Theater ohne Ende

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Da habe ich mir extra Platz gelassen für meinen Kommentar heute Morgen und nicht wie sonst üblich den Beitrag spätestens am Vorabend hochgeladen. Und dann diese Enttäuschung, die ja eigentlich keine ist. Die Griechen haben den Gläubigern erneut etwas vorgelegt, welches diese mit Freude aufgenommen haben. Gibt es doch nun die Möglichkeit für beide Seiten gesichtswahrend am Mittwoch einen Kompromiss zu finden. Wie hier mehrfach gesagt, ist die Verhandlungsposition der Griechen keineswegs schlecht und verbessert sich sogar mit jedem Tag. Da nutzt es auch nichts, wenn der deutsche Finanzminister fragt, wie lange die eigentlich als kurzfristige Maßnahme gedachten ELA-Hilfen noch gezahlt werden sollen. Ich weiß nicht, was Mario Draghi dazu gesagt hat. Aber er wird sich gedacht haben: It is not your business. Die EZB ist ja schließlich unabhängig.

Wir werden also am Mittwoch dann den erhofften Kompromiss finden. Die Börse feiert ihn schon heute, wobei man immer daran denken muss, dass es letztlich keine Rolle spielt, was mit Griechenland passiert. Wichtiger sind die Auswirkungen auf den Rest der Eurozone und Europas. Das Signal ist klar: Die Schulden sind eine optionale Last, vor allem in vielen Teilen „moralisch nicht gerechtfertigt“. Das dürften auch viele Portugieser, Spanier und Iren denken. Die Franzosen und Italiener werden es ohnehin mit Thomas Piketty halten, der bekanntlich Staatsschulden nur als Folge der „falschen Verteilung von Vermögen zwischen Staat und Privaten sieht“.

„Wir haben über kein drittes Programm gesprochen“, sagte Merkel. Es geht also nur darum, über die nächsten Wochen zu kommen. Eine Debatte über die von der Regierung in Athen immer wieder geforderte Umschuldung lehnte sie ab: „Es steht nicht zur Debatte, dass wir Schulden in dem Sinne restrukturieren.“– Klartext: Am Mittwoch wird man wieder Zeit kaufen, das Problem aber nicht lösen, sondern weiter wachsen lassen. Politik eben. Wie habe ich vor einigen Wochen geschrieben? Der rationale Politiker wählt den maximalen Schaden!

Roger Bootle von CAPAITAL ECONOMICS, der 2012 den Wolfson-Preis gewonnen hat mit dem besten Konzept, wie man den Euro wieder auflösen könnte, hat gestern einen entsprechenden Plan für Griechenland dargelegt. Es wird ja nicht so kommen – aus den bekannten Gründen – ist aber dennoch eine gute Anregung:

1. Selbst wenn die Gläubiger einem Schuldenschnitt zustimmen, ist Griechenland nicht zu helfen. Um wieder auf die Beine zu kommen, braucht das Land mehr Wachstum. Dies ist im Euro nicht möglich und die Gläubiger haben auch kein Interesse daran. Sie wollen nur ihr Geld zurück. – bto: Stimmt.
2. Die Einführung einer Parallel-Währung – hier in Deutschland vor allem von Thomas Mayer (früher Deutsche, heute Flossbach von Storch) ist keine gute Idee. Es genügt nicht, einige Transaktionen in lokaler Währung abzuwickeln. Was Griechenland braucht, ist die völlige Kontrolle über die eigene Währung. – bto: Ich sehe die Parallelwährung nicht so negativ. Es ist ein geordneter Weg.
3. Man muss beachten, wie eine Abwertung wirkt: Importe werden teurer und lokale Güter relativ attraktiver. Damit steigt die in- und ausländische Nachfrage nach griechischen Waren. – bto: Das stimmt. Allerdings haben wir gesehen, dass die griechische Exportwirtschaft nur wenig zu bieten hat.
4. Das Problem ist, dass es kurzfristig unangenehm ist und erst mit Zeitverzögerung wirkt. Aber es wird allen nutzen. – bto: Stimmt.
5. Das muss die Regierung durchhalten und auf soziale Wohltaten verzichten. Versucht sie die Auswirkungen zu korrigieren, verliert die Abwertung ihre Wirkung. – bto: Wer glaubt, dass die Regierung das durchhält?
6. Es ist kein Problem, dass es vorerst die neue Währung nur in elektronischer Form gibt. Ein Großteil der Transaktionen kann bargeldlos abgewickelt werden. Die Bevölkerung wird andere Wege finden, für kleine Transaktionen zu bezahlen. Mit Euro, Zigaretten oder sonst was. – bto: Das denke ich auch. Weshalb auch ein Bargeldverbot nie funktionieren würde.
7. Kapitalverkehrskontrollen werden für kurze Zeit nötig sein. Die griechische Zentralbank kann derweil Staatsanleihen kaufen und Quantitative Easing betreiben. Dies sollte jedoch nur in einem vorsichtigen Umfang geschehen, weil sonst die Inflation zu sehr steigen wird. – bto: Ich bezweifle sehr, dass die Griechen das durchhalten.
8. Die Wirtschaft und die Staatsfinanzen werden sich rasch erholen. Hier sollte die Regierung vorsichtig sein und nicht gleich wieder alles für neue Wohltaten ausgeben. – bto: ein Politiker, der spart??
9. Die Reformen sind weiter nötig. Schließlich war es auch der eigene Fehler von Griechenland, in die Krise zu geraten. In einem Umfeld von mehr Wachstum und ohne die Einflussnahme von außen sollten diese Reformen leichter umzusetzen sein. – bto: richtig, aber nicht konform mit dem politischen Programm der Regierung.
10. Zu guter Letzt sollte die Regierung ein gutes Verhältnis zu der EU bewahren. – bto: klar. Auch, um weiter Unterstützung zu bekommen.

So sähe also der Plan aus für einen Grexit. So sehr ich die Gedanken zur Euroauflösung von Bootle schätze. Dies hier halte ich für sehr unrealistisch. Die Regierung wird das nicht so umsetzen können. Zu groß wird der Druck sein, neue Wohltaten zu verteilen. Deshalb haben auch die Griechen ein Interesse an der Fortsetzung des Spiels. Sie halten die Trümpfe weiter in der Hand und haben zudem immer einen Schuldigen für ihre Misere: Brüssel und Berlin.

→ The Telegraph: Why D Day for Greece must stand for deliverance, 21. Juni 2015

1 Antwort
  1. Dieter Krause says:

    Die Griechen hatten vor der Euro-Einführung so um die 15-20% jährliche Infakltionsrate! Auch weil sie mit den Seigniorage-Einnahmen aus dem Gelddrucken ihre Staatsausgaben mit bezahlt haben (was im übrigen dann auch die Schwarzarbeiter mit dazu heranzieht, deren Geld schließlich auch ständig massiv an Wert verliert). Für so eine Land mit so einem Steuermoral wohl wirklich das Beste! – Aber ich denke mal, dass sie nach einer neuen Drachmen-Einführung gleich mal mit 50% Inflation starten werden. Die Cleveren in Griechenland habe jetzt natürlich ihre ganzen Euro-Sparguthaben sowieso ins Ausland transferiert und können damit dann auch gut leben. So haben sie eben bagezockt mal wieder ihre Freunde in der EU geschröpft, die sich – Merkel(!) – dafür noch als Nazis beschimpfen lassen müssen! 19 Freunde sollt ihr (in der Euro-Zone) sein – 19 Feinde seid ihr geworden!

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