„Der Schuldenberg erreicht 247 Bio. $“

Bekannt. Gefürchtet. Von allen Freunden von bto sicherlich schon gesehen: Das Grundthema dieses Blogs erlangt jeden Tag mehr Umfang: Die weltweiten Verbindlichkeiten sind nun mehr als dreimal so hoch wie das globale Bruttoinlandprodukt. Die FINANZ und WIRTSCHAFT berichtet:

  • „Wie die neuen Daten des Bankenverbands Institute of International Finance (IIF) zeigen, haben die Schulden aller Staaten, Unternehmen und Haushalte zusammen im ersten Quartal um 8 Bio. $ auf 247 Bio. $ zugenommen.“ – bto: Und es wird weiter so gehen.

Abb. 1: Globale Verschuldung nach Sektoren, in Bio. $

  • „Die untenstehende Blasengrafik fasst die globale Verschuldungssituation zusammen: Sie verortet die Länder je nach Grösse des Gesamtschuldenbergs (Grösse der Kugel) auf einem Koordinatensystem aus Staatsschuldenquote (X-Achse) und Privatverschuldung (Y-Achse), jeweils ohne den Finanzsektor.“ – bto: So ist es auch richtig, weil der Finanzsektor zu einer Doppelrechnung führt. Andererseits geht vom Finanzsektor wiederum eine eigene Gefahr aus. Man sollte also beides zeigen.
  • „Japan (JP) bleibt als Schwergewicht in puncto Staatsverschuldung unangefochten an der Spitze. China dagegen fällt wegen der Verschuldung der Unternehmen ausserhalb des Finanzssektors ins Gewicht. Die USA haben mit einer Staatsverschuldung von 101% und einer Privatverschuldung von 150% die Messlatte sehr hoch gesetzt. Über den USA befinden sich auf beiden Achsen, im kritischen Quadranten oben rechts, der Libanon (LB), Portugal (PT), Belgien (BE), Frankreich (FR), Spanien (ES) und Grossbritannien (UK).“ – bto: noch Fragen, was Macron umtreibt? Vielleicht sollte das Chart mal von unserer Regierung studiert werden?
  • „In den Schwellenländern ist die Gesamtverschuldung (ohne Finanzsektor) um 2,5 Bio. $ auf ein neues Höchst von 58,5 Bio. $ geklettert. In Kolumbien, Argentinien und auf den Philippinen haben vor allem die Schulden der Unternehmen stark zugenommen. In China und der Türkei ist die Schuldenquote des Unternehmenssektors seit Anfang 2017 etwas gesunken. Die Staatsverschuldung ist vor allem in Argentinien, Brasilien und Nigeria deutlich gestiegen. Das IIF erwartet, dass der Schuldendienst aus der Staatsverschuldung pro Jahr 2% der Wirtschaftsleistung frisst.“ – bto: Es ist halt eine globale Droge.
  • „Die Autoren gehen auch der Frage nach, wie sich die Abwertung der Lokalwährung auf die Schuldensituation der Schwellenländer auswirken würde:“
  • „Gemäss ihrer Auswertung sind die Türkei, Ungarn, Argentinien, Polen und Chile besonders anfällig für Währungsschwankungen. Diese Länder hätten besonders viele Kredite in einer Fremdwährung ausstehend. Insgesamt haben die Schwellenländer Dollar- und Euroschulden im Wert von 5,5 Bio. $ – auch das ist ein Rekord. Der Löwenanteil (78%) entfällt auf Unternehmen (ohne Finanz). Dazu kommen 3 Bio. $ Fremdwährungsschulden des Bankensektors.“ – bto: Es ist ein Tanz auf dem Vulkan. Aber ich lege mich nicht mehr fest, wann der Spaß zu Ende ist.

