„Warum Abenomics scheitert – und was es für uns bedeutet“

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Der Telegraph meldet: „Japan’s economy shrinks again as ‚Abenomics‘ stimulus called into question.“ Kernaussage:

  • Die japanische Wirtschaft ist im zweiten Quartal um 0,4 Prozent geschrumpft.
  • Die Hauptursache ist der schwache Konsum. Ursache: Die verfügbaren Einkommen sinken wegen der höheren Importpreise.
  • Zugleich enttäuschen die Exporte. Schwache Nachfrage vor allem aus China und Europa. Trotz einer deutlichen Abwertung des Yen.
  • Gute Nachricht: Die japanische Notenbank wird noch mehr Geld drucken. Dann wird alles gut :-)

→ The Telegraph: Japan’s economy shrinks again as ‚Abenomics‘ stimulus called into question, 17. August 2015

Wundert mich nicht. Was es für uns bedeutet, habe ich 2014 schon einmal diskutiert:

Japan feiert seine Konjunkturpolitik, die Aktienkurse springen in die Höhe. Doch der Erfolg ist flüchtig – und ein Vorbild für Europa sind die Abenomics auf keinen Fall. Der japanische Aktienmarkt feiert. Trotz der enttäuschenden Konjunkturzahlen geht es wieder aufwärts – allein am Dienstag legte der Nikkei um mehr als drei Prozent zu. Der Grund ist einfach: Die japanische Notenbank hat versichert, noch aggressiver auf das Gaspedal zu drücken. Und wie wir wissen, kann dann ja nichts mehr schiefgehen. Immer mehr Geld kann doch nur zu Konjunkturaufschwung, allgemeinen Wohlstand und Lösung aller Schuldenprobleme führen. Abgesehen davon, dass es berechtigte Gründe gibt, die Wirksamkeit der Geldpolitik in Zeiten der allgemeinen Überschuldung infrage zu stellen (wie letzte Woche hier erläutert), gibt es auch gute Gründe, an der Wirksamkeit von Abenomics allgemein zu zweifeln.

Was Abenomics erreichen will

Abenomics ist der radikale Versuch der japanischen Regierung, die Wirtschaft aus der jahrzehntelangen Lethargie zu reißen, die Deflation zu überwinden und letztlich einen Staatsbankrott abzuwenden.

Die Strategie basiert auf drei Säulen:

  • viel Geld drucken (relativ zur Größe der Volkswirtschaft rund ein Drittel mehr als die nicht gerade knausrige Fed), um dadurch die Inflation über zwei Prozent zu bekommen;
  • „flexibel“ weiter Defizite machen (zurzeit circa zehn Prozent vom BIP Staatsdefizit);
  • mit Reformen das Wachstumspotenzial stärken, zum Beispiel durch eine höhere Erwerbsquote von Frauen.
    The Economist war so begeistert von dem Politikwechsel, dass er den japanischen Ministerpräsidenten und Namensgeber des Programms Abe in einem Supermannkostüm auf dem Titel zeigte.

Bis jetzt kann die Politik durchaus einige Erfolge vorweisen: Die deutliche Abwertung des Yen hat Exporte gestärkt und zu einem Kursfeuerwerk am japanischen Aktienmarkt geführt. Auch die Inflation ist durch teurere Importe leicht gestiegen.

Wird es funktionieren?

Bleibt die offene Frage: Wird Abenomics tatsächlich die Wende für Japan bringen? Der Kern von Abenomics ist die Steigerung des Außenhandelsüberschusses: Japan will sich quasi aus der Krise „herausexportieren“. Dies geschieht auf zwei Wegen. Zum einen wird die japanische Wirtschaft dank einer schwachen Währung international deutlich wettbewerbsfähiger und gerade die deutsche Industrie wird dies noch deutlicher zu spüren bekommen. Zum anderen führt die Abwertung des Yen zu höheren Importpreisen. Diese wirken wie eine Konsumsteuer. Die Privathaushalte fragen weniger nach. Gesamtwirtschaftlich gesehen sinkt die Konsumquote und die Ersparnisse nehmen zu. Wenn nicht mehr investiert wird, fließen diese Ersparnisse als Kapitalanlage ins Ausland und drücken den Yen zusätzlich. Ein Mechanismus der ständigen Abwertung.

Dieses Zusatzangebot an Gütern trifft aber auf keine Zusatznachfrage in der Welt, weil verschuldete Länder sich nicht weiter verschulden wollen oder können. Damit wächst das Risiko, dass andere Staaten mit ähnlichen Maßnahmen auf die Politik Japans reagieren und wir einen Abwertungswettlauf erleben. Das zeigt sich auch an der zunehmenden Kritik an den deutschen Exportüberschüssen. Gerade China wird angesichts der sich zuspitzenden Probleme im Finanzsektor wieder verstärkt auf Exporte setzen.

Damit sich diese Gegenreaktion nicht zu einer Überreaktion auswächst, müsste ein wesentliche Komponente von Abenomics eine Stärkung der Binnennachfrage auf anderem Wege sein: über Investitionen der Unternehmen, die ja schließlich mehr verdienen. Eine zunehmende Kreditnachfrage von Unternehmen für Investitionen ist aber leider nicht Teil der Abenomics. Doch die Unternehmen fragen nicht mehr Kredite nach, wie THE WALL STREET JOURNAL schon vor einiger Zeit berichtete.

