Schwaches Pfund ein Zeichen der Schwäche? Quatsch! Ein riesiger Vorteil!

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Es gibt Leute, die denken allen Ernstes eine starke Währung wäre ein Vorteil in der heutigen Welt. Mark Rutte, der holländische Ministerpräsident äußerte sich angesichts des deutlichen Einbruchs des Pfunds so: Großbritannien hätte collapsed politically, monetarily, constitutionally and economically. Das schwache Pfund also als Zeichen des Niedergangs. 

In das gleiche Horn stößt die Zeitung DIE WELT:

  • „ (…) das Brexit-Votum wirft ein großes Fragezeichen auf die weitere Entwicklung. Eine Hartwährung wie die D-Mark war der Sterling nie, doch selbst die relative Stabilität der letzten Jahre ist nun in Gefahr. Der Verlust der AAA-Bonität, den Britannien Anfang der Woche hinnehmen musste, ist ein Menetekel. Während der Sterling schweren Zeiten entgegengeht, werten andere Währungen auf. Investoren suchen sich ihre eigenen sicheren Häfen. bto: Wie lange wir noch ein AAA-Rating haben angesichts der erheblichen Lasten, die aus dem Euro auf uns zukommen, steht in den Sternen!
  • Die Schockwellen des Brexit-Referendums könnten das Pfund auf Niveaus zurückwerfen, wie wir sie seit dem Plaza-Abkommen nicht mehr gesehen haben, sagt Erik Nielsen, Chefvolkswirt bei UniCredit in London. Der Ökonom spielt damit auf die extreme Schwäche an, die der Sterling kurzfristig im Chaos-Jahr 1985 erlitt. bto: Und das muss ja wohl schlecht sein, meinen alle Beteiligten.
  • Von einer Pfund-Schmelze kann derzeit – noch nicht – geredet werden, doch die Tendenz geht klar Richtung Weichwährung. In der Woche nach dem Referendum wird das Pfund an den Devisenmärkten in einer Spanne von 1,31 bis 1,34 Dollar gehandelt. Das Vertrauen in die Stabilität des Sterlings ist dahin. bto: Dafür glänzt der Euro? Ja, da muss man schon ein echter Optimist sein!
  • Großbritannien ist die fünftgrößte Volkswirtschaft der Welt, mit großen Banken und starken Unternehmen und internationalem Finanzzentrum. Doch zugleich ist das Land hoch verschuldet. Der Staat steht mit 90 Prozent der Wirtschaftsleistung in der Kreide und weist überdies ein beträchtliches Doppeldefizit im Handel und im Haushalt auf. bto: Das stimmt. In der Tat treiben es die Briten mit Schulden besonders wild. Allerdings haben sie wie die Amerikaner volle Kontrolle über die Währung , können sie also weich machen, wie hier im Artikel befürchtet. 
  • Schon jetzt ist das britische Pfund (und nicht etwa der Euro) die große Währung, die gegenüber dem Dollar auf Zehnjahressicht am meisten verloren hat. Verglichen mit 2006, steht der Kurs heute gut ein Fünftel niedriger.
  • Das komplette Kontrastprogramm bildet der Schweizer Franken. Mussten Anfang der Siebzigerjahre noch 4,30 Franken für einen Dollar gezahlt werden, so ist der Franken heute teurer als der Dollar. Ein Amerikaner, der 1971 1.000 Dollar in eidgenössisches Geld wechselte, machte ein fantastisches Geschäft. Heute würde er beim Rücktausch 4.401 Dollar bekommen. Allein in den vergangenen zehn Jahren hat der Franken zur Leitwährung 27 Prozent aufgewertet.
  • (…) der Franken ist die härteste Papierwährung der Welt. Die einzige andere Devise, die mithalten kann, ist der japanische Yen. Japan ist zwar mit mehr als dem Doppelten seiner Wirtschaftskraft verschuldet, die Verbindlichkeiten liegen jedoch fast ausschließlich im Inland, in den Händen nahezu stoischer Gläubiger. Außerdem hat das asiatische Land im Gegensatz zu Großbritannien kein chronisches Handelsdefizit, Handelspartner und Anleger decken sich an den Devisenmärkten mit Yen ein. bto: Die Stärke des Yens zeigt aber noch mehr als die Stärke des Frankens die ökonomische Folge: deflationärer Druck und drohende Stagnation.

