Wie Zu- und Abwanderung die Sozialstruktur einer Bevölkerung prägt

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Böse Zungen sprachen von der DDR immer als „Der Dumme Rest“. Damit sollte betont werden, dass all jene, die intelligent und motiviert waren, bereits das Land verlassen hatten. Nach dem Mauerbau war es aber durchaus rational und intelligent, nicht das eigene Leben zu riskieren.  Deshalb trifft der Spruch so pauschal nicht zu.

Einen gewissen Kern dürfte die Überlegung dennoch haben.Tendenziell sind es die besser Gebildeten und Aktiveren, die ein Land verlassen. So dürfte es auch bei den rund 180.000 Deutschen sein, die unser Land 2015 verlassen haben. Gunnar Heinsohn hatte die Folgen in der NZZ vor einiger Zeit verdeutlicht:

→ Best of 2016: Ungebildete kommen, Qualifizierte gehen. Wie soll das funktionieren?

Nun kommt FT Alphaville mit einem Hinweis aus der Geschichte. Die Kernaussage: Weil die Aktiven Skandinavien verlassen haben, um in die USA auszuwandern, haben die Verbliebenen eine erhöhte Präferenz für Gleichheit und Sozialstaat. Denkt man das weiter, so kann man nur zu dem Schluss kommen, dass es auch in Deutschland immer mehr in Richtung Gleichheit geht. Vielleicht doch etwas für die SPD? Naja, auf jeden Fall dürfte sich die Flucht der Aktiven dann noch beschleunigen.

  • „Change enough of the people in a society and you end up with different one. If everyone in Mexico (about 130 million people) moved to Texas (current population: about 28 million people) tomorrow, it would be reasonable to imagine that life in Texas would become somewhat more like life in Mexico is today.“ bto: Das ist natürlich extrem und kann bereits bei kleineren Gruppen gelten, abhängig von deren Bereitschaft, sich an die Sitten des Landes, in welches sie einwandern, anzupassen.
  • More common is for relatively small groups to move from one place to another, with the adventurous leavers generally quite different in temperament and ability than those who stay behind. Rather than transferring their native societies’ virtues and vices wholesale, these migrants bring with them a far more individualistic version of their culture than wherever they came from.“bto: Klartext: mehr Unternehmergeist.
  • Hence the not-unreasonable stereotype that places largely populated by voluntary migrants and their descendants — such as the United States — are more entrepreneurial, wealthier, and more unequal than source countries, such as Europe.“bto: In gewisser Hinsicht ist auch die Schweiz so ein Land.
  • New research presented at the annual conference of the Economic History Society suggests the stereotype fairly describes the outcome of migration from Norway and Sweden to the United States in the second half of the 19th century.“bto: Unternehmer gingen, Gleichmacher blieben.
  • „(…) migration flows, which were small relative to the native population of America but equivalent to about 25 per cent of the total population of Scandinavia, changed the character of Norwegian and Swedish society by removing the most ambitious and independently-minded people.“bto: irgendwie klar.
  • They found that while individualism rose modestly overall, the places with more emigration became relatively more collectivist than those regions with less emigraton. (…) Individualistic types are more prone to migrate as they feel less attached to their surrounding social environment. In the sending population, this self-selection generates a push towards collectivism.“ bto: also auf uns übertragen: Wir werden immer gleichmacherischer in Deutschland.
  • If you want a highly individualistic society, with all the benefits and pitfalls that entails, you should want large-scale immigration, particularly from places that are far away. If you prefer more tight-knit communities and a large welfare state, you might prefer to avoid taking in ambitious nonconformists from abroad and instead try to get your own troublemakers to leave.“ bto: Bevor jetzt daraus abgeleitet wird, dass die jetzige Form der Migration gut ist, ein ergänzender Hinweis. Die Auswanderer in die USA wären dort verhungert, wenn sie nicht für sich selbst gesorgt hätten. Hier gibt es einen umsorgenden Sozialstaat, der ohne Erwerbstätigkeit ein besseres Leben erlaubt als in den Heimatländern. Die wirklich Aktiven aus diesen Regionen wollen nicht nach Deutschland, sondern immer noch in die USA, Kanada etc. und kommen da aufgrund ihrer Qualifikation auch hin. Wir hingegen setzen die falschen Anreize.
  • „(…) you have to wonder about the connection between the strength of anti-immigrant parties in Scandinavia (…) and the strength of their social market tradition.“ bto: eben nicht! Sie erkennen zunehmend, dass ihr Modell Abwanderung zwar in gewissem Maß verkraftet, aber nicht die Zuwanderung, die mehr kostet, als sie bringt.