Die einseitige Orientierung am Export kann aber wiederum nicht nachhaltig funktionieren und wird im Zweifel einen Abwertungswettlauf auslösen. Sollte das Nominalwachstum anspringen, müsste die Notenbank angesichts der Rekordschulden des Staates die Zinsen weiter tief halten. Schon ein geringer Zinsanstieg würde zur Zahlungsunfähigkeit führen. Damit käme es zur – sicherlich gewünschten – financial repression, also der schleichenden Enteignung der Sparer zugunsten des Staates. Empirisch weiß man jedoch, dass dies wiederum zu einer höheren Sparquote und damit – bei gegebenen Investitionsniveau – zu noch höheren Handelsüberschüssen führen wird. In der heutigen Welt ist es unwahrscheinlich, dass andere Länder dies akzeptieren.
Hinter der japanischen Misere steht eine Kombination aus verschleppter Überschuldungskrise und schrumpfender Bevölkerung. Bis heute hat Japan nicht die Folgen der Blase aus den 1980-Jahren bereinigt. Statt die untragbaren Schulden abzubauen, wurden sie vom Privatsektor auf den Staat übertragen. Abenomics ist der verzweifelte Versuch, diese untragbare Schuldendynamik zu durchbrechen. Doch in einer Welt, in der alle wesentlichen Wirtschaftsregionen vor ähnlichen Problemen stehen, wird dies nicht funktionieren. Japan wird nicht darum herumkommen, das Schuldenproblem offen zu lösen.

Lehren für Europa

Was können wir aus dem japanischen Beispiel lernen? Wir befinden uns in einer sehr ähnlichen Situation wie Japan nach dem Platzen der Blase Anfang der 1990er-Jahre: Die Schulden in den Ländern Europas sind auf Rekordniveau und steigen weiter. Die Erwerbsbevölkerung beginnt zu schrumpfen. Für die Kosten der alternden Gesellschaft wurden keine Rücklagen gebildet. Der Euro ist viel zu stark, gegeben der Zustand der europäischen Wirtschaft, das Bankensystem ist marode, und gerade in den Ländern der Peripherie wimmelt es von „Zombie-Unternehmen“, wie die Financial Times berichtete. Unternehmen, die nur noch am Leben sind, weil die Banken die Abschreibungen nicht verkraften. Im Unterschied zu Japan haben wir es mit verschiedenen Staaten, Sprachen und Sozialsystemen zu tun, was die Handlungsmöglichkeiten einschränkt. Und auch wenn die EZB auf einen aggressiveren Kurs einschwenkt, bleibt sie die Zentralbank für verschiedene Länder mit verschiedenen Interessen.

Als Vorbild für uns kann Japan sicherlich nicht dienen. Eher als Warnung. Die Ausgangslage von Europa ist heute ungleich schlechter, als jene von Japan vor 25 Jahren. Der japanische Staat konnte sich, von einem tiefen Niveau kommend, stark verschulden, um die Wirtschaft zu stabilisieren. Finanziert wurden diese Schulden von den japanischen Sparern. Die europäischen Staaten hingegen haben schon vor der Krise enorme Schulden angehäuft. Zudem benötigen viele Kreditgeber aus dem Ausland, weil die inländischen Ersparnisse nicht zur Finanzierung der Defizite genügt. Wir werden nicht 25 Jahre dem japanischen „Vorbild“ folgen können. Besser wäre es, die richtigen Schlüsse aus dem japanischen Beispiel zu ziehen: das Schuldenproblem bereinigen, statt es ungebremst anwachsen zu lassen, bis es knallt.

Bis jetzt sieht es aber so aus, dass niemand diese Mahnung erhört.

manager magazin online: „Warum Abenomics scheitert – und was es für uns bedeutet“, 18. Februar 2014

1 Antwort
  1. Michael Stöcker says:

    Volle Zustimmung, Herr Stelter. Zu ähnlichen Erkenntnissen bin ich vor knapp zwei Jahren gekommen: https://zinsfehler.wordpress.com/2013/10/30/tapering-liquidity-a-trap-yet-a-tapering-in-the-dark-of-economic-theory-2/. Bis sich so etwas als allgemeines Wissen durchsetzt und dann auch noch die richtigen Konsequenzen daraus gezogen werden, wird noch viel weiteres unnötiges Elend über Europa und den Rest der Welt kommen. Und nicht zu vergessen: Es gibt massive lobbyistische Widersacher. Ohne eine breitenwirksame Aufklärung aus der Mitte der Gesellschaft wird es keine großen Veränderungen geben. Und dafür geht es uns leider noch zu gut. Bei der übergroßen Mehrheit ist kein adäquates Problembewusstsein vorhanden. Oder anders formuliert: Es gibt noch keine revolutionäre Situation. Die Gründe hierfür hat Rainer Mausfeld sauber herausgearbeitet: „Warum schweigen die Lämmer?“ Zu finden bei youtube.

    LG Michael Stöcker

    Antworten

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