Die humanitäre Krise der USA

Wir wissen, dass die Erwerbsquote in den USA in den letzten 20 Jahren deutlich gesunken ist. Einer der Gründe für das geringere Wachstum, den früheren Inflationsdruck (potenziell) und wohl auch die zunehmende politische Unzufriedenheit mit den bekannten Folgen. Die FT brachte nun ein Chart der Deutschen Bank, das eine traurige Erklärung findet:

  • „The latest chart book from Deutsche’s redoubtable economist Torsten Slok is available, and it includes one of the most depressing charts I have seen in a long time. Here it is:“ – bto: Es zeigt den Zusammenhang zwischen Drogenabhängigkeit und Arbeitsmarktpartizipation.

  • „The  Y axis is the most depressing. The amount of opioids being dispensed in the US is horrifying and surely far out of line with the number of people suffering from severe physical pain. The correlation between opioid use and labour force participation is also, unsurprisingly, strong.“ – bto: klar, weil es die Arbeitsfähigkeit einschränkt.
  • „Giving up on finding a job leads to desperation and a refuge in drugs; addiction makes job-searching impossible. Both are driven by economic confidence, or the loss of it. And in combination, all of these measures create a large and particularly vicious circle.“

Fazit vom John Authers von der FT: „There is a lot of despair about. This is a dangerous situation, particularly as it coexists with high and growing inequality, and with an economy that is improving nicely for those who are lucky enough to avoid the vortex of addiction and joblessness.“ – bto: Auch das stimmt.

ft.com (Anmeldung erforderlich): „Authers’ Note: Argentinosaurus Markets“, 30. August 2018

Kommentare (18) HINWEIS: DIE KOMMENTARE MEINER LESERINNEN UND LESER WIDERSPIEGELN NICHT ZWANGSLÄUFIG DIE MEINUNG VON BTO.
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    MFK sagte:

    Die schädlichen Auswirkungen des Opiums kannten schon die Engländer. Die haben dieses Mittel allerdings nur zur Destabilisierung anderer Länder angewendet.

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    Dietmar Tischer sagte:

    Die Verschreibungszahlen sind dramatisch.

    Gerade deshalb werfen sie Fragen auf:

    a) In USA soll die Zahl der verschriebenen Opioide in den letzten 20 Jahren um das Vierfache gestiegen sein. Zu erklären wäre das VERSCHREIBUNGSVERHALTEN, wenn die Behauptung richtig ist, dass die Anzahl der unter starken Schmerzen leidenden Menschen nicht derart gestiegen sein kann.

    https://www.apotheken-umschau.de/Schmerz/Schmerztherapie-Wie-Opioide-helfen-537621.html

    b) Wem, in welchem Alter und unter welchen Umständen wurden die verschrieben? Ich wüsste gern die Erklärung, um etwas die Befindlichkeit der amerikanischen Bevölkerung zu erfahren. Möglicherweise gibt es dann eine URSÄCHLICHE Erklärung für die aufgezeigt Korrelation.

    Der Teufelskreis von Abhängigkeit, Arbeitsunfähigkeit, verstärkter Drogenabhängigkeit und unumkehrbarer Arbeitsunfähigkeit ist zwar anzunehmen, müsst aber nicht auf „Menschen“, sondern „arbeitssuchende Menschen“ bezogen werden.

    c) Interessant ist warum New York, Kalifornien sowie Massachusetts trotz sehr geringer Verschreibungen eine relativ geringe Partizipationsrate aufweisen. Sind dort zu viele Leute zu reich, um arbeiten zu müssen?

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      Thomas M. sagte:

      >Wem, in welchem Alter und unter welchen Umständen wurden die verschrieben? Ich wüsste gern die Erklärung, um etwas die Befindlichkeit der amerikanischen Bevölkerung zu erfahren.

      Opioide zu verschreiben ist in den USA wohl ziemlicher „Main-Stream“. Lt. den Publikationen gab es die Bewegung in den 90ern, mehr gegen Schmerzen zu tun. Das tat man dann auch. Beim Konsum sind die Amis ja generell nicht zimperlich. Auch war immer mein Eindruck, dass viele recht offen und souverän über ihre Medikation sprechen und man sich hierzu gegenseitig auch Tipps gibt.

