Zum Blogbeitrag: „Die Weltwirtschaft hat sich aufgehängt – so funktioniert der globale Neustart“

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Man schreibt mir. Da es diesmal ein längerer Text ist, zudem Abbildungen enthält und sich auf meinen Beitrag von heute morgen bezieht, nehme ich ihn als einen Beitrag auf:

„Bei aller Hochachtung vor Ihren Beiträgen in diesem Forum: Wo genau wird denn die Inflationsrate in den USA und in Euroland Ende 2016 und im ersten Halbjahr 2017 Ihrer Meinung nach sein? Und wie leiten Sie das ab? Dann kann man sich überlegen, was die Geldpolitik – auch angesichts Ihrer verzögerten Wirkungsmechanismen – tun sollte, und auch was Sie falsch machen könnte.

Bei allen theoretischen Szenarien aus Sicht der scheinbar isolierten und „in die Enge getriebenen Notenbank“ kommen m. E. die einzelnen Wirtschaftssubjekte, die Ökonomischen Sektoren und die tatsächlich preisbildenden Faktoren gar nicht mehr vor. Was hat denn in allen Konjunkturzyklen, sagen wir der letzten 100 Jahre, als maßgebliche Einflussfaktoren die Preise (Inflation, HVPI, CPI-U, welche Definition auch immer) beeinflusst? Doch nicht ausschließlich und auch nicht in erster Linie die Geldpolitik. Sie hat mangels vermeintlich exakt vorhersagbarer Steuerungsmöglichkeit in erster Linie eine Reaktionsmöglichkeit. Sonst wären bei all den Bemühungen seitens der Notenbanken in den letzten 15 Jahren die Inflationsraten ja wohl höher als heute.

Die Geldpolitik wird da sicher überschätzt. Ließe sich mit ihr alles so feinsteuern, gäbe es die aktuellen Probleme wohl nicht. Sie hat die Probleme der Verschuldung sogar massiv verstärkt. Angesichts der Diskussion, z. B. auch über die vermeintlich richtige Höhe/Menge des Helikopter-Geldes, drängt sich mir der Verdacht von immer wieder auf KONTROLLILLUSION auf.

Ich glaube aber auch nicht, dass die Mitglieder im FOMC oder im EZB-Rat oder deren Stäbe sich überschätzen. In allen bekannten ökonometrischen und gut fundierten Ansätzen, mit denen Volkswirte und Institutionen die konjunkturellen Dynamiken und, wie hier im Vordergrund stehend (vgl. Titel), die Preisentwicklungen analysieren und – gar nicht mal schlecht – prognostizieren, steht die – meist reaktive – Geldpolitik nicht an erster Stelle. Vielmehr sind es die Preisbildung auf Märkten für Güter und Dienstleistungen und das Verhalten der Wirtschaftssubjekte, die Zyklen von Über- bzw. Unterkapazitäten oder schlicht der Schweinezyklus bei Rohstoffen und Energie (Öl, Gas, etc.).

Mit der „Methode des genauen Hinsehens“ kann man sich schon ein gutes Bild machen. Jenseits von von r² und t-tests kann man hier den maßgeblichen Zusammenhang seit 1992 bis einschl. Februar 2016 im Bild erkennen. Man sieht die Bäume und den Wald! Die Rohstoffpreise sind der maßgebliche Einflussfaktor für die Veränderung der Inflation.

Hier: Chart 1: All Commodity-Index vs. CPI-U in den USA und Chart 2: All Commodity-Index vs. HVPI Euro18, jeweils Jahresveränderungsraten, Monatsdaten von 1992 bis einschl. März 2016

Commodity Index vs CPI_vs_HVPI_FA_160428

Wie wollte die Geldpolitik die Inflationsdynamik gegen die Rohstoffpreiszyklen (fein-) steuern, also wirklich ex ante? Dieser Einfluss galt auch in den Jahrzehnten davor und ist nicht das Ergebnis geldpolitischer Maßnahmen, sondern trotz . . . !! Vielmehr stimmt die in diesem Forum auch wieder zitierte These, dass die Konjunktur nicht an Altersschwäche stirbt, sondern am Überschießen des inflationsgetriebenen Zinsanhebungszyklus der (US-) Notenbank.

Die Einflussfaktoren auf die Preisbildung haben unterschiedliche und im Zeitablauf veränderliche Gewichte, hängen ab von Produktivitäten, Kapazitäten (Was sind jetzt die tatsächlichen ökonomischen Kapazitäten nach dem längeren Abschwung im Zuge der Finanzkrise?), diversen Inputfaktoren und dem Grad der Flexibilität auf den Güter- und Dienstleistungsmärkten, (handelsgewichteten) Wechselkursen, uvm., aber vor allem an den Commodity-Preisen.

=> Was ist denn Ihrer Meinung nach jetzt das tatsächliche Potentialwachstum in Europa, in den USA oder in China?

