Verdammt, wo bleibt die Inflation?

Tweet about this on TwitterShare on FacebookShare on Google+Share on LinkedInEmail this to someone

Die Warnung von Bill Gross, wir stünden vor einer Supernova der Geldvernichtung, passt natürlich zur Eiszeit-These. Am liebsten wollte ich einen Vulkan in einem Eisblock als Cover meines Buches. Die Idee haben wir dann verworfen, weil es vermutlich die potenziellen Käufer verwirrt hätte. Deshalb das schöne Bild des ewigen Eises.

Ausgangspunkt von Gross‘ Warnung ist das bekannte Problem: Die Geldpolitik hat die Preise für alle Vermögenswerte in die Höhe getrieben, ohne die Realwirtschaft nennenswert zu beleben. Die neuen Schulden kommen da einfach nicht an.

Beispiel: die USA (aus Zero Hedge):

Im ersten Quartal des Jahres wurden rund zehnmal so viele neue Schulden gemacht, als das BIP zugenommen hat:

Quelle: Zero Hedge

Nicht, dass dies eine neue Entwicklung wäre:

Quelle: Zero Hedge

Während von Deleveraging nun wirklich keine Rede sein kann. Der letzte kleine Versuch führte uns an den Rand der Depression:

Quelle: Zero Hedge

Bill Gross bezog sich mit seiner Warnung zwar auf den Markt für Staatsanleihen. Immerhin Anleihen im Wert von mehr als zehn Billionen US-Dollar notieren bereits mit negativem Zins. Tendenz steigend. Sobald die Notenbanken die Politik beenden (unwahrscheinlich) oder aber die Märkte das Vertrauen verlieren (wahrscheinlicher), droht der Kollaps. Der könnte in der Tat verheerende Folgen haben.

Noch geben die Notenbanker nicht auf. Dabei sind die Schweizer offener über das, was als Nächstes auf die Agenda kommt. Nachdem das mit dem Bargeldverbot noch nicht so recht klappen will, soll es ein Abschlag für Bargeld gegenüber Kontoeinlagen geben. Das ist eigentlich widersinnig, sollte es doch schon aus Qualitätsgründen anders herum sein. Ist das Geld bei der Bank doch nur eine Forderung gegenüber dieser Bank und damit per Definition schlechter als eine Banknote, gerade der SNB!

Die FINANZ und WIRTSCHAFT berichtet: Wie können die Zinsen noch tiefer unter null gesenkt werden, ohne eine Flucht in Bargeld auszulösen? Mit einer Gebühr für grosse Bargeldbezüge. Das schlägt Jean-Pierre Danthine vor, der ehemalige Vizepräsident der Schweizerischen Nationalbank. Der Ökonom lehrt heute in Paris und präsentierte seinen Vorschlag am Montag. (…) Das Zinsniveau ist laut Danthine nahe an einer Grenze, ab der das Halten von Bargeld attraktiv wird. Rein von den Kosten her könnte sich bei den jetzigen Zinsen die Bargeldhortung anfangen zu lohnen, erklärt er.

Und weiter: Die Gebühr für die Hortung von Bargeld durch institutionelle Investoren könne von der Notenbank jenen Institutionen auferlegt werden, die für den Bargeldtransport zuständig sind (Wholesale Cash Withdrawals). Diese müssten beispielsweise eine Gebühr auf alle Banknotenlieferungen aus der Nationalbank bezahlen.

Fazit der FuW: Die Ausführungen von Jean-Pierre Danthine zeigen, wie weit die Diskussionen um Negativzinsen schon gediehen sind. Vor wenigen Jahren war noch von der Untergrenze von Null (Zero-Lower Bound) für Zinsen die Rede. Nun arbeiten die Zentralbanken daran, wie man die Zinsen weiter unter null drücken kann.

Und damit die Supernova weiter aufpumpen!

Alles nur, damit die Inflation endlich kommt. Vielleicht sollten die Notenbanken dazu Lehrfilme machen wie die USA 1933 (nachdem sie mit der Abwertung des US-Dollars zum Gold bereits eine Reflationierung begonnen hatten, auf die unsere heutigen Notenbanker noch nicht gekommen sind).