→ fuw.ch: „Der Schuldenberg erreicht 247 Bio. $“, 12. Juli 2018

28 Kommentare
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    Christian Maler sagte:

    Die zweite Grafik ist recht interessant und gut. Was besonders auffällt ist, dass weiter entwickelte Schwellen- und Industrieländer tendenziell mit größeren Blasen weiter rechts oben angesiedelt sind. Im Gegenzug ist Nigeria in der linken unteren Ecke recht auffällig (sicherlich durch die Bodenschätze wie Erdöl und dementsprechende ausländische Investitionen begründet). Nun mag bekanntermaßen Nigeria infrastrukturell nicht so gut ausgebaut sein wie andere Länder. Dies lässt wiederum die Frage zu, was besser ist: Ein vergleichsweise geringer Ausbauungsgrad mit geringen Schulden oder ein tendenziell wahrscheinlich höherer Ausbauungsgrad mit höheren Schulden? Daraus ergibt sich die Frage, wofür die Schulden verwendet wurden? Von daher wären einmal Zahlen interessant, die versuchen finanziell zu quantifizieren, welches nachhaltige Kapital (gesicherte (!!) Kranken- und Altersversorgung, Infrastruktur in jeglicher Form, welche noch eine lange Nutzung verspricht, sowie Bildung und Qualifikation der Bevölkerung, usw.) in einer Volkswirtschaft steckt. Sicherlich ein sehr aufwendiges und komplexes Unterfangen. Aber bei einer Gegenüberstellung solcher Zahlen / eines solchen Potentiales eines Landes mit den Schulden eines Landes ergäbe eventuell für einige Länder ein anderes Bild: Ein besseres aber vielleicht auch ein schlechteres. Als Folge eines solchen Ansatzes könnte man zu dem Schluss, dass es von Vorteil ist, von der eigenen Sparmentalität abzurücken, sich als Volkswirtschaft deutlich stärker zu verschulden, diese Schulden aber nur in „Assests“ zu investieren, die einen langfristigen Bestand haben, speziell wenn man von einem Untergang des Euros ausgeht und so nach dem „Reset“ mit einem vergleichsweise starken Potential zu Erholung dasteht. Ähnliche Ansätze wurden ja hier ab und zu direkt oder indirekt bereits diskutiert.

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    Geronimo sagte:

    Ich möchte nur einmal kurz einwerfen, dass unser Geldsystem ein Giralgeld-, auch Schuldgeldsystem genannt, ist. Ohne Schulden kein Geld. Guthaben und Schulden sind immer gleichmäßig verteilt. Erst der Zins- und Zinseszinseffekt bringt das System zum Kippen. Ungerechte Geldverteilung ist eine Sache, aber die Zinseffekt killen das System und da ist es egal welche Volkswirtschaftliche Lehre man verfolgt, der Exitus des Systems steht immer fest. Greift der Staat mit regulierenden Maßnahmen ein, werden die Marktverhältnisse verändert. Greifen die Zentralbanken ein, werden die finanzwirtschaftlichen Verhältnisse und Möglichkeiten gestreckt, gedehnt resp. die notwendige nd unabwendbare Bereinigung aufgeschoben. Wie jetzt. Wir wissen nicht wann es passiert, aber sehr genau das es passiert. Jeden Tag kommen wir dem ein Stück näher und wir sind näher dran, als die meisten vermuten.

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      Dietmar Tischer sagte:

      Ihre Darlegung ist nicht vollständig.

      Das VERZÖGERN durch Staat und/oder Notenbanken ist eine Sache.

      Es gibt auch ein Verzögern, wenn die Volkswirtschaft wächst, u. a. durch die zunehmende EINBEZIEHUNG von Nichtbeschäftigten.

      Erst wenn das ausgereizt ist, gewinnen die Verzögerungen durch Staat und Notenbanken entscheidendes Gewicht.

      Die andere Frage ist, ob die Zinseffekte das SYSTEM killen müssen.

      Es ist zumindest denkbar, dass Kriege und/oder ein kontinuierlicher Strom von INSOLVENZEN – der allerdings akzeptiert werden müsste – den Zinseffekt an der ZERSTÖRUNG des Systems hindert.

      Die Frage ist berechtigt, weil Insolvenzen das Verschuldungsvolumen sehr effektiv abbauen – und das sozusagen auch noch automatisch.

      Solange die Gesellschaft der materiellen BEFINDLICHKEIT der potenziell von Insolvenzen Betroffenen den Vorrang einräumt und den Systemerhalt als etwas SELVTVERSTÄNDLICHES ansieht und daher nichts für ihn leistet, eben keine INSOLVENZOPFER erbringt, wird der Systemerhalt ein nachhaltiges Problem sein – und vermutlich irgendwann scheitern.

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    Benno Knapp sagte:

    Mir sind die Grabenverläufe in diesem Forum nicht bekannt, allerdings als unvoreingenommener Neuling kommt es mir so vor, als würde Hr.Stöcker von Hr.Selig missverstanden werden:
    Wenn Hr.Stöcker schreibt, dass des Einen Schulden des Anderen Guthaben sind, dann ist dies eine einfache Wahrheit. Dass diese Wahrheit dem Schuldner nichts nützt ist auch klar.
    Insofern zeugt der Verweis auf die Not der Armen durch Hr.Selig zwar von dessen Mitgefühl, bringt aber keine neue Erkenntnis.

