Wie kommen wir weg von der Droge billigen Geldes?

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Wie kommen wir weg von der Droge billigen Geldes? Dies fragt kein geringerer als Robert Zoellick, ehemaliger Weltbankchef in der FT. Eine wahrlich gute Frage. Zoellick bringt dabei allerdings keine eigenen Gedanken, sondern fasst die Thesen anerkannter Volkswirte zusammen:

  • Zunächst bringt er Larry Summers mit seiner These der säkularen Stagnation. Hatte ich hier letzte Woche und meine Kritik ist hinlänglich bekannt. Summers beobachtet nur Symptome (Ersparnisse), nicht die Ursache (Überschuldung). Kernaussage demnach: Die Welt leidet unter zu wenig Nachfrage, die durch die Staaten, wenn erforderlich direkt durch die Notenbanken, kompensiert werden muss. Dies gilt besonders, wenn es nun in China zu einer Rezession kommt.
  • Danach wird Kenneth Rogoff angeführt, der die Welt im Bewältigen einer Schulden- und Finanzkrise sieht. Eine Sicht, die ich teile. Demnach dürfte sich die Welt langsam erholen, während die Folgen der Exzesse langsam bereinigt werden. – bto: Problem dabei ist, dass die Notenbanken und die Politik eben dieses Bereinigen bisher verhindern. Im Gegenteil, sie tragen dazu bei, dass die Probleme immer größer werden.
  • Die Medizin von Summers ist aus Sicht von Rogoff genau die falsche. Stattdessen sollte man mit tiefen/negativen Zinsen und Schuldenschnitten die Krise überwinden. – bto: Ich denke, wir werden um Schuldenschnitte als Hauptinstrument nicht herumkommen und brauchen vermutlich erhebliche Inflation.
  • In eine andere Richtung gehen Michael Spence, ein Nobelpreisträger und Kevin Warsh, ehemaliges Mitglied des Fed Boards. Diese fordern Maßnahmen zur Steigerung des Wachstums, vor allem der Produktivität und des sogenannten Potenzialwachstums. Dazu sollen Hindernisse für Investitionen ausgeräumt werden. Diese sehen die beiden in den Erwartungen für künftige Steuern, regulierende Eingriffe etc., die die Erwartungen der Wirtschaftsteilnehmer negativ beeinflussen. Demnach könnten Maßnahmen, die darauf abzielen, die Nachfrage kurzfristig zu steigern, genau das Gegenteil bewirken, weil sich die Zukunftserwartungen verschlechtern. – bto: Das ist sicherlich richtig, dürfte aber angesichts des „Elefanten im Zimmer“, den Schulden, nicht so leicht möglich sein.
  • Dies gilt auch für die weiteren oft angemahnten Reformen, wie Arbeitsmarktreformen, legale Migration, Training und Ausbildung. Diese bleiben gerade in schlechten Zeiten schwer durchsetzbar für Politiker.
  • Gerade auch Länder wie China müssten Reformen durchführen um die „middle income trap“ zu überwinden und zu den Industrieländern aufzuschließen. – bto: Diese unsichtbare Mauer haben wir hier schon thematisiert.

Es ist aber, so Zoellicks richtige Einschätzung, leichter auf die Politik des billigen Geldes zu setzen, womit das Szenario von Larry Summers und Kenneth Rogoff immer wahrscheinlicher wird. Eine lange Phase der wirtschaftlichen Stagnation.

bto: Was Zoellick nicht erwähnt, ist die nächste Phase der Geldpolitik: die Monetarisierung der Schulden, wie sie schon lange von Adair Turner gefordert wird. Ich denke, dies ist eher der nächste Schritt. Mit vielen offenen Fragen.

