Auch die USA haben ihr Italien (oder mehrere davon)

Italien ist überall. Denn jahrzehntelange Politik auf Pump stößt unweigerlich irgendwann an eine Grenze, vor allem dann, wenn der Zugriff auf die Notenpresse erschwert ist. Verschuldung in fremder Währung ist somit ein Problem. Verschuldung in eigener Währung  siehe USA  nicht so. Italien hat Schulden in Euro, die es nicht ganz so frei produzieren kann, die US-Bundesstaaten in Dollar, die sie ebenfalls nicht ganz so leicht herstellen können. Wie werden die USA mit ihren „italienischen Regionen“ umgehen? Das diskutiert die FT:

  • „If Puerto Rico is America’s Greece then which state will be its Italy? People disagree over the most likely Italy: some say Illinois, others New Jersey, a few conservatives suggest California.“  bto: In den USA gibt es eigentlich eine knallharte No-Bail-out-Regel. (Naja, gab es bei uns ja auch mal …)
  • Greece and Italy are in a common currency zone as are Puerto Rico and the highly leveraged US states. Neither Greece nor Puerto Rico, though, have posed an existential risk to their continental financial markets.“  bto: einfach, weil sie klein sind.
  • „Like the eurozone countries, the sovereign US states cannot just monetise their debts. Law and market practice mean they have stricter borrowing limits but their budgets are not subject to federal approval. The states have a chronic problem with the ability of their taxable subjects to move to lower-cost jurisdictions. There are fewer limits on cross-state migrants’ ability to receive social services than there are in Europe.“  bto: Und die Amerikaner flüchten wirklich, wenn es zu teuer wird!
  • „Highly leveraged states such as Illinois, New Jersey and Connecticut have typically, over the years, had aggressive public sector unions. This means their state and local workforce is older and has been accruing pension benefits for longer. In the last recession, much of the Obama administration’s stimulus money was transferred to state and local governments. With budget shuffling, increased borrowing and deferral of pension fund payments, they kept their workforce and notional solvency.“  bto: wie Berlin, Bremen und andere Bankrotteure bei uns (allerdings Finanzausgleich, nicht so sehr Bund).
  • „The willingness of the federal government to share those burdens has declined sharply. Next year, state income taxes will not be deductible against federal taxes, which will hit hardest in more unionised, high-tax states.“  bto: Die alle demokratisch wählen …
  • „Illinois has the most publicly squalid politics. (…) The state is split into a largely Democratic north and largely Republican south. The state parties do not like each other much. They have been unable to agree on budgets, and in particular pension liabilities. Unfunded pension obligations are said to be $130bn or more than half the pensions’ future value, assuming absurdly generous rates of return.“  bto: Illinois ist pleite. So einfach ist das. Wir wissen aus Berlin, dass es dumm ist, als einer der Ersten pleitezugehen. Hätte die Berliner Bankgesellschaft länger durchgehalten, wäre sie im Zuge der Finanzkrise auch vom Bund „gerettet“ worden, weitaus billiger als es in Wirklichkeit war.
  • „Yet Illinois has, for now, a top state income tax rate of 4.95 per cent. Compare that with New Jersey (8.97 per cent), whose new Democratic governor is considering a rise to 10.75 per cent to fund pensions and other priorities. Both states suffer because rich people and well-paid workers move to places with lower tax rates.“  bto: Diese Flucht ist bei uns weitaus aufwändiger.
  • „Optimistically there would be a trade-off of solvency and market access for stagnation and relative economic decline. Pessimistically? A federal bailout. (…)  federal support would come in a conditional, unappetising form. The model would be the near-inedible government cheese once fed to welfare recipients. Pension and workforce cuts may be less repulsive.“  bto: Bevor wir jetzt lachen und sagen, ach die Amis, wir sind doch so solide. Nein, sind wir nicht.

ft.com (Anmeldung erforderlich): „Which will be the US ‘Italy’? California, New Jersey or Illinois?“, 25. Mai 2018

Kommentare (9) HINWEIS: DIE KOMMENTARE MEINER LESERINNEN UND LESER WIDERSPIEGELN NICHT ZWANGSLÄUFIG DIE MEINUNG VON BTO.
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    Klaus Samer sagte:

    Ich setze zwar auch ein wenig auf den CHF aber der wird unter erheblichen Aufwertungsdruck geraten wenn der Euro crasht. Der Dollarraum ist da um einiges größer und flexibler.

