Piketty liegt falsch: Deciphering the fall and rise in the net capital share

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Dass Thomas Piketty mich interessiert, ist Lesern von bto gut bekannt: Es geht nicht nur meine Kritik an seinen falschen Lösungsvorschlägen für die Eurokrise, sondern auch um die fundamentale Kritik an seinem Hauptwerk. Für mich betrachtet er nur Symptome, nicht die wahre Ursachen der Entwicklung, nämlich die Verschuldung. In meinem Buch habe ich bereits die Kritik an der von Piketty postulierten Formel r > g zusammengefasst. Nun sorgt ein neues wissenschaftliches Papier für Furore. Darin wird nachgewiesen, dass Pikettys Annahme in verschiedener Hinsicht nicht trägt.

DIE WELT berichtet: „Wenn über die Ungleichheit zwischen Arbeit und Kapital debattiert wird, argumentiert Rognlie, sollte auf die tatsächlich für den Konsum verfügbaren Einkommen geschaut werden. Piketty aber behandelt Kapital als Bruttogröße. Das heißt, er vernachlässigt, wie viel Geld eingesetzt werden muss, um den Wert eines Vermögens zu erhalten. Maschinen und Fabriken zum Beispiel nutzen sich ab, sie verlieren an Wert und müssen früher oder später ersetzt werden. Ein fairer Vergleich sollte daher an Nettogrößen ansetzen, also am Bruttokapitaleinkommen abzüglich der zu tätigen Abschreibungen.“ ‒ bto: vollkommen richtig.

Vor allem wird gezeigt, dass die Preise für Immobilien zu einer erheblichen Verzerrung der Analyse führen. Der Zuwachs der anderen Vermögenskomponenten war in Summe sogar leicht negativ! Ohne eine massive Verschuldungszunahme wäre der Anstieg der Immobilienpreise unmöglich gewesen.

DIE WELT: „Die von Piketty in bester marxistischer Tradition konstruierte Kluft zwischen Arbeit und Kapital ist also wesentlich kleiner als gedacht – nicht zuletzt auch deswegen, so Rognlie, weil der Besitz von Immobilien viel gleichmäßiger verteilt ist als etwa der Besitz von Fabriken, Fuhrparks oder Kraftwerken.“

Die Studie zeigt auch ‒ was man intuitiv erwarten würde ‒ dass ein höheres Kapitalangebot mit sinkenden Erträgen einhergeht. Die Schlussfolgerung: Es gibt kein Problem mit der Entwicklung von Kapital versus Arbeitseinkommen, sehr wohl aber ein Problem bei der Spreizung von Arbeitseinkommen. Letzteres wäre gegebenenfalls zu adressieren.

DIE WELT: Der Kapital-Vernichter, 4. April 2015

Brookings: Deciphering the fall and rise in the net capital share, 19. März 2015

FT (Anmeldung erforderlich): Free Lunch: Piketty meets his match, 20. März 2015

1 Antwort
  1. Daniel Stelter
    Daniel Stelter says:

    Man schreibt mir:

    Sehr geehrter Herr Stelter,

    ich habe Ihr Buch „Die Schulden …“ gelesen und frage mich:

    Die Unterscheidung zwischen Vermögen und Einkommen ist ja schön und gut.
    Allerdings: Wenn Sie die Kluft zwischen den beiden als nicht so gravierend bzw. als begrenzt ansehen (jedenfalls nicht so hoch wie Piketty), dann wäre das für mich, was die Reichtumsunterschiede angeht, nicht sonderlich beruhigend.

    Denn was auf der Vermögensschiene passiert, ist doch auf der Einkommensschiene ebenso wenig von der Hand zu weisen. Die Vermögen der „Großen“ steigen doch ähnlich überproportional wie die Vermögen, nicht nur bei Bankern. Wenn das Verhältnis zwischen Einkommen und Vermögen Ihrer Meinung nach nicht so gravierend ist, dann liegt es doch wohl auch daran, dass die Einkommen durch eben diese großen Verdiener (und ich spreche hier mal von denen, die über 100.000 € brutto verdienen) in die Höhe gehoben werden.

    Das tatsächliche Problem, dass immer mehr Menschen durch den Sozialstaat in der Teilhabe gehalten werden müssen, entschärft sich durch die Einkommensseite also nicht, sondern verschärft sich. Die Zahl der prekären Verhältnisse erhöht sich, während die oberen Gehälter überproportional steigen. Wo kein Geld ist, kann es nie zu Vermögen werden, wo viel ist, sehr wohl. Ich habe selbst über die Jahre so meine Erfahrungen an der Börse gemacht und weiß mittlerweile sehr wohl, was Diversifikation in der Vermögensanlage und Information über diverse – nicht zuletzt steuerliche – Möglichkeiten ausmachen. Ich bin aber nicht der Meinung, dass diese entscheidenden Möglichkeiten nur bestimmten Kreisen offenstehen bzw. dass ein Großteil der Menschen davon einfach nichts erfährt, denn das beeinflusst entscheidend die politische Meinungsbildung!

