Alle wissen es: Negativzinsen zerstören, statt zu heilen

Zum Abschied von Mario Draghi beschäftigen wir uns heute mit einem wichtigen Erbe von ihm: den Negativzinsen.

In Deutschland kreist die Diskussion beim Thema „Negativzinsen“ immer um den Aspekt der Enteignung der Sparer durch diese „Strafzinsen“ oder aber die Notwendigkeit der Banken gegen die EZB deshalb zu klagen. Die Befürworter halten entgegen, dass nur so die Eurozone gerettet werden kann und auch die Sparer indirekt profitieren, weil sie über Arbeit und Einkommen verfügen. Andere wiederum, wie der geschätzte Professor Fratzscher begrüßen die Umverteilung von der Mittelschicht nach unten, verwendet doch der Staat die gesparten Zinsen für höhere Sozialleistungen.

Alles fein. Es geht aber um mehr. Die Negativzinsen wirken nicht wie erhofft, wie Studien zeigen, die ich schon an dieser Stelle besprochen habe. Sie schaden auch noch, wie die FINANCIAL TIMES (FT) beschreibt:

  • „(…) negative rates can distort markets. As the Bank for International Settlements, the central banks’ bank, pointed out (…), the use of unconventional monetary policy runs the risk ‘of eroding incentives for the private sector to maintain adequate buffers against financial stress.” – bto: Die Marktteilnehmer gehen zu hohe Risiken ein. Ist doch gewollt, oder?
  • „But there is also another factor in play: psychology. When rates turn negative, it (…)  makes people feel so anxious that it undermines the benefit of cheaper loans. ‘People worry even more’ (…).“ – bto: Nun, was sollen sie denn auch machen? Es ist doch wohl ein Zeichen, dass die Notenbanken im Krisenmodus sind, obwohl keine Krise zu sehen ist. Die müssen ja etwas wissen, was ich nicht weiß, also bin ich mal lieber vorsichtig.
  • „(…) the field of behavioural economics, which had existed for decades, became far more influential, bringing psychological insights into economic models. As the world has slid into uncharted territory with monetary-policy experiments, some central bankers are pondering how culture and consumer perception are affected. And a few central bank economists, such as Claudio Borio at the BIS, have questioned whether negative rates send a confusing signal to investors.“ – bto: Ich würde nicht “confusing” sagen, sondern eindeutig ein Warnsignal. Es ist eben außergewöhnlich radikal. Also entsprechend ein Symptom dafür, dass etwas nicht richtig funktioniert. Konsequenterweise sind auch in Japan die Inflationserwartungen gefallen, nicht gestiegen, als die Notenbank die Negativzinsen durchsetzte. Im Euroraum dürfte es letztlich genauso sein.
  • „(…) the stories that central banks tell us have a strong influence on the economy. Consider Japan. When deflation emerged there in the 1990s, most economists blamed it on economic contraction and the financial crisis. That was, of course, partly true but I was living in the country at the time and noticed that many business leaders (as well as ordinary people) assumed that the authorities were concealing the level of bad loans in the system.“ – bto: Und damit hatten sie letztlich auch recht. Genauso wie bei uns die Insolvenz des europäischen Bankensystems konsequent verschwiegen wird. Insofern ist meine Aussage auch eine Behauptung, keine Gewissheit. Wer aber auf die Qualität der hiesigen Stresstests blickt, bekommt Zweifel. Ich erinnere an die Studie des ZEW, die deutlich höhere Kapitalbedarfe errechnet hat als die offiziellen Stellen.
  • „This created such a corrosive attitude of mistrust that investors assumed prices had further to fall, exacerbating the deflationary conditions. Subsequently, the Bank of Japan unleashed monetary policy experiments to combat deflation, including, eventually, negative rates. However, this seemed to have little effect on consumer or corporate psychology; on the contrary, when I interviewed investors there, they seemed to be even more spooked than before, since they feared the radical experimentation suggested the BoJ knew something nasty that they did not.“ – bto: Und im Falle der EZB dürfte mehr vermutet werden als nur die Hilfe für Italien, die zu offensichtlich wäre.
  • „Economic theory would suggest that negative rates ought to spur more companies and consumers to spend – after all, why would anyone save when banks are charging for holding cash? But you only need to read the German popular press right now to see how unpopular this experiment is. In fact, the risk is that negative rates simply fuel fears among investors that something is deeply – and permanently – wrong in this Alice-in-Wonderland world.“ – bto: ein Aspekt, den auch die Befürworter der EZB-Politik nicht verdrängen dürfen. Es ist nun mal so, dass man nicht einfach nur nachweisen muss, dass die Realzinsen schon oft negativ waren, dass andere Teile der deutschen Wirtschaft profitieren etc. Es ist ein ernst zu nehmendes Gefühl der Unzufriedenheit. Also ernst zu nehmen!
  • „The obvious one is for politicians to stop delegating the heavy lifting to the central banks – and to start using other forms of economic stimulus (such as infrastructure spending) and intelligent structural reform to create growth. No doubt Christine Lagarde, the incoming head of the ECB, will hammer this point home when she arrives. But don’t hold your breath that this will happen any time soon given the state of western democracies.“ – bto: Ich wäre da “optimistischer”. Ich denke, es wird früher kommen, als wir alle denken. Es genügt schon die nächste Krise und wir bekommen ein maximales Feuer an direkter Staatsfinanzierung. Alles, um das Klima zu retten, wird man dann schreiben und argumentieren. Es geht dabei nur um die Verhinderung des Kollapses von Euro und Schuldenwirtschaft.
  • „Perhaps central bankers should consider other options. One would be to avoid talking about negative rates and instead use techniques that provide support but which are so complex that mere mortals struggle to understand them (…).“ – bto: was die Politiker am besten finden dürften. Ich denke da an eine EU-Klimaanleihe zu Nullzins mit 500 Jahren Laufzeit, gekauft von der EZB (wenn nötig über den Umweg über das Bankensystem, um den Anschein zu erhalten, es sei keine direkte Staatsfinanzierung). Man könnte auch positiven Zins vereinbaren, damit die Staaten auch noch eine höhere Gewinnausschüttung erhalten. Die Bevölkerung versteht es nicht und freut sich, dass endlich mehr für den Klimaschutz getan wird. Alles super.

