Nassim Taleb mit der besten Erklärung der Wahl

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Ich weiß nicht, wie es Ihnen ergeht. Ich fand einen großen Teil der Berichterstattung heute „bemerkenswert“. Überall Betroffenheit, Sorgen, Angst. Im Deutschlandfunk reihenweise Berichterstattung von Wahlpartys, wo jetzt Entsetzen herrscht. Passend zu dem heute Morgen verlinkten Beitrag der F.A.Z. zur ARD-Berichterstattung.

Zunächst einmal zur Erinnerung: Mehr als die Hälfte der Amerikaner hat für Trump gestimmt. Das ist so, egal ob es einem passt oder nicht. Und diese Hälfte pauschal für dumm und verführt zu halten, weil sie die eigene Meinung nicht teilt, ist auch nicht okay.

Nassim Taleb, Bestseller-Autor („The Black Swan“) und scharfer Denker hat das, wie ich finde, sehr gut beschrieben. Hier die Auszüge über Zero Hedge:

  • What we have been seeing worldwide, from India to the UK to the US, is the rebellion against the inner circle of no-skin-in-the-game policymaking clerks and journalists-insiders, that class of paternalistic semi-intellectual experts with some Ivy league, Oxford-Cambridge, or similar label-driven education who are telling the rest of us 1) what to do, 2) what to eat, 3) how to speak, 4) how to think … and 5) who to vote for.“ bto: Achtung. Taleb ist kein Hetzer, er ist ein anerkannter Intellektueller, der uns anderen Intellektuellen den Spiegel vorhält.
  • „(…) their main skills is capacity to pass exams written by people like them. With psychology papers replicating less than 40%, dietary advice reversing after 30 years of fatphobia, macroeconomic analysis working worse than astrology, the appointment of Bernanke who was less than clueless of the risks, and pharmaceutical trials replicating at best only 1/3th of the time, people are perfectly entitled to rely on their own ancestral instinct and listen to their grandmothers with a better track record than these policymaking goons.“ bto: Und die Reaktionen der Politik in Deutschland und Europa lassen sich genauso verstehen. Sie sind genau von dieser Selbst-Referentialität geblendet.
  • The Intellectual Yet Idiot is a production of modernity hence has been accelerating since the mid twentieth century, to reach its local supremum today, along with the broad category of people without skin-in-the-game who have been invading many walks of life. Why? Simply, in many countries, the government’s role is ten times what it was a century ago (…).“ bto: wie wahr. Interessant ist auch der Begriff IYI!
  • The IYI pathologizes others for doing things he doesn’t understand without ever realizing it is his understanding that may be limited. He thinks people should act according to their best interests and he knows their interests, particularly if they are red necks or English non-crisp-vowel class who voted for Brexit. When Plebeians do something that makes sense to them, but not to him, the IYI uses the term uneducated.“ bto: Da hat man natürlich den einen oder anderen Politiker hier vor Augen. Herrn Maas zum Beispiel. 
  • What we generally call participation in the political process, he calls by two distinct designations: democracy when it fits the IYI, and “populism” when the plebeians dare voting in a way that contradicts his preferences.“  bto: wie wahr. Siehe die Berichterstattung zu den letzten Wahlen.
  • Typically, the IYI get the first order logic right, but not second-order (or higher) effects making him totally incompetent in complex domains. In the comfort of his suburban home with 2-car garage, he advocated the removal of Gadhafi because he was a dictator , not realizing that removals have consequences.“ bto: oder findet die Entscheidungen zu Migration gut, weil er die langfristigen Folgen nicht bedenkt oder aber weiß, dass er sie in seinem direkten Umfeld nicht spüren wird.
  • The IYI (…) doesn’t know that there is no difference between pseudointellectual and intellectual in the absence of skin in the game.“ bto: Auch das ist zutreffend.

bto: Jetzt paaren wir diese psychologische Beschreibung der Eliten mit dem Topos der sich weiter entwickelnden Eiszeit und erwähnen auch noch, dass die IYI sich mit Vorliebe um Schönwetter-Themen kümmern, die für die breite Bevölkerung irrelevant sind, dann haben wir alle Ingredienzien für „überraschende“ Wahlen. More to come.

→ Zero Hedge: „Nassim Taleb Explains Who Just Got Buried“, 9. November 2016

19 Antworten
  1. Jens says:

    IYI ´s gibts auch Rechts. Die sind dann für ein Abtreibungsverbot, unregulierten Waffenkauf , das Recht Schwarze Nigger zu nennen und gegen Sex vor der Ehe etc. Macht aber nichts, denn sie sind ja gegen das Establishment. Ironietag Ende

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      • Jens says:

        Beiden gemeinsam ist, dass sie sich auf Gesellschaftspolitik beschränken.Die wirklich wichtigen ökonomischen Fragen interessieren sie nicht. Zu viele „vested interests“ ( ich war mal Volkswirt)Und so wirds auch the Donald halten.
        Sein sog Wirtschaftprogramm hat nicht den Hauch einer Chance auf Umsetzung-nicht bei einem republikanischen Kongress.Gut für Uns-und Joe Sixpack kann endlich so viele Schnellfeuergewehre kaufen wie er will-wenn er sichs leisten kann

  2. Travelbum says:

    Es ist kaum zu glauben. Auf Spiegel.de heisst die Headline um 16.15: „Clinton überholt Trump in Stimmenauszählung“. Erst Zeilen später wird darauf hingewiesen, dass Trump Präsident ist.
    Wie umgepolt muss ein Journalist sein, so eine Headline zu formulieren?! Ich bin kein Lügenpresse-Schreier aber dabei wird mir mulmig….