    So gesehen erscheint mir Ihr lesenswertes Buch doch sehr akademisch, schön säuberlich zwei Bereiche trennend, aber im Endeffekt an der Lebenswirklichkeit vorbei zielend. Ihr Buch hat mich unfreiwillig bestärkt darin, Pikettys Thesen und Rezepte als die tatsächlich notwendigen anzusehen, wenngleich ich der Meinung bin, dass man auch viel stärker die Eigeninitiative der Bevölkerung anregen muss. Durch Bildung, durch Teilhabe, durch Aktivierung der Kinder aus prekären Verhältnissen. Ich will auch keine soziale Hängematte. Ich will aber auch nicht, dass anderen Kreisen die Früchte ohne weitere Anstrengung direkt in den offenen Mund fallen. Das ist mindestens ebenso unsozial.

    Ich frage mich manchmal aber wirklich: Will man das wirklich, Bildung (auch in ökonomischen Fragen) für möglichst viele? Ist es nicht vorteilhaft, einen guten Teil der Leute einfach da zu lassen, in Ihrer Unmündigkeit? Sonst könnten nämlich auch die politischen Ansprüche steigen (nicht nur die ökonomischen). Freilich würde dann auch die Gefahr von sozialen Unruhen steigen, die Sie ja als nicht sehr hoch einzuschätzen scheinen – mit Recht vermutlich, solange die Menschen am unteren Ende der Skala eben kaum etwas davon verstehen, was passiert. Bei entsprechender Bildung wären die, die reichlich haben (und die Sie so schön angesichts der kommenden Zeiten und möglichen politischen Entscheidungen warnen, ihr Vermögen nicht allzu offen auszustellen – politisch sehr korrekt !! ;-) womöglich nicht mehr so durchsetzungsfähig. Ich jedenfalls möchte KEINE US-amerikanischen Verhältnisse in der europäischen Politik.

    Übrigens finde ich es sehr bezeichnend, dass Sie sehr viele Entwicklungen (Finanzbereich etc.) als sehr bedenklich einschätzen, auch unter rein ökonomischen Aspekten. Allein: Mir fehlen greifbare Hinweise darauf und der Wille, diesen entgegenzusteuern. Das verlieren Sie völlig aus den Augen! Haben Sie Angst, Ihrer Klientel „ans Bein zu pinkeln“?

    Ich verstehe nicht, wie gerade die, die von der Krise der letzten Jahre mit am meisten profitiert haben, darüber lamentieren können, dass die Sozialleistungen immer größer werden. Oder auch Leute wie Tichy von der WiWo, der noch vor anderthalb Jahren vehement und überaus polemisch Leute abgekanzelt hat, die von einem Auseinanderscheren beim Wohlstand berichtet haben.Übrigens auch was Aspekte bei Piketty angeht, die Sie selbst durchaus wohlwollend beschreiben.

    Vielleicht haben Sie die Güte, mich gegebenenfalls zu korrigieren.

    Mit freundlichen Grüßen

    Ich antworte:

    Vielen Dank für Ihr Interesse an meinem Buch und für Ihre Mail. Ich denke, wir haben da etwas aneinander vorbei argumentiert. Meine ‒ knappe ‒ Antwort:

    Ist Vermögenskonzentration ein Problem: Ja, aber nicht so sehr in D wie in anderen Ländern.
    Ist Einkommenskonzentration ein Problem: Ja, wiederum mehr in anderen Ländern. UND: Die wird zunehmen, weil die Globalisierung für die meisten Jobs globalen Wettbewerb bedeutet. Hochqualifizierte werden hingegen profitieren.
    Soll man die Einkommensunterschiede begrenzen durch Umverteilung? Ja, auch. Aber eben auch durch Bildung etc.?
    Will man das überhaupt?? Gute Frage: Ich würde allerdings sagen, dass der Abfall des Leistungsniveaus in den Schulden sehr wohl von der Politik betrieben wird, da aber vor allem von der linken Seite. Was mit dem Ziel der Teilhabe beginnt, führt faktisch zu einer Verhinderung derselben.
    Können Kapitaleinkommen schneller wachsen als die Wirtschaft? Ja, aber nur temporär, eben weil dies eine Verschuldung voraussetzt.
    Und damit sind wir bei meinem eigentlichen Argument: Nur die massive Ausschaltung der letzten Jahrzehnte hat den Vermögenszuwachs überhaupt ermöglicht.
    Dass nun die neuen Daten zeigen, dass dies vor allem Immobilienvermögen sind, bestätigt dies übrigens, weil Leverage gerade dort eine Rolle spielt.
    Ich schreibe ja nicht gegen Piketty, ich sehe einige Dinge anders, aber nicht alle. Ich denke, wir besteuern aber nicht wegen der Vermögen, sondern wegen der übermäßigen Schulden.

    Hoffe, dies klärt ein wenig.

    MfG

    Und dann setzt sich die Kommunikation so fort:

    Sehr geehrter Herr Dr. Stelter,

    vielen Dank für Ihre Antwort auf mein Schreiben. Erlauben Sie mir nur noch diese Replik.

