Warum investieren wir nicht?

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Die Aktienmärkte boomen, der Anteil der Gewinne am BIP ist in den USA, aber auch in vielen Ländern Europas, auf Höchstniveau. Dennoch investieren die Unternehmen nicht, sondern erhöhen Dividenden, Aktienrückkäufe und Bargeldbestände. Die FT (Anmeldung erforderlich) vermeldet „US capex to grow at slowest rate in four years“ , und aus Davos kommt die ernüchternde Nachricht „Chief executives remain reluctant to spend“ (FT, Anmeldung erforderlich) , wobei mit „spend“ eigentlich „invest“ gemeint ist. Grund genug, an unsere Ausführungen zu dem Thema im November zu erinnern:

Ohne Investitionen in Infrastruktur, Maschinen und Anlagen, Forschung und Bildung kann eine alternde und schrumpfende Bevölkerung den Wohlstand nicht halten, geschweige denn bestehende Schulden bedienen und zukünftige Versprechen einhalten. Wirtschaftswachstum ergibt sich aus zwei Faktoren: der Anzahl der Menschen, die arbeiten (Erwerbsbevölkerung) und ihrer Produktivität (BIP pro Kopf). So stagniert beispielsweise seit Jahren das BIP Japans angesichts einer schrumpfenden Erwerbsbevölkerung und eines kompensierenden Anstiegs des BIP pro Kopf.

Noch nie war Geld so billig wie heute. Staaten wie die USA, Deutschland, Frankreich, England können sich faktisch umsonst finanzieren – die Kehrseite der finanziellen Repression der Sparer. Auch Unternehmen profitieren von günstigen Finanzierungskosten und zugleich rekordhohen Gewinnen. Fast überall liegt der Anteil der Unternehmensgewinne am BIP auf Höchstniveau. Theoretisch müssten wir einen Investitionsboom erleben. Tun wir aber nicht. Im Gegenteil schrumpfen sowohl die privaten wie die öffentlichen Investitionen.

Woran liegt das?

Für die Zurückhaltung der Staaten kann man verschiedene Gründe ausmachen:

  •  Viele Staaten haben einen so hohen Schuldenstand, dass sie sich trotz günstiger Finanzierungskosten keine weiteren Schulden mehr leisten können. In einigen Ländern sind die Finanzierungskosten zudem deutlich höher (Italien, Spanien, Portugal).
  • Die Politik müsste in so einem Umfeld von Konsum zu Investitionen umsteuern. Klartext: weniger Sozialausgaben, mehr Infrastruktur und Bildung sowie Forschungsausgaben. Doch das ist unpopulär und kostet Wählerstimmen. Da ist es viel bequemer, investive Ausgaben zu streichen – zudem die Bürger es erst langsam merken, wenn überhaupt. Kaputte Straßen werden moniert, Lehrermangel merkt nur noch ein Teil der Bevölkerung, und fehlende Forschungsunterstützung wirkt sich erst in Jahrzehnten aus.
  • Die Bevölkerung selber wird immer feindlicher gegenüber Investitionen. Man denke nur an den Protest gegen Flughäfen und Bahnhöfe. Eine alternde und kinderarme Gesellschaft neigt zu Konsum statt Investition, haben doch viele keine Kinder, deren Zukunft ihnen am Herzen liegt.
  • Spektakuläre Skandale mit Großprojekten – siehe Berliner Flughafen – machen es für Politiker zusätzlich unattraktiv sich solcher Themen anzunehmen.

Letztlich ist die fehlende Investitionsbereitschaft und -fähigkeit der öffentlichen Hand die Folge der Schuldenwirtschaft der letzten Jahrzehnte. Wenn ein Großteil des Budgets für Soziales und Zinsen fest verbucht ist, schrumpft der Bewegungsspielraum. Dabei wäre es gerade heute an der Zeit genau anders zu handeln: Wir brauchen Investitionen, und Kapital ist günstig. Eine vertane Chance!

