Flassbeck versus Stelter

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Ich habe die Thesen von Flassbeck schon auf diesen Seiten diskutiert. Sie sind nicht völlig falsch, aber in vielerlei Hinsicht irreführend. Ein schönes Beispiel, wie auch Ökonomen nicht frei sind von bestimmten ‒ zum Teil eingefahrenen ‒ Weltbildern. Also, Herr Flassbeck erklärt die Krise, Herr Stelter kommentiert:

  • „Aber der Fall Griechenland zeigt, dass die Währungsunion nicht in der Lage ist, grundlegende Probleme anzugehen und zu lösen. Es ist ja nicht nur Griechenland. Wir haben seit sechs Jahren Rezession in der Währungsunion, das ist eine Katastrophe schlechthin. Frankreich, Italien, die befinden sich alle in einer schlechten Situation und da stellt sich die Währungsunion als wirtschaftspolitisch handlungsunfähig heraus.“ ‒ bto: Da bin ich bekanntlich recht nah dran. Allerdings würde ich nicht sagen, dass diese Länder ohne Währungsunion keine Probleme hätten (zum Beispiel verkrustete Arbeitsmärkte in Italien, wo die Jugend keine Festanstellung bekommt. Das liegt nicht am Euro.)
  • „Wachstum fällt nicht vom Himmel. Das ist halt das, was Herr Schäuble und Frau Merkel glauben. Die glauben fest daran, dass wenn man an ein paar kleinen Schräubchen dreht, dann passiert das von alleine oder es geschieht ein Wunder. Aber das ist lächerlich. Europa ist eine große, geschlossene Volkswirtschaft, die aus sich selbst heraus Wachstum schaffen muss. Und dazu muss sie angestoßen werden.“ ‒ bto: Aber da muss man dann auch realistisch sein. Ein guter Teil des Wachstums vor der Krise war eine schuldenfinanzierte Scheinblüte. Das Wachstumspotenzial wird definiert von Erwerbsbevölkerung und Produktivität.
  • „Das muss der Staat tun. Wer soll es sonst tun? Man kann nicht überall den Druck auf Einkommen erhöhen – wie hier in Österreich übrigens auch – und hoffen, dass die Privaten plötzlich Geld ausgeben.“ ‒ bto: Das klingt schon stark nach „säkularer Stagnation“ und Ersparnisüberhang. In Wahrheit haben in vielen Ländern die Privaten auch zu hohe Schulden. Es hat sicherlich etwas mit Einkommensverteilung zu tun, ist aber nicht ausreichend zur Erklärung. Übrigens sparen die Unternehmen am meisten damit, nichts zu investieren. Daraus abzuleiten, der Staat könne alles lösen, halte ich für bedenklich. So richtig erfolgreich sind staatliche Programme nicht.
  • „Der Staat muss Geld ausgeben, es ist mir vollkommen egal wie – er muss Schulden machen, um es ganz deutlich zu sagen. Selbst wenn das das große Tabu ist. Aber das ist ja das Absurde. Wir sparen wie die Teufel und glauben, aus diesen Ersparnissen werden wie durch ein Wunder Investitionen. Das ist aber kein Wunder, sondern es muss jemand ganz konkret das Geld von der Bank nehmen und sich verschulden und ausgeben. Wenn es die Unternehmen nicht tun, dann muss es eben der Staat machen und investieren.“ ‒ bto: Mit Blick auf Nachfrage sehe ich das ähnlich. Allerdings muss Flassbeck dann auch sagen, was mit den vielen Schulden passieren soll. Abschreibung über die EZB-Bilanz? Vermögenssteuer?
  • „Sie glauben also nicht an exportgetriebenes Wachstum?  Nein, das geht ja auch nicht, weil irgendwer anderer Schulden machen muss. Und wir können nicht gleichzeitig die Schuldner beschimpfen, dass sie Schulden machen und aber fest darauf vertrauen, dass sie wieder neue Schulden machen, damit unser Wachstum läuft.“ ‒ bto: Das stimmt. Viel schlimmer ist, dass wir unseren Kunden das Geld leihen und dann verlieren. So gesehen wäre es besser, weniger zu exportieren bzw. unsere Einnahmen auszugeben.
  • „Löhne kürzen führt nicht zu geringerer Arbeitslosigkeit, wie alle guten Neoliberalen glauben, sondern im Gegenteil, es hat die Arbeitslosigkeit dramatisch erhöht. Wenn ich die Löhne kürze, fragen die Leute weniger nach und dann habe ich ein noch größeres Problem als vorher. Das liegt ja nur daran, dass weder unsere Politiker noch die Herren und Damen Professoren an den Universitäten das Wort Nachfrage überhaupt mal in den Mund nehmen.“ ‒ bto: Das sehe ich anders. Wenn man international überhaupt nicht wettbewerbsfähig ist, kann man bei offenen Märkten nicht mehr mithalten. Da ist dann eine Anpassung erforderlich, am leichtesten natürlich über eine Abwertung der eigenen Währung, wie das vor dem Euro möglich war. Wenn man am Euro festhält, bleibt nichts anderes als die Kürzung. Dann verliert man Wohlstand, den man vorher nur scheinbar hatte, nämlich dank zu vieler Schulden.