→ ft.com (Anmeldung erforderlich): „The downside of negative interest rates“, 9. Oktober 2019

Kommentare (43) HINWEIS: DIE KOMMENTARE MEINER LESERINNEN UND LESER WIDERSPIEGELN NICHT ZWANGSLÄUFIG DIE MEINUNG VON BTO.
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    Michael Stöcker sagte:

    @ Richard Ott

    „Wieso glauben Sie eigentlich, 7% Lohnerhöhung bei 7% Inflation würde Ihnen irgendwie nützen?“

    Wieso glauben Sie eigentlich, dass 7% Lohnerhöhung zu 7% Inflation führen? Und bevor Sie antworten, setzten Sie sich bitte mit dem Konzept der produktivitätsorientierten Lohnpolitik im Kontext eines gemeinsamen Inflationsziels von unter, aber nahe 2 % auseinander:

    LG Michael Stöcker

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      Richard Ott sagte:

      @Herr Stöcker

      Wieso glauben Sie, 7% Lohnerhöhung sei bei einer „produktivitätsorientierten Lohnpolitik“ derzeit in Deutschland irgendwie realisierbar? Wir erreichen im Moment nicht einmal mehr konsistent 1% Produktivitätswachstum pro geleisteter Arbeitsstunde im Vergleich zum jeweiligen Vorjahr!

      Oder soll der Witz sein, dass das Konzept nur eine hohle Phrase ist und Ihr Link deshalb ins Leere führt? Die Idee ist doch sowieso, Inflation zu erzeugen um so Schulden zu entwerten, wieso heucheln Sie da plötzlich Interesse für Indikatoren aus der realen Welt wie zum Beispiel Produktivität?

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        Michael Stöcker sagte:

        @ Richard Ott

        Wieso beantworten Sie nicht einfach meine Frage, anstatt nach einigen Tagen der Disziplin mal wieder mit dümmlichen Unterstellungen zu agieren?

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    Dietmar Tischer sagte:

    Noch einmal Braunberger zu Draghi:

    https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/kommentar-zur-bilanz-von-mario-draghi-als-ezb-chef-16449365.html
    Daraus:

    >Negative Leitzinsen sind als geldpolitisches Instrument in einer Krise vertretbar, angesichts ihrer unerfreulichen Nebenwirkungen für Banken und Privathaushalte allerdings nicht als permanente Lösung bei Wirtschaftswachstum.>

    Nur unerfreulich?

    Als PERMAMENTE Lösung sind sie nicht nur unerfreulich, sondern GEFÄHRDEND.

    Braunberger moderiert zu sehr den Abschied statt Klartext zu reden.

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      Horst sagte:

      Aus dem verlinkten Artikel:
      „Es ist ein simpler Fakt, dass „ze Germans“ zu viel produzieren und zu wenig konsumieren, was sich in einem gigantischen Leistungsbilanzüberschuss manifestiert.“

      Oder: „ze Germans“ arbeiten zu viel (in Wochenarbeitsstunden) und dafür zu lange. Wie gut, dass nun die Rente mit 69 kommt aller Voraussicht nach, für´s erste…

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        Helge sagte:

        Dieses Forum ist wie das ganze Land: beim Thema Leistungsbilanzüberschuß und seinen Folgen herrscht Schweigen. Stattdessen führt man lieber Pseudodiskussionen.

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        Lele Castello sagte:

        Das gleiche gilt für Lohnerhöhungen 5, 6 , 7% pro Jahr. Wer weiss vielleicht wirds dann auch was mit der Inflation.

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        troodon sagte:

        @ Helge
        „beim Thema Leistungsbilanzüberschuß und seinen Folgen herrscht Schweigen.“
        Unsinn !
        Der Leistungsbilanzüberschuss wird regelmäßig von Dr.Stelter und vielen Kommentatoren hier im Blog kritisiert.

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        Richard Ott sagte:

        @Lele Castello

        „Das gleiche gilt für Lohnerhöhungen 5, 6 , 7% pro Jahr. Wer weiss vielleicht wirds dann auch was mit der Inflation.“

        Lohn-Preis-Spiralen hatten wir schon in den 1970er Jahren, damals allerdings, weil der damalige ökonomische Mainstream glaubte, man könne durch Inflation die Arbeitslosigkeit bekämpfen. War aber totaler Blödsinn.

        Wieso glauben Sie eigentlich, 7% Lohnerhöhung bei 7% Inflation würde Ihnen irgendwie nützen?

        @Horst

        „Es ist ein simpler Fakt, dass „ze Germans“ zu viel produzieren und zu wenig konsumieren, was sich in einem gigantischen Leistungsbilanzüberschuss manifestiert.“

        Wenn wir eine eigene deutsche Währung hätten, würde die aufwerten und unser Leistungsbilanzüberschuss wäre viel kleiner. Aber natürlich platzt mit eigener Währung der Traum der Linken, das böse Deutschland in einem europäischen Superstaat aufgehen zu lassen um so den Hass auf sich selbst zu überwinden.

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        Lele Castello sagte:

        @Richard Ott

        Wieso schreiben Sie nicht einfach: Lasst uns (Deutschland) aus dem Euro austreten? Wäre einfacher gewesen.

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        Richard Ott sagte:

        @Lele Castello

        „Wieso schreiben Sie nicht einfach: Lasst uns (Deutschland) aus dem Euro austreten? Wäre einfacher gewesen.“

        Weil mir wichtig war, meinen lieben Freund Horst mit der Argumentation ein bisschen zum kribbeln zu bringen.

