Spekulation wohin man auch schaut

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Zeit, ein wenig die Themen abzuarbeiten, die sich in den letzten Wochen angesammelt haben. Die Frage der Bewertung der Finanzmärkte gehört zweifellos dazu. Viele Stimmen melden sich zu Wort – doch der Tenor bleibt der gleiche: Die Notenbanken fördern die ganz große Spekulationswelle. Der Telegraph meint gar, das Spekulationsfieber sei größer als 2008:

  • Die Blase ist diesmal vor allem in Staatsanleihen und dabei konzentriert auf die Staaten ohne eigene Zentralbank (gemeint sind damit die Euroländer).
  • Der Ertrag auf einem balancierten, auf Qualität fokussierten Portfolio ist nahe den historischen Tiefstständen. Dabei rotieren die Investoren aus Technologie- und Wachstumsaktien in Qualitätsaktien und Dividendenwerte.
  • Letzteres ist allerdings kein Zeichen dafür, dass die Investoren vorsichtiger werden. Gleichzeitig hält nämlich der Boom bei den Ramschanleihen an.
  • Die wahre Blase ist jedoch in den Staatsanleihen der europäischen Krisenländern. So zahlen Irland und Spanien nicht viel mehr als die USA für zehnjährige Anleihen.
  • Damit sind die Zinsen wieder auf dem Niveau von 2008 – allerdings bei höheren und weiter steigenden Verschuldungsniveaus. Sogar der IWF warnt offiziell! FT (Anmeldung erforderlich): IMF’s José Viñals warns on eurozone bond market.
  • Angesichts drohender Deflation ist die Schuldendynamik in den Krisenländern nicht zu stoppen (nichts Neues für Leser von bto).
  • Ursache: die rekordhohe Liquidität, die auf der Suche nach attraktiven Anlagemöglichkeiten ist. Immerhin soll die weltweite Sparquote bei 25 Prozent des BIP liegen (!!) und wachsen.
  • Über die Ursachen dieser enormen Ersparnisse wird heftig gestritten: Einkommensungleichheit führt zu hohen Einkommen bei jenen, die strukturell weniger konsumieren. Asiens Exportmodell, welches auf konstanten Überschüssen basiert und dabei China mit einem Anteil der Investitionen am BIP von unglaublichen 48 Prozent liegt (und damit mehr als Europa und die USA in Summe investiert – was sicherlich auch an den völlig unzureichenden Investitionen hier liegt). Die Billionen, die Notenbanken und Sovereign Wealth Funds angesammelt haben. Oder die demographische Entwicklung, die einfach mehr Ersparnisse für das Alter erforderlich macht. Vermutlich alles zusammen.

Nur wird damit auch klar, dass die Politik keine echten Optionen hat:  entweder das System bereinigen oder aber weiter auf die Blase setzen. Problem: Es ist keine Problemlösung und das Problem wird ständig größer.

The Telegraph: Speculative fever is back to 2008, with compound interest, 1. Mai 2014

Passend dazu gibt es treffende Beschreibungen der heutigen Blase:

  • Im Technologiesektor kommen die Bewertungsmaßstäbe der Dotcom-Ära wieder: Umsatzmultiples (statt Gewinn-Multiples … weil es keine Gewinne gibt) und Nutzerzahlen dienen der Bewertung der Firmen.
  • Hinter der wirtschaftlichen Erholung in den USA und UK steht wieder schuldenfinanzierter Konsum. Über den Wohlstandseffekt steigender Hauspreise soll der Aufschwung gelingen. Geht aber auf Dauer nicht.
  • Die globalen Ungleichgewichte verschärfen sich zusätzlich, weil die Eurozone als Ganze beginnt, Handelsüberschüsse zu erwirtschaften. Damit wächst der Pool an Überschussersparnis zusätzlich und die verzweifelte Suche nach guten Anlagemöglichkeiten.
  • Folge: Die Kreditstandards sind wieder sehr lax, Beleihungsquoten für Immobilien wieder hoch.

Problem für jene, die es für eine Blase halten: Sie kann viel länger wachsen, bevor sie platzt. Kritiker haben Robert Shiller – der den amerikanischen Immobiliencrash vorhersagte – vorgehalten, dies schon seit 1997 getan zu haben. Nicht selten ist es mir ähnlich ergangen, habe ich doch vor dem Platzen der Dotcom-Blase schon seit 1998 gewarnt und Deflation schon 2003 zum Thema gemacht. Kapitalmärkte können sich länger irren, als man Geld hat, um auf einen Einbruch zu wetten….

Vermutlich – so die FT – ist ein Crash nicht zeitnah. Die Spekulation betrifft nur Teilsegmente, und auch das Bankensystem (zumindest in USA und UK, für die Eurozone gilt das wohl nicht) ist deutlich besser aufgestellt. Folgerung der FT: auf ein ausgewogenes Portfolio bei der Geldanlage achten und die Blase dabei im Blick haben. Einen erfolgreichen Anleger zitierend: „Die Maus, die keinen Käse bekommen hat, ist die Maus, die überlebt hat.“

FT (Anmeldung erforderlich): Bubbles and the art of market escapology, 27. April 2014

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