  • „Deutschland hat einen entscheidenden Fehler gemacht. Es hat von Anfang an eine Lohndumping Politik betrieben und das in einer Währungsunion. Das kann man machen, wenn man seine eigene Währung hat, weil dann wertet diese einfach auf. Aber in einer Währungsunion darf man genau das nicht versuchen, weil genau das falsch ist und das hat Deutschland aber getan.“ ‒ bto: Dies sehe ich im Ergebnis ähnlich. In Ursache und Begründung völlig anders. Darüber hinaus finde ich das Wort Lohndumping nicht angemessen. Wie ich in meinem Beitrag, 10 Gründe, warum wir die Verlierer des Euros sind, ausgeführt habe (es gibt übrigens einen längeren, der im ifo-Schnelldienst erschienen ist, den ich hier aber nicht verlinken kann), war die Lohnzurückhaltung eine direkte Folge des Euros. Deutschland war mit einem überhöhten Wechselkurs in den Euro gegangen und war deshalb nicht wettbewerbsfähig. Die Folge war eine lang anhaltende Rezession in Deutschland, die noch dazu durch die Zinspolitik der EZB verstärkt wurde. Die Zinsen waren für Deutschland zu hoch, für die anderen Länder zu tief. Die Folge war eine schlechte Binnennachfrage. Zugleich startete in den heutigen Krisenländern der Boom: zu tiefe Zinsen – noch höhere Inflation – Schuldenboom – Bauboom – steigende Löhne – Konsumboom – Importboom. Deutschland hat geliefert und dabei die eigenen Ersparnisse als Kredite exportiert. Hätten wir es nicht getan, hätten es andere getan. Deutschland hat damals nur über Export die Krise überwinden können. Gewinner sind wir sicherlich nicht, weil ‒ und da bin ich ganz bei Flassbeck ‒ einen echten Wohlstandsverlust in der breiten Bevölkerung erlitten haben. Ursache war aber der Euro mit falschem Wechselkurs und zu hohen Zinsen, nicht bewusstes Dumping. Wie hätte eine Alternative aussehen sollen damals? Flassbeck hätte damals auch Staatsausgaben gefordert. Dann hätten wir weniger im Ausland an Forderungen aufgebaut und mehr im Inland. Ginge uns dann so viel besser? Statt der Schulden von Spanien die Schulden des eigenen Staates? Wir müssen, im Gegenteil, die Strategie ändern und zu einer ordentlichen Wirtschaft zurückfinden, wo Schulden produktiven Zwecken dienen und nicht schneller wachsen als die Wirtschaft! Zur Erinnerung: In England liegen die Kredite der Banken an die Realwirtschaft ohne Bauträger und Hypotheken stabil bei 25 Prozent des BIP. Die Schulden wachsen wie die Wirtschaft. Die Schulden für Immobilien sind hingegen explodiert. Ein Aspekt, den Flassbeck völlig vergisst.
  • „In Deutschland müssen jedes Jahr die Löhne um fünf Prozent steigen und das für zehn Jahre. Dann haben die anderen Länder die Möglichkeit, wieder auf eine normale wirtschaftliche Entwicklung zu kommen – vor allem Italien und Frankreich.“ ‒ bto: Die Chancen dafür stehen gar nicht mal so schlecht angesichts der schlechten demografischen Entwicklung. Diese Lohninflation wird dann die Kaufkraft der Rentner schmälern. Bin gespannt, was Flassbeck dann fordert ‒ ach ja, mehr Transferzahlungen, um die Nachfrage zu sichern. Wenn Europa die Welt wäre, hätte er recht. Doch ‒ glücklicherweise ‒ ist es das nicht. Wir sind in einem globalen Wettbewerb mit anderen Ländern und wir können unseren Wohlstand nur sichern, wenn wir besser sind als andere (nicht billiger, da bin ich bei Flassbeck). Wenn wir nun, ohne besser zu werden, einfach nur teurer werden, verlieren wir an Wettbewerbsfähigkeit (was auch nicht schlecht ist, allemal besser als Kredite an Schuldner, die nicht bezahlen), doch wer profitiert davon? Die Franzosen? Die Italiener? Mit denen sind wir doch in weiten Teilen gar nicht im Wettbewerb. Es dürften Japaner, Koreaner, Chinesen und Amerikaner sein. Welchen Nutzen bringt dies der Eurozone? Eben. Keinen. Nur kurzfristig mehr deutschen Konsum.
  • „Es braucht wieder einen makroökonomischen Dialog, bei dem die Lohnentwicklung in Europa koordiniert wird. Da muss entschieden werden, wie sich Länder an ihre Produktivität anzupassen haben – und sie müssen sich anpassen, das ist das entscheidende.“ ‒ bto: a) Planwirtschaft funktioniert nicht, siehe DDR. b) Siehe oben. Wir sind keine Insel. Millionen von Menschen strömen auf den Weltmarkt und sind nur zu bereit, günstiger zu arbeiten.
  • „Das Problem ist, dass in einer Finanzkrise Gläubiger unheimlich mächtig werden und Deutschland ist der größte Gläubiger. Und die Sache ist, dass Deutschland nicht begreift, dass diese Macht des Gläubigers nicht eine gottgegebene Macht ist, sondern ein reiner Finanzmarkteffekt. Kluge Politiker würden mit dieser Macht sehr behutsam umgehen, aber kluge Politiker sind in Deutschland weit und breit nicht zu sehen.“ ‒ bto: Zu Letzterem kann man nicht widersprechen.

