Auch Top-Qualitätsassets sind nicht jeden Preis wert

Als ich noch meine regelmäßige Kolumne für die WirtschaftsWoche geschrieben habe, habe ich zweimal das Thema „Melt-up“-Boom diskutiert:

→ Der Melt-up-Boom ist wieder im Gespräch

→ Das Gerede vom Melt-up-Boom

Dabei ging es um die Erwartung, dass es an den Börsen noch zu einem letzten Hurra kommt, bevor die Blase platzt. In diesem Melt-up geben die Bären auf und es steigen vor allem Aktien, gegen die besonders stark spekuliert wurde und solche, die von den Börsianern als besonders risikoarm eingestuft werden. Letzteres ist ein untrügliches Zeichen dafür, dass die Märkte den Einbruch wittern und sich auf diesen vorbereiten.

Andererseits gibt es aber auch den Effekt der immer tieferen Zinsen. Damit werden Aktien von Unternehmen mit guter Bilanz und ordentlicher Dividendenrendite immer attraktiver. Nach dem Motto, bevor ich die 100-jährige Anleihe der Republik Österreich kaufe, dann doch lieber Aktien von Nestlé. Dieser Gedanke dürfte hinter den deutlichen Kurszuwächsen bei Nestlé in diesem Jahr stehen und damit hinter dem Aufschwung des gesamten Schweizer Marktes. Andererseits kann man auch hier sehen, dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Gegenüber dem Höchst von rund 110 Franken hat Nestlé spürbar verloren, unter anderem auch deshalb, weil nun dieses Vorbild an Solidität ebenfalls auf den Weg des Financial Engineering geht, verbunden mit Herabstufungen durch die Ratingagenturen.

Doch blicken wir breiter auf die Preise von Qualität. Die FT tut dies in einem Kommentar:

  • „‘There are no bad assets, only bad prices’ is an adage on Wall Street. It is something that investors herding into supposedly safe, stable corners of financial markets should bear in mind. With most big economies spluttering and the post-crisis bull market looking vulnerable, it is natural that many fund managers are looking for safety, first and foremost.” – bto: und finden das dann in Immobilien und Aktien von Unternehmen wie Nestlé.
  • „If a deep downturn is looming — as some investors believe — then stocks in more economically sensitive industries such as banking and luxury goods, or bonds issued by lowly rated, heavily indebted companies, will probably suffer a beating.“ – bto: Bei Luxus muss man aufpassen, weil die Anbieter mehr an Asien hängen als an uns. Bei den Anleihen sehe ich das größere Risiko vor allem, weil wir eine Welle an Herabstufungen sehen könnten.
  • „Money has therefore poured into investment-grade debt and steadier, dividend-generous stocks in more defensive industries such as utilities and consumer staples, or companies that are growing quickly irrespective of the economic backdrop. The result? A record-breaking valuation divergence between supposedly safe and risky assets (…).” – bto: womit wir beim Problem wären! Es ist sehr teuer, weniger Risiko zu nehmen.
  • „Investors have always preferred more predictable earnings growth, but the valuation gap between stocks with stable and choppy profits — as defined by the volatility of their earnings over the past decade — is now at its widest level in at least the last 35 years (…).” – bto: Das allerdings bringe ich – wie gesagt – auch mit den tiefen Zinsen in Verbindung, wirken diese doch zusätzlich als Unterstützung für die Bewertungen.
  • „Over the past two years, companies with more volatile growth in profits, such as Apple, Southwest Airlines and Wendy’s, have returned just 1 per cent, while the median company in the S&P 500 has climbed 16 per cent. Stable profit-makers — such as Comcast, Disney or Walmart — have returned 22 per cent, according to Goldman.” – bto: Da der Gewinn im Einkauf liegt, bedeutet dies bei den “risikoärmeren” Werten natürlich künftig geringere Erträge. Man kann es den Investoren auch nicht verdenken, ist die Finanzkrise doch noch nicht ausgestanden und es riecht überall nach Problemen.
  • „A similar phenomenon is playing out in the bond market. While the average yield of outstanding bonds has sagged to 1.23 per cent this year, the performance has been mostly powered by highly rated government and corporate debt. The option-adjusted spread of the Bloomberg Barclays Global Aggregate bond index, which tracks a mix of high-quality corporate and government debt, is just 46 basis points over government debt (…) That is a mere 14bp over the all-time low touched last year. In contrast, the equivalent spread of the global junk bond market — home of the lowest quality credits — has edged up to 502bp, up from last year’s low of 323bp.” – bto: Ich halte Investoren mit Blick auf BBB-Bonds für zu naiv.
  • „(…) we could well see a global downturn over the next 12 months. However the sheer extent of the crowding into shelters is worrying. These may be fundamentally solid assets, but valuations look severely stretched. Attention has mostly focused on the $14.5tn of negative-yielding bonds, but across the board investors are paying up for safety. (…) If governments were to abandon restraint and borrow more heavily, that could be a ‘trigger’ for riskier assets to outperform.” – bto: Dieses Risiko habe ich schon mit Blick auf die Bondmärkte diskutiert. Das würde alle “risikoarmen” Werte treffen.
  • „(…) given the crowding and elevated valuations, losses for investors could be severe should the manufacturing downturn fail to spread and the global economy regain its footing. In other words, good assets trading at bad prices can still produce painful outcomes.” – bto: Deshalb fährt man mit einem Mix besser. In Summe ist mir übrigens eine Aktie von Nestlé immer noch lieber als die Alternativen.

ft.com (Anmeldung erforderlich): „Beware of paying too steep a price for high-quality assets“, 11. Oktober 2019

Kommentare (2) HINWEIS: DIE KOMMENTARE MEINER LESERINNEN UND LESER WIDERSPIEGELN NICHT ZWANGSLÄUFIG DIE MEINUNG VON BTO.
  1. Avatar
    Seuchenvogel sagte:

    Hallo an Dr. Stelter und an alle,

    ich habe die Erfahrung gemacht, dass an der Börse der Gewinn nicht im Einkauf (Entry), sondern im Verkauf (Exit) liegt. Es spielt an der Börse eigentlich keine Rolle an welchem Punkt man einsteigt, sondern wo man aussteigt. Wenn man keine Insiderinfos hat oder nur arbitriert, hat man zum Einstiegspunkt immer eine 33,3% Chance das der Trade aufgeht. Alles hängt davon ab, wie man sein Moneymanagement betreibt. So jedenfalls meine Erfahrung aus Asienkrise, LTCM Krise, Platzen der Dotcom Bubble und der sogenannten Finanzkrise.

    Viele Grüße

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  2. Avatar
    Wolfgang Selig sagte:

    Ein griechischer Investor hat mal zu mir vor ein paar Jahren gesagt, dass es ihm nicht darum geht, im Crash mit seinen assets Gewinne zu erzielen, sondern weniger zu verlieren als die anderen Investoren mit ihren Assets. Und hat gleichzeitig von griechischen Staatsanleihen damals in mitteleuropäische Core-Immobilien umgeschichtet. Daher bin ich noch nicht so sehr von den „bad prices“ überzeugt. Entscheidend ist, dass der Kapitalempfänger (ob Anleihe- oder Aktienemittent) hinterher überhaupt noch vorhanden ist. Daher auch mein Fazit: lieber Nestlé als die Alternativen, denn 25 % Verlust mit einer 40 % über dem fairen Wert notierten Nestlé-Aktie ist besser als 90 % Kapitalschnitt bei einer „billigen“ und „fair“ bewerteten BBB-Aktie oder -anleihe, die sofort in den Junk-Status wechselt, sobald es rappelt.

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