Piketty fordert große europäische Schuldenkonferenz

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Ich gestehe, etwas neidisch zu sein auf Thomas Piketty. Sein Buch war ein enormer Erfolg und nun wird ihm Deutungshoheit für alles gegeben.

Zur Erinnerung 1: Sein Hauptwerk „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ ist ein gutes Buch. Es besticht durch Datenfülle und Schreibstil. Die von ihm darin als Weltformel positionierte Annahme, wonach die Kapitalrendite r immer über der Wachstumsrate g liegt, steht auf schwachen Füßen. Vor allem, wenn man bedenkt, dass ein großer Teil des Vermögens selbst genutzte Immobilien sind, bei denen die „Rendite“ ‒ also die theoretische Miete ‒ unmittelbar konsumiert und nicht gespart wird. Viel schwerer wiegt, dass er die Bedeutung von Schulden völlig vernachlässigt. Denn ohne die Schulden und den Leverage-Effekt gäbe es die Vermögen gar nicht. Siehe mein Buch und die vielfältigen Beiträge auf bto.

Zur Erinnerung 2: Sein aktuelles Buch zur Eurokrise ist in sich inkonsistent, redundant und mangelt an fundierter Analyse. In meiner Rezension habe ich geschrieben: „Schon im ‚Kapital im 21. Jahrhundert‘ schlägt Piketty vor, die deutschen Sparer zu belasten, um Europa zu retten. Dabei bleibt er. Hinzu kommt, dass er letztlich einen Blankocheck fordert: für die Vergangenheit (Schuldentilgungsfonds) und für die Zukunft. Dieses aber ‚demokratisch legitimiert‘ mit der offenen Absicht, die Steuerzahler anderer Länder zur Kasse zu bitten.“

Pikettys Lösung der Eurokrise ist Umverteilung. Obwohl ich selbst eine Schuldenrestrukturierung für unerlässlich halte, halte ich diese Strategie für falsch. Ohne grundlegende Reformen wird sich Europa nicht wieder auf einen nachhaltigen Wachstumskurs finden. Mehr Schulden sind sicherlich nicht die Antwort, auch nicht, wenn man diese den Deutschen um den Hals bindet. Den vollen Beitrag finden Sie hier.

Nun also ein Interview in der ZEIT, welches die F.A.Z. so meldet:

  • „Thomas Piketty sieht in der Griechenland-Debatte auch die Verschuldung anderer Euroländer als Problemfall. ‚Wir brauchen eine Konferenz über die gesamten Schulden Europas wie nach dem Zweiten Weltkrieg‘, sagte der französische Ökonom in einem Interview der Wochenzeitung ‚Die Zeit‘. ‚Eine Restrukturierung der Schulden ist nicht nur in Griechenland, sondern in vielen europäischen Ländern unvermeidlich.‘“ ‒ bto: Stimmt. Wobei Piketty immer noch die hohen Privatschulden außen vor lässt.
  • „Der Autor des Bestsellers ‚Das Kapital im 21. Jahrhundert‘ kritisiert die Haltung der Bundesregierung in der Griechenland-Frage. ‚Die Demokratie in Europa zu unterlaufen, wie es Deutschland heute macht, indem es auf die vor allem von Berlin durchgepowerten Regelautomatismen bei der Verschuldung von Staaten besteht, ist ein großer Fehler‘, argumentiert Piketty.“ ‒ bto: Es ist sicherlich ein politischer und ein ökonomischer Fehler. a) Die Schuldner können nicht bezahlen. b) Wir machen uns maximal unbeliebt.
  • „Europa brauche eine neue demokratische Institution, die über das zulässige Schuldenniveau entscheide, um einen Wiederanstieg der Schulden auszuschließen. ‚Das könnte zum Beispiel eine europäische Parlamentskammer sein, die aus den nationalen Parlamenten hervorgeht‘, schlägt Piketty vor.“ ‒ bto: Steht auch in seinem ‒ nicht empfehlenswerten ‒ Buch. Darin sagt er aber auch: Die Mehrheit hätten dort die, die mehr Geld ausgeben wollen. Ein weiterer Schritt in Richtung Sozialismus.

Zur Erinnerung: Ich bin ein großer Befürworter eines Schuldenschnitts, aber mit Begrenzung auf die Altlast und nicht als Freibrief für die Zukunft. Dies habe ich schon 2012 gefordert und seither regelmäßig wiederholt, so in meinem Beitrag in der SZ, als die aktuelle Griechenlandkrise erst begann.

→ F.A.Z.: Piketty fordert große europäische Schuldenkonferenz, 26. Juni 2015

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