 Hier der Link zum Film, passend zum Wochenende.

FT (Anmeldung erforderlich): Bill Gross warns over $10tn negative-yield bond pile, 10. Juni 2016

Zero Hedge: It Took $10 In New Debt To Create $1 Of Growth In The First Quarter, 9. Juni 2016

FINANZ und WIRTSCHAFT: Ex-SNB-Direktor: Tiefere Zinsen dank Bargeldgebühr, 8. Juni 2016

15 Antworten
  1. Michael Stöcker says:

    Das fiktive Kapital ist die Folge einer verfehlten fiskalischen Investitions- und Redistributionspolitik. Mervin King sieht neben dem „The winner takes it all“-Problem (Matthäus-Effekt) insbesondere eine zu geringe Nachfrage infolge zu geringer Einkommen als eines der Hauptprobleme. Hier diskutieren drei monetäre Schwergewichte: Lord Mervin King, Charles Goodhart und Sir Alan Budd: https://www.youtube.com/watch?v=qHM1vfQWaIg. Eine weitere Bereicherung für das Wochenende.

    LG Michael Stöcker

    Antworten
  2. Michael Stöcker says:

    Dani Rodrik spricht Klartext:

    „Die Art, wie Deutschland und insbesondere Angela Merkel auf die Krise in Griechenland und anderen überschuldeten Staaten reagierte, hat jede Chance auf ein demokratisches Europa beerdigt. Sie hätte die Krise als eine Krise der gegenseitigen Abhängigkeit darstellen können („wir haben alle dazu beigetragen, und jetzt stecken wir alle gemeinsam drin“).“ http://makronom.de/der-brexit-und-das-trilemma-der-globalisierung-15571

    LG Michael Stöcker

    Antworten
    • Dietmar Tischer says:

      RODRIK:

      >Dieses Trilemma besagt, dass die Demokratie nur mit einer tiefen ökonomischen Integration kompatibel ist, wenn die Demokratie ebenfalls transnationalisiert wird – das ist die Lösung, die Varoufakis favorisiert.>

      Demokratie und ökonomische Integration sind UNTERSCHIEDLICHE Kategorien, die – jede für sich – NICHT von der anderen abhängig sind.

      Deshalb MUSS Demokratie NICHT mit ökonomischer Integration kompatibel sein.

      Demokratie wird so praktiziert wie sie von den Betroffenen verstanden wird – nationale ODER supranationale Willensbildung – und dann passt ökonomische Integration dazu oder nicht.

      Geschwätz aus Harvard und Griechenland (Varoufakis), um einer TRANSFERUNION das theoretische Fundament zu bereiten.

      >Die Art, wie Deutschland und insbesondere Angela Merkel auf die Krise in Griechenland und anderen überschuldeten Staaten reagierte, hat jede Chance auf ein demokratisches Europa beerdigt. Sie hätte die Krise als eine Krise der gegenseitigen Abhängigkeit darstellen können („wir haben alle dazu beigetragen, und jetzt stecken wir alle gemeinsam drin“). >

      Klartext, aber trotzdem Geschwätz.

      Griechenland bzw. die griechische Bevölkerung hätte doch auf Merkel (und die anderen, die Griechenland vermeintlich ebenfalls „knechten“) reagieren und mit der Abstimmung 2015 de facto den Austritt aus der Währungsunion erklären können. Wir, die wir nicht die Verursacher von deren Misere sind, hätten als Beteiligte an der Verschuldung die dem Land gewährten Kredite abschreiben müssen.

      Das ist meinem Verständnis nach Demokratie – oder hat jemand gedroht, in Griechenland einzumaschieren, falls man austreten würde?

      Und wenn die anderen Demokratien dann mit dem „neuen“ Griechenland bilateral oder auch transnational vernünftige Abmachungen getroffen hätten, wäre das ein demokratisches Europa.

      Abgesehen davon:

      Der Einfluss von Merkel und Deutschland wird überschätzt.

      In der Flüchtlingskrise hat niemand auf Merkel gehört, die Länder haben auf eigene Faust die Fluchtroute dichtgemacht.