    Die jungen illegalen Einwanderer in die USA aus Mexiko etc. werden bis sie die Sprache beherrschen erstmal Niedriglohnjobs annehmen, aber die Sprachbarriere ist bei gleicher Schrift nicht so hoch wie vom Arabischen ins z.B. Deutsche, ausserdem gibt es eine entsprechend zweisprachige Gruppe der schon EIngewanderten das sorgt auch für sozialen Rückhalt.

    Die Zuwanderung der Hochqualifizierten regelt die Greencard bis jetzt funtioniert das ziemlich gut und im Gegensatz zu Deutschland wollen immer noch viele Hochqualifizierte in die USA.

    Wie gestern auf Yahoo Finance zu hören war haben die USA allerdings eher ein Problem die Arbeitskitteljobs zu besetzen denn im Rahmen der Vollbeschäftigung fehlen denen derzeit 10 Tausende Truckfahrer oder sostigen „normalen“ Arbeitnehmer.

    Ein Problem das sich sicherlich auch in Deutschland ergeben wird, denn wenn der Trend zum Häuptling (Studiium) anhält gehen der Wirtschaft die Indianer ( Facharbeiter) aus. Mal abgsehen davon das in vielen Bereichen Uniabsolventen sich auf Grund ihrer Vielzahl mit einem schnöden normalen Gehalt abgeben müssen, die Akademikerarbeitslosigkeit ist zwar gering aber das liegt daran das keiner fragt als was die arbeiten.

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    Richard Ott sagte:

    „Denn jahrzehntelange Politik auf Pump stößt unweigerlich irgendwann an eine Grenze, vor allem dann, wenn der Zugriff auf die Notenpresse erschwert ist.“

    Nein, wenn ein Land bereit ist, in einer Weichwährung wie der italienischen Lira abzurechnen, dann kann jahrzehntelange Politik auf Pump durchaus funktionieren – auch wenn man nicht die Weltreservewährung von seiner Zentralbank schöpfen lassen kann, wie die USA das im Moment noch tun dürfen. Die Politik auf Pump führt als Konsequenz eben dazu, dass die Landeswährung immer schwächer wird.

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      Wolfgang Selig sagte:

      @Herrn Ott: Und was ist, wenn das alle Länder so machen, zumindest alle Wesentlichen? Weil die demographischen Probleme annähernd identisch sind? Dann werden die Landeswährungen nur gegenüber handelbaren Sachwerten und einigen Minderheitenwährungen wie z.B. NOK oder Sfr (wenn diese Länder das aushalten) schwächer. Wenn ich Yen, $, € und Pfund so ansehen, ähneln sich die Notenbanken auf lange Sicht schon in gewisser Weise. Die chinesische Notenbank traue ich mich noch nicht zu beurteilen.

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    Wolfgang Selig sagte:

    Wenn ich den Artikel mit den bto-Beiträgen der letzten Monate zur EU vergleiche, stellt sich mir die Frage, ob die USA über Immigration bzw. Binnenwanderungen nicht die gleichen Probleme haben wie wir. Dazu müsste man aber Daten z.B. über die Entwicklungs des Bevölkerungsanteils von Hispanics, die aus lateinamerikansichen Staaten eingewandert sind (z.B. nach Illinois) aus den letzten Jahrzehnten haben, um dort Korrelationen herauszufinden, denn die Staatsbürgerschaftsthematik ist vermutlich in den USA anders gelagert als in der EU. Vielleicht könnten Sie, Herr Dr. Stelter, auch dazu mal etwas bringen; das würde eventuell die Hintergründe beleuchten. Ich kenne dazu keine seriöse Quelle.

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      Dietmar Tischer sagte:

      @ Wolfgang Selig

      Guter Gedanke.

      Ich habe nicht wirklich Ahnung, aber ich glaube, dass es erhebliche Unterschiede gibt und dennoch zumindest eine politische Parallelität.

      Die USA haben quasi Vollbeschäftigung, wovon in Teilen der EU nur geträumt werden kann.