        Davon abgesehen: Es könnten auch alle anderen Länder aus dem Euro austreten, das würde auch einen homogenen Euro-Währungsraum schaffen. Länder, die uns in Wirtchaftsstuktur und Lebensstandard sehr ähnlich sind, könnten wir sogar im Euro drin behalten, eine gemeinsame Währung für Deutschland und die Niederlande würde auf jeden Fall deutlich besser funktionieren als der Euro. Das hätte allerdings langfristig die Konsequenz, dass wir uns jeden Tag auch mit denjenigen politischen Problemen beschäftigen müssen, die wir derzeit unter „niederländische Innenpolitik“ subsumieren – und umgekehrt die Niederländer das gleiche mit „deutscher Innenpolitik“ tun müssen. Wenigstens wäre die Sprachbarriere relativ einfach überwindbar.

        Aber wozu sollten wir das tun? Wollen Sie sich wirklich jeden Tag mit den Problemen der Holländer und ihrer ganz schön komplizierten, „verzuilten“, Gesellschaftsstruktur auseinandersetzen und mit ihnen zusammen in einem gemeinsamen Staat leben? So wie es jetzt ist, funktioniert das doch viel besser, abgesehen von der dysfunktionalen Währung die beide Staaten haben und die ganz Europa vor immer schlimmere Probleme stellt.

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        Horst sagte:

        „Wenn wir eine eigene deutsche Währung hätten…“ Konjunktive helfen nicht weiter. Der EURO ist Realität und bleibt es meiner Einschätzung nach auch, denn dieses „Projekt“ ist sowohl politisch gewollt als auch demokratisch legitimiert, ganz gleich, wie laut Sie poltern.

        „Aber natürlich platzt mit eigener Währung der Traum der Linken, das böse Deutschland in einem europäischen Superstaat aufgehen zu lassen um so den Hass auf sich selbst zu überwinden.“

        Mit derlei Aussagen können Sie mich nicht kribbeln, da ich diese nicht auf meine Positionen beziehe.

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        Richard Ott sagte:

        @Horst

        „Mit derlei Aussagen können Sie mich nicht kribbeln, da ich diese nicht auf meine Positionen beziehe.“

        Ich befürchte eher, bei Ihnen kribbelt nichts mehr, weil ihre kritische Denkfähigkeit schon komplett abgestorben ist.

        Wollten Sie nicht unseren „gigantischen Leistungsbilanzüberschuss“ senken? So ging der kleine Kommentarstrang hier doch los…

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    Michael Stöcker sagte:

    @ Dietmar Tischer

    „Die Eurozone wurde nicht durch die Notenbanken der Mitgliedsländer geschaffen, sondern durch deren Regierungen, die einen vermeintlichen, zumindest demokratisch nicht widerrufenen Willen der betroffenen Bevölkerungen umgesetzt haben.“

    Korrekt!

    „Ihre Existenz kann daher LEGITIMERWEISE nur durch die Regierungen gesichert werden.“

    Ich würde es so formulieren:

    Ihre Existenz darf daher LEGITIMERWEISE und LEGALERWEISE nicht durch ein Unterlassen der EZB gefährdet werden.

    „Es steht davon auch nichts in ihrer Satzung.“

    In ihrer Satzung (Art. 2) sowie in Art. 127 AEUV steht unmissverständlich:

    „Soweit dies ohne Beeinträchtigung des Zieles der Preisstabilität möglich ist, unterstützt das ESZB die allgemeine Wirtschaftspolitik in der Gemeinschaft, um zur Verwirklichung der in Artikel 2 dieses Vertrags festgelegten Ziele der Gemeinschaft beizutragen.“

    Neben diesen Zielen sind sodann in Art. 3 die Aufgaben genannt. Und da lautet eine der zentralen Aufgaben ganz explizit:

    „das reibungslose Funktionieren der Zahlungssysteme zu fördern.“

    NICHTS anderes hat Draghi gesagt und getan. Er hat exakt im Sinne des Rechts gehandelt. Alles andere wäre ein Verstoß gegen die bestehende Rechtsordnung gewesen und hätte die Existenz des Euro gefährdet. Und darüber hat – wie Sie völlig richtig betonen – NICHT die EZB zu entscheiden, sondern die Politik. Und die Politik ist FÜR den Euro; ebenso wie die große Mehrheit der Europäer.

    „Eine ihrer Institutionen, eben die EZB „musste“ es daher für sie tun, wenn der Schaden eines Zerfalls der Eurozone vermieden werden soll.“

    Wie gesagt: Das ist DIE ZENTRALE Aufgabe des ESZB!

    „Meine Lebenserfahrung und Menschenkenntnis veranlassen mich zu sagen, dass jeder vernünftige Mensch im vorliegend Fall retten würde.“

    Jetzt stimme ich wieder ganz mit Ihnen überein. Und wie ich dargelegt habe, ist es nicht nur durch die menschliche Vernunft gedeckt, sondern zugleich durch die Rechtslage.

    LG Michael Stöcker

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      Michael Stöcker sagte:

      Und noch als Ergänzung:

      Schon gar nicht haben SPEKULANTEN und sonstiges Finanzgesinde über die Existenz einer soliden Währung zu entscheiden. Und es waren die Spekulanten, die den Euro bedroht haben, weil die Politik im blinden Vertrauen auf Weber, Stark, Issing & Co. völlig falsche Signale an die Märkte gesendet hat. Und auch die EZB war hieran zuvor selber nicht ganz unschuldig. Im Gegensatz zur Politik hat die EZB wenigstens aus ihren anfänglichen Fehlern gelernt, während Issing & Co. wohl auch aus Altersgründen gem. Max Planck zuerst sterben müssen, damit sich die neuen Erkenntnisse auf breiter Front durchsetzen.

      LG Michael Stöcker

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      ruby sagte:

      Ihrer Auslegung der Unterstützung der Allgemeinen Wirtschaftspolitik und des Förderns eines reibungslosen Funktionierens der Zahlungssysteme folge ich nicht. Die Läden EZB sowie EU Haushalte gehören wegen Anmaßung und Unfähigkeit geschlossen.
      Wie das passiert so scheint es, werden konkrete Ereignisse mit Folgewirkungen zeigen. Darüber zu spekulieren ist informativ, wenn man sich darauf vorbereitet. Andernfalls ist Improvisationskunst aus dem Stegreif von Nöten. Notstandsgesetzungung fällt Mangels staatlicher Gewaltfähigkeiten wohl aus. Eigenleistungen tun immer gut.