    Die von Hr.Stöcker angesprochene Saldenmechanik des Saarbrücker Volkswirtschaftsprofessors Dr.Wolfgang Stützel hat uneingeschränkte Gültigkeit, denn es handelt sich hierbei nicht um eine Theorie, sondern um triviale Arithmetik.
    Das Geldvermögen der Welt ist Null (0).
    Jedem Guthaben steht eine Verbindlichkeit gegenüber.
    Selbst Bargeld ist eine Verbindlichkeit der Notenbank, die dieses Bargeld herausgegeben hat.

    Ich verstehe Hr.Stöcker so, dass wenn es auf der einen Seite eine krankhafte Überschuldung gibt, so existiert auf der anderen Seite eine krankhafte Bereicherung.

    Insofern wäre es das Gebot der Stunde, sich politische Maßnahmen zu überlegen, wie man Spitzenvermögen, wie das von Jeff Bezos und anderer Multimilliardäre abschöpft , um die Verschuldungssituation z.B. der öffentlichen Hand zu verringern.
    In dem Maße, wie die Superreichen ärmer würden, würden die Staatshaushalte gesunden.
    Ganz einfach.

    Benno Knapp

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      Michael Stöcker sagte:

      „Selbst Bargeld ist eine Verbindlichkeit der Notenbank, die dieses Bargeld herausgegeben hat.“

      Nein, Bargeld ist keine Verbindlichkeit der Notenbank, es verweist aber in aller Regel auf eine Verbindlichkeit auf der 2. Stufe unseres Geldsystems.

      „In dem Maße, wie die Superreichen ärmer würden, würden die Staatshaushalte gesunden.
      Ganz einfach.“

      Ja, es wäre ganz einfach, wenn man denn die Superreichen tatsächlich besteuern könnte und wollte. Bei beidem habe ich so meine Zweifel.

      Italien hatte schon immer das Problem mit der Steuererhebung und hatte von daher vor dem Euro das Instrument der Inflationssteuer via höherer Staatsverschuldung eingesetzt (monetisiert durch die italienische Zentralbank). Etwas Ähnliches schwebt mir vor, allerdings ohne inflationäre Benachteiligung der einkommensschwachen Bürger. Statt monetärer Staatsfinanzierung monetäre Bürgerfinanzierung: https://zinsfehler.com/2016/09/25/ein-geldpolitisches-manifest-fuer-europa/

      LG Michael Stöcker

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      Dietmar Tischer sagte:

      @ Benno Knapp

      >Ich verstehe Hr.Stöcker so, dass wenn es auf der einen Seite eine krankhafte Überschuldung gibt, so existiert auf der anderen Seite eine krankhafte Bereicherung.>

      Sie verstehen ihn richtig, wobei Sie beide nicht verstehen, dass „krankhaft“ keine ökonomische, wirtschaftspolitisch oder sonstige Kategorie ist, die sich mit der Saldenmechanik verbinden ließe.

      Das System hat Zustände erzeugt, die teilweise durch die Saldenmechanik abgebildet werden.

      WER zu viel und zu wenig von WAS bekommt, ist erst einmal eine Frage, die die Realwirtschaft betrifft.

      Die Saldenmechanik kann sie nicht beantworten, denn sie ist kein Akteur, der verteilt oder zugewiesen hat.

      Durch Abschöpfung von Vermögen lassen sich zwar BEGRENZT Ansprüche umverteilen – gerade mal so lange wie man abschöpfen kann – aber man ÄNDERT auch die Systemfunktionen.

      Das kann man schon in Kauf nehmen wollen, muss aber sicherstellen, dass das System weiterhin hinreichend leistungsfähig ist, damit es immer genügend zum Abschöpfen gibt.

      Das müssen Sie einmal mitdenken, bevor sie mit dem „Gebot der Stunde“ und „ganz einfach“ hausieren gehen.

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        Benno Knapp sagte:

        @Dietmar Tischer
        Ich empfinde Ihren Stil als oberlehrerhaft.
        Sie brauchen sich auch nicht an sprachlichen Details hochzuziehen: Streichen Sie „krankhaft“ setzen Sie „überbordend“
        Ich habe auch keinen Anlass dazu gegeben, die Saldenmechanik als „Akteur“ zu sehen, der etwas verteilt oder zuweist.
        Meine Erkenntnis aus der Saldenmechanik, die ich mit den Lesern dieses Forums teilen wollte, ist, dass sich eine aus dem Ruder laufende Staatsverschuldung nur dadurch verringern lässt, dass man das Geld jemand anderem wegnimmt. Denn dieser andere verfügt über das Geld, das dem Staat fehlt.
        Dieser Zusammenhang ist meiner Meinung nach so wichtig, weil damit die Unwirksamkeit einiger wirtschaftspolitischer Ansätze erklärt wird:
        z.B. zu glauben, dass man ohne entsprechende Spitzenbesteuerung aus der Schuldenfalle herauskäme.