      Dann gibt es halt die Ärzte, die schnell/leichtfertig verschreiben und auch Patienten, die gezielt diese Ärzte suchen, wenn sie einmal auf den Geschmack gekommen sind. Empfehlungsgeschäft dürfte da wohl auch eine wichtige Rolle spielen.

      Anbei ein paar interessante Aussagen von einem Arzt in einem Artikel…

      „Giving patients what they want for pain makes for a much more enjoyable hospital stay for them, and an easier patient for us to take care of. […] For one, we should look abroad. In numerous other countries, opioid use is much lower than it is in the United States, even though the physicians there do many of the same surgeries. This is likely because patients receive far, far fewer opioid medications in and out of the hospital, due to costs, availability and doctor preferences. I’m sure that some patients have a more painful experience in those countries than they would here, but in the big picture, and, as difficult as it is to practice, maybe a little more discomfort is what some of our patients need to spare them some of the widely-recognized complications of opioid-based pain management.“

      https://www.nbcnews.com/think/opinion/fix-opioid-crisis-doctors-me-may-have-let-patients-be-ncna836141

      Und für Enthusiasten – das beleuchtet unter anderem das Verhältnis zwischen Ärzten und Patienten: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC5494184/

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        Dietmar Tischer sagte:

        @ Thomas M.

        Ihre Bemerkungen und Verweise deutend darauf, dass die Verschreibung und der Konsum von Opioiden ein Phänomen ist, das unterschiedliche psycho-soziale und wirtschaftliche Ursachen hat.

        Insofern sind sie nur ein Indikator für die Befindlichkeit eines großen Teils der Menschen, die in USA leben.

        Nur ein Indikator heißt:

        Wenn die Verschreibung und der Konsum von Opioiden entfielen, wäre zwar die Korrelation im Schaubild nicht mehr nachzuweisen, aber der Sachverhalt variierender Partizipation am Arbeitsmarkt bestünde weiter.

        Möglicherweise würde er durch ein anderes „Main-Stream – Behandlungsverfahren“ sichtbar und nachzuweisen sein.

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        Thomas M. sagte:

        „Giving up on finding a job leads to desperation and a refuge in drugs“

        Der Beitrag suggeriert stark, dass viele aus Verzweiflung Zuflucht in verschreibungspflichtigen Opioiden suchen. Für viele dürfte es aber schlicht anders herum sein: Sie haben chronische Schmerzen oder eine kleine bis mittlere (auch ambulante) OP und erhalten die Opioide verschrieben und nehmen diese dann zuhause. Und das führt dann zur Abhängigkeit und dem Bestreben sich daheim auch weiterhin wohlig-warm zu fühlen.

        Wenn man die ganzen echten Schmerzpatienten-Fälle herausrechnet und dann noch die Fälle, die aufgrund von OPs abhängig wurden, würde vermutlich noch etwas übrig bleiben. Und darunter wären dann die Fälle, die sich Opioide aus Verzweiflung verschaffen.

        So richtig rund ist die Story aber auch dann nicht für die verschreibungspflichtigen Opioide, weil die Alternativen auf der Strasse billiger sind… und die Fälle sind ja gerade in der Statistik nicht enthalten.

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    Thomas M. sagte:

    Das sind *verschriebene* Opioide. Der gezeigte Effekt hat auch (vor allem?) etwas mit dem Anteil an Labor-Jobs, job-bedingtem oder gewicht-bedingtem Verschleiß und chronischem Schmerz zu tun. Wessen Schmerzen so stark sind, dass er Opioide verschrieben bekommt, ist oft auch arbeitsunfähig oder zumindest eingeschränkt. Das müsste man schon noch rausrechnen, bevor man kausal „despair“ ableitet und eine einfache Korrelation plottet. Das Problem ist aber auch, dass Opioide inflationär verschrieben wurden, und so manch Normalo abhängig wurde. Zynischerweise ist Heroin wohl anscheinend günstiger als die verschreibungspflichtige Medizin, so dass viele auch noch an die Nadel gingen. Wer auf diese Weise zum Junkie wurde, ist wohl anschließend „despaired“ und nicht vorher schon.