bto: Das Ganze unterstreicht nur erneut, wie wichtig die demografische Entwicklung ist. Schade, dass dies bei uns die Politik nicht erkennt.

→ FT (Anmeldung erforderlich): „How America made Scandinavian social democracy possible“, 30. März 2017

9 Antworten
  1. Wolfgang Selig says:

    Ach, Herr Dr. Stelter, die Politik erkennt das schon, zumindest auf Landes- und vor allem Bundesebene (nicht jedoch idealistische Lokalpolitiker). Aber das ist kein Wahrnehmungsproblem. Linksgerichtete Parteien wie z.B. die Grünen oder große Teile der SPD hoffen, dass sie mit einwandungsfreundlicher Politik nach erfolgter Einbürgerung von Migranten neue Stammwählerschichten haben. Gleiches erhoffte sich z.B. Helmut Kohl für die CDU zurecht bei den sog. Russlanddeutschen, unter denen aber natürlich auch etliche Leute ohne deutsche Sprachkenntnisse waren, die von allen Linksparteien nach 70 Jahren UdSSR die Schnauze voll hatten. Interessant wird es nur, wenn der Neubürger auf einmal nicht das erwartete Wahlverhalten zeigt, weil z.B. Genderdebatten, Gleichberechtigung oder Homosexualität nicht befürwortet oder wenigstens toleriert werden. Oder sogar antisemitische Tendenzen „importiert“ werden. Aber wie es halt bei Ideologen immer ist – die Realität wird solange ausgeblendet, bis sie einem auf die Füße fällt. Und bis dahin ist es noch ein jahrelanger Weg. Nur ist es dann für Deutschland in der traditionellen Form zu spät. Aber da die Bevölkerungsmehrheit das offenbar mit Desinteresse verfolgt und lieber Champions League schaut, wird sich hier so schnell nichts ändern denke ich…

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  2. Alexander says:

    Die gegen jede Verantwortungsethik vehement durchgesetzte Massenzuwanderung von Muslimen war ebensolches Ziel der Gesinnungspolitik, wie die Wertvorstellungen von in der BRD sozialisierten Menschen. Die Demographie ist Zeichen des „Erfolgs“ von Bildungspolitik und Tiefenlenkung: https://www.youtube.com/watch?v=5PST7Ld4wWU
    Selbstverwirklichung findet heute in Form einer Karriere als Sprechstundenhilfe statt.

    Wenn z.B. muslimische Kulturkreise diese „Werte“ ablehnen und Parallelgesellschaften mit tradierten Idealen bevorzugen, kann ich sie gut verstehen. Auch diese Revolution frisst ihre Früchte, die Zukunft sieht der Historiker Niall Ferguson nahöstlich: https://www.welt.de/debatte/kommentare/article156137545/Deutschland-wird-ein-nahoestlicheres-Land-sein.html

    Anders als bisher sehe ich Abwanderungsmotive zukünftig zweitrangig steuerlich/einkommensbedingt, als vielmehr in kultureller Freiheit. Wichtiger als Geld sind die Werte der Aufklärung, die wir Europäer dem Multikulturalismus besinnungslos opfern – besonders in Schweden, Frankreich, Belgien, Niederlanden, BRD, Österreich..

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  3. Dietmar Tischer says:

    Die Umstände und Probleme der Einwanderung sind weitgehend klar.

    Interessanter aus meiner Sicht:

    Warum verlassen so viele vor allem überdurchschnittlich ausgebildete und unternehmerisch orientierte Menschen Deutschland, das doch in der ganzen Welt als vorbildlich gilt?