Doch bleibt die Frage, weshalb der Privatsektor nicht investiert. Billiges Geld und hohe Profite sollten doch Anreiz genug sein? Wir haben das bereits vor ein paar Tagen diskutiert. Die Ursachen vermutet man hier:

  • Die Anreizsysteme für Manager fokussieren auf kurzfristige Ergebnisse, nicht langfristige Wertsteigerung. Insofern würde sich die Wirtschaft nicht viel anders verhalten als die Politik. Hier die Aktionäre, dort die Wähler. Und alle gemeinsam zu kurzfristig orientiert?
  • Es ist immer riskanter, in neue Dinge zu investieren, als Bestehendes durch Effizienzprogramme und Kostensenkung zu optimieren.
  • Interessanterweise liegen die Investitionsquoten von nicht an der Börse gelisteten Unternehmen höher – offensichtlich haben die Eigentümer dieser Unternehmen einen längeren Atem, was die Investitionen betrifft.
  • Angesichts der Finanzkrise liegt das BIP in vielen Ländern noch deutlich unter dem Trendwachstum von vor der Krise, und die Kapazitäten sind nicht ausgelastet.
  • Die wirtschaftliche und politische Unsicherheit hat eher zu- als abgenommen in den letzten Jahren: Eurokrise, Syrienkonflikt, US-Haushaltsstreit, Energiewende in Deutschland. Alle diese Faktoren führen zu Unsicherheit und damit Investitionszurückhaltung.
  • In einigen Branchen gibt es vermutlich zu wenig Wettbewerb. Unternehmen haben es sich in Oligopolen gemütlich gemacht, in denen Erträge optimiert werden, fundamentale Kämpfe um Marktanteile jedoch unterbleiben.
  • Oder ist es nur ein statistischer Effekt? Gewinne sind vielleicht gar nicht so hoch wie ausgewiesen, und ein immer höherer Anteil der Investitionen geht in immaterielle Vermögensgüter (Beispiel: Markenname), die unzureichend in der Statistik erfasst werden. Ich bin diesbezüglich skeptisch, da sich solche Investitionen in den Kosten niederschlagen müssten mit entsprechend geringeren Margen.

Letztlich spielt es keine Rolle, weshalb Unternehmen unzureichend investieren. Die Wirkung bleibt verheerend mit Blick auf die vor uns liegenden Herausforderungen. Aber auch mit Blick auf die Überwindung der aktuellen Wachstumsschwäche ist das Thema relevant. In einer Volkswirtschaft gibt es vier Sektoren, die gesamthaft das Wachstum bestimmen:

  • die privaten Haushalte mit Konsum
  • die Unternehmen mit Investitionen
  • der Staat mit Konsum und Investitionen
  • der Außenhandel mit Überschuss (= die Inländer sparen mehr, als sie ausgeben) oder Defizit (= die Inländer konsumieren mehr, als sie einnehmen)

Wenn nun Privathaushalte einen zu hohen Schuldenstand abbauen müssen („deleveraging“) und der Staat tendenziell dasselbe tut, verbleiben nur der Außenhandel (mehr exportieren als importieren) und der Unternehmenssektor (mehr investieren), um den Nachfragerückgang der anderen Sektoren aufzufangen. Wenn in einer solchen Situation, Unternehmen statt zu investieren, ebenfalls sparen, fällt die Anpassung nur auf den Außenhandel, oder aber die Wirtschaft gerät in eine Rezession, und der Staat verfehlt sein Sparziel wegen fallender Steuereinnahmen und steigenden Sozialkosten.

Insofern ist es eine ungesunde Anomalie, dass der Unternehmenssektor trotz Rekordgewinnen spart und die Staaten weiterhin Defizite machen.

Eine Lösung kann darin liegen, die Investitionen der Unternehmen zu fördern: über steuerliche Bevorteilung von Investitionen gegenüber Ausschüttungen und Aktienrückkäufen, über verbesserte Abschreibungsmöglichkeiten. Bleibt es bei der derzeitigen Situation, ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Staaten auch im Unternehmenssektor die Steuerschraube wieder anziehen. So gesehen, ist es auch im Unternehmensinteresse, das Geld lieber im eigenen Geschäft zu investieren.

Doch vielleicht ist die Zeit auch reif für ein ganz anderes Modell: dem Privatsektor die Investitionen auch im Bereich der öffentlichen Infrastruktur zu überlassen. Geld und Kompetenz sind dort vorhanden. Vernünftige Regulierung vorausgesetzt, kann sich daraus eine Win-win-Situation ergeben.