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      Dietmar Tischer sagte:

      @ Michael Stöcker

      >Ihre Existenz darf daher LEGITIMERWEISE und LEGALERWEISE nicht durch ein Unterlassen der EZB gefährdet werden.>

      Diese Auffassung ist NICHT schlüssig aus dem Sachverhalt herzuleiten, dem Sie zustimmen, dass nämlich die Eurozone ein POLITISCHES Projekt ist.

      Ihre Argumentation entspricht dieser:

      Es ist politisch gewollt, dass es in Deutschland einen öffentlichen Schienenverkehr gibt. Für den Betrieb ist die Deutsche Bahn AG zuständig (analog der EZB). Mit der Durchführung eines ordnungsgemäßen Betriebs (analog den Satzungen der EZB) hat sie AUCH dafür zu sorgen, dass wir einen öffentlichen Schienenverkehr haben MÜSSEN (analog Ihrer Aussage „Die Existenz … nicht durch ein Unterlassen der EZB gefährdet werden“).

      Ihre Auffassung impliziert, dass die Eurozone NICHT aufgegeben werden kann und zwar auch dann nicht, wenn man sie aufgeben WOLLTE, WEIL es die EZB gibt, die ihre Existenz zu sichern hat.

      Oder als Prinzip verallgemeinert:

      Wenn wir politisch irgendetwas wollen und es realisieren, sollten wir damit zugleich eine Institution schaffen, die in der Lage ist und VERPFLICHTET wird, zu VERHINDERN, dass wir das Realisierte aufgeben und dafür etwas anderes realisieren können.

      Das ist ein sehr merkwürdiges Verständnis von politischer Willensbildung.

      Ich glaube nicht, dass es viele unterschreiben würden, wenn ihnen klar wäre, was es bedeutet.

      Es gibt eine ANDERE Lesart der Satzungen der EZB als Ihre oben zitierte „Unterlassungs-Auffassung“.

      Es ist die Folgende:

      Die EZB darf nichts tun oder unterlassen, was die Existenz der Eurozone gefährdet bzw. ihr Scheitern herbeiführt.

      Heißt:

      Das ORIGINÄRE Tun und Unterlassen der EZB darf die Eurozone nicht scheitern lassen, etwa durch Hochsetzen des Leitzinses in astronomische Höhen.

      Das ist durch ihre Satzungen gedeckt, nicht jedoch IHRE INTERPRETATION, die EZB müsse alles tun, um die Eurozone zu erhalten.

      Wäre das gewollt worden, hätte es ganz klar in den Satzungen der EZB zum Ausdruck gebracht werden müssen.

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        Michael Stöcker sagte:

        @ Dietmar Tischer

        „Ihre Auffassung impliziert, dass die Eurozone NICHT aufgegeben werden kann und zwar auch dann nicht, wenn man sie aufgeben WOLLTE, WEIL es die EZB gibt, die ihre Existenz zu sichern hat.“

        Nein, das impliziert meine Auffassung nicht. Wenn sich die Politik für eine Auflösung des Euro entscheiden sollte – was ich mir kaum vorstellen kann – , dann wird selbstverständlich auch die EZB abgewickelt werden.

        Es ist aber gerade nicht die Aufgabe der EZB, ein Scheitern des Euro durch Unterlassung zu provozieren. Das wäre in der Tat eine Überschreitung ihres Mandats. Insofern gilt bis zum politischen Entscheid gegen den Euro für das Mandat der EZB: What ever it takes…; insbesondere dann, wenn sie ihr Hauptziel übererfüllt. Denn was die Inflation anbelangt ist die Zeit der EZB erfolgreicher als die Zeit der Bundesbank.

        LG Michael Stöcker

      • Avatar
        Richard Ott sagte:

        @ Herr Stöcker

        „Nein, das impliziert meine Auffassung nicht. Wenn sich die Politik für eine Auflösung des Euro entscheiden sollte – was ich mir kaum vorstellen kann – , dann wird selbstverständlich auch die EZB abgewickelt werden.“

        Wieso? Die Kaiserliche Hochseeflotte existiert längst nicht mehr. Die Sektsteuer, die zu ihrer Finanzierung eingeführt wurde, allerdings schon.

        Ich bin mir sicher, dass unsere Politiker auch ohne Euro eine hübsche Anschlussverwendung für die EZB finden würden. ;)

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        Dietmar Tischer sagte:

        @ Michael Stöcker

        >Wenn sich die Politik für eine Auflösung des Euro entscheiden sollte – was ich mir kaum vorstellen kann – , dann wird selbstverständlich auch die EZB abgewickelt werden.>

        Das ist richtig und ich akzeptiere dies als Einwand.

        Auch ich kann mir nicht vorstellen, dass eine RATIONAL agierende Politik die Eurozone WILLENTLICH zerfallen lassen will.

        Wir können deshalb diesen Fall politischen Wollen als hypothetisch aus der Diskussion ausklammern und bei der EZB bleiben.

        Dafür formuliere ich meine Aussage wie folgt um:

        „Ihre Auffassung impliziert, dass die Eurozone NICHT aufgegeben werden kann und zwar auch dann nicht, wenn der Zerfall politisch nicht zu verhindern ist, WEIL es die EZB gibt, die ihre Existenz zu sichern hat.“

        Da hier eine ohnmächtige Politik unterstellt wird – realistischerweise zu rechtfertigen, wie nicht nur ich glaube – hängt die Existenz der Eurozone allein an der EZB, wenn die Gefahr eines Zerfalls besteht, z. B. ausgelöst durch die Kapitalmärkte.

