„Defending the One Percent“

Vermögensverteilung bleibt ein Thema. Hier ein interessanter Kommentar dazu aus dem Sommer 2013. Das war deutlich vor den Entwicklungen der letzten Jahre, gerade auch der Flüchtlingswelle. Dies muss man bei der Lektüre im Hinterkopf haben:

Die zunehmend ungleiche Vermögens- und Einkommensverteilung habe ich verschiedentlich thematisiert, zuletzt mit dem oft gelesenen Beitrag über die exzessive Selbstdarstellung reicher Jugendlicher im Netz. Ein wichtiger Grund für diese Entwicklung ist die Geldpolitik der letzten Jahre, die ausdrücklich über den sogenannten „Vermögenseffekt“ versucht, die Wirtschaft zu stimulieren. Dieser zeigt sich in den Aktienmärkten, aber auch in anderen Vermögensklassen wie Oldtimern, Uhren und „Trophy-Immobilien“, wie eine neue Studie zeigt.

Doch ist diese Ungleichheit wirklich zu bedauern? Nein, meint Professor Greg Mankiw von der Harvard Universität. In einem heftig debattierten Aufsatz kommt er zu dem Schluss, dass überlegene Beiträge zur Gesellschaft entsprechend überproportional belohnt werden. Jene, die viel verdienen und entsprechend Vermögen bilden, haben den Wohlstand für alle erhöht – weil alle von der Innovation profitieren – und verdienen deshalb einen entsprechenden Anreiz. Sogar der Economist ist dieser Argumentation nicht gefolgt. Vielleicht wäre eine geringere finanzielle Kompensation sogar der Anreiz, noch mehr zu erfinden? Wie bei den meisten Beiträgen auf bto soll auch dieser Diskussion anregen.

In einem Punkt teile ich auf jeden Fall die Sicht von Prof. Mankiw: Die Tatsache, dass die Kinder von besserverdienenden Eltern tendenziell auch mehr verdienen, kann nicht nur auf die Tatsache zurückgeführt werden, dass diese Kinder besseren Zugang zu Bildung haben (aber sicherlich auch). Interessant ist hierbei der Verweis auf koreanische Waisenkinder, die unabhängig vom finanziellen Hintergrund der Adoptiveltern ähnliche gute berufliche und damit finanzielle Ergebnisse erzielen. Das ist auch ein wichtiger Hinweis für die aktuelle Migrationsdiskussion in Deutschland (Achtung, 2013, nicht heute) So schafft es Kanada mit seiner selektiven Einwanderungspolitik, überproportional Talent aus aller Welt anzuziehen. Die Kinder dieser Immigranten zeigen zudem bessere schulische Leistungen als der Durchschnitt der Kinder in kanadischen Schulen.

Die Vermögensverteilung wird ein heißes Thema bleiben und mit weiterer Zuspitzung der sozialen Probleme sicherlich zu mehr Eingriffen und Umverteilung führen.

Hier das Paper:

→ aeaweb.org: „Defending the One Percent“, Summer 2013

Kommentare (18) HINWEIS: DIE KOMMENTARE MEINER LESERINNEN UND LESER WIDERSPIEGELN NICHT ZWANGSLÄUFIG DIE MEINUNG VON BTO.
  1. Avatar
    Timo sagte:

    Was mir an dieser Thematik auffällt: Warum nehmen wir immer diese relative 1%, statt mit absoluten Zahlen zu rechnen ? Weil diese glatte 1% sich medientechnisch besser vermarkten lässt, statt 70-80 Millionen 7,4 Milliarden gegenüber zu stellen ? Warum nicht 1,56% ,die 99,123% des Vermögens vereinnahmen ? 1% ist so schön eingängig und lässt die Diskrepanz so schön dramatisch erscheinen.
    Warum haben wir bei diesen ominösen 1% hauptsächlich die Grössen der Wirtschaft im Hinterkopf und nicht beispielsweise die europäischen Königshäuser oder die Bushs, Kennedys, Trumps, Berlusconis, Putin, um nur einige politische Angehörige dieser Superreichen zu benennen?
    Komischerweise stehen gerade die, die ihren Reichtum jahrhundertelanger Ausbeutung und der Zugehörigkeit zu einer Abstammungslinie verdanken, nicht im Fokus dieser Ungerchtigkeitsdebatte. Ein Bezos, der etwas gemacht hat, was jeder von uns auch hätte tun können, der muss seinen Reichtum rechtfertigen. Eine Windsor oder ein Oranier, die auch noch mit Steuermitteln finanziert werden, stehen dagegen auf keiner mir bekannten Umverteilungsliste.
    Diese Ungerechtigkeitsdiskussion ist doch eine blosse Nebelkerze, die von anderen gravierenderen Problemen ablenkt. Nämlich, dass in Europa eine Jugend heranwächst, die keine Zukunftsperspektive hat, die mit einem Bildungswesen konfrontiert ist, das von alten Kadern beherrscht wird, die weder die Qualifikation noch ein Interesse an deren Werdegang haben.