Solange Überkapazitäten vorhanden sind, und die Produktionsfaktoren billig sind, wird die Versorgung mit immer mehr Geld alleine kaum Preisüberwälzungen und schließlich einen hinreichenden Anstieg des allgemeinen Preisniveaus erzeugen, den man dann Inflation nennen könnte. Mitte der 90er Jahre hat kein Geldtheoretiker vorhersehen können, welche Dynamiken die politischen Veränderungen in China bspw. auf die Energie – und Rohstoffmärkte der Welt und ihre Investitions- und Kapazitätszyklen ausübt, oder welche preisdämpfenden Effekte die neue „verlängerte Werkbank“ in China und in den Emerging Markets als Konkurrenz auf den arbeitsteiligen „Weltarbeitsmarkt“ ausübt.“

 

von: Felix Kurt

 

 

14 Antworten
  1. Dietmar Tischer says:

    Ich nehme einmal an, dass dies die hier vertretene These ist:

    >Was hat denn in allen Konjunkturzyklen, sagen wir der letzten 100 Jahre, als maßgebliche Einflussfaktoren die Preise (Inflation, HVPI, CPI-U, welche Definition auch immer) beeinflusst? Doch nicht ausschließlich und auch nicht in erster Linie die Geldpolitik. Sie hat mangels vermeintlich exakt vorhersagbarer Steuerungsmöglichkeit in erster Linie eine Reaktionsmöglichkeit. Sonst wären bei all den Bemühungen seitens der Notenbanken in den letzten 15 Jahren die Inflationsraten ja wohl höher als heute.
    Die Geldpolitik wird da sicher überschätzt. Ließe sich mit ihr alles so feinsteuern, gäbe es die aktuellen Probleme wohl nicht.>

    Meine Antwort:

    Vieles hat die Preise beeinflusst – alles, was die VERÄNDRUNG von Angebot und/oder Nachfrage bewirkt. Das ist eine Binse, aber wenn man auch nur mal eine Sekunde nachdenkt, was alles darunter fallen kann, ist es keine mehr.

    Sicher gehören dazu auch Veränderungen bei den Rohstoffen, aber auch solche bei den Löhnen und Gehältern, solche der Wechselkurse und … und …
    Zu einzelnen Perioden und zu einzelnen Zeiten waren es ÜBERWIEGEND diese oder jene Faktoren, zu anderen Perioden und Zeiten andere. Beispiel: in den 70er Jahren war es der deutlich angestiegene Ölpreis. In letzten Jahren war es der zeitweilig NOCH deutlichere Anstieg hinsichtlich der Wirkung nicht in dem Ausmaß der 70er Jahre.

    Die Korrelation von Rohstoffpreisen und Inflation sagt jedenfalls nichts darüber aus, ob und in welchem Ausmaß die Rohstoffe URSACHE oder FOLGE der Inflation sind.

    Die Feinsteuerung, die Geldpolitik bewirken kann, mag überschätzt werden.
    Die Effekte, insbesondere die „Grobeffekte“ dauerhaft niedriger Zinsen kann man längst nicht mehr überschätzen. Dafür sind sie zu dominant.
    Vermutlich gäbe es die aktuellen Probleme nicht, wenn die Feinsteuerung der Notenbank funktionierte – UND wenn sie feinsteuern würde (was auch noch die Frage wäre).

    Genauso ist zu vermuten, dass es dann ANDERE Probleme gäbe.

    Antworten
  2. Felix Kurt says:

    Entgegnung @ D. Tischer: Danke für’s Feedback.

    Dazu meine Entgegnung:
    (1) Natürlich ist das, was ich hier schreibe eine „Binse“. Sie wird, zumindest in diesem Forum, aber oft ausgeblendet. Es gibt viele Einflussfaktoren auf die Preise (Preisveränderungsraten), und der Zusammenhang von Angebot und Nachfrage auf Preisveränderungen ist naturgegeben sehr wichtig.
    (2) Aber nicht alle Preisveränderungen oder Veränderungen von Angebots- und Nachfrageverhältnissen haben den gleichen, starken Einfluss auf die Inflationsentwicklung, viele in sehr geringem Ausmaß und deutlich wenigere sehr stark.
    (3) Die gute alte Lohn-Preis-Spirale funktioniert schon lange nicht mehr (so stark). Nicht mal in China.
    (4) Es gibt in den vergangenen ca. 20 Jahren, zumindest in Deutschland, einen trendmäßig erhöhenden Einfluss auf die Inflationsraten durch die administrierten Preise, also Gebühren, Grundsteuern, usw. Das hat wenig bis nichts mit Angebot und Nachfrage zu tun. Sonst wären die Inflationsraten wohl noch niedriger!
    (5) Das was Sie zu den 70ern und den ÖLPREISSCHOCKS anmerken, ist genau richtig. Die haben die Inflationsraten nach oben schießen lassen und waren URSACHE, nicht Folge. Die gewerkschaftliche Organisierung war zu jener Zeit in DE, vor allem aber auch in U.K. und in den U.S.A. sehr stark. (N.B.: Die U.S.A. waren in den 70ern die Lahme Ente/der kranke Mann der Weltwirtschaft. Man erinnere sich.) Die Lohn-Preis-Spirale, sprich kostengetriebene Preisüberwälzung, tat dann ihr Übriges. (Kluncker-Runde, u.a. Bergbaustreiks in U.K., etc.) Der Konjunkturzyklus wurde dann durch die Inflationsbekämpfung = Zinsanhebungen beendet.
    (6) Sie schreiben selbst, dass in den letzten Jahren der „… der zeitweilig NOCH deutlichere Anstieg hinsichtlich der Wirkung nicht in dem Ausmaß der 70er Jahre…“ einen starken Einfluss hat. Genau das zeige ich ja u.a. in den Charts, und zwar rauf wie runter!
    (7) Wenn Sie sich im nächsten Schritt die Zusammensetzung der Commodities und der vielfach dafür verfügbaren, breiteren Commodity-Indizes anschauen (N.B.: Dazu hat heute jeder über das Internet die Möglichkeit. Kostenlos), dann stellen Sie fest, dass die Energie-Rohstoffe immer noch das größte Gewicht haben. Ferner ist es tatsächlich so, dass die Commodities, ob nun Öl/Energie, Industriemetalle/Metalle oder Agrarrohstoffe, sich fast unisono bewegen. Dazu gibt es Zeitreihen/Charts, die 1804 anfangen. Für den Reuters/Jeffries-CRB-Index gibt es Aufzeichnungen bis 1749 zurück: immer das gleiche Bild!
    (8) Wenn Sie sich die Zinsen, Leitzinsen und die Marktrenditen langlaufender Staatsanleihen, anschauen, dann zeigen die genau das Bild: Eine fast bilderbuchmäßige Glockenkurve, die in den 50ern/60ern ein niedriges Zinsniveau (Achtung! Phasen der Zinsbindung in den U.S.A. =finanzielle Repression) abbildet, dann im Zuge der Energiepreisschocks (Inflation) stark ansteigt (im Juni 1981 waren die 3-Monats-T-Bills bei 14,8%), und anschließend – unter Schwankungen – wieder abfällt. Seit gut 7,5 Jahren sind die T-Bills unter 1% oder nahe 0,00%. Ohne das dies zu einer nachhaltigen Re-Inflationierung geführt hat.