      • Avatar
        Dietmar Tischer sagte:

        @ Benno Knapp

        Es ist Ihnen, wie jedem anderen, selbstverständlich freigestellt, meinen Stil mit oberlehrerhaft zu bewerten.

        Ich habe kein Problem damit.

        Meinem Selbstverständnis nach ziehe ich mich nicht hoch an sprachlichen Details, sondern versuche, so GENAU wie möglich zu verstehen, was jemand MEINT.

        „Krankhaft“ bedeutet etwas anderes als „überbordend“.

        Ersteres bezieht sich auf gesundheitliche NORMEN und damit auf etwas, das dem allgemeinen Verständnis nach korrigiert werden SOLLTE, um den Sollzustand herzustellen.

        „überbordend“ wird hier im FUNKTIONALEN Kontext bezüglich bestimmter EFFEKTE gebraucht.

        Das sind Unterschiede, die bedeutsam sind, weil davon die HANLUNGSGRUNDLAGE betroffen ist:

        „krankhaft“ VERLANGT Handeln ohne weitere Begründung, während Effekte zu BEWERTEN sind, BEVOR man handelt.

        Das ist ein Unterschied, der Sie nicht interessieren mag, der aber gleichwohl bedeutsam ist zumindest in einer ÖFFENTLICHEN Debatte, wo – anders als regelhaft in der Wissenschaft – kein Bemühen besteht, einen Konsens herzustellen, wie Begriffe zu verstehen und zu gebrauchen sind.

        Soweit eine weitere kleine Lektion in Sachen Oberlehrerhaftigkeit.

        Zu dem, was Sie sagen:

        >Ich habe auch keinen Anlass dazu gegeben, die Saldenmechanik als „Akteur“ zu sehen, der etwas verteilt oder zuweist.>

        Richtig, Sie sehen die Saldenmechanik nicht als Akteur, BEZIEHEN sich aber auf die Aussagen der Saldenmechanik, um davon Handeln abzuleiten.

        Das kann man tun, dagegen ist nichts zu sagen.

        Es ist allerdings WILLKÜRLICH, weil man auch mit Blick auf andere Bezüge begründen kann, dass so oder so gehandelt werden sollte.

        Darauf habe ich verweisen wollen.

        Das war offensichtlich nicht sehr geschickt und Sie betreffend auch nicht erfolgreich, so dass ich Sie jetzt beim Wort nehmend explizit werde:

        >… dass sich eine aus dem Ruder laufende Staatsverschuldung nur dadurch verringern lässt, dass man das Geld jemand anderem wegnimmt.>

        Ihre Erkenntnis – aus der Saldenmechanik (!), wie sie selbst sagen –, ist falsch.

        Ihr „nur“ ist der Fehler.

        Man kann die Staatsverschuldung AUCH dadurch verringern, dass der Staat WENIGER ausgibt.

        Mit dem dadurch bei gleicher Besteuerung MEHR verfügbaren Geld tilgt er seine Schulden.

        So entkäme er der Schuldenfalle und c. p. würden sich auch die Gläubigerpositionen verringern.

        Die Saldenmechanik wäre natürlich bestätigt, aber zugleich widerlegt, als AUSSCHLIESSLICHE Handlungsorientierung gelten zu können .

        Fazit:

        Ihr Bezug auf die Saldenmechanik VERSTELLT den Blick auf die GESAMTPROBLEMATIK und verkürzt die Diskussion auf eindimensionale, von partikularen Interessen getriebene Lösungen.

        Das halte ich nicht für förderlich angesichts der Probleme, denen wir uns stellen müssen.

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    Dietmar Tischer sagte:

    Auf die Türkei achten.

    Die ist als die Nr. 17 der Wirtschaftsleistung nach zwar nicht der ganz große Elefant auf der Weltbühne, aber groß genug, um ein Erdbeben auszulösen.

