Wenn es sogar den Economist überrascht

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The Economist ist vermutlich das beste Wirtschaftsmagazin der Welt: fundierte Analysen, Blick hinter die Kulissen, gute Einordnung in den Gesamtzusammenhang und das alles noch gut verständlich, leicht ironisch verpackt.

Umso neugieriger war ich diese Woche: Mario Draghi hebt einen Teppich mit Europalandkarten-Design hoch, und die Ratten kriechen aus einem darunter liegenden Loch. Frau Merkel schaut missmutig und ablehnend zur Seite. Titel: „Europe`s other debt crisis“.

Ich war gespannt, welchen Teil der Schuldenproblematik ich bisher übersehen habe und dachte, es wird um die ungedeckten Versprechen für Pensionen, Renten und Gesundheitsversorgung gehen. Umso überraschter war ich, dass der Economist in Einleitungskommentar und Artikel auf einen altbekannten Punkt verwies: Es ist keine Staatsschuldenkrise sondern eine Überschuldungskrise gerade auch der privaten Sektoren, also der Nicht-Finanzunternehmen und der privaten Haushalte. Ein Tatbestand, auf den andere Beobachter schon seit mehr als fünf Jahren verweisen.

Es stimmt: Die Schulden der Privatsektoren sind beeindruckend. Nach den neuesten vom Economist verwendeten Zahlen, liegt die Verschuldung der Privatsektoren zwischen 120 Prozent und 360 Prozent des BIP.

Die Europäische Kommission hält einen Wert von 160 Prozent für nachhaltig, der Economist ist da aggressiver und hält sogar Werte von bis zu 200 Prozent des BIP für tragbar. Unter dieser Schwelle liegen neben Deutschland nur England (knapp), Frankreich, die USA und Italien. Letzteres mag überraschen, ist doch der Staat in Italien hoch verschuldet. Dem steht in der Tat ein gering verschuldeter Privatsektor gegenüber, was man im Hinterkopf haben sollte, bevor zukünftig Italien finanziellen Beistand aus den anderen Ländern Europas bekommt. Wir sollten nicht den Fehler von der Griechenland-„Rettung“ wiederholen. Denn auch in Griechenland liegt die private Verschuldung deutlich tiefer als in den meisten Euroländern. In beiden Ländern ist die Staatsverschuldung unter anderem auch eine Folge der ungenügenden Steuermoral.

Spitzenreiter der Verschuldung sind Luxemburg, Irland und Zypern, gefolgt von Portugal, Belgien und Holland. In Luxemburg, Belgien und Irland sind die Zahlen durch die dort ansässigen multinationalen Firmen verzerrt. Blickt man auf die Schulden der Privathaushalte, stehen Luxemburg und Belgien gut da, Irland weist jedoch einen Schuldenstand von mehr als 100 Prozent des BIP auf. Hier zeigen sich die Nachwehen der Immobilienblase, und aus diesem Grunde sehe ich die Beteuerungen der Politiker, dass Irland das Musterbeispiel einer gelungenen Sanierung ist, so skeptisch. Ohne einen Schuldenerlass wird Irland diesen Schuldenberg nicht abtragen können.

Schuldenspitzenreiter sind übrigens die als so solide bekannten Holländer. Angefacht durch die steuerliche Absetzbarkeit der Hypothekenzinsen haben sie sich in Schulden gestürzt und müssen jetzt feststellen, dass auch in Holland Immobilienpreise nicht immer steigen. Viele Haushalte sind „unter Wasser“, das Haus ist weniger wert als die Schulden.

Ich selbst würde eine geringere Schuldenlast als die genannten 160 Prozent für tragbar halten. Folgt man einer einfachen Daumenregel, gelangt man eher zu einem Wert von 60 Prozent je Sektor. Unter der Annahme eines langfristigen Zinsniveaus von fünf Prozent und eines Wachstums der Wirtschaft um drei Prozent kann sich der Schuldner jedes Jahr das Geld für die Zinszahlung leihen, und dennoch bleibt die Schulden-Einkommen-Relation stabil. Sobald die Schulden höher sind, muss der Schuldner einen Teil der Zinsen aus dem Einkommen bedienen, was die Nachfrage schwächt. Dies lässt sich an den Staaten sehen, die – wie Italien zur Zeit – einen sogenannten „Primärüberschuss“ im Haushalt haben, also einen Überschuss vor Zinszahlungen. Sowohl EZB wie auch IWF haben in anderen Studien eine Staatsverschuldung in der Größenordnung von 55 bis 60 Prozent als tragbar bezeichnet. Was für Staaten gilt, sollte gleichermaßen für die anderen Sektoren gelten, was zu einem Zielwert von 120 Prozent für den Privatsektor, beziehungsweise 180 Prozent für Privatsektor und Staat zusammen, führt.

Doch selbst wenn man dem Economist folgt, ist der Schuldenüberhang in der Eurozone enorm. Der Economist rechnet diesen nicht aus, doch unter Fortschreibung einer früheren Analyse von mir, lässt sich der aktuelle Schuldenüberhang auf rund  fünf Billionen (5.000 Milliarden!) Euro beziffern.

Solange der Schuldenberg so erdrückend ist, wird sich die Wirtschaft Europas nicht wirklich erholen. Ich bin gespannt, was die EZB bei der bevorstehenden Untersuchung der Bankbilanzen herausfindet. Bei der schon diese Woche kolportierten eine Billion Euro kann es nicht bleiben. Den Krisenländern wäre es recht, wenn die anderen Länder sich an der Bereinigung dieser Altlasten beteiligten. Noch sträuben sich diese. Doch angesichts der Größe des Problems und der verheerenden Wirkung einer weiteren Verschleppung von Wachstum, Schuldentragfähigkeit und europäischer Zusammenarbeit, wäre es an der Zeit, sich zusammenzusetzen und nach einem Kassensturz gemeinsam aufzuräumen.

Bleibt die Frage: War es wirklich eine Neuigkeit für den Economist? Sicherlich nicht. Aber es ist eine Neuigkeit für die Politik und viele Entscheidungsträger, die immer zu einseitig auf die Staatsschulden geblickt haben. Wenn sie Economist lesen, wissen sie es jetzt. Als nächstes muss man ihnen nur noch vorrechnen, um wieviel Geld es geht.

Economist: Debtors`Prison, 26. Oktober 2013

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