Vollgeld, Liquidität und Stabilität

Tweet about this on TwitterShare on FacebookShare on Google+Share on LinkedInEmail this to someone

Das Thema Vollgeld habe ich schon mehrmals behandelt. In der Schweiz wurde eine Volksabstimmung initiiert, mit dem Ziel ein Vollgeldsystem einzuführen. Aus diesem Grunde findet dort eine intensive Diskussion des Themas auf hohem Niveau statt. Zur Erinnerung: Es geht darum, den Banken nicht mehr die Schaffung eigenen Geldes zu gestatten, sondern nur noch der Zentralbank dieses Recht zu geben. Eine Idee, die mittlerweile auch von der Financial Times unterstützt wird, wie berichtet. Dennoch gibt es in der Schweiz Vorbehalte, wobei es meistens um zwei Aspekte geht. Die Herausforderungen der Umstellung und die Gefahr, den Schweizer Franken noch attraktiver zu machen. Nachvollziehbare Argumente, aber kein Votum gegen die Idee als solche.
Einen weiteren Beitrag zum Thema brachte die NZZ schon in der vergangenen Woche. Tenor: „Wenn Banken nicht mehr aktiv Giralgeld schöpfen dürften, verringerte dies das Risiko von Störungen des Geldangebots oder von Kreditblasen. Gleichzeitig fielen aber auch hilfreiche Einflüsse weg. Denn im herrschenden System können sowohl die Zentralbank (mittels Beeinflussung der Notenbankgeldmenge) als auch das Bankensystem (durch Giralgeldschöpfung) auf Schwankungen der Geldnachfrage reagieren. Mit einem gesetzlich fixierten Geldmultiplikator wäre Letzteres nicht mehr möglich, und Anpassungen des Geldangebots müssten ausschließlich durch die Zentralbank vollzogen werden. Dies bedingte raschere und drastischere geldpolitische Eingriffe als im herrschenden System. Insbesondere während der Phase des Übergangs zu einem Vollgeldsystem, in der sich neben dem Geldmultiplikator auch die Umlaufgeschwindigkeit ändern dürfte, wäre die Zentralbank somit erheblich gefordert.“ Klartext: Es geht natürlich, nur wäre dann die Notenbank mehr in der Verantwortung. Kein überzeugendes Gegenargument, finde ich.

„Für das Bankensystem als Ganzes und die Volkswirtschaft hingegen trüge ein Vollgeldregime zur Stabilisierung des Depositengeschäfts und des über die Banken abgewickelten Zahlungsverkehrs bei. Dies wäre ein bedeutender Fortschritt. Auf Seiten der Bankkunden ergäben sich hingegen Nachteile. Denn ein Systemwechsel zwänge faktisch zum Halten von Notenbankgeld anstelle von weniger sicheren und liquiden Sichteinlagen, obwohl die meisten Kunden heutzutage Letzteren den Vorzug geben. Solch eine erzwungene Umschichtung könnte allerdings durchaus erwünscht sein, insbesondere wenn das Halten von Sichteinlagen negative Externalitäten zulasten der Allgemeinheit verursachte.“ Also kein Argument dagegen. Die erhöhte Stabilität des Finanzsystems wäre demzufolge nicht umsonst zu bekommen.

Mit der Geldschöpfung lässt sich viel Geld verdienen. Das nennt man „Seigniorage“. „Da Seigniorage-Einnahmen sich proportional zur Notenbankgeldmenge entwickeln und Letztere bei Einführung eines Vollgeldregimes stark wachsen würde, um den Rückgang des Geldmultiplikators zumindest teilweise zu kompensieren, fielen insbesondere in der Übergangsphase markant höhere Seigniorage-Einnahmen bei der Zentralbank an.“ Allerdings könnte „anstelle eines Systemwechsels (…) die Umverteilung der Seigniorage-Einnahmen auch mit einfacheren und weniger einschneidenden Mitteln wie beispielsweise einer Steuer auf Depositenguthaben erreicht werden“- auch kein echtes Gegenargument.