    Hier zum Stand der Dinge:

    http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/der-ausnahmezustand-in-der-tuerkei-endet-aber-die-wirtschaft-schwaechelt-weiter-15697475.html

    Wechselkurs, Inflationsrate und Direktinvestitionen aus dem Ausland – alles passt zusammen, um angesichts der hohen Fremdwährungsverschuldung in eine ausweglose Situation zu geraten.

    Das noch sehr hohe Wirtschaftswachstum wird folgen.

    Am 24. Juli tagt die Notenbank und wird eine Zinsentscheidung fällen. Dann wissen wir mehr.

    Nur mal so weit gedacht.

    Wohn es die Flüchtlinge aus dem Iran treiben würde, wenn die Türkei in Unruhen gerät, will ich mir lieber nicht ausmalen.

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      Richard Ott sagte:

      Glauben Sie, dass tatsächlich die Notenbank die Zinsentscheidung fällt? Oder Erdogan persönlich mit seinen neuen präsidentialen Durchgriffsrechten?

      Erdogan glaubt ja offenbar, dass sich Inflation mit *niedrigeren* Zinsen bekämpfen lässt, das könnte ein Rezept für ein totales Desaster werden.

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        Dietmar Tischer sagte:

        Ich habe keine Ahnung, wer die Zinsentscheidung fällt und wie sie ausfallen wird.

        Erdogan ist auf jedem Fall der Schlüssel.

        Wenn er seriösen, unabhängigen Ökonomen glaubt, wird er die Zinsen anheben lassen.

        Ich schließe das nicht aus, weil ich die Erfahrung gemacht habe, dass Leute mit einem Ego wie er anscheinend eines hat, auch mal auf Leute hören, die ihnen widersprechen statt immer nur den Ja-Sagern zu folgen.

        Andererseits würde er sicher schwer zu schlucken haben, wenn man ihm sagte, dass die Wirtschaft sich abkühlen müsse. Denn an dem außerordentlichen Wirtschaftswachstum dürfte ein Großteil der Zustimmung hängen, die er im Lande hat.

        Die Zinsentscheidung ist in jedem Fall ein Indikator dafür, wohin die Türkei treibt.

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      Dietmar Tischer sagte:

      „Rettungsaktionen“ für türkische Unternehmen laufen bereits an:

      https://www.ebrd.com/news/2018/ebrd-backs-liradenominated-debut-bond-issued-by-turkish-retailer-migros.html

      Daraus:

      >Encouraging local currency financing, the EBRD is investing TRY 30 million in the TRY 150 million Turkish-lira-denominated bond issued by the country’s second-largest retailer, Migros.>

      Die EBRD ist die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung.

      Man muss es begreifen:

      Eine europäische Bank, letztlich vom Steuerzahler finanziert, KAUFT – fälschlich investieren genannt – die Schulden eines türkischen Privatunternehmens.

      Das ist nicht Wiederaufbau und Entwicklung, sondern die Angst vor dem Kollaps eines Nachbarn.

      So berechtigt die ist mit Blick auf die Auswirkungen, die eine wirtschaftliche Katastrophe der Türkei auch für Europa haben könnte, so verlogen ist die Politik, die sie zu verhindern sucht.

      In US regt sich Widerstand gegen die EBRD, allerdings nicht aus wirtschaftlichen Gründen:

      https://www.bloomberg.com/news/articles/2018-07-20/u-s-senators-seek-to-punish-turkey-over-jailed-american-pastor

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    Wolfgang Selig sagte:

    bto: „Aber ich lege mich nicht mehr fest, wann der Spaß zu Ende ist.“

    Würde ich an Ihrer Stelle auch nicht. Es ist der berühmte Schlag des Schmetterlingsflügels auf einer Seite des Globus, der auf der anderen den Taifun auslöst. Spielt auch wirklich keine Rolle. Irgendwann werden genügend Leute kalte Füße bekommen, einer schreit „Feuer“ und dann haben wir die Panik. Ob das jetzt ein missglückter Brexit, ein Italexit, eine Großbankenpleite oder der Koreakonflikt ist – egal. Ob 2020 oder 2022, auch egal. Schön wäre es nur, wenn sich unsere Volkswirtschaft wenigstens irgendwie mental darauf vorbereiten würde.

    Wenn ich sehe, dass der chinesische Notenbankgouverneur die Führungselite des Landes beim Volkskongress auf den Minsky-Moment vorbereitet, sehe ich leider in Deutschland absolut gar keinen. Und das muss nicht mal Herr Weidmann sein, es wäre ja schon gut, wenn wenigstens ein einziger Wirtschaftsweiser aus dem Sachverständigenrat den Mund aufmachen würde. Dröhendes Schweigen allerorten, bis auf die, die man gleich in die rechte Ecke schiebt und denen man nicht mal zuhören würde, wenn ein Meteorit noch 5 Minuten vom Einschlag entfernt ist.

