Anmerkungen zur Migration

Wir werden medial von der Flüchtlingskrise überrollt und bearbeitet. Nicht immer ist die Berichterstattung neutral. Ist ja auch ein schwieriges Thema. Mir sind zwei Beiträge in den letzten Tagen aufgefallen und ich zitiere hier ein wenig.

Zunächst etwas „lauter“ Jan Fleischhauer bei SPIEGEL ONLINE:

  • „Der deutsche Sonderwegmarschierer ist zurück. Diesmal zwingen wir den anderen nicht in Knobelbechern unseren Willen auf, sondern in Birkenstock-Sandale und Batiktuch. Die Gründe für das neue Überlegenheitsgefühl mögen die ehrenwertesten seien, aber wie jede Bevormundung stößt auch der Imperialismus des Herzens auf Befremden und Ablehnung.“
  • „Solange die Flüchtlinge in Deutschland bleiben, schauen die Nachbarn gerne zu, wie wir Herzen und Scheunen öffnen. Sobald wir von ihnen allerdings verlangen, dem Rettungswerk beizutreten, hört der Spaß auf. Sollte es das Kalkül der Kanzlerin gewesen sein, dass sich die Nachbarn an unserer Mildtätigkeit ein Beispiel nehmen, hat sie sich gründlich verrechnet. Wir werden immer mehr, aber immer einsamer (…).“
  • „Asylbewerber in den Arbeitsmarkt zu integrieren, wird nicht leicht werden, wie Andrea Nahles im Bundestag berichtete. Nicht mal jeder Zehnte besitzt die ausreichende Qualifikation als eine jener Fachkräfte, auf die wir so viele Hoffnung setzen. Der Innenminister schätzt, dass 15 bis 20 Prozent der Ankommenden Analphabeten sind.“ – bto: In meiner Rechnung bin ich beispielhaft von 50 Prozent hoch qualifizierten ausgegangen. Ich wusste, dass es nicht so viele sein werden. Stimmen hingegen diese Werte gehen die jährlichen direkten Kosten in die Milliarden und das auf Jahrzehnte. Dann liegen die Kosten von fünf Millionen Flüchtlingen bei weit über einer Billion Euro.
  • „Den Mindestlohn aufzuheben, um wenigstens ein paar tausend ungelernten Arbeitskräften die Arbeitsaufnahme zu ermöglichen, wäre ein Weg, ihnen den Einstieg zu erleichtern. Aber so war der Appell der Kanzlerin, in der Krise ein wenig flexibler zu agieren, selbstverständlich nicht gemeint.“ – bto: Damit verfestigen wir die Kosten nur noch.

Zwischenfazit: Wir können wieder einmal nicht rechnen in Deutschland. Unsere Taschen sind jedoch nicht unendlich tief. Eine Billion für Flüchtlinge, eine für die Energiewende und eine für den Euro. Wer zahlt eigentlich die Renten für uns? Denn für die versprochenen zehn Billionen gibt es auch keine Rücklagen.

Jörg Baberowski kommentierte für die F.A.Z.:

  • „Hat überhaupt ein Politiker je darüber nachgedacht, was das Gerede von der Willkommenskultur bewirkt? Es hat sich in den Krisenregionen dieser Welt inzwischen herumgesprochen, dass man für die Einreise nach Deutschland keinen Pass benötigt, dass der Wohlfahrtsstaat eine Versorgung gewährt, die in Pakistan oder Albanien nicht einmal für Menschen erreichbar ist, die in Lohn und Brot stehen. Solange der deutsche Sozialstaat der ganzen Welt Angebote macht, dürfen seine Repräsentanten sich nicht darüber beklagen, dass Menschen, die nichts haben, sie annehmen.“ – bto: Dies löst aber nicht unsere Probleme, sondern vergrößert sie.
  • „Aber dieser Frieden wird aufs Spiel gesetzt, wenn Moral und Tugend die einzigen Ressourcen sind, aus denen die Begründungen für das politische Handeln kommen. In der veröffentlichten Meinung ist nur noch von Flüchtlingen die Rede, nicht von illegalen Einwanderern. Der Flüchtling ist verfolgt. Über ihn darf man nur Gutes sagen. Darüber wissen jene, die über den Wortgebrauch entscheiden, sehr gut Bescheid.“ – bto: und legen damit eine schlechte Grundlage für die Integration. Sobald die Euphorie verflogen ist, dürfte es eine massive Gegenreaktion geben.
  • „Warum soll eigentlich ein Einwanderer gratis erhalten, wofür diejenigen, die schon hier sind, jahrzehntelang hart gearbeitet haben?“
  • „Die Politiker sagen uns, es kämen Ärzte und Ingenieure. Aber woher wissen sie das so genau? Kommen wirklich keine Analphabeten, und wird jeder, der kommt, eine Arbeitsstelle bekommen, die seinen Fähigkeiten entspricht? Die Arbeitslosenstatistik spricht jedenfalls keine eindeutige Sprache. Was geschieht mit Analphabeten und Menschen ohne jegliche Qualifikation?“
  • „Wir verwischen soeben den Unterschied zwischen Asyl und Einwanderung. Deshalb gelingt in Deutschland nicht, was in den klassischen Einwanderungsländern Normalität ist. Sie laden nämlich ein, wen sie brauchen, und wehren ab, wer nur eine Belastung wäre. Wenn Deutschland ein Einwanderungsland sein will, dann soll es sich auch so aufführen!“

Es ist ein ganz trauriges Kapitel. Für die Einwanderer, deren Erwartungen wir mit Sicherheit enttäuschen müssen. Für uns, deren Erwartungen ebenfalls massiv enttäuscht werden dürften. Statt Bereichern des Arbeitsmarktes und Sichern des Wohlstands droht das Gegenteil, wenn wir nicht massiv gegensteuern. Kippt die Stimmung gegen Fremde, haben wir uns mehrfach geschadet. Wir haben Zuwanderer, die andere zurecht nicht wollten und wir haben eine Atmosphäre gegen Fremde und von den Fremden gegenüber anderen Fremden, die uns für die wirklich qualifizierten Zuwanderer unattraktiv macht. Wie schon bei der Eurokrise landet die deutsche Politik zielsicher „unten links“. Wie bei der Eurokrise will es das Volk aber so. Zumindest nach den Umfragen.

SPIEGEL ONLINE: Deutsches Überlegenheitsgefühl: Imperialismus des Herzens, 15. September 2015

→ F.A.Z.: Europa ist gar keine Wertegemeinschaft, 14. September 2015