5 Kommentare
  1. Jürgen Eck says:

    Der nötige Schuldenabbau heute entspringt dem Schuldenaufbau früher. Dieser Aufbau erfolgte aus dem gleichem Grund, der auch heute vorliegt: Mangelnde Kaufkraft bzw. Sättigung der Gutbetuchten. Ohne Schuldenmachen früher wäre schon früher die Rezession/Depression gekommen. Es wurde nur Zeit gekauft, was jetzt kaum noch geht.

    Wenn der Staat nicht will/kann, Steuern zu erhöhen wegen Infrastrukturausbau usw., dann gäbe es als „schmerzarme Lösung“ tatsächlich nur die Übereignung(Verkauf) der Infrastruktur an Privat. Dann wären wir erst später wieder da, wo wir heute sind. Nämlich nach der Modernisierung fehlten die Folgeaufträge. Rationalisierung verkürzt die Massenkaufkraft, evtl. Schuldenschnitte machen überall ärmer. Und wo keine Nachfrage lohnt sich keine Investition. Der Staat müsste auf Teufel komm raus Steuerzahler schröpfen bzw. Geld drucken lassen und vor allem sinnvolle Realproduktion finden.

    Hier liegt die Crux: Nur um Unternehmen Produktion und Gewinne zu ermöglichen und Arbeitnehmern Einkommen, könnten sinnlose endlose Vergeudungen von Zeit und Ressourcen anstehen.

    Warum nicht einfach nur soviel herstellen wie der Mensch braucht? Also keine Gewinnziele mehr. Genug ist genug, und Wachstum nur dort, wo eben ein reales Bedürfnis noch nicht gedeckt ist. Klingt reichlich naiv, aber wer hat bessere Auswege? Vor allem ohne Krise – Zerstörung – Neuaufbau – Zyklen.

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  2. Josh says:

    Die Kondratieff-Theorie könnte eine Antwort darauf geben, warum Unternehmen trotz Niedrigstzinsen nicht investieren: Es gibt keine „Basisinnovation“, für die es sich lohnt zu investieren – so wie den Computer vor 30 Jahren oder die Elektrizität vor 100 Jahren oder die Dampfmaschine vor 200 Jahren. Es gibt derzeit einfach nichts, was die stagnierende Produktivität genügend steigern kann. Auf die 30 Jahre alten Erfolgsrezepte zu setzen und neue IT oder neue Software anzuschaffen, bringt heute kaum noch was, weil es eher die Komplexität als die Produktivität steigert.

    Leider hängen wir sehr an Watzlawicks Anleitung zum Unglücklichsein: „Wenn etwas nicht funktioniert, dann mache mehr davon.“ Dabei gibt es interessante Arbeiten beispielsweise von Nefiodow oder Händeler, die untersuchen, wo die nächste Basisinnovation liegen könnte, und wo sich das Investieren lohnen würde. Wenn wir uns von den alten, nicht mehr funktionierenden und dennoch „alternativlos“ scheinenden Mainstream-Lehrmeinungen lösen könnten, fänden wir vielleicht endlich neue, alternative Ansätze, unsere Produktivitätsprobleme von der Wurzel her zu lösen.

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    • Daniel Stelter
      Daniel Stelter says:

      Das sehe ich sehr ähnlich. In einem anderen Kommentar habe ich ja darauf hingewiesen, dass wir von Kondratieff auch dahingehend lernen könnten die Phasen des Übergangs zu akzeptieren statt mit Schulden Scheinbooms zu erzeugen. Ich denke in der Tat, dass wir neue Basisinnovationen sehen werden, die dann dazu führen, dass wir einen neuen Aufschwung bekommen. Allerdings müssen wir unsere Schuldenprobleme zuvor lösen.

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  3. Jens says:

    Die Bevölkerung selber wird immer feindlicher gegenüber Investitionen.

    Bei den 70% reparturbedürftigen Brücken, den maroden Wasserstraßen, Autos und Schulen gibt es mehr als genug Investitionsmöglichkeiten, ohne angeblich feindselige Bürger.

    Vielfach sind die Bürger auch dagegen, da sich die Investitionen nicht rechnen, z.B. S21. Bei der FehrmanBelt bezweifele ich die Wirtschaftlichkeit ebenfalls.

    Das ist insgesamt ein sehr schwaches bis gar kein Argument.