    Insofern etwas arges Fishing for Effects. Public Health ist immer multi-dimensional. Hier mal in Kürze; die Amis haben schon vieles gut aufbereitet zum Thema…

    „In the late 1990s, pharmaceutical companies reassured the medical community that patients would not become addicted to prescription opioid pain relievers, and healthcare providers began to prescribe them at greater rates. This subsequently led to widespread diversion and misuse of these medications before it became clear that these medications could indeed be highly addictive. Opioid overdose rates began to increase. In 2015, more than 33,000 Americans died as a result of an opioid overdose, including prescription opioids, heroin, and illicitly manufactured fentanyl, a powerful synthetic opioid. That same year, an estimated 2 million people in the United States suffered from substance use disorders related to prescription opioid pain relievers, and 591,000 suffered from a heroin use disorder (not mutually exclusive). […] Roughly 21 to 29 percent of patients prescribed opioids for chronic pain misuse them.“

    https://www.drugabuse.gov/drugs-abuse/opioids/opioid-overdose-crisis

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      Ulrich Remmlinger sagte:

      Danke für den interessanten Link.
      Was sagen wohl die Foristen hier zu Turchins Aussage zur Ursache der Verarmung:
      The answer is that it was a combination of immigration, loss of manufacturing jobs overseas, massive entry of women into the labor force (thus, this factor both inflated household income and, perversely, depressed wages for men), and changing attitudes towards labor.
      Der Opiatemißbrauch scheint mir eine Folge der Verarmung zu sein.

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        Dietmar Tischer sagte:

        @ Ulrich Remmlinger

        Der verlinkte Artikel ist in der Tat interessant und der Autor argumentiert m. A. n. auf hohem Niveau.

        Gerade deshalb sollte man vorsichtig sein:

        Was Sie zitieren, ist keine Aussage zur Ursache der Verarmung, sondern eine zu „Warum Reallöhne nicht mehr wuchsen“ (ab etwa 1970).

        Ich meine, dass dies ein Unterschied ist, den wir beachten sollten.

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        Ulrich Remmlinger sagte:

        Herr Tischer, ist das nicht etwas spitzfindig?
        Turchin zeigt, daß die Reallöhne der unteren 20% seit 1979 um fast 20% gefallen sind. Und das bei sichtbarer Zunahme des Wohlstandes der oberen 20%. D.h. es kam zu einer relativen Verarmung und zu entsprechender Unzufriedenheit beim abgehängten Teil der Bevölkerung. Dann fragt er „why did this happen?“ und liefert obige Antwort.

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        Dietmar Tischer sagte:

        @ Ulrich Remmlinger

        Ich meine nicht, dass die Differenzierung spitzfindig ist.

        Der Grund dafür:

        Wenn wir auf dem Wohlstandsniveau der USA eine Stagnation der Reallöhne (Durchschnitt von „typical non-elite groups“) unqualifiziert als Armut bezeichnen, wie Sie es getan haben, als sie den Autor zitierten, sind wir auf einem gefährlichen Pfad.

        Denn wir lügen uns etwas vor – Armut, die generell SO nicht besteht.

        Richtig ist, dass P. Turchin danach die Reallohnentwicklungen von UNTERSCHIEDLICHEN „typical non-elite groups“ darlegt.

        Sie haben zurecht darauf verwiesen und auch auf das, was diese Grafik zeigt:

        Es gibt ein AUSEINANDERLAUFEN der Reallöhne zwischen „poorest“ und „richest“, d. h. niedrigbezahlten und hochbezahlen Lohn- und Gehaltempfängern (unter den „typical non-elite groups“).

        Das ist etwas anderes, als generelle Armut, auch wenn 20% Reallohnverlust am unteren Ende alles andere als eine Kleinigkeit sind.

        Bei P. Turchin geht es nur um Einkommen aus Arbeit, nicht aus Vermögen.

        Das ist noch einmal eine andere Dimension, gerade in USA.