    Zurück zu (2): Ich vertrete die Ansicht, dass man bei allen Überlegungen/Ansätzen zu einer Re-Inflationierung erst einmal berücksichtigen/analysieren sollte, was die MAßGEBLICHEN Einflussfaktoren auf die Inflation sind: Das waren und sind es immer noch die Rohstoffpreise, oder auf Neu-Schwäbisch die Commodities.

    Man will doch wissen worauf man zielt, sonst wirkt keine Medizin. Besser eine „informierte Wette“ als mit der Schrotflinte in die Luft zu schießen, in der Hoffnung, dass ein paar Kügelchen beim Runterfallen etwas treffen. Was weiß man nicht.

    Also sollte man die stärksten Einflüsse berücksichtigen, nicht irgendwelche (Scheinkorrelationen) oder blanke Vermutungen ohne stichhaltigen Nachweis.

    Wenn man jetzt meinen letzten Absatz oben anschaut, dann frage ich Sie, wie will eine Notenbank in diesem Umfeld Inflation stimulieren. Die Aussichten auf hinreichende Preisüberwälzungen sind gering. Es herrschen in der Welt hoch technisierte Kapazitäten und dazu noch Überkapazitäten in einem sich abschwächenden China. Die Historie lehrt seit 235 Jahren, dass die Zyklen (s.o.) bei Rohstoffen lange sind. Hier mal die Bärenmärkte/Abschwünge: 1781 = 11 Jahre, 1815 = 28 Jahre, 1864 = 33 Jahre, 1920 = 13 Jahre (dann wieder Krieg), 1951 = 17 Jahre, 1980 = 19 Jahre, und jetzt seit 2008 (‚spitze‘ N.B.: Als viele meinten, dass Rohstoffe jetzt eine neue Assetklasse seien!). Rohstoffe/Exploration/Bergbau sind in der gesamten Breite immer noch einer der wichtigsten, aber auch zyklischsten Treiber für Auf- und Abschwünge von weltweiter Investitionsnachfrage.

    Wie/mit was genau wollen Sie gegen solchen Markteinflüsse ansteuern? Das halte ich für eine KONTROLLILLUSION. Und das Experiment läuft ja schon lange und fängt nicht gerade erst an.

    Ich setze noch eine kritische Stimme drauf:
    Stephen Williamson, Vice President der Federal Reserve Bank von St. Louis:

    „Die Theorie hinter QE ist nicht fundiert … Beweise zur Unterstützung von Bernankes Sicht der Kanäle, über die QE funktioniert, sind bestenfalls gemischt …Die meisten Untersuchungen zu den quantitativen Auswirkungen von QE bestehen aus Ereignisstudien, bei denen die Auswirkungen auf Preise von Vermögensgütern im Umfeld angekündigter QE-Maßnahmen untersucht werden. … Diese Forschungsarbeiten sind problematisch, da sie atheoretisch sind. Es gibt zum Beispiel keine Möglichkeit festzustellen, ob sich Preise von Vermögensgütern in Reaktion auf angekündigte QE-Maßnahmen allein aufgrund der Signalwirkung verändern – QE also nicht aufgrund der direkten Auswirkungen der getauschten Vermögenswerte wirkt, sondern lediglich, weil es Informationen über künftige Zentralbankmaßnahmen zur Entwicklung der Leitzinsen liefert. Es gibt meines Wissens auch keine Untersuchungen, die eine Verbindung zwischen QE und den Hauptzielen der Fed – Inflation und Wirtschaftsaktivität – herstellen.“

    Antworten
    • Dietmar Tischer says:

      Ich sehe vieles genauso wie Sie.

      Einige Anmerkungen:

      Die Rohstoffpreise sind selbstverständlich ein entscheidender Faktor für die Entwicklung von Inflation – weltwirtschaftlich gesehen. Außerdem sind Rohstoff (Abbau und Export) für viele Länder DER Einkommensgenerator.