Besser wäre da doch der ehrliche Schuldenschnitt. Diesen mahnt erneut William White an. White hat als damaliger Chefökonom der BIZ bekanntlich vor der Finanzkrise gewarnt und seither in vielen Beiträgen vor den Folgen der heutigen Geldpolitik. Immer wieder lesenswert:

Nun hat er sich in einem Interview mit dem Telegraph erneut geäußert. Die Highlights:

  • „Debts have continued to build up over the last eight years and they have reached such levels in every part of the world that they have become a potent cause for mischief.“
  • It will become obvious in the next recession that many of these debts will never be serviced or repaid, and this will be uncomfortable for a lot of people who think they own assets that are worth something.“
  • Europe’s creditors are likely to face some of the biggest haircuts. European banks have already admitted to $1 trillion of non-performing loans: they are heavily exposed to emerging markets and are almost certainly rolling over further bad debts that have never been disclosed.“
  • „Every major country is engaged in currency wars even though they insist that QE has nothing to do with competitive depreciation. They have all been playing the game except for China – so far – and it is a zero-sum game. China could really up the ante.“
  • „Mr White said it would be a good start for governments to stop depending on central banks to do their dirty work. They should return to fiscal primacy – call it Keynesian, if you wish – and launch an investment blitz on infrastructure that pays for itself through higher growth.“
  • „It was always dangerous to rely on central banks to sort out a solvency problem when all they can do is tackle liquidity problems. It is a recipe for disorder, and now we are hitting the limit.

bto: Dem ist nichts hinzuzufügen.

→  FT (Anmeldung erforderlich): „How to wean the world off monetary stimulus“, 18. Januar 2016

→  The Telegraph: „World faces wave of epic debt defaults, fears central bank veteran“, 19. Januar 2016

7 Antworten
  1. Dietmar Tischer says:

    Geldersparnisse, die vor allem der demografischen Entwicklung zu verdanken sind (zu wenige Kinder, hohe Sättigung, Alterssparen), sind keine Symptome. Die Welt ist zu kompliziert, um sie nur mit monokausalen Wirkmechanismen erklären zu können.

    Abgesehen davon:

    Akademische Überlegungen sind ja nicht verkehrt. Wenn es aber so ist, dass die Politik und die Zentralbanken letztlich als Lösung nur das befolgen, was keine unmittelbaren Verwerfungen hervorruft und sie dabei eine wachsende Verschuldung zulassen bzw. befördern, ist nach Lage der Dinge die Perspektive so eindeutig, wie White sie sieht:

    „The world faces wave of epic debt defaults“

    Diese Entwicklung wird nicht als geordnetes Verfahren ablaufen.

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  2. Dietmar Tischer says:

    Ja, möglicherweise noch lange, aber nicht ewig.

    Wirtschaftliche Stagnation ist Makrosicht. Sie schließt nicht aus, dass eine erhebliche Anzahl von Akteuren im Systems zu Verlierern werden bzw. sich als solche verstehen.

    Wo immer und wann immer, wenn daraus ein hinreichender Impuls für fundamentale Veränderungen erwächst, sieht die Welt anders aus.

    Mehr kann man nicht sagen, aber so viel schon.

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  3. Johannes says:

    Wie kommen wir weg von der Droge billigen Geldes?

    Die, die am meisten davon profitieren, müsste von der Droge wegwollen und wegkommen. Ist dies zu erwarten.

    Nein und deshalb ist ein „ungeordnetes Szenario“ das wahrscheinlichste.

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    • Björn M. says:

      In einem Papiergeldsystem ist die Wahrscheinlichkeit eines „ungeordneten Szenarios“, also der Abwicklung und Pleite der meisten Schuldner eher unwahrscheinlich. In diesem Szenario gewinnt nun mal niemand, auch nicht die die aktuell am meisten profitieren.

      Da auch die Ideen von Silvio Gesell erhebliche Nebenwirkungen haben, die in dem aktuellen System nicht funktionieren würden (Also ein dicker Starfzins), bleibt als wahrscheinlichste Lösung das Helikoptergeld. Und da langfristig meist die naheliegenden Lösungen gewählt werden, sollte man sich schon heute auf mögliche Auswirkungen vorbereiten.

      Unter der Annahme, dass negatives EK der Notenbank akzeptiert wird, würde Helikoptergeld kein neues Schuldverhältnis schaffen (Ansonsten wäre ja eine Rekapitalisierung nötig und damit neue Staatsschulden). Die Auswirkungen sind vor allem aus diesem Grund nur sehr schwer zu greifen, da die Effekte mehr als nur eine Ebene haben, auf die diese Wirken. Ein echter Preisschub würde daher sehr wahrscheinlich und sehr wahrscheinlich dürfte es schwer sein, diesen dann zu kontrollieren.

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      • Johannes says:

        Danke für Ihre Antwort und Ihre Hoffnung, von der ich mir wünsche, dass sie eintritt.

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