      Und dennoch:

      Die USA haben mit Trump nationalistisch gewählt, genauso wie es in der EU einen Trend zum Nationalismus gibt.

      Den Konsenspolitkern der Mitte in USA, Demokraten wie Clinton und Obama, wird das Vertrauen entzogen wie entsprechenden Parteien in der EU, u. a. in Frankreich und Italien.

      Meine Erklärung:

      Der perspektivisch dauerhafte Abstieg in USA von den gut bezahlten Jobs des produzierenden Gewerbes zu den schlecht bezahlten im Dienstleistungsgewerbe GENERIERT trotz höherer Mobilität der Bevölkerung und damit größerer Anpassungsbereitschaft bei der dortigen schwachen sozialen Absicherun die gleiche Protesthaltung wie hohe Dauerarbeitslosigkeit bei vergleichsweise guter sozialer Absicherung in der EU.

      Und noch etwas ist gleich.

      Die Leute fallen hüben wie drüben auf erkennbar UNHALTBARE Versprechen herein.

      Trump will in USA die Hochöfen der 50er und 60er Jahre zurückbringen und in Italien soll niemand auf derartige oder vergleichbare Jobs, z. B. der Textilindustrie hoffen müssen, weil es für jeden Geld auf die Hand gibt.

      Offensichtlich wollen und können weder in USA noch in Europa die Menschen einsehen, dass die fetten Jahre vorbei sind und die Musik vom ewigen Wachstum woanders in der Welt spielt.

      Fruchtbarer Boden für Demagogen aller Couleur.

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      Richard Ott sagte:

      De facto gab es mal eine kalifornische Parallelwährung, während der Budgetkrise 2009-2010 unter Gouverneur Schwarzenegger: https://www.zerohedge.com/article/iou-part-two-california-issue-ious-second-year-row

      Es gab aber nie Bestrebungen, diese „IOUs“ zu einer Parallelwährung weiterzuentwickeln – und ein Austritt Kaliforniens aus den USA würde zu einem neuen Bürgerkrieg führen, alleine schon, weil die Zentralregierung in Washington auf keinen Fall ihre ganzen Marinebasen an der kalifornischen Küste einfach so aufgeben würde.

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    Azius sagte:

    Aktuelles zur Krisenanlage:
    „Nein, der bedrängte und bedrückte Michel muss sich jenseits der Grenzen des Euroraumes nach einem sicheren Hafen für seine Altersversorgung umsehen.
    Und da zeigt sich, es gibt durchaus Alternativen:
    Im Schweizer Franken (Vorteil: Sehr nah, Nachteil: negative Einlagenzinsen, weil jeder dahin will),
    im US-Dollar (hat auch Probleme, aber viel kleinere als der Euro und die Schlauheit des Fuchses liegt in der Dummheit der Gänse),
    im Kanada-Dollar,
    im Singapur-Dollar,
    in Australien,
    Neuseeland
    und sogar in Russland (welches neuerdings über eine weitgehend Gold-gedeckte Währung verfügt, gerissen, dieser Putin …).

    Und dann gibt es da noch Großbritannien, das sich im Zuge des Brexit in eine riesige Offshore-Schweiz mit Niedrigsteuern verwandeln wird. Es wird Kapitalfluchtland Nummer 1 für den Euroflüchtling sein und der Kapitalzustrom wird den Wert des Pfundes daher noch massiv in die Höhe treiben.“
    Weitere Details unter:
    https://www.tichyseinblick.de/wirtschaft/target-3-wie-bringt-man-sein-geld-vor-dem-draghi-crash-in-sicherheit/

    Mit den Ideen und konkreten Vorschlägen ist man gut aufgestellt!!!!
    Als Aktienbranche würde ich noch die Telekommunikation ergänzen.
    Das muss auch in der Krise funktionieren.

    Für mich ist der Dollar gegenüber dem €uro weitaus flexibler und strategischer zu führen,
    deshalb hat er noch einige Vorteile.

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    RW sagte:

    Was lehren uns die heutigen Kommentare zu den USA und Italien? Wähle Deine Investments clever aus. Wenig Leverage, gutes Geschäftsmodell: Dann wird es Dir gut ergehen.

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