        Sie sagen:
        >Es ist aber gerade nicht die Aufgabe der EZB, ein Scheitern des Euro durch Unterlassung zu provozieren>

        Das ist richtig, aber nicht alles, was zur EZB zu sagen ist.

        Ihre Aufgabe(n) im Kontext der Diskussion sind UMFASSEND so zu bestimmen lt. SATZUNG inkl. dem, was NICHT in der Satzung steht:

        Es ist nicht Aufgabe der EZB, ein SCHEITERN des Euro durch Unterlassung oder aktives Handeln zu provozieren.

        Es ist auch nicht Aufgabe der EZB, den BESTAND des Euro durch Unterlassung oder aktives Handeln zu provozieren.

        Die EZB hat NICHTS zu provozieren.

        Wenn die Voraussetzungen ihres Handelns entfallen, kann sie eben nicht Handeln.

        Das heißt u. a. in der Konsequenz:

        Wenn die Märkte wie 2012 den Euro zu Fall zu bringen, muss die Politik entweder die betroffenen Staaten oder Banken durch Schuldenübernahme bzw. Schuldenschnitt oder Rekapitalisierung sichern oder die Märkte durch Regulierung ausschalten.

        Die Politik und nicht die Draghi hätte „Whatever it takes …“ sagen müssen und so die Voraussetzungen für eine situationskonforme Geldpolitik wieder herstellen müssen.

        Da sie dazu nicht in der Lage ist, hat man die Rettung der EZB mit ihrer monetären ALLMACHT überlassen.

        Das ist nur zu verständlich, ja folgerichtig, wenn man die Eurozone nicht zerfallen lassen wollte.

        Nur:

        Die Rettung ist nicht Aufgabe der EZB, sollte auch nie ihre Aufgabe sein – man glaubte bei Schaffung der Eurozone ja, dass es diese Aufgabe nie geben werde – und sie kann es legitimerweise auch nicht sein, weil das politisch gewollte KONSTRUKT Eurozone, so wie es bis heute den Bürgern verkauft wird, ein sich OHNE strukturelle Defizite stabil entwickelndes Gebilde sein sollte.

        Wenn eine EZB nahezu KONTINUIERLICH zu außergewöhnlichen geldpolitischen Maßnahmen greifen muss, kann davon keine Rede sein.

        Wir sollten uns nicht selbst belügen mit Auffassungen, die Schieflagen als im Rahmen des Vorgesehen bzw. Erlaubten beschönigen.

        Dass dies mittlerweile eingeübtes Ritual ist, kann kein Grund sein, sich dem anzuschließen.

  4. Avatar
    Michael Stöcker sagte:

    @ Richard Ott

    „Jaja, eine ganz und gar schreckliche Vorstellung, nicht wahr? Wie könnte Europa ohne Euro nur überleben?“

    Überleben? Keine Frage! Europa hat auch die Pest und zwei Weltkriege überlebt. So niedrig ist mein Lösungsanspruch nun aber wirklich nicht.

    „Was schlagen Sie als Vulgär-Keynesianist denn vor?“

    Vulgär sind hier mal wieder nur Ihre Unterstellungen. Ich bin sicherlich Keynesianer, wenn eine keynesianische Situation vorliegt; also in der Liquiditätsfalle. Das passiert allerdings nur ca. alle 80 Jahre.

    „Wir drucken einfach ganz viel Geld und verteilen es, und dann muss niemand auf Konsum verzichten?“

    Was ist für Sie „ganz viel Geld“? Mein Vorschlag liegt bei 100 EUR pro Staatsbürger der Eurozone pro Monat. Ich glaube kaum, dass damit niemand auf Konsum verzichten muss.

    Und damit Sie mich nicht wieder mal in eine falsche Schublade stecken: In diesem Punkt bin ich strammer Monetarist in der Tradition von Milton Friedman.

    LG Michael Stöcker

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    Dietmar Tischer sagte:

    Die Kritik an Negativzinsen ist m. A. n. im Wesentlichen folgende:

    a) Sie SCHWÄCHEN tendenziell die Banken, die in der Eurozone/EU zwar noch nicht insolvent sind, wie Dr. Stelter behauptet, sich aber gleichwohl in einer sehr schwierigen Lage befinden. Bei einem wirtschaftlichen Abschwung, den auch die EZB nicht verhindern kann, würde das zu einer extrem kritischen Situation im Finanzsektor führen und übergreifend dann auch eine schwächelnde Realwirtschaft weiter negativ beeinträchtigen.

    Entlastende Kompensationsmaßnahmen für die Banken ändern an diesem negativen Mechanismus nichts.

    Mehr zu den Banken, insbesondere den europäischen („Exhibit 5“) in einer aktuellen McKinsey-Studie:

    https://www.mckinsey.com/industries/financial-services/our-insights/global-banking-annual-review-2019-the-last-pit-stop-time-for-bold-late-cycle-moves

    Zu den Weiterungen hier:

    https://www.welt.de/wirtschaft/article198683079/Banken-Experten-fuerchten-Kernschmelze-bei-Bankaktien.html

    Eine Kernschmelze bei Bankaktien käme nicht aus heiterem Himmel, sondern beruhte auf einer Kernschmelze der Banken.

    b) die finanzielle REPRESSION der Kontoinhaber, die von der EZB zumindest in Kauf genommen, wenn nicht sogar erwünscht wird, schadet. Denn sie setzt nicht nur Fehlanreize, sondern unterminiert das VERTRAUEN in das Geldsystem und damit in Institutionen wie die Deutsche Bundesbank, der immer noch vertraut wird – anders als z. B. den Parteien. Auch bei der EZB weiß man, dass es irgendwann zu einem Bankrun käme, wenn man die Schraube der Negativzinsen kontinuierlich weiter anziehen würde und die Banken ihre Kleinanleger nicht nur mit Gebührenerhöhungen, sondern ebenfalls mit Negativzinsen „bestrafen“ müsste.

    Fazit:

    Die EZB schadet sich, den Menschen und der Wirtschaft, wenn sie das Instrument der Negativzinsen weiter verfolgt.