    Mein Vorschlag: Eine Umfrage unter allen Bundestagsabgeordneten und Landtagsabgeordneten, ob sie schon mal vom Minsky-Moment gehört haben. Eine Ja/Nein-Antwort würde reichen. Tiefer gehen muss es gar nicht. Die Antwort dürfte erwartbar erschreckend ausfallen.

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      Michael Stöcker sagte:

      „Und das muss nicht mal Herr Weidmann sein, es wäre ja schon gut, wenn wenigstens ein einziger Wirtschaftsweiser aus dem Sachverständigenrat den Mund aufmachen würde.“

      Muss nicht, aber er hat es getan:

      „Die Bundesregierung müsse sich auf schlechtere Zeiten vorbereiten, wird Weidmann von Teilnehmern der Kabinettssitzung zitiert. Dies gelte insbesondere, weil es noch längere Zeit dauern werde, bis sich die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) wieder normalisiere. Die Notenbank könne im nächsten Abschwung also kaum reagieren.
      Diese Aufgabe müsse nun vor allem die Finanzpolitik übernehmen, wird Weidmann weiter zitiert.“ http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/jens-weidmann-bundesbank-chef-betont-hilflosigkeit-bei-abschwung-a-1218540.html

      LG Michael Stöcker

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      Michael Stöcker sagte:

      „Mein Vorschlag: Eine Umfrage unter allen Bundestagsabgeordneten und Landtagsabgeordneten, ob sie schon mal vom Minsky-Moment gehört haben. Eine Ja/Nein-Antwort würde reichen. Tiefer gehen muss es gar nicht. Die Antwort dürfte erwartbar erschreckend ausfallen.“

      Nein, tiefer gehen muss es nicht, Herr Selig, aber noch etwas in die Breite. Die zweite Frage sollte sein: Haben Sie schon mal etwas von Saldenmechanik gehört? Und da aller guten Dinge drei sind: Gibt es in einer leistungsstarken Volkswirtschaft Geld ohne Schulden?

      Und als Ergänzung noch die Analyse von David Beckworth: https://www.nationalreview.com/2018/07/euro-zone-crisis-should-integrate-or-separate/

      LG Michael Stöcker

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        Wolfgang Selig sagte:

        @Herrn Stöcker:

        Ja, ich habe von Saldenmechanik gehört (in VWL-Vorlesungen an der Uni). Ich habe aber auch etwas über Überschuldung gelernt. Nicht in der VWL-Vorlesung, sondern ganz praktisch in Diskussionen bei einer Bank (als Praktikant), Steuerberater (Job) und in der Diskussion mit einem Finanzstaatssekretär (abends in der Freizeit).

        Die Dosis macht das Gift, sagen die Apotheker. Das gilt m.E. auch für Schulden. Aber wenn Sie glauben, dass die Zukunft ohne Friktion einfach so weitergehen wird, können Sie sich ja beruhigt zurücklehnen. Mir reicht die Antwort von Herrn Weidmann nicht. „Schlechtere Zeiten“ hört sich nach Konjunkturdelle an. Das, was uns bevorsteht, ist etwas anderes. Genauso gut könnte man die Lehman-Pleite mit der Pleite der Herstatt-Bank in Deutschland 1974 vergleichen. Im Prinzip das Gleiche. Nur heftiger. Warten wir es ab, ich denke, Herr Dr. Stelter sieht es auch weniger gelassen als Sie.

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        Dietmar Tischer sagte:

        @ Wolfgang Selig

        Ich bin ja bekanntermaßen kein Anhänger von M. Stöcker, wenn es um seinen „Rettungsplan“ qua Fiskalpolitik und Umverteilung geht.

        Aber hier muss ich ihm teilweise recht geben:

        Das Problem des reifen Kapitalismus ist realer ÜBERFLUSS – zum einen. Das heißt zugleich mangelnde Nachfrage. Daher rufen alle Großdenker nach der Fiskalpolitik, um die Nachfrage zu erhöhen, weil der private Sektor offensichtlich nicht hinreichend dafür sorgt.

