„Negative Zinsen sind ein Horror“

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Gleich mehrere Leser haben mich auf dieses Interview mit dem Hedgefonds-Manager Jeffrey Gundlach in der FINANZ und WIRTSCHAFT aufmerksam gemacht. Offensichtlich „zündet“ Gundlach. Er ist nicht nur erfolgreich, sondern auch sehr deutlich. In der FT hatte er vor ein paar Tagen erklärt, weshalb er Trump für den besten „Long Trade“ des Jahres hält. Hier nun die Highlights mit den üblichen bto-Anmerkungen:

  • Obwohl die Gefahr einer Rezession viele Investoren beunruhigt, ist das aber nicht so wichtig. Entscheidend ist, dass wir uns ohnehin bereits in einem Umfeld mit geringem Wachstum befinden und sich die Weltwirtschaft weiter abkühlt.“ – bto: Das klingt nach Eiszeit.
  • Das Fed signalisiert für 2016 zwar zwei weitere Zinserhöhungen. (…) Aus zwei Zinserhöhungen wird dann bald nur noch eine. Letztlich wird es darauf hinauslaufen, dass die US-Notenbank den nächsten Zinsschritt fortwährend hinausschiebt, wie sie das mit allen bedeutenden Entscheiden seit der Finanzkrise gemacht hat.“ – bto: Die Notenbanken sind gefangen in einer Abwärtsspirale, wie hier immer wieder erläutert.
  • „Das nächste Grossereignis wird der Moment sein, in dem auch die Zentralbanken in Japan und Europa aufgeben und das Experiment der negativen Zinsen abbrechen. Negative Zinsen sind ein Horror. Sie sind die dümmste Idee, die ich je gesehen habe. Sie bewirken exakt das Gegenteil dessen, was sie bezwecken sollen. Seit die Bank of Japan zu dieser Massnahme gegriffen hat, hat der Yen stark angezogen, und die Aktienkurse sind gesunken. Das gleiche Problem hat die EZB.“
  • Sie sind dazu konzipiert, Deflation zu bekämpfen. De facto sind sie aber die Definition von Deflation: Geld verschwindet. In einem Regime mit Strafzinsen hat man als Investor davon in Zukunft weniger als heute. In Japan hat die Nachfrage nach grossen Banknoten massiv zugenommen, denn wegen der negativen Zinsen horten die Leute Bargeld – sie wollen es nicht investieren oder auf der Bank liegen lassen. Die Geldumlaufgeschwindigkeit nimmt dadurch ab, was den Zentralbanken zuwiderläuft.“ – bto: deshalb auch die Abschaffung des 500-Euro-Scheins und der Kampf gegen das Bargeld.
  • Am wichtigsten ist, sein Geld zu schützen. In einem deflationären Umfeld sind Investments attraktiv, die ihren Wert behalten oder eine kleine Rendite erwirtschaften. Deshalb mag und halte ich Gold. Es bewahrt Kapital, und in einer Welt mit negativen Zinsen ist eine Rendite von 0% relativ gesehen sogar recht anständig. Ansprechend ist auch ein Portfolio mit US-Anleihen, das dieses Jahr 2 bis 3% Rendite abwerfen sollte. Für europäische Investoren ist das allerdings weniger interessant, weil der Dollar schwächer tendiert.“ – bto: Nicht, dass ich die Güte eines Gundlach hätte, dennoch, so anders sind meine Gedanken dazu in der Eiszeit nicht.
  • Amerikanische Aktien sind ungeheuerlich teuer, vor allem im Vergleich zu den aufstrebenden Märkten, Europa und Japan, wo die Börsen seit Anfang Jahr noch immer im Minus notieren. (…) Die Margen, die Gewinne und die Qualität der Unternehmensbilanzen verschlechtern sich stetig. Viele Konzerne verschulden sich, um Dividenden zu zahlen oder eigene Aktien zu kaufen. Das ist kein Rezept für Wachstum, sondern hochgradig unproduktiv.“ – bto: Das ist die direkte Folge des billigen Geldes!
  • Die Papiere, die in den Jahren 2013/14 ausgegeben wurden, sind qualitativ noch viel schlechter als die Emissionen unmittelbar vor der Finanzkrise. Das Gleiche gilt für syndizierte Bankkredite. In den Jahren 2006/07 wurden 40% dieser Darlehen unter gelockerten Auflagen vergeben. Im aktuellen Zyklus belief sich die Quote auf 75%! (…) Es würde mich nicht verwundern, wenn die Rate der Zahlungsausfälle über die nächsten fünf Jahre auf den höchsten Stand in der Geschichte des Junk-Bond-Marktes steigt.“ – bto: Und dann haben die Notenbanken keine Munition mehr!
  • Es ist schon überraschend, dass die enorme Tragweite des Schuldenproblems Investoren kaum noch interessiert. Das, nachdem sie vor wenigen Jahren laserscharf auf Themen wie Griechenland und die US-Schuldengrenze fokussiert waren.“
  • „Wir stehen aber vor einem grossen Wendepunkt, der mit einem Generationenproblem zu tun hat. Im Zentrum stehen all die unterfinanzierten Sozialleistungen, die den Babyboomern versprochen wurden. Sie betragen allein auf nationaler Ebene 60 000 Mrd. $. Dennoch will niemand das Problem anpacken.“ – bto: schwacher Trost, dass die politische „Elite“ in Deutschland nicht besser ist. Wir sind in einem gigantischen Ponzi-Schema!