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    The Big Big Short sagte:

    bto: „Ich denke, es wird früher kommen, als wir alle denken. Es genügt schon die nächste Krise und wir bekommen ein maximales Feuer an direkter Staatsfinanzierung. Alles, um das Klima zu retten, wird man dann schreiben und argumentieren. Es geht dabei nur um die Verhinderung des Kollapses von Euro und Schuldenwirtschaft.“
    So ist es! Bei all dem Abgaben- und Steuer-Wahnsinn (insb. CO2-Steuer) wird wenig Auskunft über die Mittelverwendung gegeben. Hier geht es wesentlich um die Finanzierung bereits bestehender anderer Probleme (u.a. Migration / Euro). Es ist ein verzweifelt anmutender Versuch das System so lange es geht vor einem Kollaps zu bewahren. Und das zumindest solange, bis man den lichterloh brennenden Staffelstab an eine neue Regierung abgeben kann.

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    Dietmar Tischer sagte:

    Die Rettung der Eurozone ist ein Thema, das die EZB betrifft.

    Die von ihr verordneten Negativzinsen sind ein anderes.

    Beide haben DIREKT nichts miteinander zu tun.

    Rettung betrifft die EXISTENZ des Systems, während Negativzinsen in die FUNKTIONALITÄT des Systems eingreifen.

    Zur Rettung der Eurozone:

    G. Braunberger hat sich bei faz.net in einem lesenswerten Artikel über die EZB/Draghi und die Deutschen ausgelassen.

    Hier, leider nur noch über Bezahlschranke zugänglich:
    https://www.faz.net/aktuell/finanzen/finanzmarkt/wechsel-an-der-ezb-spitze-mario-draghi-und-die-deutschen-16441766.html?printPagedArticle=true – pageIndex_2

    G. Braunberger schreibt ohne Quellenangabe, dass M. Draghi seine Geldpolitik mit Worten einmal so begründet habe (kein Zitat, sinngemäße Wiedergabe von mir):

    Die EZB habe für die Liquidität in der Eurozone zu sorgen. Diese Aufgabe ist nur zu erfüllen, wenn dafür die Voraussetzung besteht, d.h. es die Eurozone gibt. Daher habe er ihre Existenz sichern müssen.

    Wenn er das tatsächlich jemals gesagt haben sollte, ist es ANMASSUNG pur.

    Begründung:

    Die Eurozone wurde nicht durch die Notenbanken der Mitgliedsländer geschaffen, sondern durch deren Regierungen, die einen vermeintlichen, zumindest demokratisch nicht widerrufenen Willen der betroffenen Bevölkerungen umgesetzt haben.

    Ihre Existenz kann daher LEGITIMERWEISE nur durch die Regierungen gesichert werden.

    Die Existenz der EZB ist zwar demokratisch legitimiert, weil sie durch demokratisch legitimierte Regierungen entstanden ist, Rettungsmotiv und Handeln der EZB, die Eurozone zu retten, sind jedoch nicht demokratisch legitimiert.

    Es steht davon auch nichts in ihrer Satzung.

    Das Handeln der EZB wurde von den Regierungen geduldet und gewollt, weil sie UNFÄHIG sind, sich von ihren Bevölkerungen die demokratische Legitimation für die Rettung bzw. „Heilung“ zu verschaffen.

    Die Regierungen sind nicht einmal fähig, die Eurozone zu stabilisieren.

    Eine ihrer Institutionen, eben die EZB „musste“ es daher für sie tun, wenn der Schaden eines Zerfalls der Eurozone vermieden werden soll.

    Wäre Draghi undiplomatisch ehrlich gewesen, hätte er sagen müssen:

    „Die Eurozone ist so kaputt, dass der große Schaden ihres sich anbahnenden Zerfalls vermieden werden musste.

    Die EZB musste es tun, weil nach Lage der Dinge NUR die EZB es tun konnte.“

    Das ist eine Zustandsbeschreibung des Systems und es ist die FUNDAMENTALKRITIK an der EZB und an der Politik.

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      Richard Ott sagte:

      @Herr Tischer

      „‚Die EZB habe für die Liquidität in der Eurozone zu sorgen. Diese Aufgabe ist nur zu erfüllen, wenn dafür die Voraussetzung besteht, d.h. es die Eurozone gibt. Daher habe er ihre Existenz sichern müssen.‘ Wenn [Draghi] das tatsächlich jemals gesagt haben sollte, ist es ANMASSUNG pur“

      Das überrascht Sie so sehr? Ich halte das einfach nur für eine etwas holprig zurechtgedrechselte Rechtfertigung für die grundlegende Handlungsmaxime der EZB, den Euro koste es was es wolle („whatever it takes“) zu erhalten, weil es ohne Euro keine Rechtfertigung mehr dafür gibt, so eine große und teure Institution wie die Europäische Zentralbank überhaupt weiter existieren zu lassen. Das ist selbstgerecht und arrogant aber auch völlig normal in der Politik – wirklich bemerkenswert wäre es, wenn die EZB einen Präsidenten hätte, der bereit wäre, die EZB abzuwickeln und dort buchstäblich als letztzer das Licht auszumachen wenn der Euro zerfällt.

      Den Mechanismus kennen wir zum Beipiel auch von den ganzen NGOs in der sogenannten „Flüchtlingshilfe“ – das Schlimmste, was denen passieren könnte, wäre eine erfolgreiche Beseitigung aller sogenannten „Fluchtursachen“, weil es dann ja keine Flüchtlinge mehr gäbe, und damit auch keine staatlichen Subventionen und Fördergelder mehr. Die könnten dann dicht machen! Unvorstellbar! Eine Katastrophe! Sie sehen, schon aus diesem Grund müssen immer neue „Fluchtgründe“ gefunden werden.

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        Dietmar Tischer sagte:

        @ Richard Ott

        >Ich halte das einfach nur für eine etwas holprig zurechtgedrechselte Rechtfertigung für die grundlegende Handlungsmaxime der EZB, den Euro koste es was es wolle („whatever it takes“) zu erhalten, weil es ohne Euro keine Rechtfertigung mehr dafür gibt, so eine große und teure Institution wie die Europäische Zentralbank überhaupt weiter existieren zu lassen.>

        Das sehe ich anders.