Das schlagende Argument ist jedoch ein anderes: „Unklar bleibt aber, wie ein Verbot der Giralgeldschöpfung überhaupt durchsetzbar wäre. Denn in einem Vollgeldsystem könnten sich Banken und ihre Kunden auf andere Formen von Quasigeld verständigen (wie zum Beispiel Anteile an Geldmarktfonds), die zu einer neuerlichen Destabilisierung des Zahlungsverkehrssystems führten. Solange nicht klar definiert werden kann, wann es sich bei einer Forderung um ein Zahlungsmittel ohne Deckung durch Notenbankgeld handelt, lädt ein Verbot der Giralgeldschöpfung zu Umgehungsversuchen ein.“ Genau. Wie schon bei Hajek und Kollegen diskutiert, ist Geldschöpfung letztlich ein privater Akt – siehe hierzu auch nochmals die Eigentumsökonomik.

Wenn man aber in diese Richtung kommt, muss man entweder höhere Liquiditäts- und Eigenkapitalanforderungen haben oder aber den Konkurs zulassen. „Problematisch wird die Situation hingegen, wenn die Notenbank zu Liquiditätshilfen gezwungen wird. Dies ist der Fall, wenn breite Bevölkerungsschichten und wichtige Marktakteure trotz fehlenden Garantiezusagen der Zentralbank auf Stützungsmaßnahmen in Krisenzeiten vertrauen, entsprechend riskante Anlageentscheidungen treffen und die wirtschaftspolitischen Entscheidungsträger im Krisenfall dieses Vertrauen rechtfertigen müssen, wenn sie angesichts von Systemrelevanz unerwünschte wirtschaftliche und soziale Folgen vermeiden wollen. Neben Einlagen in nahezu unbegrenzter Höhe profitieren dann im Endeffekt auch andere Anlageinstrumente wie beispielsweise Anteile an Geldmarktfonds von impliziten Garantien. Aus Sicht der Marktakteure sind die Risiken der Anlageformen damit teilweise verschwunden – allerdings nur, weil sie gleichzeitig auf die Allgemeinheit überwälzt wurden.“ Richtig.

NZZ: Vollgeld, Liquidität und Stabilität, 12. Mai 2014

5 Antworten
  1. thewisemansfear says:

    Wer begriffen hat, dass Geld endogen ist und aus einem einfachen Versprechen auf Erbringung einer zukünftigen Leistung beruht, für den sind die Versuche, zentral gesteuertes (exogenes) Vollgeld zu installieren, reichlich widersprüchlich.
    Wie Sie schon sagten, der Mensch wird Mittel und Wege finden, sich über einen solchen Prozess hinwegzusetzen, einfach weil es gegen die Natur der Sache ist.

    Eine vernünftige Regulierung der Kreditvergabe und die Wiedereinbeziehung von externalisierten Risiken (TBTF, TITF) sind Schritte in die richtige Richtung.

    Antworten
  2. Michael Stöcker says:

    Hallo Herr Stelter,

    auch wenn es bei meinen Vorschlägen zu einem zentralbankfinanzierten Bürgergeld letztlich in der sehr langen Frist zu einem Vollgeldsystem kommen wird, halte ich die Vorstellungen der Vollgeldjünger für eine Schnapsidee; vor allem hinsichtlich der erhofften Seigniorage. Hier offenbaren sich die elementaren Defizite in Buchführung und Bilanzierung. Da haben die meisten wohl in der Vorlesung gepennt und kennen daher bis heute nicht den Unterschied zwischen Stocks und Flows. Die Vergabe eines Darlehens ist eine Bilanzverlängerung, die erfolgsneutral ist. Passiert dies zinslos, dann hat die Zentralbank keine Zinserträge, um ihre Kosten zu decken. Dies ist aber auch nicht weiter schlimm, da sie das hierfür nötige Geld ja selber drucken kann. Dies führt zwar bei der ZB zu Verlusten, interessiert aber eigentlich keinen, da dieser Teil ökonomisch viel zu gering ist, um reale Effekte zu bewirken.