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    Richard Ott sagte:

    Kann mir jemand erklären, wieso die Kommentare hier so aufgeregt sind? Etwa weil im Text suggeriert wurde, dass das Merkmal „Intelligenz“ auch teilweise vererbt wird? Soweit ich den Forschungsstand zu dem Thema kenne, ist das grundsätzlich Konsens, wenngleich es unterschiedliche Auffassungen darüber gibt, welchen Anteil die genetischen Anlagen und welchen Anteil Umgebungsfaktoren haben – und natürlich, wie „Intelligenz“ genau definiert und gemessen wird.

    Wenn ich Interesse an Debatten mit selbst auferlegten Sprech- oder Denkverboten hätte, dann könnte ich auch Diskussionsveranstaltungen von SPD oder Grünen besuchen.

    Den Effekt der Erblichkeit von Intelligenz auf die Reproduktion der Ein-Prozenter über Generationen hinweg schätze ich übrigens relativ gering ein. Dazu ist die Varianz von Generation zu Generation trotz der Vererbbarkeit zu groß – und wirklich große Vermögen werden durch außergewöhnlich erfolgreiche Unternehmensgründungen erzielt, deren Erfolg von überdurchschnittlicher Intelligenz sicher begünstigt wird, aber die Intelligenz des Gründers alleine ist längst keine hinreichende Bedingung für so einen Erfolg. Aber schön, dass wir einmal nicht darüber geredet haben, sondern nur darüber sprechen, dass wird nicht darüber reden dürfen.

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      Thomas M. sagte:

      Fachlich 100% d’accord. Allerdings scheint mir das Thema „genetisch bedingte intellektuelle Leistungsfähigkeit“ ein extrem heikles zu sein. Sofern es für die Argumentationslinie nicht unabdingbar ist – und das ist es m.E. nicht – sollte man das Fass vielleicht besser nicht aufmachen, wenn man versucht, eine möglichst große Zuhörerschaft zu erreichen. Aufklärung und Diskussion ist ja auch so schon schwer genug. Viele kriegen dabei auch ohne Biologie Schnappatmung…

      Gegen Denk- und Wissensverbote – grundsätzlich ja, aber man muss ja nicht unbedingt alles sagen, was man denkt oder sogar weiß, insbesondere, wenn es der verfolgten Sache schadet und keinen zusätzlichen Schub bringt.

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        SB sagte:

        @Thomas M.

        „Gegen Denk- und Wissensverbote – grundsätzlich ja, aber man muss ja nicht unbedingt alles sagen, was man denkt oder sogar weiß, insbesondere, wenn es der verfolgten Sache schadet und keinen zusätzlichen Schub bringt.“

        Bewusst von einer Seite gesetzte Tabus, die darauf aufsetzen, Fakten zu unterdrücken, so Meinungen zu steuern und damit Politik zu machen, müssen gebrochen werden. Dazu muss man die Fakten aussprechen. Und irgendjemand muss den Anfang machen. In diesem Fall war es Sarrazin. Dr. Stelter knüpft daran an. Je mehr Leute das Tabu missachten, umso besser für die faktenorientierte Sichtweise eines Sachverhalts. Was der verfolgten Sache schadet, kommt auf die politische Sichtweise an: Das Brechen des Tabus schadet der Sache derer, die es aufgesetzt haben, aber nicht derer, die Konsequenzen aufgrund Fakten herbeiführen wollen. Zusätzlichen – politischen – Schub bringt der Tabubruch, wenn sich die Mehrheit der Wähler ihm anschließt.