      Allerdings:

      Die traditionellen Rohstoffe verlieren in den entwickelten Volkswirtschaften an Bedeutung. Dies liegt zum einen am Rückgang der industriellen Produktion – und dem Wachstum der Dienstleistungen. Dies auch im Zusammenhang mit IT/Vernetzung, deren Entwicklung gerade NICHT auf der Nachfrage nach konventionellen Rohstoffen beruht. Zum anderen werden Erzeugung und Verbrauch von Energie umgestellt auf erneuerbare Energien. Die Auswirkungen werden allmählich sichtbar, siehe das Überangebot an Öl.

      Zu den Notenbanken:

      Selbst wenn Sie wollten, können die Notenbanken nicht DIREKT über die Rohstoffpreise eine Inflation herbeiführen. Ich sehe jedenfalls nicht, wie das funktionieren soll.

      Sie müssen die Akteure so konditionieren, dass sie Dinge nachfragen, in die Rohstoffe eingehen und damit Rohstoffpreise relevant werden.

      Das ist unter den Umständen schwierig, wenn nicht unmöglich.

      Insofern liegt tatsächlich eine Kontrollillusion vor.

      Zur theoretischen Fundierung von QE:

      Ich bin nicht derjenige, der dazu substanziell etwas sagen kann.

      Ich bin aber überzeugt, dass die ERFAHRUNG für den Modellbau, der unserer gegenwärtigen Verschuldungssituation angemessen wäre, fehlt.

      Ich habe des Weiteren den Verdacht, dass die Notenbanken mit Modellen arbeiten, die weitgehend auf Keynesschem Denken beruhen, d. h. einem Verständnis, das ZYKLISCHEN Nachfrageausfall ausgleichen will, jedoch nicht STRUKTURELLE Probleme, wie wir sie haben, lösen kann.

      Wie gesagt, das ist ein Verdacht.

      Mich würde einmal interessieren, ob Keynes sich eine Situation wie wir sie haben, VORGESTELLT und dafür eine Lösung gefunden, die nicht nur ökonomisch funktioniert im Sinne eines geordneten Entschuldungsprozesses, sondern auch POLITISCH im Sinne eines geordnet DURCHSETZBAREN.

      Antworten
  3. Stefan Ludwig says:

    Wow sehr angeregte Diskussion. Das gefällt mir. Ich möchte etwas beitragen was mir selbst auch als „Binsenweisheit“ erscheint: Diese Welt besteht aus lauter komplexen in sich verschachtelten Systemen. Das Verhalten von SYSTEMEN wurde in der Kybernetik erforscht. Man hat dabei universell gültige Gesetzmäßigkeiten entdeckt. Diese Gesetzmäßigkeiten unberücksichtigt zu lassen ist wie 2000 km mit einem Auto fahren zu wollen und dabei den Füllstand des Benzintanks zu ignorieren. Das geht nicht dauerhaft gut. Die Zeitkonstanten in unseren Gesellschafts-, Finanz- und politischen Systemen sind ziemlich groß. Das macht die Sache schwieriger zu sehen. Sie haben aber natürlich trotzdem ihre Wirkung. Es gibt eine Möglichkeit diese Schwierigkeiten der Komplexität in den Griff zu bekommen.
    So paradox das klingen mag: Mit Hilfe von Komplexität der Steuerungs- und Kontrollstrukturen. Noch einmal am Beispiel Auto: Wenn eine der Steuerungsmöglichkeiten Gas, Kupplung, Getriebe, Bremse nicht vorhanden sind ist die „Perfomance“ (oder Zweckerfüllung) des Autos mindestens sehr gering bzw. überhaupt nicht da. Es braucht ein Mindestmaß an Komplexität um das Auto erfolgreich zu kontrollieren.

    Beim Auto ist das sehr gut überschaubar. Sie mögen jetzt Zweifel haben ob das bei so ultrakomplexen Systemen wie unseren Industriegesellschaften auch funktioniert. Dazu eine kleine Geschichte.
    Da bietet eine Firma ein „Kontrollsystem“ auf folgende Art und Weise an

    Mikroprozessor: 80 Milliarden Schaltfunktionen und 8 Billionen Interkonnektivitäten
    Energieversorgung: Als Brennstoff eignen sich 50% aller Biomassearten
    Energiereserve: 240 Stunden
    Leistungsbedarf: 100-400 Watt
    Anzahl Funktionsbaugruppen übergeordneter Art: 1500
    Anzahl der Subfunktionsbaugruppen: ca 100 Millionen (so genau wissen wir das auch nicht)

    Dem Kaufinteressenten wird ob der großen Zahlen schwindelig und ihn überkommen große Zweifel
    ob dieses Steuerungssystem wirklich geeignet und zuverlässig ist. Sind sie sicher das das zuverlässig funktioniert bei so einer wahnwitzigen Komplexität??!! Der Anbieter lächelt milde „Ganz sicher! Funktioniert sehr zuverlässig und ist zu unglaublichen Steuerleistungen fähig.“
    Interessent: „Hat dieses dolle System eigentlich auch einen eingängigen Namen?“

    Ja –
    .
    .
    .
    wir nennen es „Mensch“.