        Zum anderen besteht das Problem in der UNGLEICHEN Verteilung des realen Überflusses. Das betrifft aber nicht nur einen Jeff Bezos, sondern zu viele bis in die Mitte hinein haben z. B. zwei Automobile, von denen schon eines zu viel ist (verstopfte Straßen, keine Parkplätze, Dieselärger etc., etc.)., obwohl sie es sich mit Niedrigstzinsen haben aufdrücken lassen. Und nicht nur die von der Tafel haben zu wenig, sondern auch andere bis in die untere Mittelschicht hinein.

        Zu Weidmann:

        Er hat nicht nur von schlechteren Zeiten im Sinne einer Konjunkturdelle gesprochen. Er hat auch gesagt, dass die EZB auf absehbare Zeit nicht helfen könne und die Finanzpolitik mit dem Problem fertig werden müsse.

        Das sind KLARE Worte und ich bin ganz sicher, dass man am Kabinettstisch sehr GENAU verstanden hat, was auf die Regierung zukommt, falls es eine Rezession geben wird.

        Und die schließt keiner aus, wenn darüber geredet wird.

        Jeder weiß auch:

        Wenn es eine Rezession in Deutschland gibt, ist es auch eine in Europa.

        Die Ampel blinkt, da bin ich mir sicher.

      • Avatar
        Alexander sagte:

        @Dietmar Tischer
        >Das Problem des reifen Kapitalismus ist realer ÜBERFLUSS
        >das Problem in der UNGLEICHEN Verteilung des realen Überflusses

        Das ist das Problem des reifen STAATS-kapitalismus. Die politischen Verteilungskämpfe und die massiven Eingriffe in alle Bereiche der Ökonomie + des Privatlebens zeigen diese Folgen.

        Bei bto brauche ich nicht die Liste an Abgaben und Steuern zu addieren, die vom brutto wieviel netto lässt?

        Preise für Medizin sind nicht Folge von Markt & Wettbewerb, sondern gewollt politisch ausgehandelt.
        Vermögenspreise werden absichtlich gesteigert, sind doch die Kommunen die größten Spekulanten im Bausektor (+Macht Baugebiete zu bestimmen).- hohe Mieten die Folge.

        Zugleich kostet der Stimmenkauf unter den Rentnern alle Rücklagen der Rentenversicherung zukünftiger Rentnergenerationen.

        Wer vor 30 Jahren auskömmlich verdiente und dessen Qualifikation heute nicht mehr erwünscht ist, gehört zu den Verlierern – wenn seine Beitragshistorie zuletzt einbricht. Akademische Bildung heute ist – NULL – Schutz vor Altersarmut übermorgen, weil niemand weis was in 30 Jahren politisch gefragt sein wird.

        Marktversagen und Politik sind eins, alle Probleme sind politischer Pfusch.
        Das Marktversagen beginnt beim Zins, der politisch motiviert so gering gehalten wird und vergiftet alle (refinanzierten) Preise.

        Ein freier Markt ist Utopie, es gibt ihn nicht.

      • Avatar
        Dietmar Tischer sagte:

        @ Alexander

        Es richtig von STAATS-Kapitalismus zu reden.

        >Marktversagen und Politik sind eins, alle Probleme sind politischer Pfusch.>

        Ich wiederhole, was ich schon anderswo gesagt habe:

        Es gibt keine Marktversagen, weil ein Organisationsprinzip wie der Markt nicht versagen kann.

        Es gibt allerdings BEGRENZUNGEN seiner Funktionalität, was kein Versagen ist.

        Damit ergibt sich die Frage:

        Wie gehen wir als Gesellschaft damit um, dass bestimmte Bereiche des Wirtschaftens nicht durch den Markt geregelt werden können?

        Beispielsweise:

        Was tun wir, wenn bestimmte Menschen nicht arbeitsmarktfähig sind, also vom Marktgeschehen überhaupt nicht erfasst werden?

        Dieses Problem ist keines, das durch Pfusch entstanden ist.

        Überlassen wir sie dann der WILLKÜRLICHEN Hilfsbereitschaft anderer (Charitiy, weit verbreitet in USA und auch akzeptiert) oder organisieren wir etwas für sie, dass dann eben KEIN Markt ist.

        Unsere Gesellschaft hat sich für letzteres entschieden.

        Daher haben wir den Staatskapitalismus.

        Wenn es ihn gibt, muss man allerdings fragen, wie viel man davon in welcher Art haben will.

        Das ist die Frage, die Sie nicht stellen können, weil Sie nur Schwarz und Weiß sehen.

      • Avatar
        Alexander sagte:

        @ Dietmar Tischer

        > Marktversagen
        …ist linkes Narrativ zur Tarnung politischer Fehlentscheidungen.
        Alle Märkte, die nicht im Sinne des Gesetzgebers arbeiten, versagen.