        Draghi, andere Entscheider im Rat der EZB und auch die darunter haben viel Erfahrung und verfügen über weitreichende Kenntnisse und sind zudem sehr gut vernetzt, so dass sie problemlos andere anspruchsvolle Jobs bekämen, wenn es die EZB nicht mehr gäbe.

        Ihr Problem ist m. A. n. ein anderes:

        Wenn man WEISS, dass man retten kann, ist es nahezu unmöglich NICHT retten zu WOLLEN – zumindest in Fällen, in denen nicht zu retten derartige Folgen wie bei der Eurozone hätte.

        Meine Lebenserfahrung und Menschenkenntnis veranlassen mich zu sagen, dass jeder vernünftige Mensch im vorliegend Fall retten würde.

        Ich schließe Sie ein.

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        Richard Ott sagte:

        @Herr Tischer

        „Wenn man WEISS, dass man retten kann, ist es nahezu unmöglich NICHT retten zu WOLLEN – zumindest in Fällen, in denen nicht zu retten derartige Folgen wie bei der Eurozone hätte. Meine Lebenserfahrung und Menschenkenntnis veranlassen mich zu sagen, dass jeder vernünftige Mensch im vorliegend Fall retten würde. Ich schließe Sie ein.“

        Sie suggerieren, dass man das Euro-System überhaupt „retten“ kann – anstatt seinen Zusammenbruch nur auf einen späteren Termin in der Zukunft zu verschieben.

        Einen Alkoholiker können Sie auch nicht dadurch „retten“, dass sie ihm eine Flasche Schnaps kaufen. Es kann sich allerdings kurz so anfühlen als hätten Sie ihn tatsächlich gerettet, wenn Sie das tun – er wird sehr glücklich über das Geschenk sein und eine Weile aufhören zu jammern und zu betteln. Und dann ist seine Flasche leer. „Retten“ sie ihn dann nochmal? Und nochmal? Und nochmal, bis er irgendwann tot umfällt?

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        Dietmar Tischer sagte:

        @ Richard Ott

        >Sie suggerieren, dass man das Euro-System überhaupt „retten“ kann – anstatt seinen Zusammenbruch nur auf einen späteren Termin in der Zukunft zu verschieben.>

        Das suggeriere ich nicht.

        Da Sie lesen, was ich schreibe, wissen Sie auch, dass ich überzeugt davon bin, dass man die Eurozone nicht retten, sondern sie nur auf Zeit stabilisieren kann.

        Darauf kommt es hier aber nicht an.

        Denn ich habe wie von Ihnen zitiert aus der Sicht von DRAGHI geschrieben, weil es um SEIN Handeln geht:

        „Wenn man WEISS dass …“

        Das ist der Unterschied zu Ihrem Vergleich mit dem Süchtigen, bei dem man etwas Entgegengesetztes – Rettung nicht möglich – weiß.

        Deshalb trifft ihre Kritik nicht.

        Unabhängig davon hätte ich besser geschrieben:

        „Wenn man ÜBERZEUGT ist, das …“

        Die Frage, die ich gern mit Draghi daraufhin diskutieren würde, wäre:

        WAS, angesichts der nun schon jahrelang verfolgten Politik in der Eurozone, eben Vermeidung von Strukturmaßnahmen, wie Sie sie immer wieder gefordert haben, überzeugt Sie – einen bestens ausgebildeten Ökonomen –, dass die Eurozone in einen Zustand gebracht werden kann, in dem sie ohne extreme Maßnahmen der Geldpolitik sich selbst stabilisierend entwickeln kann?

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      Matthias sagte:

      Solange diese Sachanlagen nicht völlig anonym sind, nützen die Ihnen überhaupt nichts in einer echten Krise.

      Notstandsgesetzgebung, Zwangsbesteuerung, Lastenausgleich & Co. werden diese Sachanlagen wegrasieren, ob Sie wollen oder nicht. Und das alles kommt dann meist „über Nacht“, sodass Gegenmaßnahmen unmöglich sind.

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        The Big Big Short sagte:

        @Matthias
        Ich teile Ihre Einschätzung. Der Bedarf an Finanzmitteln in der nächsten Krise wird einfach zu hoch sein, als das man irgendeine „Assetklasse“ auslassen könnte.

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        Matthias sagte:

        @The Big Big Short

        Ganz genau.

        Selbst die Auslandsimmobilie oder das ausländische Aktiendepot sind nicht sicher.

        Da hat man eines Morgens einen Brief in der Post, in dem die Finanzverwaltung mitteilt, dass ihre Auslandimmobilie/Aktiendepot fiktiv mit dem Betrag X „gehypothekt“ wurden und man ab sofort monatlich Betrag Y abzuführen hat (Notstandgesetzgebung/Sozial-Ausgleichsplan XYZ Absatz 1), mit der anhängenden Belehrung, was passiert wenn man die Zahlungsfristen nicht einhält.

        Als Grußwort gibt es: „Vielen Dank für ihr Verständnis“

        Und das „wars dann“.

        So wird das ablaufen.

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      Richard Ott sagte:

      @Herr Stöcker

      „Negativzinsen sind die FOLGE einer verfehlten Investitions-/Fiskal-/Lohnpolitik.“

      Negativzinsen sind die Folge der Weigerung, überschuldete und zahlungsunfähige Banken und Staaten pleite gehen zu lassen.