    Ich glaube wenn ich sie gefragt hätte ob ihr Körper zuverlässig funktioniert und ob sie selbst ein zuverlässiger Mitarbeiter sind 99,9% von ihnen hätten geantwortet „aber selbstverständlich“. Na also
    sie haben also doch schon Erfahrung mit hyper-ultrakomplexen Systemen die über weitgehende Selbstorganisation saugut funktionieren. Dann lernen sie doch die Kybernetik und ihre Möglichkeiten näher kennen….

    mit freundlichen Grüßen

    Stefan Ludwig

    Antworten
    • Dietmar Tischer says:

      Vorsichtig mit Analogien:

      Es ist natürlich richtig, dass man genügend Schaltfunktionen, Interkonnektivitäten etc. haben muss, um das zu bewirken, was hinreichend bewirkt werden soll.

      Zum Menschen:

      Er ist ein System, das sich evolutionär so entwickelt hat, dass es bei sich in einem gewissen RAHMEN verändernden Existenzbedingungen überleben konnte.

      Wichtig hierbei:

      a) es hat NIEMAND irgendein ZIEL verfolgt, d. h. dieses System wurde nie auf einen bestimmten Zweck hin gesteuert, geregelt oder – umgangssprachlich – kontrolliert. In anderen Worten: Mutation (seine Veränderungen betreffend) und Selektion (Interaktion außerhalb seines Ichs) waren so beschaffen, dass der Mensch überleben konnte.

      b) Mehrmals wurde es eng: Vermutlich Vulkanausbrüche dezimierten die Population, der wir entstammen auf ca. 2000 Lebewesen (nimmt man an). Vor ca. 253 Millionen Jahren gab es ein Massensterben, 96% der marinen und 75% der Landtierarten wurden ausgelöscht. Die Ursache kennt man nicht genau – mehr CO2, Vulkanausbrüche oder Meteoriteneinschläge könnten es bewirkt haben.

      Kurzum:

      Es gibt niemanden in diesem Gesamtsystem, der wüsste auf was hin kontrolliert werden sollte – und es gibt somit keine Zielvorgabe, die mit der Kontrolle erreicht werden soll.

      Das System funktioniert zwar, d. h. es weist Stabilität und kann insoweit auch reagieren, z. B. wenn Gefahren auftreten. Es hatte lediglich Glück, dass der Mangel an Ressourcen nicht auftrat, weil die Herausforderungen der Existenzsicherung nie so waren, dass die Ressourcen für die Existenzsicherung nicht genügt hätten.

      Bei unserem sozio-ökonomischen System ist es anders:

      WIR wissen, welches Ziel wir verfolgen (sollten – idealerweise).

      WIR kennen auch die Ressourcen, die wir brauchen um das Ziel zu erreichen – und wir haben sie auch.

      Wir können aber die Ressourcen nicht so einsetzen, dass wir das System auf dem Weg zur Zielerreichung nicht zerstören.

      Antworten
      • Stefan Ludwig says:

        Hallo Herr Tischer,

        ich freue mich das sie auf meinen Beitrag antworten. Nun meiner Ansicht nach liegt die Tatsache das „wir die Ressourcen nicht so einsetzen, dass wir das System auf dem Weg zur Zielerreichung nicht zerstören“ folgende Gründe:

        – Man hat kein Gesamtverständnis für das System
        – Die vorhandenen Steuerungsstrukturen können die stark angestiegende Komplexität nicht mehr kontrollieren. Man wird es wieder unter Kontrolle bekommen wenn man die Steuerungsstrukturen hin zu mehr Komplexität hin entwickelt.

        Dieser Vorschlag komplexere Steuerungsstrukturen stößt auf allgemeine Ablehnung. Oh Gott NOCH mehr Komplexität??!! Ja sicher!
        Weil nur dann wenn die Steuerungsstrukturen eine gleich hohe Komplexität haben wie das was gesteuert werden soll kann es gelingen.
        Wegen dieser Ablehnung das Beispiel das ultrahyperkomplexe „System“ Mensch.

        Es gibt bestimmte Designkriterien WIE komplexe Steuerungsstrukturen aufgebaut sein müssen damit sie für Stabilität und langfristige Lebensfähigkeit sorgen. Unsere heutigen Steuerungsstrukturen sind alles andere als das. Neben dem nicht vorhandenen Systemgesamtverständnis mangelt es auch an
        im weitesten Sinne „Sensoren“ die die Veränderungen der Umwelt in die jedes System eingebettet ist an die Steuerungszentrale melden. Und da kein Verständnis für das Gesamtsystem da ist, ist die Steuerungszentrale nicht in der Lage auf eine Art und Weise zu reagieren die zu einer WIRKLICHEN Verbesserung führen würde.
        Wissenschaftlicher Fortschritt entsteht dadurch das Theorien und Ansichten kritisch überprüft werden. Ich bin gespannt was sie mir Antworten werden.

        mit freundlichen Grüßen

        Stefan Ludwig

  4. Dietmar Tischer says:

    @ Stefan Ludwig

    Sie verfolgen die Strategie, hohe Systemkomplexität mit mehr Steuerungskomplexität in den Griff zu bekommen.

    Gute Gründe sprechen dafür, dass dies eine erfolglose Strategie ist:

    a) Es ist aufwendig, die immer mehr differenzierende Steuerungskomplexität zu entwickeln.

    b) Es ist schwierig, wenn nicht unmöglich sie so zu entwickeln, dass sie im Fall der Fälle hinreichend ist, die Existenz des Systems zu sichern.