    Ich bin ja tatsächlich mit sehr vielen Dingen, die Sie schreiben, sehr einverstanden, ja regelrecht dankbar. Ich würde mir wünschen, dass vieles von dem, was Sie schreiben, weiteren Kreisen der Öffentlichkeit, die wählen gehen, bekannt würde. Was das Schuldenmachen angeht, bin ich ganz bei Ihnen. Da frage ich mich aber, wie das denn zurückgeführt werden soll, wenn unsere ganze westliche Lebensform schon davon so geprägt ist. Wir werden ja durch die Finanzpolitik regelrecht dahin getrieben, Schulden zu machen und gegen alle Vernunft zu konsumieren. Wohin soll aber die Reise gehen, wenn z.B. das Marketing (Think Limbic! heisst so ein Ratgeber) Konsumenten immer stärker zu Kaufentscheidungen führt, die kaum noch rational zu begründen sind. Ich weiß, die Rede vom Konsumwahn ist aus der Mottenkiste – aber muss man nicht endlich einsehen, dass vieles auf einer grundsätzlichen Ebene auch damit zusammenhängt!?! Und nein, ich möchte deshalb nicht zurück zum kleinen privaten Acker hinterm Haus!!

    Das Marketing der Unternehmen investiert Milliarden, um Menschen zu unreflektierten Kaufentscheidungen zu führen (ich war selbst auf einem solchen Vortrag), wir müssten viel mehr für Bildung ausgeben, um dem entgegenzusteuern. Was ist das für eine Gesellschaft? Der Mensch, das muss man realistischerweise heute sagen, ist für den “Kommunismus” (ich meine jetzt den theoretischen) nicht geschaffen. Aber für das, was wir praktizieren, leider auch nicht, damit ist er überfordert. Es vergeudet soziale, geistige (nicht esoterisch gemeint!!) Energie, die wir anders viel besser einsetzen könnten. Seit den 70er/80er Jahren verabschieden wir uns zunehmend von Errungenschaften, die Europa positiv geprägt haben, eingezwängt zwischen den USA und jetzt (Globalisierung) dem Osten und Asien.

    Jeglicher humanistische Gedanke an Solidarität und Gleichberechtigung geht uns abhanden. Natürlich: KEIN Sozialhilfeempfänger benötigt einen Flatscreen 45 Zoll für die Grundversorgung. Aber perverserweise ist das zur Ruhigstellung eher opportun als Bildung. Aber wenn gerade den unteren Schichten vorgemacht wird (durch Medien, Marketing, eigenes Verhalten etc.), dass Besitz, Konsum, Hightech, ein flotter Schlitten die wahren Lebensziele sind, Bildung und Kultur nur was Witziges, was dann? Nein, nicht jeder ist gleich. Aber wie will man das plausibel vermitteln, wenn unser Konsumwahn genau damit flirtet: Jeder kann alles besitzen, notfalls per Kredit?!?

    Und ganz oben: Freiheit? Besitz? Sicher! Einkommen nach Leistung? Sicher! Aber bedeutet das denn (s. Bankwesen), dass Gehälter völlig abgehoben von der Realität (und sogar abgekoppelt von Verantwortlichkeit) quasi ins Unendliche steigen dürfen? Unterminiert es unsere Demokratie, wenn hier Grenzen definiert sind, die Leistung aber nicht wider alle Vernunft belohnt (wenn es denn überhaupt Leistung war)? Erbschaften vernünftig zu besteuern, was spricht dagegen? Die Politik findet immer nur Gründe, es mit Blick auf Wahlen wieder zu verschieben oder so zu gestalten, dass es am Ende hundert Schlupflöcher gibt. Natürlich: Wenn die cleversten Berater dahin gehen, wo das allermeiste Geld zu verdienen ist, wie sollte das dann anders sein? Dann ist unsere Demokratie aus organisatorischer Sicht mit einem riesigen Makel behaftet, dem man dringend begegnen muss. Dann benötigt man auf Ebene des politischen Systems, wie in der Ökonomie, dringend ein Kartellrecht, denn machen wir uns nichts vor: ökonomische Macht lässt sich sehr gut in politische umsetzen.

    Ich muss Schluss machen, sonst lesen Sie diese Mail niemals zu Ende. Nur soviel noch: Man kann Ökonomie, auch ihre Irrationalitäten, wunderbar rational betrachten und analysieren.
    Aber ohne moralische und ethische Grundsätze und Haltungen ist alles nichts wert. Eine steinalte Diskussion. Deshalb klingt mir Ihr letzter Satz “Es soll keiner sagen, er sei nicht gewarnt gewesen.” ja so seltsam in den Ohren. Dass die, die gerade in der jetzigen Situation, nochmal riesige Gewinne einfahren, in einigen Monaten oder Jahren auch den allergrößten Teil der Kosten für die Schuldenbeseitigung tragen müssen, ist doch schiere Gerechtigkeit. Wovor muss man diese Personen warnen – und welcher Haltung entspringt eine solche Warnung? Das leuchtet mir nicht ganz ein und widerspricht in meinen Augen auch vielen Ihrer eigenen Erkenntnisse.

    Ich fand das interessant und wollte es allen Lesern von bto zur Verfügung stellen.

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