    Theoretisch müssten wir einen Investitionsboom erleben. Tun wir aber nicht. Im Gegenteil schrumpfen sowohl die privaten wie die öffentlichen Investitionen.

    Das ist relativ simpel. Weil die Nachfrage schlapp ist. Ich verweise hier z.B. auf eine Umfrage der EZB

    https://www.ecb.europa.eu/pub/pdf/other/eb201508_focus02.en.pdf

    (Seite 4 Chart oben links, die ersten drei Gründe bedeuten nichts anders als mangelnde Nachfrage.)

    Die Nachfrage ist in Deutschland zu gering, da die Löhne zu niedrig sind, zumindest in Relation zur Währung. Und in den Südländern der EU ist durch die Kürzungsprogramme nicht genug Kaufkraft vorhanden.
    In der USA ist es auch nicht viel besser, die Einkommenungleichheit hat so stark zugenommen, dass die unteren Einkommen auch eine stark verringerte Kaufkraft haben.

    https://www.nytimes.com/interactive/2017/08/07/opinion/leonhardt-income-inequality.html

    Die Wohlhabenden können ihr Einkommen gar nicht konsumieren und investieren es lieber an der Börse, den die dort gelisteten Unternehmen machen ihre Gewinne offenbar ohne (genug) zu investieren.

    Wenn die Firmen in Geld schwimmen und nicht investieren, die Staaten in Schulden erttrinken und so auch nicht investieren, sollte man erkennen, dass etwas fundamental schief gelaufen ist.

    Die Ideologie, dass man den Firmen nur die Steuern senken muss, dann investieren sie schon ist zum einen falsch und zum anderen nicht kompatibel mit unserem Giralgeldssystem!
    In unserem Giralgeldsystem muss für jeden Dollar auch ein Dollar in Schulden vorhanden sein. (Das Bargeld mit ca. 10% Anteil mal außen vorgelassen).
    Wenn die Bürger in der Summe für die Altersvorsorge sparen sollen, die Staaten keine Schulden machen sollen und auch die Firmen Sparer sind, fehlen eben die Schuldner.
    Diese Rolle haben zur Zeit überwiegend die Staaten inne, teilweise sogar überschuldet. Die natürlichen Schuldner sind aber Unternehmen! Nur diese können eine Rendite erwirtschaften, die höher als die Zinsen ist.
    Durch zig Jahrzehnte neoliberales Brainwashing sind die aber durch zig Steuersenkungen zum Sparer geworden.

    Und jetzt zu fordern, die Firmen sollen in öffentliche Infrastruktur investieren, und dies noch als eine WinWin Situation hinzustellen ist ein Witz.
    Bei nahezu allen ÖPP-projekten knirscht es oder der Staat zahlt drauf. Ständig muss der Staat dann doch wieder einspringen und somit das Risiko nehmen und die Privaten den Profit. Siehe private Autobahn in Spanien und unsere A!.

    Die Staaten müßten bei den Firmen die Gewinne durch höhere Steuern einsammeln und dieses Geld in Bildung und Infrastruktur investieren, so dass die Firmen sich wieder verschulden müßten um zu investieren.
    Das wird aber genau nicht passieren. Evt. könnte Vollgeld helfen die Misere zu mildern. Vollgeld könnte zumindest die Staatverschuldung eindämmen.

    ÖPP Projekte werden, das Problem definitv nicht lösen, man sehe sich die ganzen Probleme bei ÖPP nur an. Risiko und Profit gehören zusammen. Bei den Banken wurde dieses Prinzip schon ausgehebelt.
    ÖPP würde (bzw. tut es bereits) es bei den Bauunternehmen aushebeln.

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  4. Jens says:

    Die Kondratieff-Theorie halte ich auch für eine Erklärungsmöglichkeit. Mein subjektiver Eindruck ist allerdings, dass die Zyklen immer kürzer werden. Die Eisenbahn hat mehrere Jahrzehnte für Wachstumsimpulse gesorgt. Die Erfindung des Autos hat nicht so lange für Wachstum gesorgt.
    Das Internet und der Mobilfunk hat verglichen mit der Erfindung der Eisenbanhn nur ganz kurz für Wachstum gesorgt.

    Die Fertigungstechnik ist evt. mittlerweile so ausgefeilt, dass die Sättigung viel früher erreicht wird?

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