    Hierzu beispielhaft:

    Wir wissen nicht, welche Medikamente wir entwickeln müssen, um uns vor jeder möglichen Panepedemie, die uns auslöschen könnte, zu schützen. Heißt: Wir wissen es nicht, weil wir nicht wissen, was wir wissen müssten, um Viren, die sich in der Zukunft entwickeln können, erfolgreich zu bekämpfen.

    c) Es ist zweifelhaft, ob die Steuerungskomplexität im Fall der Fälle so beherrscht werden kann, dass sie bewirkt, was wir mit ihr bewirken wollen.

    Diesen Weg haben wir in der Vergangenheit beschritten: Stichwort Regulierung.

    Wie weit wir damit gekommen sind, zeigt sich in allen Bereichen.

    Deshalb die alternative Strategie:

    Es wird versucht, Systemstabilität dadurch zu erhalten, dass das HAFTUNGSPRINZIP wieder Geltung erhält. Wer im System zerstörerisch versagt, wird durch das Haftungsprinzip aus dem Verkehr gezogen – durch Insolvenz. Allerdings so, dass keiner mit einem too big to fail davon kommt.

    Das ist der PRÄVENTIVE Teil.

    Wenn das System allerdings mit umfassend hoher Verschuldung so in die Ecke gefahren wird wie unseres, dann kann keine noch so intelligente Steuerung helfen, weil die notwendige Bedingung, das System wieder flott zu bekommen lautet:

    Etwas zu tun, was als Verlust begriffen wird – hier Aufgabe von Ansprüchen gegenüber den Schuldnern – und aufgrund des Widerstands NICHT KONTROLLIERBARE Destabilisierung hervorruft.

    Beispielhaft angenommen, um klar zu machen, was gemeint ist:

    Ein U-Bahnzug bleibt mit einer Störung mitten im unbeleuchteten Tunnel stecken. Den Zug wieder flott zu kriegen, d. h. reparieren zu können, hieße ihn von der Stromzuführung zu trennen. Trennt man ihn von der Stromzuführung, dann bricht wegen totaler Dunkelheit Panik mit unkontrollierbaren Folgen aus.

    Was tut man?

    Das, was man in der gegenwärtigen Krise tut:

    Man trennt den Zug nicht von der Stromzuführung und versucht, die Leute hinzuhalten.

    Das geht sicher eine Zeitlang gut (das Blog-Thema „Eiszeit“)

    Irgendwann, das ist auch klar, werden die Leute die Türen aufreißen und/oder die Fenster einschlagen und im dunklen Tunnel umherirren – eine unkontrollierbar Situation.

    Aber:

    Sie ereignet sich erst später.

    Und vor allem:

    Keiner hat sie hervorgerufen, ist verantwortlich dafür.

    Die Leute sind halt unvernünftig, wird man sagen.

    So läuft es ab und die politische Entwicklung aller Orten zeigt es:

    Die Leute werden bereits unruhig.

    Antworten
    • Stefan Ludwig says:

      Hallo Herr Tischer,

      das was sie beschreiben „Es ist aufwendig, die immer mehr differenzierende Steuerungskomplexität zu entwickeln.“

      Würde ich nicht als Komplexität bezeichnen sondern als kompliziertes (finanztechnisches) Regelwerk. So in der Art: „wenn Situation A eintritt wird Regel X angewendet wenn Situation B eintritt wird Regel Y angewendet…. Das Regelwerk endet
      bei Regel Nummer unendlich. Bei so einem „Lösungsversuch“ bin ich auch der Meinung das funktioniert nicht.

      Komplexität ist etwas ganz anderes als ein möglichst umfangreiches Regelwerk. Komplexität meint das ein System so gestaltet ist, dass es sehr viele verschiedene Zustände annehmen kann. Aus dieser sehr großen Flexibilität heraus ist es in der Lage auf sehr viele (aber tatsächlich nicht alle) Veränderungen der Umwelt auf eine Art und Weise zu reagieren die dem Erhalt der Lebensfähigkeit sehr viel mehr dient als „irgendeine“ Reaktion. Wenn die Umstände extrem genug sind kann man jedes System zum absterben bringen. Aber das ist auch eine Binsenweisheit.

      Aus ihren Beiträgen kann man erkennen dass sie profundes Fachwissen haben und viel über die Finanzkrise nachgedacht haben. Insbesondere ihr Argument das Haftungsprinzip wieder ganz konsequent einzuführen finde ich gut. Das ist eine Veränderung die ich als „kybernetisch“ bezeichnen würde. Es wird eine negative Rückkopplung eingebaut.

      Ich bin weit davon entfernt ein Kybernetik-Experte zu sein. Ich habe aber so viel davon verstanden, dass ich mir folgende Schlussfolgerung zutraue:

      Aus ihrer Antwort auf meinen Beitrag vermute ich, dass sie sich mit Kybernetik noch nicht all zu sehr beschäftigt haben. Kybernetik hat einen grundlegend anderen Denkansatz den man sich nicht in 15 Minuten erschließt.
      Meine Empfehlung ist sich mit dieser Interview-Reihe auseinander zu setzen.
      http://karrierenews.diepresse.com/home/karrieretrends/4764159/art-co_Was-Sie-immer-schon-uber-Komplexitaet-wissen-wollten?_vl_backlink=/home/karrieretrends/index.do

      Darin werden einige grundlegenden Konzepte erläutert.