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        Thomas M. sagte:

        Das Tabu gab es meinem Eindruck nach schon lange vor den hier debattierten Themen. Wir haben uns schon in der Schule in den späten 80ern / frühen 90ern zu bestimmten Themen wozu auch dieses gehört verbal gekloppt: „Das kann man doch nicht sagen…“ – „Ja, aber wenn’s so ist?!“

        Worauf ich hinaus möchte, ist eher das kommunikative Manöver. Man kann freilich versuchen, seinen Standpunkt biologisch begründet darzulegen. Den Ansatz finde ich nun aber wenig geschickt, da das viele Zuhörer nicht wissen und in Frage stellen dürften und zudem emotional stark abwehrend reagieren.

        Grundsätzlich finde ich die Argumentationslinie auch recht schwach, weil die Biologie nur eine Ursache unter vielen von dem ist, worum es eigentlich geht. Was einige von uns hier stört (und eigentlich viel mehr stören sollte), ist doch, dass Deutschland eine Immigrationspolitik betreibt, bei der Leute anschließend nicht arbeiten. Das hat nun viel Ursachen, vielleicht sind die Menschen nicht (aus-) gebildet genug, vielleicht nicht motiviert genug, vielleicht lässt man sie nicht arbeiten, vielleicht gibt es nicht die entsprechenden Jobs etc. etc.

        Mein Vorschlag zur wirkungsvollen Kommunikation ist daher lediglich, sich auf dieses direkt Beobachtbare zu fokussieren und nicht eine von vielen und zudem nicht-beobachtbaren zugrundeliegende Ursachen wie die Biologie zu nutzen, was zudem noch gesellschaftlich tabuisiert ist. Das Ziel ist ja – so mein Verständnis, etwas zu bewegen, und nicht alleine, richtig zu liegen.

        Wenn man die Zuhörer schon beim dritten Satz verliert, ist ja auch nichts gewonnen und die Diskussion kommt erst gar nicht zustande.

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    Markus sagte:

    Es ist nicht nur die bessere Bildung, es ist auch das finanzielle Netz, auf das sie sich verlassen können.

    Sie sind weniger gestresst und können mehr wagen (z.B. auch Selbstständigkeit und Firmengründungen) mit vertretbarem Risiko. Wenn zwei junge Männer sich 10kEUR erspart haben und anlegen wollen, dann wird derjenige dessen Eltern z.B. 200kEUR auf der hohen Kante haben, im Schnitt eine höhere Rendite einfahren als sein Counterpart, dessen Eltern auf Hartz4 angewiesen sind, einfach deshalb weil er es wagt ein größeres Risiko einzugehen (was in der Regel durch eine höhere Rendite belohnt wird). Das gleiche wird für die Berufswahl gelten, „sicherere“ aber dafür weniger lukrative Berufe werden von dem zweiten Mann gewählt werden, der erste wird sich freier in der Wahl fühlen, auch wenn beide dieselben Anlagen / Noten haben und die Ausbildung für beide finanzierbar wäre.

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    Thomas M. sagte:

    Nicht unernst gemeint: „War for Talents“ und Kanada als Vorbild für schlaue Immigration sind für Deutschland doch aktuell gar keine realistischen Maßstäbe. Für uns wäre doch schon ein Fortschritt, wenn wir illegale Immigration amerikanischer Art hätten, bei der anschließend mit geklauter Social Security Number gearbeitet wird.

    Ansonsten finde ich persönlich die Fokussierung auf schulische und darunter die mathematisch-naturwissenschaftlichen Leistungen zu einseitig. Ist schon klar, dass diese mit beruflichen Hoch- und Überfliegern korrelieren. Aber es gibt genug gesellschaftlich bereichernde Berufe, die die Lebensqualität steigern und im Alltag überaus nützlich sind, für die man aber keine binomischen Formeln lösen können muss.