        Nach über 70 Jahren Frieden kann keine der seit 70 Jahren regierenden Parteien sagen, sie wären nicht beteiligt gewesen, wenn sich Vermögen im gesetzlich kontrollierten Raum anhäuft und legale Steuerflucht das befördert.

        Wettbewerbsunfähigkeit ganzer Branchen hat viel mit politischen Rahmenbedingungen zu tun, wenn Energiepreise einzigartig erhöht werden, um politische Ziele zu erreichen.

        Natürlich erwartet sich der Wähler von seiner Politik die Verbesserung der Umstände. Der Kreis schließt sich und wir scheitern an Unfähigkeit.

        Selbstverständlich haben auch die USA keinen freien Markt sonst wären Clowns keine erfolgreichen Geschäftstransgender.

        Der Sozialstaat als Staatsziel wurde bewusst von Hitler eingeführt und die Wähler lernten bis heute nicht, dass das nicht ehrlich gemeint war.

    • Avatar
      troodon sagte:

      „auf den Minsky-Moment vorbereitet“

      Der Minsky Moment wird kaum von Europa ausgehen. Hier sind wir immer noch in der Bewältigung des letzten Minsky Moments. Aggregierte Bilanzsumme im Euro Währungsgebiet per 5/2018 rd. 31,3 Bio. Per 12/2008 waren es 31,8 Bio. In den sieben Jahren davor gab es den massiven Anstieg in den Bankbilanzen, denn per 12/2001 betrug die aggregierte Bilanzsumme nur 18,2 Bio., mit den entsprechenden Folgen ab 2008.

      Stellt man die vom IIF in der ersten Grafik genannten Zahlen der Verschuldung im Finanzbereich ins Verhältnis zum BIP, stellt man fest dass die Verschuldung in Q1 2018 in diesem Bereich 75,6% des Welt BIP 2017 entspricht. Die 30 Trillionen per Q1 2003 entsprechen 86,6% vom BIP 2002. Hier hat also sogar ein gewisses Deleveraging stattgefunden. Das weiterhin Risiken bestehen, bestreite ich keinesfalls, aber eine rein nominale Betrachtung der Verschuldung ist nicht gerade sinnvoll.
      Bei den Haushalten ist das Verhältnis Schulden/BIP ungefähr gleich geblieben , beim den Staaten und Unternehmen gab es einen Anstieg.
      Für einen demnächst kommenden Minsky Moment erscheint es mir angesichts der Zahlen zu früh.
      Risiken sehe ich im Bereich der Unternehmensverschuldung (USA!) und der Fremdwährungsverbindlichkeiten der Schwellenländer. Und selbstverständlich gibt es dann auch negative Rückkopplungen für D.

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        troodon sagte:

        @ WS
        Ich glaube tatsächlich aktuell nicht an einen Zerfall der Währungsunion in den nächsten 10 Jahren. Trump hat daran seinen Anteil.
        Und wenn sie doch zerfällt, wäre das für mich nicht der klassische Minsky Moment. Aber wir würden bei Zerfall dann sicher nicht über die Bezeichnung diskutieren…

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        Dietmar Tischer sagte:

        @ troodon

        Kein Zerfall der Währungsunion in den nächsten 10 Jahren – das ist m. A. n. sehr mutig.

        Ich teile allerdings Ihre Meinung, dass der Zerfall, so er denn kommt, nicht einem Minsky Moment geschuldet sein wird.

        Ich meine, dass er größter Wahrscheinlichkeit nach durch einen politischen Unfall ausgelöst würde.

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        Wolfgang Selig sagte:

        @Herrn Stöcker: realer Überfluss ist korrekt. Beispielsweise bei Jeff Bezos, dem Gründer von Amazon. Ich vermute nur, dass das einem Kunden einer vielen Tafeln in Deutschland in Deutschland nichts nutzt, wenn er für seine wenigen fiktiven Euros statt eines Laib Brotes nur einen Schumpetertext zum Lesen bekommt.

        @Hr. Stöcker: Nichts für ungut, aber ich kann Ihrer Argumentation nicht folgen. Sie eignet sich hervorragend für theoretische Abhandlungen und reiche Leute, die genügend Sachwerte haben, sowie für Selbstversorger auf Südseeinseln. Meinen zornigen verrenteten Nachbarn mit geringer nominaler Rente und noch weniger Sachwerten in seiner jetzt schon teuren Mietwohnung wird sie glaube ich nicht beruhigen.

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