„Aktienfonds, die sich auf angeblich ‚sichere‘ Titel mit geringen Kursschwankungen konzentrieren, gehören in Amerika momentan zu den beliebtesten Anlagen. Das Problem daran ist, dass Aktien mit geringer Volatilität nicht existieren. Wer zum Beispiel glaubt, dass Titel wie Johnson & Johnson nicht einbrechen können, irrt sich gewaltig. Solche Fonds bergen deshalb ein gravierendes Risiko, und es wird zu bösen Überraschungen kommen. Denn wenn etwas, das vermeintlich sicher ist, plötzlich beginnt, an Wert zu verlieren, dann geht an den Finanzmärkten die Hölle los.

FINANZ und WIRTSCHAFT: „Negative Zinsen sind ein Horror“, 22. April 2016

2 Antworten
  1. Dietmar Tischer says:

    >Negative Zinsen sind ein Horror. Sie sind die dümmste Idee, die ich je gesehen habe. Sie bewirken exakt das Gegenteil dessen, was sie bezwecken sollen.>

    Na ja, was so mancher alles gesehen hat.

    Hier nur mal eine Idee, was sich mit negativen Zinsen bewirken lässt:

    Nehmen wir einmal an, dass es geht mit den Lohnerhöhungen so weitergeht, wie es beim Abschluss für den Öffentlichen Dienst begonnen hat: ein deutlicher Schluck aus der Pulle über den Produktivitätssteigerungen (wobei zu bezweifeln ist, ob es im Öffentlichen Dienst überhaupt welche gibt). Die Metaller folgen etc. – das über ein oder zwei Runden.

    Dann könnten wir in Deutschland in relativ kurzer Zeit das EZB-Inflationsziel von etwas unter 2% erreicht haben.

    Und das bei, sagen wir einmal, mittlerweile von den Banken eingepreisten 1% Strafzinsen auf Bankeinlagen, die, nicht ausgeschlossen, einen schleichenden Bank Run auslösen könnten.

    Wie auch immer, das macht pro Jahr 3% minus für Geld auf den Konten.

    Ich glaube, dass es spätestens dann mit der Ruhe in Deutschland vorbei ist.

    Für den Austritt aus der Eurozone braucht es dann keine AfD mehr.

    Dafür würden andere sorgen.

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  2. Rolf Baumhoer says:

    Mit den Strafzinsen ist es genauso wie mit dem Frosch im kochenden Wasser, der Gewöhnungseffekt stetig fallender Zinsen bis auch endlich in den Minusbereich findet schleichend statt. Auf den Girokonten gab es durchgängig ohnehin schon keine Zinsen, jetzt werden „durch die Bank“ die Gebühren auf Girokonten erhöht, faktisch Minuszinsen.
    Jeder benötigt langfristig ein Girokonto (Bargeldabschaffung bzw. Kriminalisierung von Bargeldnutzung), also sind alle dabei, keine Aufstände weit und breit, keine Störung der Friedhofsruhe in Deutschland !
    BTW: es gibt keine 200 Euro-Scheine mehr am Bankschalter, der schleichende Bankrun auf „größere Scheine“ ist in vollem Gange. Es werden halt keine mehr nachgedruckt, es sind auch keine kurzfristig verfügbar. Vermutlich auch eine Taktik der EZB: wenn’s keine größeren Scheine mehr gibt, kann auch keiner sein Konto liquidieren und „in die Matratze verlagern“. Die finanzielle Repression ist Realität.

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