Stell Dir vor, … keiner verkauft

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In seiner Rede hat Varoufakis die Effektivität der Geldpolitik der EZB infrage gestellt. Dabei bezog er sich offensichtlich auf Studien, die zeigen, dass die Investoren die Wertpapiere nicht an die EZB verkaufen wollen und können. Hintergrund: Diese Wertpapiere erstklassiger Qualität dienen bei Kreditgeschäften und Transaktionen als Sicherheiten. Nur wenige Papiere werden als so gut eingeschätzt, dass sie als Sicherheit akzeptiert werden. Kauft die EZB diese nun auf, müssen die Investoren auf weniger solide Werte ausweichen. Dies ist zum Teil nicht möglich und weitestgehend unerwünscht.

Zuerst bin ich bei BlackSummit Financial Group auf das Thema gestoßen:

  • „Finanzielle Erdbeben treten auf, sobald die verfügbaren akzeptierbaren Sicherheiten knapp werden.“
  • „Dies ist besonders problematisch, wenn zuvor Kredite gegen zweifelhafte Sicherheiten vergeben wurden und ist heute zusätzlich deshalb problematisch, weil Billionen von US-Dollar in Derivaten stecken.“
  • „Nach meiner Überzeugung kann ein neues Gleichgewicht nur durch eine generelle Schuldenliquidierung erreicht werden. Jeder Versuch, dies durch Manipulation der Geldmenge und der Zinsen zu verhindern, vergrößert nur den Schaden.“
  • „Indem die EZB den Banken Anleihen abkauft, verringert sie die verfügbaren Sicherheiten. Die Mittel, die für den Kauf verwendet werden, werden als Reserven im Eurosystem bleiben. Deshalb führt die Verknappung der verfügbaren Sicherheiten zu einer Verringerung des Umschlags an Sicherheiten (bto: weil die keiner mehr hergeben möchte), was wiederum die Geldumlaufgeschwindigkeit senkt. Besonders weil es schon zu viele Schulden und zu wenige verbliebene Schuldner guter Qualität gibt.“
  • „Folge: Die Politik der EZB kauft wiederum nur Zeit, ohne die Probleme zu lösen.“

BlackSummit Financial: Drying Up The Collateral Base, 11. März 2015

Am Wochenende brachte Zero Hedge dann einen Beitrag von JP Morgan, der in dieselbe Richtung ging:

  • 90 Prozent der Finanzierung in Europa erfolgen über Banken. In den USA maximal 50 Prozent – Folge: Es gibt schon vor Intervention weniger verfügbares Material.
  • Die Knappheit zeigt sich bereits daran, dass 4 Prozent aller ausstehenden Staatsanleihen mit Laufzeiten zwischen zwei und dreißig Jahren einen Zins von weniger als -0,2 Prozent ausweisen. Bei den deutschen Staatsanleihen sind es bereits 20 Prozent.
  • Die Liquidität im Markt sinkt. Dies zeigt sich daran, dass die Transaktionsgröße schrumpft, bis zu der die Transaktion keinen Einfluss auf den Marktpreis schrumpft. Es wird faktisch weniger gehandelt.
  • Zwar hat die EZB vordergründig recht, dass sie die verfügbaren Sicherheiten nicht verändert. Sie tauscht lediglich Anleihen in Cash. ABER: Die Akteure in den Märkten haben eine Abneigung gegen Cash wegen der damit verbundenen Komplexität und den negativen Renditeimplikationen in einem Umfeld von Negativzinsen.
  • Außerdem können hochqualitative Staatsanleihen weiterverpfändet werden. Der Kunde, der eine Sicherheit hinterlegt, erlaubt dabei der Bank, diese wiederum wieder als Pfand zu hinterlegen. Er erhält dafür eine Entschädigung. Fallen die Anleihen weg, kommt es also zu einer Unterbrechung dieser Verpfändungskette und demzufolge zu einer Knappheit an Sicherheiten. Die EZB ersetzt also hocheffiziente Sicherheiten durch weniger effiziente.
  • Gleichzeitig benötigen die europäischen Banken mehr und nicht weniger Staatsanleihen, um ihren Liquiditätsanforderungen zu genügen. Zurzeit liegen die Liquiditätsreserven in Europa mit 11 Prozent deutlich unter den Werten in den USA und Japan.
  • Fazit JPM: Wenn die EZB Glück hat, wird sie bis September 2016 zusammenkratzen, was sie sich vorgenommen hat. Aber das wird schwer.

Zero Hedge: The Full Explanation Of How The ECB Broke Europe’s Bond Market, 15. März 2015

Die FT – in der immer wieder lesenswerten Beilage Fonds Management vom Montag – kommt zu einem sehr ähnlichen Schluss:

  • Die EZB bekommt nicht, was sie gedacht hatte. Statt Transaktionen in der Größenordnung von 50 bis 100 Millionen kommen weitaus kleinere Käufe zustande.
  • Niemand will gute Papiere verkaufen, die einen geringen Ertrag abwerfen und eine gute Sicherheit darstellen.
  • Die EZB kommt Jahre zu spät, die Zinsen sind schon stark gefallen und die Risikoprämien für Anleihen schlechterer Bonität ebenfalls.
  • Für die Treuhänder (Lebensversicherungen, Pensionsfonds) werden die tiefen Zinsen zu einem untragbaren Problem. Da man die künftigen Verpflichtungen mit dem langfristigen Zins auf heute diskontiert, steigen die Verpflichtungen in das Unermessliche. Negative Zinsen machen es noch schlimmer.
  • Deshalb rät die FT zu einem ungewöhnlichen Vorgehen: Die Pensionsfonds sollten die Anleihen leer verkaufen. Dazu leiht man sich die Papiere und verkauft sie. – bto: Normalerweise tut man dies, wenn man auf fallende Kurse spekuliert, was ich nicht unbedingt tun würde. Aber bei negativem Zins, wird man von dem Verleiher dafür bezahlt, dass man die Papiere abnimmt. Also quasi ein Weg, um die Rendite zu steigern.

Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, dass die Wirtschaftspolitik mit ihrem Latein am Ende ist. Hier ist er.

FT (Anmeldung erforderlich): Embrace the contradictions of QE and sell all the good stuff, 13. März 2015

1 Antwort
  1. Uwe Isack says:

    Also haben wir wieder einmal das passende, amerikanische
    Allheilmittel: Geplante Obsoleszenz.
    Man blendet mit bestechender Inflationspolitik und führt
    die deflationäre Katastrophe herbei.

    Vorher bereinigt man noch ein paar uneinbringbare Schulden mittels Bail In und
    ein Neustart ist einfacher, als es sich besorgte Denker vorstellen können.

    Diese Po-litiker!

    Antworten

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