      Deshalb kommen keine Flüchtlinge mehr über die Balkanroute und nicht, weil der Deal mit der Türkei angeblich so gut funktioniert.

      Antworten
  3. Johann Schwarting says:

    Sehr geehrter Herr Dr. Stelter,

    ich zitiere: „ … Ausgangspunkt von Gross‘ Warnung ist das bekannte Problem: Die Geldpolitik hat die Preise für alle Vermögenswerte in die Höhe getrieben, ohne die Realwirtschaft nennenswert zu beleben. Die neuen Schulden kommen da einfach nicht an. …“

    Warum kommen die neuen Schulden – und damit das Geld – an der Basis der Ökonomie – in der Realwirtschaft – nicht an?

    MfG

    Johann Schwarting

    Antworten
    • OK says:

      Weil es zu wenig potentielle Abnehmer (Realwirtschafts-Investoren) gibt. Offenbar sehen zu wenig Unternehmer die zu erwartenden Überrenditen als ausreichend an. Willkürliches Beispiel, wenn ich mir unbegrenzt Geld zu einem Prozent leihen kann, aber nur Produktivkapital mit einer Verzinsung von drei Prozent erwerben/schaffen kann, dabei aber das volle Verlustrisiko trage, dann ist das einfach nicht sexy genug. Bei einer Immo-Spekulation ist das anders gelagert, das Kapital kann ich durch Wiederverkauf wieder liquidieren und die Schulden (jedenfalls zu einem Gutteil, solange die Immobilie grds. passt) erledigen. Meine „innovative Fabrik“, die leider dann doch nicht benötigt wird, kauft mir aber niemand mehr für einen Preis auch nur ansatzweise in der Nähe der Anschaffungskosten ab.

      Antworten
    • David Winter says:

      Die Antwort lieferte Richard Koo schon vor Jahren: Die Geldpolitik (Quantiative Easing, Negativzinsen etc.) bringen nichts, weil die privaten Akteure Ihren Bilanzen nach dem Platzen der Schuldenblase nicht noch zusätzlich aufblähen wollen. Deshalb spricht Koo von einer „Balance Sheet Recession“. Der einzige Marktteilnehmer der das Geld in die Wirtschaft bringen könnte ist der Staat selbst — also Investitions- und Ausgabenprogramme. Strassen bauen, Lehrer ausbilden, E-Autos, Grundlagenforschung etc. Aber all das verstehen unsere Finanzpolitker noch nicht. Warten wir mal ab wie es 2025 oder 2035 aussieht, wenn wir 15 bzw. 25 Jahre Miniwachstum von 0.5-0.7% pro Jahr hinter uns haben.

      Antworten
      • Daniel Stelter
        Daniel Stelter says:

        Ja, die Bilanzrezession von Koo bleibt das richtige Konzept zum Verständnis der Lage. Allerdings hat auch er m. E. nicht die Lösung. Denn wie wir in Japan sehen, wachsen nur die Staatsschulden an …, ohne wirklich etwas zu bewegen. In Europa wird das nicht so lange funktionieren, weil wir kein homogenes Volk sind, sondern aus verschiedenen Völkern bestehen. Da nimmt die Solidarität mit der Zeit ab. Leider checken das unsere Politiker nicht. Noch könnte man das Projekt retten.

  4. Karl says:

    1. Grundsätzliche Voraussetzung wäre eine Lohninflation. Da es aber – abgesehen von einigen wenigen Spezialbereichen – mehr als genug Arbeitskräfte in der EU gibt, ergibt sich diese noch kaum.
    2. Banken kaufen mit dem Geld der EZB (0,0 %) lieber EUR-Südstaatenanleihen (1,0+ %), anstatt es an Unternehmen zu verleihen. Ist besser für ihre Risikostruktur, kein weiteres Eigenkapital erforderlich.
    3. Unternehmen brauchen meist keine Kredite, weil ohnehin fast überall noch Überkapazitäten vorhanden, also wozu investieren?
    4. Deleveraging ist angesagt: Schulden abbauen statt neue aufbauen.

    Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Bitte das Captcha ausfüllen * Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.