      Ich möchte noch einmal auf mein Hauptargument zurück kommen.
      Wir haben es mit Systemen zu tun. Systeme unsystemisch kontrollieren wollen funktioniert viel schlechter als eine systemische Herangehensweise.

      mit freundlichen Grüßen

      Stefan Ludwig

      Antworten
      • Dietmar Tischer says:

        @ Stefan Ludwig

        Ich habe mich in der Tat nicht sehr mit der Kybernetik beschäftigt, jedenfalls nicht mit ihren Entwicklungen. Als N. Wiener vor mehr als einem halben Jahrhundert dem Begriff zu Prominenz verhalf, hatte ich das in meiner Ausbildung zur Kenntnis zu nehmen.

        Ich vertrete hier Auffassungen, mit denen sich Kybernetiker oder deren Verteidiger befassen sollten.

        Sie haben es getan, indem Sie mir antworten:

        >Komplexität meint das ein System so gestaltet ist, dass es sehr viele verschiedene Zustände annehmen kann. Aus dieser sehr großen Flexibilität heraus ist es in der Lage auf sehr viele (aber tatsächlich nicht alle) Veränderungen der Umwelt auf eine Art und Weise zu reagieren die dem Erhalt der Lebensfähigkeit sehr viel mehr dient als „irgendeine“ Reaktion.>

        Dagegen ist überhaupt nichts zu sagen. Denn auf Zustände, die man voraussehen kann, sollte man nicht irgendwie, sondern GEZIELT reagieren können. Insofern bin ich auch bei den Kybernetikern bzw. den Regulierern.

        Das ist aber nicht mein Punkt.

        Sie erkennen ihn schon, wenn Sie schreiben:

        >Wenn die Umstände extrem genug sind kann man jedes System zum absterben bringen. Aber das ist auch eine Binsenweisheit.>

        Wenn das so ist – was sagen denn die Kybernetiker dazu?

        Sie werden ganz in Ihrem Sinne sagen: mehr kybernetische Komplexität im Sinne von wachsender FLEXIBILITÄT, um damit so viele Krisenzustände wie MÖGLICH „einfangen“ zu können.

        Wenn es aber zugegebenermaßen nicht ALLE sein werden – wie ich anhand der Virenbekämpfung aufgezeigt habe auch nicht mit einem LERNENDEN Regelsystem –, dann kommen unweigerlich Kosten-/Nutzenüberlegungen ins Spiel.

        Wenn damit eine BEGRENZTE Schaffung flexiblerer kybernetischer Regelmechanismen verbunden ist, wird man eine andere STRATEGIE verfolgen: Man muss – GEWOLLT – AUCH Fehlverhalten ZULASSEN und das System so zu gestalten versuchen, dass die FOLGESCHÄDEN möglichst gering sind.

        Dahinter steht die Einsicht, dass – in welchem System unter welchen Bedingungen auch immer – ALLES in dieser Welt eine ÖKONOMISCHE Dimension hat, wenn es menschlichem Gestaltungsvermögen unterliegt.

        Das begrenzt jeden Absolutheitsanspruch.

        Auch den der Kybernetiker.

  5. Stefan Ludwig says:

    @ Dietmar Tischer,

    Ihrer Ansicht Zitat „Wenn damit eine BEGRENZTE Schaffung flexiblerer kybernetischer Regelmechanismen verbunden ist, wird man eine andere STRATEGIE verfolgen: Man muss – GEWOLLT – AUCH Fehlverhalten ZULASSEN und das System so zu gestalten versuchen, dass die FOLGESCHÄDEN möglichst gering sind.“
    und auch diesem Argument Zitat „Dahinter steht die Einsicht, dass – in welchem System unter welchen Bedingungen auch immer – ALLES in dieser Welt eine ÖKONOMISCHE Dimension hat, wenn es menschlichem Gestaltungsvermögen unterliegt. Das begrenzt jeden Absolutheitsanspruch.
    Auch den der Kybernetiker.“

    stimme ich zu. Mein Hauptpunkt ist, dass 98% Entscheider von heute (noch) keine Ahnung von Kybernetik haben. Unsere Politiker anscheinend zu 100%. Wenn sie denn endlich anfangen würden systemisch zu analysieren und auf diesen Erkenntnissen basierend Reformen durchführen würden,
    dann würde es sich genau in die von ihnen beschriebene Richtung „Fehlverhalten kann zugelassen werden weil die Folgeschäden minimiert werden“ entwickeln.

    Noch einmal: Die Systemgesetze die die Kybernetik erforscht hat zu ignorieren ist so DUMM wie mit einem normalen PWK 2000 Kilometer fahren zu wollen und dabei die Tankanzeige zu irgnorieren.
    Es wird schlichtweg nicht gelingen.

    Wenn ich mir noch eine sehr direkte Frage erlauben darf:
    Haben sie das Interview mit Maria Pruckner und Josef Fritz gelesen?“
    und wenn ja was ist ihre Meinung dazu?

    mit freundlichen Grüßen

    Stefan Ludwig

    Antworten
    • Dietmar Tischer says:

      >Wenn sie denn endlich anfangen würden systemisch zu analysieren und auf diesen Erkenntnissen basierend Reformen durchführen würden, dann würde es sich genau in die von ihnen beschriebene Richtung „Fehlverhalten kann zugelassen werden weil die Folgeschäden minimiert werden“ entwickeln.>

      Mit dieser Auffassung unterliegen Sie m. A. n. einem fundamentalen Missverständnis:

      Politiker KÖNNEN durch ihr Handeln aufgrund systematisch erworbener Kenntnisse das Gesamtsystem NICHT zielorientiert gestalten.