        Kurzum:

        Die Differenzierung ist notwendig, damit wir uns GEZIELT mit den Problemen beschäftigen statt Pauschalurteile zu fällen oder womöglich argumentativ nur um einen zwar nicht unbedeutenden, aber ausgewählten Extrem-Sachverhalt zu meandern.

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        Markus sagte:

        @DT:

        Ich habe den verlinkten Artikel nicht gelesen. Ihre Argumentation finde ich trotzdem spitzfindig. Für mich ist Armut immer ein relativer Begriff. Und da die Vermögensungleichheit innerhalb von Volkswirtschaften wesentlich größer ist, als zwischen Ihnen, halte ich es für heuchlerisch, das Durchschnittsvermoegen einer Volkswirtschaft als Kriterium für Armut heranzuziehen.

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        Dietmar Tischer sagte:

        @ Markus

        Es geht in dem Artikel nicht um Vermögensungleichheit, sondern um

        a) die Entwicklung der durchschnittlichen REALLÖHNE

        und

        b) die Entwicklung der Reallöhne nach HÖHE der Löhne (so jedenfalls ist „poorest“ und „richest“ zu verstehen im Kontext).

        >… halte ich es für heuchlerisch, das Durchschnittsvermoegen einer Volkswirtschaft als Kriterium für Armut heranzuziehen.>

        Ich halte es nicht für heuchlerische, aber für nicht zielführend wenn mit Durchschnittsgrößen argumentiert wird angesichts der Probleme, die es speziell in USA gibt.

        Das Problem in USA und anderswo ist nicht der Durchschnitt, sondern aufgrund welcher differenzierender Entwicklung es welche Probleme gibt.

        Darauf verweist der Artikel auch.

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      Andreas Müller sagte:

      Interessant auch dieser Graph über die Entwicklung verschiedener Einkommensgruppen:
      http://www.joerglipinski.de/blog/die-einkommensumverteilung-in-den-vereinigten-staaten/
      Ab 1970 stagnierte das Einkommen von 90% der Amerikaner.
      Zunächst haben aber die oberen 10% progressiv Federn gelassen und dann ab 1980 mit Reaganomics zurückgeschlagen.
      Interessant wären natürlich auch noch die unteren 50% und 10%. Da ist die Lebenserwartung gesunken

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    Wolfgang Selig sagte:

    Mich stört, dass zu den Ursachen des offenbar wachsenden Opiatekonsums nichts gesagt wird. Im Gegensatz zu Kokain oder Amphetaminen ist das normalerweise nicht gerade etwas, was ein Jugendlicher als Kick mal ausprobieren will.

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    Sabine Schmid sagte:

    Sicher hat dieser Graph so oder so eine Aussagekraft. Dennoch möchte ich wissen, was als Arbeitsmarktpartizipation zählt. Auch zwie Stunden Rasenmähen pro Woche? Und welches ist die relevante Gesamtheit, also die 100 Prozent? Erwerbsfähgie zwischen 20 und 65? Oder arbeitslos gemeldete Personen?

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    Andreas Müller sagte:

    Die humanitäre Krise der USA ist längst so weit fortgeschritten, dass sie in Teilen der (weißen) Bürgerschaft zu einer stark sinkenden Lebenserwartung geführt hat, die sich auch schon leicht in den Durchschnitt niedergeschlagen hat. Die Lebenserwartung sinkt also in den USA als einzigem Industrieland der Welt:
    https://www.zeit.de/2017/10/lebenserwartung-usa-statistik-bildung-lebensumstaende-drogen
    Dem war eine jahrzehntelange Entwicklung vorausgegangen, in der sich die US-Lebenserwartung schleichend von den (offiziellen) Wirtschaftsdaten entkoppelt hat und hinter die der meisten anderen Industrieländer zurückgefallen ist.
    https://hintermbusch.wordpress.com/2016/10/28/warum-sind-die-amerikaner-sauer/
    Europa hat aber seit der Finanzkrise seine beste Zeit auch hinter sich. Wir dürften den USA einfach nur wieder einmal hinterherlaufen.

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    SB sagte:

    Welche Politik hat zu dieser Entwicklung geführt und wer waren die Verantwortlichen? Trump wird’s im Zweifel nicht gewesen sein (Putin auch nicht)…

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