon früh die richtige Fährte gelegt. Man darf aber die Tatsache nicht übersehen, dass der Staat kein Geld herausgibt – bisher wenigstens nicht.

    Die ZB beurkundet gemäß ihren geldpolitischen Operationen Schuldverhältnisse der Privaten (per Rückkaufvereinbarung, die den gleichzeitigen Verkauf und späteren Rückkauf eines Wertpapieres) kombiniert, oder Ankauf von zentralbankfähigen Titeln) und räumt den GBen dabei ein ZB-Guthaben ein. Dieses ZB-Guthaben wird mit den entsprechenden Geldeinheiten auf Geldträgern dokumentiert, bzw. die zugrundeliegenden privaten Schuldverhältnisse dokumentiert.

    Bei jeder herausgegebenen Geldeinheit wird durch die dahinterliegenden Schuldverhältnisse eine persönliche oder eine institutionelle Haftung garantiert. Die Quelle des Zitates, wenn „die Zweistufigkeit im Kern des Zentralbanksystems wegfällt, wenn die durch die Kreditinstitute zu besorgenden Geldeinheiten ohne ausreichende / vorhandene Sicherheiten sowie positiver Kapitaldienstfähigkeiten buchbar bzw. beurkundbar werden, d.h. das Wertbegründende des Kreditwesens (Vertrauen = Verpflichtung) schwindet, öffnen sich die Schleusen.“ ist bekannt.

    Wenn die Notenbank direkt dem Staat Kredit gibt, stellt sich die Frage nach den Sicherheiten, die der Staat natürlich nicht hat. Wenn der Staat noch auf künftige Einzahlungen in diese ohne Sicherheiten und Haftung ziehen kann, sind die Schleusen geöffnet, wie Alexander Fraser Tytler, Lord Woodhouselee (1747 – 1813), schon vor 200 Jahren (wohl mit Alexis de Tocqueville’s und B. Disraeli’s späteren Ergänzungen) auf der Grundlage der damaligen Gegebenheiten wusste:

    „A democracy cannot exist as a permanent form of government. It can only exist until the voters discover that they can vote themselves money from the public treasure. From that moment on the majority always votes for the candidates promising the most money from the public treasury, with the result that a democracy always collapses over loose fiscal policy followed by a dictatorship.“

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      Wolfgang Selig sagte:

      @Johann Schwarting:

      Mich fasziniert das Wort „discover“. Entdecken die Bürger nur die Möglichkeit der Plünderung der Staatskasse nur irgendwann (und waren vorher zu doof dafür?) Oder erkennen Sie es schon lange und hören nur irgendwann auf, sich zu disziplinieren? In der Schweiz ist m.E. genügend Bürgersinn vorhanden, nicht sinnlos in die Staatskasse greifen zu wollen, weil man genau weiß, dass man es selbst wieder bezahlen muss. In Deutschland ist von diesem Bewusstsein nichts mehr zu spüren. Daher müsste nach der Logik dieser Theorie die Demokratie in den Euro-Ländern, aber auch in den USA oder Japan auf dem Weg zur Diktatur sein. Richtig?

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        Johann Schwarting sagte:

        @ Wolfgang Selig

        Es ist Gunnar Heinsohns und Otto Steigers Verdienst, das Tauschparadigma der ökonomischen Lehre überwunden zu haben. Sie sehen aber nicht die Notwendigkeit von Machtstrukturen für die Entstehung des Eigentums und nicht, dass ein bereits vorhandenes Eigentum die Grundlage für das Wirtschaften bildet, sondern die Institutsgarantie des Privateigentums nur unter einer Zwingherrschaft möglich ist, die immer auf gewaltsamen Unterdrückungen beruht, und nicht das Ergebnis einer sozialen Übereinkunft ist. Der Zins (‚Eigentumsprämie‘) hängt am Eigentum – insgesamt besitzt ihre EÖ einen statischen Charakter.

        Paul C. Martin grenzt am 6. August 2001 den Debitismus von den vorherrschenden Theorien der mainstream-Ökonomien ab:

        „In einer Wirtschaft, in der nicht alles gleichzeitig stattfindet, also alle Einzahlungen immer zeitgleich Auszahlungen und im gleichen Sekundenbruchteil wieder Einzahlungen usw. werden können, erscheint zwangsläufig seine Majestät der Zins. Dies wird in den mainstream-Modellen der Ökonomie schlicht unterschlagen. Dies ist auch der einzig wirklich wichtige Punkt, worin sich der Debitismus vom mainstream unterscheidet. Mainstream rechnet mit über die Zeit steten Größen, der Debitismus hängt jeder Größe sofort den Zinssatz an.“

        Im Debitismus hängt jede Größe – vor allem der Zins – sofort von der Zeit ab.

