Vermögensverteilung: Fakten und Wirkung

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Der Blog der FINANZ und WIRTSCHAFT beschäftigt sich mit dem Mammutwerk von Thomas Piketty zum Thema Vermögensverteilung. Kürzlich hatte ich auf die abnehmende Mobilität hingewiesen und an die Grundursache der immer schlechter werdenden Bildungsleistungen in der westlichen Welt erinnert.

Piketty sieht erhebliche Risiken in einer zunehmenden Ungleichverteilung von Vermögen und Einkommen. Die FuW fasst zusammen: „Problematischer ist für ihn eine Ungleichheit, die bestehende Vermögensverhältnisse und dadurch auch gesellschaftliche Macht- und Chancenverhältnisse zementiert. Und deshalb setzt er beim Kapital an, dass er mit dem Vermögensbestand gleich setzt, dabei aber an Personen gebundene Kapitalbegriffe wie «Humankapital» ausschliesst.“

Als Beleg führt Piketty die Relation von Vermögenswert einer Volkswirtschaft in Relation zum BIP an (in der Tat ist Piketty der einzige beyond the obvious bekannte Ökonom, der sich die Mühe gemacht hat, aus historischen Kaufverträgen das Volksvermögen zu errechnen und dann in Relation zum BIP zu setzen; ich habe die Studie schon früh verlinkt. Seit 1950 sind die Vermögenswerte von rund 200 bis 300 Prozent des BIP auf Werte von rund 400 bis 600 Prozent gewachsen, was ungefähr dem Niveau von vor der Großen Depression entspricht, aber noch deutlich unter dem Niveau zur Jahrhundertwende liegt (600 – 700 Prozent). Piketty interpretiert dies laut FuW so: „Die Ungleichheit dieser Art erhöht sich immer dann automatisch, und die Besitzverhältnisse zementieren sich, wenn sämtliche Einkommen aus dem Kapital – (ob sie nun als Zins, Profite, Renten, Dividenden, Kapitalgewinne usw. bezeichnet werden) prozentual stärker zunehmen als das Wachstum der Gesamtwirtschaft. Piketty fasst das in der Formel r > g zusammen. r steht für die Kapitaleinkünfte und g für das Wirtschaftswachstum und damit jenes der Gesamteinkommen. Laut Piketty war r bis zum 19. Jahrhundert in der Geschichte tatsächlich meist größer als g und wird es seiner Ansicht nach auch im 21. Jahrhundert bleiben. Die größere Gleichheit in dieser Beziehung im 20. Jahrhundert bis nach dessen Mitte erklärt sich Piketty mit den großen politischen Umwälzungen, den Weltkriegen und den schweren Wirtschaftskrisen dieser Zeit, die den hergebrachten Vermögen deutlich zugesetzt haben.“

Ich würde die Interpretation ergänzen:

  • Der Einbruch in Folge von Weltwirtschaftskrise und Weltkrieg sollte sicherlich nicht als der Normalwert definiert werden. Gerade in Deutschland zeigt sich naturgemäß die erhebliche Vermögensvernichtung durch Kriegszerstörung und Teilung.
  • Der Anstieg der Vermögenswerte relativ zum BIP widerspiegelt auch immer das in einer Volkswirtschaft herrschende Zinsniveau. Je tiefer die Zinsen, desto höher werden alle Aktiva bewertet. Insofern folgt der Anstieg der Vermögenswerte in den letzten 30 Jahren einem immer geringeren Abzinsungssatz.
  • Der starke Anstieg der Vermögenswerte ist auch einhergegangen mit einer immer weitergehenden Verschuldung. Piketty saldiert zwar die Schulden in der Berechnung, dennoch spielt der zunehmende Anteil an Ponzi-Finanzierungen natürlich eine erhebliche Rolle.
  • Legt man ein nachhaltiges Zinsniveau von fünf Prozent zugrunde, so sind die Vermögenswerte nicht aus dem Rahmen zum Volkseinkommen, immer unter der Annahme, dass alle Vermögenswerte basierend auf den damit erzielten Cash Flows bewertet werden. Natürlich gilt das nicht für alle Vermögenswerte (zum Beispiel Kunst). Aber auch diese ertragslosen Vermögenswerte sind mit den übrigen Bewertungen von Assets korreliert.

FuW: „Auch Piketty selbst warnt in seinem Buch eindrücklich und mehrmals vor Prognosen in Bezug auf die Entwicklung der Ungleichheit, dafür würden nicht abschätzbare politische Entwicklungen eine viel zu große Rolle spielen. Er versteht sein Buch daher in erster Linie als Warnung vor einer gefährlichen Entwicklung und vor dem Fehlschluss, Automatismen in der wirtschaftlichen Entwicklung würden früher oder später automatisch zu Gegenbewegungen eines solchen Auseinanderdriftens in den Vermögensverhältnissen führen.“

Die Diskussion zur Vermögens- und Einkommensverteilung wird sich in den kommenden Jahren intensivieren. In einer alternden und überschuldeten Gesellschaft werden die Verteilunskonflikte naturgemäß immer intensiver. Die momentane Rettungspolitk vergrößert das Problem zusätzlich. Statt nun aber in eine plumpe Umverteilungsdiskussion zu verfallen, sollten wir die Grundprobleme angehen: Schuldenüberhang, untragbare Versprechen für Renten, Pensionen und Gesundheit und unzureichende Investitionen in die Zukunft. Bedeutet: Investition statt Konsum.

FINANZ und WIRTSCHAFT: Thomas Piketty stellt die Fundamentalfrage, 26. März 2014

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