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        Michael Stöcker sagte:

        Banken darf man nicht „pleite gehen zu lassen“, Herr Ott. Banken müssen KONTROLLIERT abgewickelt werden, wenn sie kein erfolgreiches Geschäftsmodell mehr haben: https://soffisticated.wordpress.com/2012/09/03/das-misverstandnis-von-sahra-w/

        Und wenn Sie diesen Beitrag in aller Ruhe gelesen haben, dann werden auch Sie vielleicht verstehen, warum man in aller Regel auch keine Staaten pleitegehen lassen sollte; insbesondere dann nicht, wenn sie Teil des Eurosystems sind. Es sei denn, man möchte ein frühzeitiges Ende des Euro herbeiführen. Ich sehe allerdings niemanden in Verantwortung, der für einen solchen Harakiri plädiert. Das ist und bleibt wohl dem Buddelkasten der Austrians vorbehalten, damit – welch Wunder – anschließend wieder die Zinsmär vom Konsumverzicht geträllert werden kann, für die der aufopferungsvolle Asket selbstverständlich fürstlich honoriert werden muss.

        LG Michael Stöcker

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        Richard Ott sagte:

        @Herr Stöcker

        „warum man in aller Regel auch keine Staaten pleitegehen lassen sollte; insbesondere dann nicht, wenn sie Teil des Eurosystems sind. Es sei denn, man möchte ein frühzeitiges Ende des Euro herbeiführen.“

        Jaja, eine ganz und gar schreckliche Vorstellung, nicht wahr? Wie könnte Europa ohne Euro nur überleben?

        „die Zinsmär vom Konsumverzicht“ und böse Österreicher im Sandkasten

        Was schlagen Sie als Vulgär-Keynesianist denn vor? Wir drucken einfach ganz viel Geld und verteilen es, und dann muss niemand auf Konsum verzichten? :D :D

      • Avatar
        Dietmar Tischer sagte:

        @ Michael Stöcker

        >Banken müssen KONTROLLIERT abgewickelt werden, wenn sie kein erfolgreiches Geschäftsmodell mehr haben:
        https://soffisticated.wordpress.com/2012/09/03/das-misverstandnis-von-sahra-w/>

        Der verlinkte Dr. Renée Menéndez befasst sich nicht mit nicht erfolgreichen Geschäftsmodellen von Banken.

        Er argumentiert vielmehr gegen Bankinsolvenzen.

        Seine Argumentation ist eine Herausforderung.

        Wenn tragen soll, was er sagt, ist allerdings zu fragen:

        MUSS einfach nur hingenommen werden, dass die ALLGEMEINHEIT, d. h. der Steuerzahler die Kosten dafür trägt, wenn PRIVATWIRTSCHAFTLICHE Akteure, nämlich Banken und realwirtschaftlich agierende Unternehmen schuldrechtliche Verträge schließen, die nicht zu Wertschöpfung, sondern Insolvenzen führen, oder sollte nicht auch nach MÖGLICHKEITEN gesucht werden, das Kostenrisiko wenigstens tendenziell zu BEGRENZEN?

        Mit anderen Worten:

        Ich akzeptiere nicht, dass die Verluste, die über die Verluste bei verantwortlichen Akteuren – hier den Banken und den mit ihnen agierenden Akteuren der Realwirtschaft – HINAUSGEHEN, umstandslos von DRITTEN zu tragen sind. Es geht um die Kosten, die durch „kontrollierte Abwicklung“ entstehen.

        Wer dafür plädiert, Banken zu retten, MUSS auch dafür plädieren, dass die Finanzwirtschaft in einem definierten Rahmen nach Regeln agiert, die derartige Verluste tendenziell minimieren.

        Es genügt nicht zu argumentieren, dass die Allgemeinheit Verluste zu tragen habe, weil andernfalls auch für sie noch weitere und größere Verluste anfallen würden.

        Sollten ein kostenminimierender Rahmen und entsprechende Regeln realistischerweise nicht zu schaffen sein, was offensichtlich der Fall ist, wäre der Öffentlichkeit zu sagen, dass es hier um systemische Kosten geht, die nicht zu vermeiden sind und die daher alle zu tragen haben.

      • Avatar
        Michael Stöcker sagte:

        „Wer dafür plädiert, Banken zu retten, MUSS auch dafür plädieren, dass die Finanzwirtschaft in einem definierten Rahmen nach Regeln agiert, die derartige Verluste tendenziell minimieren.“

        So ist es, Herr Tischer. Von daher war und ist die Deregulierung des Finanzsektors einer der größten gesellschaftlichen Fehler. Und wir sehen, wie schwierig es ist, den Geist wieder zurück in die Flasche zu bekommen.

        LG Michael Stöcker

      • Avatar
        Michael Stöcker sagte:

        Und noch als Ergänzung: Um diese Risiken abzudecken, erheben Banken Zinsen. Diese dürfen dann aber nicht MISSBRÄUCHLICH in Form überhöhter Löhne, Boni, Dividenden oder eben Zinsen für Spargelder verausgabt werden, sondern müssen als Rückstellungen die Bilanzen zieren. Und genau das war der zentrale Punkt in meinem ersten Post Zinsmythen: https://zinsfehler.com/2013/08/21/zinsmythen/

        LG Michael Stöcker

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        ruby sagte:

        Herr Stöcker, Sie meinen sicher Rücklagen nicht Rückstellungen.
        Denn letztere, wenn sie verursachungsgenau ermittelt sind, verunstalten jede Bilanz.

  8. Avatar
    Richard Ott sagte:

    bto: „Ich denke da an eine EU-Klimaanleihe zu Nullzins mit 500 Jahren Laufzeit, gekauft von der EZB (wenn nötig über den Umweg über das Bankensystem, um den Anschein zu erhalten, es sei keine direkte Staatsfinanzierung). Man könnte auch positiven Zins vereinbaren, damit die Staaten auch noch eine höhere Gewinnausschüttung erhalten. Die Bevölkerung versteht es nicht und freut sich, dass endlich mehr für den Klimaschutz getan wird. Alles super.“

    Nur 500 Jahre Laufzeit? Meine Prognose ist: An so einer „EU-Klimaanleihe“ würden unsere Nachfahren noch die Zinsen bezahlen, wenn in Mitteleuropa schon längst die nächte Eiszeit angebrochen ist und mit etwas Glück vielleicht sogar Brüssel unter einem dicken Eispanzer begraben liegt…

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