    Ich denke es jedes mal und wollte es endlich mal geschrieben haben…

    Zum Thema Rolle der Genetik: Lernt man in der Schule und ggf. Uni, „ist auch so“, aber sollte man in Deutschland trotzdem nur im kleinen Zirkel drüber sprechen. Kulturelles Tabu. Ist m.E. auch nicht nötig, um gewisse Standpunkte zu vertreten – das geht auch über die Argumentation mit (Aus-) Bildung und Fleiß, ohne dass man genetische Ursachen heranziehen muss. Zumal diese auch nur einen Teil erklären und somit wieder zu weit weg sind von dem worum es geht: Können * Wollen.

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    Wolfgang Selig sagte:

    Sehr geehrter Herr Dr. Stelter,

    bitte stellen Sie sich einmal kurz vor, Sie würden als Mitglied des Deutschen Bundestages Prof. Mankiw diskutieren. Die Auswirkungen der Debatte würden Sie schlagartig auch einem breiteren deutschen Publikum bekannt machen und man würde Ihnen vermutlich von verschiedenen Seiten vorschlagen, auf einem Abgeordnetenstuhl Platz zu nehmen, der rechts von der AFD-Fraktion auf den Boden geschraubt ist. Weniger „bunt“ geht nicht mehr. Ich befürchte, mit dem heutigen Beitrag werden Sie bald von verschiedenen Seiten mit emotionalen Titeln belegt werden. Nicht, dass ich Sie zur Änderung Ihres Blogs auffordern will, aber Ihnen ist hoffentlich klar, dass Sie dabei sind, sich aus den öffentlich-rechtlichen Medien wie phoenix oder ARD wieder herauszukatapultieren. Wenn das ein bewusst in Kauf genommenes Risiko ist, dann ist alles gut. Ich bin mir nur nicht ganz sicher, denn die Toleranz, Sätze bis zum Ende zu lesen oder anzuhören, ist bei bestimmten Themen in Deutschland nicht mehr ausgeprägt.

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    Michael Stöcker sagte:

    „Die Tatsache, dass die Kinder von besserverdienenden Eltern tendenziell auch mehr verdienen, reflektiert auch die Erbanlagen.“

    So ist es, Herr Dr. Stelter. Je höher das finanzielle Erbe und desto besser es angelegt wurde, desto mehr „verdienen“ die Erben auf Basis dieser ererbten Anlagen; und zwar ganz unabhängig von allen genetischen Implikationen.

    Und hier noch ein schöne Analyse der Schweizer Kollegen, warum insbesondere die Besserverdienenden und Top-Verdiener ein materielles Interesse an Migration haben: https://blog.tagesanzeiger.ch/nevermindthemarkets/index.php/44682/die-oekonomischen-schattenseiten-der-migration/

    LG Michael Stöcker

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      SB sagte:

      @Michael Stöcker:

      Danke für den Link. Sie könnten vor diesem Hintergrund adäquat zu Ihrer These „Die monetäre Frage ist die soziale Frage des 21. Jahrhunderts“, genauso auch die These aufstellen: Migration ist die soziale Frage des 21. Jahrhunderts. Und zwar zuvorderst Migration von unqualifizierten und zudem kulturfremden Zuwanderern. Denn diese Klientel sind die Konkurrenz zum „Hinterland“ der Hoch- und Besserqualifizierten. Das gilt erst recht, wenn diesen Zuwanderer gegenleistungslos die Teilhabe am Sozialstaat ermöglicht wird, anders als dem Hinterland, „das schon länger hier lebt“.

      LG, SB

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        SB sagte:

        @Michael Stöcker:

        Der Artikel von Dieter Wermuth (= wohl der Dieter Wermuth, den Sie mir letztens als Vater von dem Solarpanel-Wermuth – taz-Artikel – vorgestellt haben), ist wirklich…. Also ich sage lieber nichts dazu. Kein Wunder, dass der Sohnemann auch so linksgrün „angehaucht“ ist.

        Zurück zu Ihrer These „Die monetäre Frage ist die soziale Frage des 21. Jahrhunderts“. Vor dem Hintergrund Ihres Standpunktes zur Migration, wie sie in D organisiert wird, müssten wir uns also einig sein, dass die monetäre Frage nicht DIE Frage, sondern EINE Frage des 21. Jahrhunderts ist.

        LG, SB

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