Flassbeck erläutert die Krise aus einem anderen Blickwinkel, das ist gut. Seine Analyse verdreht jedoch die Wirkungszusammenhänge und ist mit Blick auf die Wirkung von Euro – Zinsniveau – Verschuldung unzureichend. Sein Lösungsvorschlag ist naiv, weil wir eben nicht eine geschlossene Wirtschaft haben. Und seine Idee, dass wir der Gewinner des Euros sind, ist falsch.

Wenn es um die Frage der Kostenverteilung geht, nur ein weiterer Hinweis: Die Privatvermögen pro Kopf liegen in den meisten Krisenländern über dem deutschen Niveau. Dahinter liegt die Wirkung von Zins – Schulden – Immobilienpreisen. Letztere sind in allen Ländern deutlich stärker gestiegen als bei uns und zudem ist der Immobilienbesitz breiter gestreut. Ist es da richtig, den deutschen Steuerzahlern die Kosten aufzubürden?

derStandard: Ökonom Flassbeck: „Es ist nicht nur Griechenland“, 26. Juni 2015

4 Antworten
  1. Dieter Krause says:

    Flaßbeck ist nicht flexibel genug – genauso wie Hans-Werner Sinn vom Ifo-Institut! Irgendwann wollen sie in der Euro-Krise einfach mal recht haben – und dann werden sie dogmatisch! Dass in Griecheland der Staat schlicht nicht funktioniert, interessiert Flaßbeck gar nicht. Er will nur immer mehr Geld reinstopfen! Und Sinn beschwört einen Wirtschaftsaufschwung nach Wiedereinführung der Drachme, an den er wohl selber nicht wirklich glaubt. Wer braucht Griechenland eigentlich als Produktionsstandort, wenn dort die Löhne viermal(!) so hoch sind wie in Bulgarien? Niemand oder? Es sei denn, die Griechen deflationieren mit ihrer Inflations-Drachme die Löhne dann weiter bis auf das bulgarisches Niveau! Bis dahin sind aber alle qualifizierten Griechen wohl längst ausgewandert – den neuen Wirtschaftsaufschwung müssen dann eben die Rentner stemmen! Viel Glück!