        „Daher müsste nach der Logik dieser Theorie die Demokratie in den Euro-Ländern, aber auch in den USA oder Japan auf dem Weg zur Diktatur sein. Richtig?“

        Ich denke, von @ Ashitaka gelernt zu haben, dass der debitistische Code (https://archiv1.dasgelbeforum.net/index.php?id=327330 ) und die Eigendynamik der Kreditpyramiden mit den schwingenden Phasenräumen der Verschuldungen gemeinsam und selbst die ‚hidden engine‘ des Systems sind. In diesen neuen Gedanken schreibt er am 17. Oktober 2020:

        „Es würde unseren gesamten Ordnungsraum sprengen, wenn sich die Menschen vollends (aktiv und nicht weiter durch das Spektakel in der Passivität gefangen gehalten) der nur aus der debitistischen Perspektive ergründbaren Tatsache bewusst würden, dass mit jeder unserem Zeitmangel geschuldeten, erfüllungshalberen Auslagerung der Fälligkeiten in die Zukunft, nicht nur ein wachsender Tilgungsdruck, sondern (Danke Dottore!), aufgrund der den meisten Menschen völlig unbewussten, mittlerweile global verstrickten Wiederbeleihungsnatur des Systems, auch eine auf dem Wellenberg umgekehrt sich polarisierende, schlagartig exponentiell zunehmende Verschuldungsfähigkeit und damit Absturzorgie aufwartet.“

        Henry Ford hatte schon vor 100 Jahren erkannt:

        „Würden die Menschen das Geldsystem verstehen, hätten wir eine Revolution noch vor morgen früh.“

        Die zukünftige Diktatur (SKS chinesischer Art), die heutzutage viel subtiler daherkommt, besteht darin, diese Zusammenhänge den Menschen gegenüber zu dissimulieren – sie ihnen mit allen Mittel (‚Brot und Spiele‘) zwecks besserer Machtausübung unbewusst zu lassen.

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    Vater Thiel sagte:

    Sind Schulden nicht nur dann ein Problem, wenn der Gläubiger sein Geld zurück haben will ?
    Sind in einer Überflussgesellschaft mit einer hochproduktiven Realwirtschaft Staatsanleihen im Grunde nicht dasselbe wie Bankeinlagen ?
    Bankeinlagen werden nur dann zu einem Problem, wenn sehr viele Menschen auf einen Schlag ihr Geld in bar abheben wollen.
    Wenn die Realwirtschaft durch Ideologie und Gesellschaftsexperimente herunter gewirtschaftet wird, sind Schulden ein großes, aber nicht das größte Problem …

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    Dietmar Tischer sagte:

    Genauso wie W. White hatte Raghuram G. Rajan den ehemaligen Fed-Großmeister Greenspan darauf hingewiesen, dass die Niedrigzinspolitik fatal sei.

    Er wurde damals von L. Summers vor versammelter Mannschaft abgewatscht, hat aber Recht behalten.

    Habe vor Jahren seine Diskussion mit P. Krugman verfolgt, die er m. A. n. argumentativ für sich entschieden hat.

    R. G. Rajan hatte sehr hellsichtig erkannt, dass die NIEDRIGZINSPOLITIK der Notenbanken und die DEREGULIERUNG des Bankensektors die Politik-Antwort der entwickelten Volkswirtschaften darauf war, dass aufgrund der Globalisierung eine Zunahme des Wohlstands für breite Schichten NICHT mehr über Arbeitseinkommen zu erzielen sein würde.

    >„Es gibt eine Grenze, doch wenn die aufgenommenen Gelder in renditestarke Infrastrukturprojekte investiert werden, wird diese vermutlich nie getestet – die zusätzlichen künftigen Einnahmen werden für die zusätzlichen Schulden bezahlen. Wird das Geld allerdings für die dringend erforderliche Unterstützung armer und gefährdeter Haushalte ausgegeben, wird diese Grenze irgendwann deutlich werden.“ >

    Diese Aussage ist an M. Stöcker adressiert.

    Klar, Geldschulden sind Geldvermögen.

    Und wenn die Geldschulden auf die nächste Generation übergehen, gehen auch die Geldvermögen auf die nächst Generation über.

    Was dabei ÜBERSEHEN wird:

    Wenn der Staat sich für Konsum statt für Investitionen, die auch noch renditestark sein müssen, entscheidet, dann – c. p. – FEHLEN zukünftig Staatseinnahmen, um die Vermögensbesitzer zu bedienen.

    Die nächste Generation der Schuldner ist also gekniffen.