      Sie können letztlich NUR partikulare INTERESSEN bedienen (wozu sie selbstverständlich auch über systematisch erworbene Kenntnisse verfügen müssen).

      Daher:

      Reformen durchführen – das ist die Bedienung von Interessen, die übermächtig zu werden drohen und Machtverlust bedeuten, im schlimmsten Fall auch Destabilisierung des Gesamtsystems.

      Wenn in diesem Sinne, also mit der Bedienung von partikularen Interessen ERGEBNISSE erreicht werden, dann sind diese das Gesamtsystem betreffend im besten Fall SYSTEMERHALTEND. Das kann man durchaus Reformieren nennen. Es sind aber nicht Reformen in dem Sinne ein „gutes System“ schaffen, weil das politische Handeln nicht auf das System als Ganzes zielen kann. Der Zustand des Gesamtsystems ist immer nur FOLGE von Interessenbedienung.

      Und jetzt vergegenwärtigen Sie sich, was an diesem Blog immer wieder festgestellt wird:

      Unabhängig davon, ob die Politiker Erkenntnisdefizite haben oder nicht, sind sie mit Bezug auf die Bedienung von Partikularinteressen in der Situation, dass sie die Krise NICHT lösen können. Würden sie die Krise lösen, d. h. auf ENTSCHULDUNG hinarbeiten, scheiterten sie, weil sie GEGEN starke Partikularinteressen handeln müssten.

      Ich bin mal kurz über Pruckner/Fritz geflogen.

      Was ich gelesen habe beeindruckt mich nicht, im Gegenteil:

      „Mit der Kybernetik liefern wir also Anleitungen zum Erkennen, um herauszufinden, woraus und wohin sich eine Situation entwickelt und was sie braucht, damit es im Gesamten besser statt schlechter wird. Dadurch kann man erfolgreich managen, obwohl man keine Ahnung hat“.

      Ohne Kybernetiker sein zu wollen, wissen Dr. Stelter und viele andere längst, was die Situation braucht, damit es im Gesamten besser statt schlechter wird. Sie wissen DARÜBER HINAUS, dass man mit diesem Wissen eben NICHT erfolgreich managen kann – nicht, weil man keine Ahnung hat, sondern weil die Anwendung dieses Wissens derart Interessen VERLETZT, dass das Gesamte destabilisiert wird, z. B. durch eine Depression.

      Pruckner/Fritz können das nicht begreifen, weil sie konzeptionell mit der Kybernetik – hier: Anleitung zum Erkennen – von einem Archimedischen Punkt außerhalb des Systems auf das System zugreifen wollen. Selbst wenn man damit die Menschen klüger machen könnte: Man machte sie nur klüger für die Verfolgung ihrer partikularen Interessen.

      Der Zweck eines komplexen Systems ist es SELBST – hier die Verfolgung partikularer Interessen.

      Antworten
      • Stefan Ludwig says:

        Hallo Herr Tischer,

        interessante Argumentation. Zwei Dinge.
        Kybernetik ist nun wirklich nichts zum „überfliegen“. Das muss man schon sorgfältig durcharbeiten. Ich bin mir sicher wenn sie es sorgfältig durcharbeiten WOLLEN können sie es auch.

        Systematisch Kenntnisse erwerben ist etwas ganz anderes als Erkenntnisse darüber gewinnen wie ein System insgesamt funktioniert. Und es ist noch einmal etwas anderes die Gesetzmäßigkeiten kennen zulernen denen das Funktionieren eines JEDEN Systems unterliegt.
        Innovationen entstehen nicht dadurch dass man – und sei es noch so klug – dagegen argumentiert warum etwas nicht funktioniert. Sondern dadurch dass jemand die Frechheit besitzt neues zu Denken. Angelehnt an das Motto „nehmen wir mal an es würde gehen dass…“
        Das ist natürlich keine Garantie für Erfolg.

        Sie schrieben „Pruckner/Fritz können das nicht begreifen, weil sie konzeptionell mit der Kybernetik – hier: Anleitung zum Erkennen – von einem Archimedischen Punkt außerhalb des Systems auf das System zugreifen wollen. “

        Die Tatsache dass man als Beobachter TEIL DES SYSTEMS ist ist niemandem mehr bewusst als jemandem der sich mit Kybernetik der zweiten Ordnung auseinander gesetzt hat. Deshalb meine Bitte setzen sie sich intensiv mit Kybernetik auseinander nicht nur „überflügig“

        mit freundlichen Grüßen

        Stefan Ludwig

  6. Stefan Ludwig says:

    Noch eine Ergänzung zu meiner Antwort an Herrn Tischer

    Zitat „Ohne Kybernetiker sein zu wollen, wissen Dr. Stelter und viele andere längst, was die Situation braucht, damit es im Gesamten besser statt schlechter wird. Sie wissen DARÜBER HINAUS, dass man mit diesem Wissen eben NICHT erfolgreich managen kann – nicht, weil man keine Ahnung hat, sondern weil die Anwendung dieses Wissens derart Interessen VERLETZT, dass das Gesamte destabilisiert wird, z. B. durch eine Depression.“

    Nun – ich behaupte: Mit kybernetischer Analyse wird man die Vorgehensweise finden wie man es anpacken muss damit durch die Umstrukturierung das ihnen scheinbar unmögliche möglich wird.
    Das Emergieren einer stabilisierenden Lösung. (emergere auftauchen entstehen)

    mit freundlichen Grüßen

    Stefan Ludwig

    Antworten

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