    Was es nun mit der Seigniorage auf sich hat, das ist das nächste kursierende Märchen, auf das mir auch Huber und Co. hereinzufallen scheinen. Die Idee der Seigniorage entstammt doch aus einer Zeit, als das Münzrecht noch unter herrschaftlichem Monopol stand und der aufgedruckte Wert höher war als der Warenwert. Die Differenz (Schlagschatz) war dann ein Ertrag der Obrigkeit; letztlich eine Art Vorabbesteuerung der Untertanen.

    Seigniorage gibt es in einem modernen Kreditgeldsystem als historische Reminiszenz auch heute noch; allerdings in zu vernachlässigender Höhe. Und zwar aufgrund des Münzregals, das bei der Regierung liegt. Die Gewinne hieraus fließen direkt in den Bundeshaushalt. Eine detaillierte Darstellung findet sich im Monatsbericht der Deutschen Bundesbank von Januar 2013 Seite 29 ff.: http://www.bundesbank.de/Redaktion/DE/Downloads/Veroeffentlichungen/Monatsberichte/2013/2013_01_monatsbericht.pdf?__blob=publicationFile

    Zum zweiten kann Seigniorage interpretiert werden als Differenz von Zinserträgen aus Wertpapierpensionsgeschäften und den Aufwendungen der Zentralbank, um diese Geschäfte durchzuführen. Dann gilt grundsätzlich: Je niedriger die Leitzinsen, desto geringer die Seigniorage. Zugleich führte die Absenkung der Mindestreserve zu einer Umverteilung dieser Art von Seigniorage zu Lasten der Zentralbank und somit zu einer Reduktion des Zentralbankgewinns. Ob man allerdings bankenübliche Geschäfte hierunter fassen sollte, ist eine ganz andere Frage und hat mit dem historischen Ursprung von Seigniorage nichts gemein.

    Am interessantesten erscheint mir die Seigniorage im Zusammenhang mit internationalen Reservewährungen. Denn hier geht es um ganz andere Größenordnungen. Permanente Leistungsbilanzdefizite können in eigener Währung finanziert werden. So lange alle dran glauben und keine starke Alternative auftaucht (oder wieder abtaucht), funktioniert das, wie man sieht, recht gut. Der de facto Dollar-Standard ist in der Tat Gold wert und ist nichts anderes als eine moderne Fortführung der Sklaverei. Als stramme Deutsche mit protestantischem Arbeitsethos verzichten wir selbstverständlich auf dieses Privileg und kasteien uns lieber in hingebungsvoller Selbstgeißelung und feiern unsere Exportüberschüsse. Ist wohl eine spezifische Form von Debi(li)tismus.

    Und zu guter Letzt kann Seigniorage durch den Vorschlag zur Schwarz- und Drogengeldbekämpfung entstehen. Sollten tatsächlich eines Tages alle 500 Euroscheine aus dem Verkehr gezogen werden, bliebe sicherlich ein nicht unerheblicher Teil als Altpapierbestand in manchen Tresoren zurück. Alle Scheine, die nicht bei der Zentralbank innerhalb eines Monats eingelöst werden, könnten dann als Verbindlichkeit abgeschrieben werden. Ich vermute, dieses Konto muss im Kontenrahmen erst noch temporär neu geschaffen werden.

    Bei Wikipedia gibt es bei diesem Thema hierzu übrigens sehr viel Stuss zu lesen. Da ist die Bank of Canada doch etwas vertrauenswürdiger: http://www.bankofcanada.ca/wp-content/uploads/2010/11/seigniorage.pdf

    Weitere Hintergründe zu den Irrungen und Wirrungen rund um das Vollgeld finden sich hier: http://soffisticated.wordpress.com/2012/10/31/vollgeldspielereien/

    LG Michael Stöcker

    Antworten
    • Daniel Stelter
      Daniel Stelter says:

      Das mit der Seignorage leuchtet mir ein, so wie Sie dies hier ausführen. Ich denke jedoch, dass die Seignorage kein Grund für ein Vollgeldsystem sein sollte (Sie ja auch nicht). Wenn Vollgeld, dann schon eher um das Finanzsystem zu stabilisieren. Was vermutlich aber auch über Größenbeschränkungen und Minntest-EK-Anforderungen realisierbar wäre. Maßnahmen wie Bargeldverbot sind nicht auszuschließen und führen dann sicherlich zu einigen Vermögensverlusten.