Das Fazit der WELT scheint zu sein: Es ist ein sehr schlechtes Zeichen für die britische Wirtschaft, dass das Pfund abwertet.

Aus Kapitalanlegersicht mag das stimmen. Und in einem normalen wirtschaftlichen Umfeld auch. Eine starke Währung zwingt zu anhaltenden Produktivitätsfortschritten und damit immer mehr steigender Wettbewerbsfähigkeit. Dies gilt für die Schweiz, das gilt für Japan, wenn man die Wirkung der schrumpfenden Bevölkerung herausrechnete. Es galt für Deutschland bis zur Euroeinführung. Seither sind wir in einer Weichwährung zumindest aus deutscher Sicht! Folge: Die Produktivitätszuwächse sind deutlich geringer geworden, wir strengen uns weniger an.

Es ist also richtig, dass eine starke Währung ein Vorteil ist.

Aber: Gilt das auch in einem Umfeld der weltweiten Überschuldung mit Überkapazitäten, fallenden Preisen und vor allem unzureichender Nachfrage? Wohl nicht. Heute kämpfen die Währungsblöcke und Länder um einen relativen Vorteil im weltweiten Markt. Da ist alles gewünscht, nur keine starke Währung. Die Japaner intervenieren, die Schweizer intervenieren, die US-Fed zögert mit Zinserhöhung, wenn der Dollar zu stark ist, die EZB will eigentlich auch nur einen schwachen Euro. Und da ist nun ein Land mit einer nach Kaufkraft immer noch recht starken Währung und kommt in den Genuss einer (DIE WELT:) Pfund-Schmelze.

Das ist nicht schlecht, sondern gut und ein wahres Konjunkturprogramm in der heutigen Zeit. Der Telegraph fasst das nochmals deutlich zusammen und ich teile diese Sichtweise im heutigen Umfeld. Sonst nicht, betone ich noch einmal.

  • As of today, sterling is 5pc below its trading range for the last month against the euro and the Chinese yuan. It is weaker against the US dollar but the dollar is on steroids, much to the horror of the US Treasury.
  • The more sterling falls, the greater the net stimulus for the British economy. The reverse holds for the eurozone. It is a further deflationary shock at a time when Europe is already in deflation, when inflation expectations are in free-fall and bond yields are collapsing below zero, and when the ECB is running out of options. bto: genau der Punkt. Der Euro wird härter und macht damit das Leben noch schwerer für die Südländer.
  • „(…) it is hard to see how the eurozone could withstand such a shock, given the levels of unemployment and the debt-deflation dynamics of southern Europe, and given the intesity of political revolt in Italy and France.
  • Devaluation strikes no fear in a chronic deflationary world where almost every major country is trying to push down its currency to break out of the trap, and largely failing to do so. It would facetious to suggest that Britain has pulled off this trick. Crumbling investor confidence is never a good thing. But the UK has stolen a march of sorts, carrying out a beggar-thy-neighbour devaluation by accident.

Contrary to the supposition of Mr Rutte, the fall in sterling is a blessing for the British economy, and a headache for the eurozone. The exchange rate is acting as a shock-absorber, just as it did in 1931, 1992, and 2008,  all bigger falls, and all benign.