    Sie tun es ganz sicher nicht, um hierzulande der Gleichmacherei Auftrieb zu verschaffen, weil sie gern mal Freunde und Bekannte wechseln wollen oder glauben, dass es wie Urlaub ist, in einem fremden Land Fuß zu fassen, weil dort jeder auf sie gewartet habe.

    Meine These ist, dass sie sich der Gleichmacherei wegen hierzulande nicht so entfalten können, wie sie es gern möchten.

    Was damit an Unternehmertum, Risikobereitschaft und generell Offenheit in unserer Gesellschaft verloren geht – von den Wachstumsimpulsen einmal ganz zu schweigen – ist durch die Zuwanderer nicht zu kompensieren. Der Grund ist nicht allein das Bildungsniveau der Zuwanderer.

    Viel entscheidender m. A. n.:

    Deutsche sind nicht bereit, Zuwanderer als so etwas wie produktive Irritation in unsere Gesellschaft zu integrieren.

    Das können nur die klassischen Einwanderungsländer wie USA, Kanada, Australien.

    Für die war und ist – vermutlich abnehmend – (selektive) Einwanderung KONSTITUTIV für das nationale Selbstverständnis.

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    • Dietmar Tischer says:

      Dr. Asfa-Wossen Asserate scheint ein kenntnisreicher, kluger Mensch zu sein.

      Auch wenn das Interview für österliche Besinnlichkeit nicht reicht, so regt es doch an, zur Besinnung zu kommen.

      Nehmen wir an, dass die These von einer nachhaltigen Migration von Afrika nach Europa stimmt. Niemand weiß, ob sie stimmt, aber abwegig ist sie auf keinen Fall.

      Was ist demnach zu tun?

      Zum einen sind die Ursachen zu bekämpfen, d. h. man muss in Afrika investieren, damit sich Chancen entwickeln, dort zu bleiben. Das ist privatwirtschaftlich nicht zu leisten und hinreichend wohl auch staatlich nicht, weil die korrupten Eliten Afrikas immer „Kunden“ wie die ressourcenhungrigen Chinesen bevorzugen werden, die ihnen die Bodenschätze abkaufen, aber nicht zur Entwicklung der afrikanischen Länder beitragen wollen. So sieht es Dr. Asfa-W.-A. und er sieht es. m. A. n. richtig.

      Zum anderen müssen wir unsere Grenzen sichern. Dies gerade dann, wenn die Ursachenbekämpfung nicht erfolgreich ist. Unsere Werte zu exportieren, wie er meint, ist demgegenüber nicht so wichtig. Wir müssen sie allerdings „anbieten“ als Basis für gesellschaftliche Gestaltungsalternativen.

      Wollen wir überhaupt Aussicht haben, erfolgreich zu sein, müssen wir BEIEDES als GESAMTEUROPÄISCHE Aufgabe begreifen. Nationale Alleingänge werden scheitern.

      Was heißt dies in der Konsequenz?

      Man müsste den europäischen Bevölkerungen klar machen, dass sie enorme Mittel umgewidmet werden sollten und daher für sie nicht mehr zur Verfügung stehen, d. h. dass sie eine grundlegende Besserung ihrer Situation auf absehbare Zeit nicht zu erwarten haben.

      M. A. n. ist das nicht zu vermitteln.

      Daher kommt zu den hausgemachten Problemen (demografische Entwicklung etc.) als weiteres das nachhaltig nicht lösbare Problem der Armutsmigration hinzu.

      Das wird in Abschottungsversuchen nationaler Alleingänge nach dem Muster „rette sich wer kann“ enden – und damit in sich verschärfenden Wohlstandsverlusten.

      Was ist die Konsequenz aus dieser Erkenntnis?

      Erziehung muss u. a. darauf zielen, Fähigkeiten für eine erfolgreiche Auswanderung – die selbstverständlich auch im internationalen Wettbewerb erfolgt – zu erlangen.

      Traurig, aber ich kann nichts Tröstliches bieten.

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