    Antworten
    • Daniel Stelter
      Daniel Stelter says:

      Man schreibt mir:

      Nachricht: Hallo Herr Dr. Stelter,
      vielen Dank für „Flassbeck versus Stelter“ – das hilft ungemein, Herrn Flassbeck etwas zu entzaubern, bietet er doch für viele Denkfaule im linken Spektrum sowohl einfache Lösungen als auch das gern genommene Klischee „Deutschland ist an allem schuld“. Der ifo-Artikel steht übrigens bei Herrn Gauweiler online http://www.peter-gauweiler.de/pdf/artikel/SD-9-15.pdf

      Mfg.

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    • Michael Stöcker says:

      Flassbeck und Sinn sind beide streitbare Ökonomen, die beide ihre Verdienste haben. Sie argumentieren beide überwiegend auf makroökonomischer Ebene und vernachlässigen dabei die betriebliche Realität. Wir müssen aber mit beiden Augen auf die Probleme dieser übervermögenden/überschuldeten Welt schauen. Es sind genau diese Asymmetrien, auf die Herr Stelter immer wieder aufmerksam macht. Und diese Asymmetrien gibt es eben auch bei den Lohnstückkosten sowie der betrieblichen Geldvermögenskonzentration. Auf betrieblicher Ebene ist hier aber ein flassbeck‘scher produktivitätsorientierter Durchschnittslohn die falsche Benchmark, wenn der Mitwettbewerber in Indien oder China produzieren lässt. Und dies sehen auch die Gewerkschaften so, weil der aktuelle Job wichtiger ist als ein langfristiges makroökonomisches Gleichgewicht. Es gibt eben einen Widerspruch zwischen betriebswirtschaftlicher Realität und volkswirtschaftlicher Notwendigkeit. Es ist das klassische Gefangenendilemma.

      Ohne fiskalische Redistribution hoher Einkommen und Gewinne gibt es wegen des Matthäus-Effekts aber keine langfristig stabilen Systeme. Hier wurden aber in den letzten 30 Jahren die falschen Weichen gestellt. Die Alternative zu höheren Steuern wäre eine indirekte Inflationsbesteuerung via ZB-Geldtransfer; ein Vorschlag, den auch Herr Stelter hier schon mehrfach ins die Diskussion gebracht hatte. So verrückt scheint dieser Vorschlag wohl nicht mehr zu sein. Immerhin plädiert nun auch der CEO der Banque CIC (Suisse) für diese Idee und verdoppelt mal direkt die 5.000 EUR von Stelter: http://www.fuw.ch/article/10%E2%80%85000-fr-fur-jeden-bewohner-der-schweiz/
      LG Michael Stöcker

      Antworten
      • Dieter Krause says:

        Sie treffen mit Ihrer Einschätzung voll ins Schwarze, Herr Müller! Anstatt mit konservativen Mitteln (gegen den Strom der anderen grossen Nationalbanken) den Schweizer Franken weiter zu stärken, sollte die SNB CHF drucken, damit jeden Schweizer Bürger beglücken und die besten EU-Aktien kaufen und als Staatsfonds anlegen. Folge: Der CHF schwächt sich ab, die SNB erstarkt, der Bürger wird entlastet, und die CHF Spekulanten haben das (berechtigte) Nachsehen. Man müsste Sie zum SNB Chef machen!

        Das sollten Sie mal Frau Merkel, erzählen, Herr Stöcker! Die „schwäbische Hausfrau“ fällte danach im Kanzleramt gleich vom Stuhl. Bei der Calvinistin Merkel wäre so etwas wie oben wohl die monetäre Ursünde! – Aber lange dauert es nicht mehr, bis auch die Frau umdenken muss. Oder sie ist 2017 schlicht Geschichte, weil sich auch die Italiener und andere aus dem Zwangskorsett EURO verabschieden werden (Beppo Grillas Truppe und die Lega Nord dürften dafür wohl bald eine Mehrheit in Italien haben)! Tja, die nationalen Mentalitäten in Europa sind eben doch nicht wirklich Euro-kompatibel!

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