The eurozone is turning Japanese – ist das wirklich ein Problem?

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Folgende Zuschrift erhielt ich zu meinem gestrigen Kommentar zur letzten Chance Japans (leicht bearbeitet): „Ein interessantes Beispiel verdeutlicht die Auswirkungen der Deflation: 100.000 Yen, im Jahr 1995 als Bargeld gehortet, hätten im Jahr eine Kaufkraft von 112.000 Yen gehabt. An der Börse wäre der Wert auf 50.000 Yen gesunken. Der Anreiz, das Bargeld weiter aufzubewahren und auf Kaufkraftzuwachs zu hoffen, ist somit sicherlich verlockender als es auszugeben – die Wirtschaft gerät ins Stocken und dies seit über 20 Jahren.

Gründe: alternde Bevölkerung (weniger konsumfreudig), preiswerte Arbeits- und aufnahmefähige Absatzmärkte vor der Haustür (China!), Schock des Börsenabsturzes nach 1990 und der Verschuldungsorgie vor 1990. Das sind die wichtigsten, internen Gründe für Japans Deflationsszenario, da auch die japanische Regierung ihre Bürger nicht zum Konsumieren zwingen kann! War im Kern – vor allem im Jahrzehnt 1990-2000 – ein ökonomisches und ist seitdem vor allem ein psychologisches Problem (zunehmende Verunsicherung der Bevölkerung durch die Dauer der Krise – Reduzierung des Konsums)! Was natürlich auch mit der Überalterung der Gesellschaft zusammenhängt und dem Bestreben der Bewahrung von Japans kultureller Eigenheit! Japan hat  heute, nach 25 Jahren Krise(!), pro 100.000 Bürger nur ein Achtel der Gefängnisinsassen der USA , eine wesentlich geringere Vermögensspreizung und  als zweitgrößter Nettogläubiger in der Welt(!) nach China immer noch eine hoch- leistungsfähige Ökonomie.“

Ich kann die Zahlen im Einzelnen nicht bestätigen, gehe aber davon aus, dass diese der Realität entsprechen. Führt mich zu der Frage: Ist Japan ein gelungenes Beispiel dafür, wie man es macht? (Ich denke nein und würde auch sagen, der Autor der Zuschrift denkt dies nicht.) Man kann natürlich zu Recht sagen, dass die japanische Politik nicht so erfolglos geblieben ist, gerade was den sozialen Zusammenhalt angeht. Oder es umdrehen: Nur eine Gesellschaft mit einem so großen sozialen Zusammenhalt kann diesen Weg so lange so gut gehen. Wenn ich nun den Blick nach Europa richte, bin ich mir nicht so sicher. Deutschland alleine würde es vielleicht noch hinbekommen, vor allem weil wir das gleiche Profil haben (starke Exportwirtschaft). Andererseits werden unsere Auslandsüberschüsse bei weitem nicht so gut angelegt, wie ich schon mehrfach besprochen habe. Folge: Wir haben nicht so große und werthaltige Auslandsvermögen wie die Japaner und werden zudem ein guten Teil unseres Wohlstandes auf die Rettung und Transferleistungen in der Eurozone verwenden müssen. Die Eurozone als Ganzes zeigt nicht die Charakteristika Japans: sozial inhomogen, keinen nachhaltigen Außenüberschuss, kein großes Auslandsvermögen. Was bleibt, sind die hohen Schulden und die überalternde Gesellschaft.

Wie sehr wir Japan in den Problemen ähneln, fasst die FT gut zusammen:

  • Jeden Tag wachsen die Ähnlichkeiten zwischen Japan und der Eurozone.
  • Die Eurozone hat den zweithöchsten Anteil von über 65-Jährigen an der Bevölkerung – nach Japan.
  • Die Schulden in Europa haben das nachhaltig tragbare Niveau endgültig überschritten – wie in Japan.
  • Inflation und Inflationserwartungen sind auf einem nachhaltig tiefen Niveau – wie in Japan.
  • Der Handelsüberschuss führt dazu, dass der Euro stark bleibt und verstärkt damit deflationäre Tendenzen – wie in Japan bis zum Unglück von Fukushima.
  • Fallende Importpreise drücken das allgemeine Preisniveau und die Profitabilität von Firmen und machen es schwerer Schulden abzubauen – wie in Japan.
  • Obwohl die Zinsen auf Rekordtief liegen, führen sie nicht zu mehr Kreditnachfrage – wie in Japan.

Die FT hat noch Hoffnung: Die EZB hätte diese Risiken erkannt und würde deshalb schneller und massiver handeln als Japan. Außerdem wären die faulen Schulden kleiner als in Japan. Es wird spannend zu sehen, was schwerer wiegt: die geringeren Probleme (so die Annahme überhaupt stimmt) oder der fehlende soziale Zusammenhalt. Mal abgesehen von der naiven Annahme, dass die Geldpolitik sicher wirkt. Bewiesen ist das noch nicht!

FT (Anmeldung erforderlich): The eurozone is turning Japanese, 2. November 2014

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