DIE WELT: Britisches Pfund auf dem Weg zur Weichwährung, 29. Juni 2016

→ The Telegraph: Was Brexit fear a giant hoax or is this the calm before the next storm?, 29. Juni 2016

4 Kommentare
  1. Andreas Müller says:

    Die deutschen Medien wollen gar nichts verstehen und sehen Deutschland auf der ökonomischen Siegerstraße, während „die Schwachen“ abwerten (wenn sie das Glück einer eigenen Währung haben) oder pleite gehen und „gerettet“ werden müssen (wenn sie das Pech haben im Euro zu sein). „Rettung“ ist in diesem Fall ein anderes Wort für Entmündigung, Unterwerfung und Plünderung.
    Das „starke“ Zentrum der Eurozone frisst die Peripherie, bis es ganz allein ist und implodiert, weil ihm niemand mehr etwas abkaufen kann. Das ist eine Todesspirale, die am Ende im Zentrum die größten Verwüstungen zurücklassen wird. Diese „Stärke“ Deutschlands hat für den normalen Michel keinerlei Sinn, keinen Vorteil. Er ist ja der Dumme, der sich schon seit Jahrzehnten nicht einmal mehr Kinder leisten kann oder will. Der Michel, der sich von der irren Merkel und ihren weitgehend gleichgeschalteten Medien einreden lässt, dass es ihm ja so gut geht, wird die Schlussrechnung bezahlen müssen, in einem kinderlosen Land mit einer Exportindustrie, die sich selbst überflüssig gemacht hat, im letzten Wahn vollgepumpt mit Migranten, die sich fremd und verarscht fühlen (müssen). Uns droht ein Inferno.
    Es ist kein Zufall, dass sich immer mehr hellsichtige Leute an Wilhelm II., die blinde Gefolgschaft der deutschen Untertanen und den ersten Weltkrieg erinnert sehen. Und das Krasseste ist und bleibt die Tatsache, dass sich dieses Deutschland auch noch als der Nabel des proeuropäischen Denkens sieht. Schuld sind natürlich immer die anderen: die egoistischen, rassistischen (sic!) Engländer, die faulen und treulosen Italiener oder die Spanier und Portugiesen, die sich der radebrechende Öttinger gerade mal wieder zur Brust nehmen will. Das deutsche Irrenhaus treibt einem neuen autoritären und autistischen Höhepunkt entgegen. Der Herr sei uns gnädig!

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  2. Katalin says:

    Hallo,

    es ist unter Experten unstrittig das das Pfund seit Jahren überbewertet ist, da das Land;

    a. Deindustrialisiert ist (d.h. keine Produkte mit Technologieführerschaft)
    b. Ständig Leistungsbilanzdefizite fährt
    c. Das Pfund keine Leitwährung mehr ist
    d. Haushaltsdefizite aufweist
    c. Hoch verschuldet ist
    usw.

    Die Frage ist, warum ist das Pfund trotzdem überbewertet.

    Die Währung spiegelt die Wirtschaftskraft eines Landes wie kaum ein anderer Faktor wieder.
    Und wenn man ein Anhänger der Angebotstheorie ist, wie die Welt, dann müsste man wissen, dass es für die Währung keine Rolle spielt, ob man in der EU ist oder nicht. Dies bestätigen auch Länder wie die CH,DK,NO,SE. Es kommt also nur auf das Angebot von Produkten und Dienstleistungen an, dass ein Land auf den Weltmärkten anzubieten hat. Dieses muss knapp sein meine Damen und Herren, egal ob Leistungsbedingt wie im Fall BRD oder Leistungslos wie bei Norwegen. Norwegen kann man nicht kopieren, da es sich um Zufall handelt, man könnte es als Entschädigung für das Wetter ansehen. GB könnte aber wie BRD Knappheit (neben der Immobilienknappheit in und um London) erzeugen. Dies ist aber aufgrund der GB Gesellschaft, d.h. einer Trennung der oberen 10% vom Rest der Bevölkerung, die von der Geburt an in privaten Kindergärten, Schulen, SIedlungen, Unis abgeschottet leben und seit Jahrzenten nicht mehr bereit sind in der Industrie richtig zu arbeiten sondern nur noch ihre Immobilien und Ländereien verwalten und höchstens bereit sind im Finanzsektor zu arbeiten bzw. ihr Kapital an den Finanzmärkten anzulegen, ausgeschlossen.

    Gruß

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