      Vielen Dank, dass Sie sich auch vom neuen Anmeldesystem nicht haben abschrecken lassen. Aber ich wurde von Spam geradezu geflutet…

      DSt

      Antworten
      • thewisemansfear says:

        Hallo Herr Stelter,

        Vollgeld wird ja außerdem mit der Unmöglichkeit von Bank-runs beworben, da nur Kundengelder weiter verliehen würden. Trotzdem kann es zu Liquiditätsengpässen kommen, da die Bank immer einen Mittelweg finden muss, um z.B. langfristige Kredite mit kurzfristig angelegten Geldern zu refinanzieren. Welcher Bankkunde verzichtet denn freiwillig 20 Jahre auf sein Guthaben, nur weil ein anderer sein Immobiliendarlehen während dieses Zeitraums abstottert? Durch die notwendige Fristentransformation gäbe es nach wie vor Probleme, wenn zu viele Menschen auf einmal ihre kurzfristigen Einlagen abheben wollten. Das Versprechen von der Unmöglichkeit von Bank-runs sehe ich nicht einlösbar.
        Runs gibt es nur, wenn das Vertrauen ins Geld/in den Staat erschüttert ist. Das kann man auf andere Wege sicher stellen, nur sind Ankündigungen eines Schuldenschnitts dahingehend natürlich kontraproduktiv ;-)

      • Michael Stöcker says:

        Guten Abend Herr Stelter,

        Ich habe ebenso wie thewisemansfear große Zweifel, ob Vollgeld einen substanziellen Beitrag zur Finanzstabilität leisten kann. Der einzige Vorteil den ich sehe, wäre eine Verstetigung des Geldmengenwachstums. Damit könnte die Geldmengenexpansion gedämpft werden und man kehrte zu den alten Wachstumszielen von 4,5 % zurück (2 % gewünschte Inflation plus 2,5 Prozent Wirtschaftswachstum). Fraglich ist allerdings, ob die 4,5 Prozent dann für investive Kredite vergeben werden oder aber doch für bestehende Assets, Konsumentenkredite etc. Und diese Entscheidung kann die Zentralbank nicht treffen.

        Daher sympathisiere ich mit den Vorschlägen von Hellwig/Admati. 30 % EK ist eine solide Basis. Lässt sich bekanntlich leicht erreichen durch Kapitalerhöhung und Gewinnthesaurierung. Zugleich maximale Steuerabzugsfähigkeit von Gehältern, Boni, etc. auf 500.000 EUR. Dies erleichtert die Gewinnthesaurierung ungemein.

        Dazu noch etwas Finanztransaktionssteuer (gab’s früher auch schon, hieß da nur Börsenumsatzsteuer) sowie antizyklische Kapitalpuffer wie in der Schweiz und die Bereinigung im Bankensektor nimmt ihren evolutorischen Lauf.

        Dann kann man sich auch den ganzen weiteren regulatorischen Quatsch sparen. Die besten Regeln sind die einfachen, die auf eine Seite passen.

        Totales Bargeldverbot halte ich für kontraproduktiv, da es das Misstrauen in die eigene Währung dokumentiert. Zudem wäre es fatal für das Vertrauen, wenn die Bundesbank nicht so handeln würde, wie sie es kommuniziert: http://www.bundesbank.de/Redaktion/DE/Reden/2014/2014_05_19_thiele.html . Denn Geld basiert als soziale Errungenschaft vor allem auf Vertrauen. Ist das einmal verloren, dann sind die gesamtgesellschaftlichen Vorzüge einen stabilen Geldes schnell dahin und es gibt Wohlfahrtsverluste für alle.

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Bitte das Captcha ausfüllen * Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.