    Genau das war in der Vergangenheit hierzulande so und wird in großem Stil weiterhin so betrieben:

    Mehr Schulden für den Sozialstaat und für Bildung, u. a. mit Pseudo-Investitionen in den Wärmehallen der Universitäten, deren „Output“, dann zu 30% im „hochproduktiven Staatsdienst“ landet. ;-)

    >Es reicht nicht, dass eine Regierung sicherstellt, dass sie sich ihre Zinszahlungen leisten kann; sie muss zudem nachweisen, dass sie und ihre Nachfolger die aufgenommenen Kredite zurückzahlen können.>

    Ich würde nicht sagen, dass sie es NACHWEISEN muss.

    Sie muss es GLAUBHAFT machen.

    Kann sie das nicht, ganz richtig:

    >… werden die Anleger neue Anleihen nur kaufen, wenn sie überzeugt sind, dass die Regierung ihre sämtlichen Schulden aus ihren kommenden Einnahmen bezahlen kann.“>

    bzw.

    Sie werden Risikozuschläge, also deutlich HÖHERE Zinsen verlangen, wenn sie neue Anleihen kaufen.

    Und da Zinsen Kosten sind, kann es dann ganz schön eng für hochverschuldete Staaten werden.

    Das alles ist nichts Neues, nur zur Erinnerung:

    Das war bereits 2015 so, womit wir wieder bei „Whatever it takes …“ wären.

    Wenn der Schuldner mit der EU aufgrund deren neuen Finanzierungsfazilitäten auch grösser ist, ein BESSERER Schuldner wird er absehbar nicht sein.

    Für die problembehaftete Finanzierung von Gemeinschaftshaushalten, die vorrangig auf VERTEILUNG ausgerichtet sind, gilt nach wie vor:

    Aufgeschoben ist NICHT aufgehoben.

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    • Avatar
      Gregor_H sagte:

      @Tischer
      „Wenn der Schuldner mit der EU aufgrund deren neuen Finanzierungsfazilitäten auch grösser ist, ein BESSERER Schuldner wird er absehbar nicht sein.“

      Vorläufig schon, die letzten zwei, kleineren, Platzierungen der EU waren bis zu zehnfach überzeichnet.

      Antworten
      • Avatar
        Dietmar Tischer sagte:

        @ Gregor-H

        Vorläufig ein SICHERER Schuldner, aber längerfristig keiner, der seine wirtschaftliche Situation so verbessern könnte, dass die ZUNEHMENDEN Schulden zukünftig so wenig belastend wie jetzt oder noch weniger belastend bedient werden können.

        Aber zugegeben, es kommt auch auf die anderen Schuldner, insbesondere die USA an.

        Da sieht es natürlich nicht besser aus.

    • Avatar
      Richard Ott sagte:

      @Herr Tischer

      „Mehr Schulden für den Sozialstaat und für Bildung, u. a. mit Pseudo-Investitionen in den Wärmehallen der Universitäten“

      Das ist aber jetzt unfair, wir verschulden uns, um in Deutschland ganz tolle Forschungsprojekte an den Universitäten zu finanzieren. Die besten von ihnen sind nachhaltig und feministisch zugleich – und sichern so die Zukunft unserer Autoindustrie:

      „Uni Magdeburg: WIE GESCHLECHTERNEUTRAL SIND ELEKTROAUTOS?
      – Erste „Marianne-Schminder-Professur“ der Uni Magdeburg erforscht Abhängigkeit von Technologieentwicklung und Geschlecht
      (…)
      Dr. Andrea Wolffram ist eine anerkannte Expertin auf dem Gebiet der Technik- und Organisationssoziologie und Geschlechterforschung und untersucht unter anderem Wissenschaftskarrieren von Frauen in technischen Berufen und technischen Disziplinen im deutschen Hochschul- und Forschungssystem. Sie analysiert, wie Erfindungen und neue Technologien in der Vergangenheit und heute von wem genutzt wurden und werden, welche Geschlechterverhältnisse sich in Technologien einschreiben und damit auch welche unterschiedlichen Interessen und Bedürfnisse von Frauen und Männer im Entwicklungsprozess von Technologien Berücksichtigung finden. Ihr Fokus in Forschung und Lehre an der Fakultät für Maschinenbau der Universität Magdeburg liegt darauf, die Einflüsse von Geschlechterrollen auf moderne Technologieentwicklung zu erforschen, insbesondere in Bezug auf Nutzung von Elektromobilität.“
      https://www.magdeburger-news.de/?c=20190501094255

      Antworten
  5. Avatar
    foxxly sagte:

    anmerkung zum text oben:
    versicherungen sind verpflichtet, staatsanleihen zu kaufen!
    minuszinsen ein gewinn? nein! weil der relative wertverlust (im verhältnis des geldmengenwachstums), ein mehrfaches des „angeblichen gewinns“ ist!
    im übrigen: solange die banken „leistungslos“ an der realwirtschaft mitverdienen (verdienen???????), entstehen die schieflagen. da ändert eine „stellschraubenpolitik“ etc. nichts!

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