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      • Travelbum says:

        Klar, aber die Headline heute hätte lauten müssen: Trump ist Präsident. Aber die Spiegel „Journalisten“ wollten das nicht. Also werden die Tatsachen mit Tatsachen verdreht…

      • egp says:

        Trump kann wie andere auch rechnen: Stimmen in Californien helfen ihm nicht, da der Demokraten Vorsprung auf jeden Fall zu groß ist. Also macht er keinen Wahlkampf und verzichtet er klugerweise auf Stimmen im bevölkerungsreichsten State. Die Zahl der Gesamtstimmen sagt also nichts, ist irrelevant.

    • Hans says:

      Das ist dann im Spiegel seltsam präsentiert. Dagegen schreibt es Herr Stelter oben leider schlicht falsch: „Mehr als die Hälfte der Amerikaner hat für Trump gestimmt.“
      Menschen sind tendenziell süchtig nach der Bestätigung ihrer eigenen Meinung, und Journalisten haben die Möglichkeit, sich diese Droge selbst zu füttern. Ich unterstelle in den meisten Fällen (so auch hier) keine böse Absicht, aber ich finde schon, dass generell mehr Qualitätskontrolle Not tut.
      Davon ab: Danke, Herr Stelter, für viele gute Artikel und Einsichten!

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      • Daniel Stelter
        Daniel Stelter says:

        Stimmt, es waren ein paar 100.000 weniger als für Frau Clinton. Habe ich mittlerweile auch gelesen. Dennoch ist es rund 50/50 und damit sind die Wähler entsprechend ernst zu nehmen. LG DSt

  3. Travelbum says:

    Nachtrag: „Selbstreferentiell“ ist genau die treffende Beschreibung für das Gesamtsystem. Aber auch der „kleine Mann auf der Straße“ hat das kapiert. Nur die vermeintlichen „Eliten“ (die aber i.d.R. nur Mittelmaß darstellen) haben das noch nicht verinnerlicht.

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    • Johann Schwarting says:

      @ Travelbum

      Das sind genau die Ideen, die Jean Baudrillard schon vor Jahrzehnten in seiner Philosophie entwickelt hat. Der Text entstammt einem Interview https://www.welt.de/kultur/article755962/Die-Linke-verkoerpert-das-Unglueck.html , das wenige Wochen vor seinem Tod geführt wurde.

      „Alle sind wir Komplizen darin, die Scheinwelt der Politik zu retten, aber schließlich ist das Politische in die Sphäre des flottierenden Signifikanten (= Bezeichner = Sprache=Film … d. Verf.) gefallen, wie Lévi-Strauss sagen würde, in einen wankelmütigen, vom Zufall bestimmten Raum, wovon die Fluktuationen der Rechten und der Linken oder die amerikanischen Wahlen zum Beispiel zeugen. All das wird von den Umfragen verstärkt, die vorgeben, eine flottierende Realität wiederzugeben, und die selbst flottierender als die Realität sind.“

      MfG JS

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  4. Bakwahn says:

    Eilig hingeschrienene Gedankenfetzen:
    Gestern habe ich noch auf Clinton getipt, heute muß ich überrascht feststellen, daß es Trump geschafft hat. Aber warum hat sich der Außenseiter gegen das Establishment durchgesetzt?

    Der Sieg ist wohl hauptsächlich auf die Gesellschaftspolitik Obamas und des gesamten ihn stützenden Hauptstrom des links-grünen, politisch korrekten Kasperletheaters zurückzuführen.

    Da wird ein völlig unverhältnismäßiger psychischer, zeitlicher, finanzieller, intellektueller, politischer und wahrscheinlich auch finanzieller Aufwand für gesellschaftliche Miniminoritäten und ihre angeblichen Probleme getrieben wie für Schwule/Lesben, Inter- und Transsexuelle, für Uni-Sex-Toiletten und anderen Unfug mehr.
    Dasselbe gilt für die illegalen Hispano-Zuwanderer, die kaum über (Schul-)Bildung verfügen und bar jeglicher englischen Sprachkenntnisse und berufliche Ausbildungen millionenfach ins Land strömen. Deren Integrationsprobleme werden ins Zentrum der Politik gestellt.

    Aber genau diese immer noch größte gesellschaftliche Gruppe der weißen amerikanischen Mittelschichten hält mit ihrem Fleiß, ihrem Lebensmut, ihrer Fähigkeit zu Veränderung und Mobilität „den ganzen Laden am Laufen“. Und genau diese Gruppe mit ihren durch die Globalisierung immer drängenderen Problemen wird von der Politik vergessen, ja sogar beschimpft und ausgegrenzt: „white trash“, „white old men“.
    Zu dieser Gruppe zählen auch – in geringerer Anzahl – schwarze und asiatische Amerikaner; sowie in die Mittelschichten aufgestiegene Latinos.

    Ich mag vielleicht mit dieser Einschätzung aus Unkenntnis Obama und seiner Präsidentschaft Unrecht tun, aber so ganz falsch liege ich sicherlich nicht.

    Außenpolitik:
    Dazu kommt eine seit Jahrzehnten katastrophale Außenpolitik, die die Amerikaner hat schuldig werden lassen und durch die unendlich viel Geld verbrannt worden ist.
    Der Vietnamkrieg hat sich als Negativparadigma – als Trauma – in das amerikanische kollektive Gedächtnis eingebrannt. Der Krieg gegen den islamistischen Terror hat ein zerrissenes Afghansistan erzeugt. Der Sturz Gadaffis hat mit Lybien einen failed State zurückgelassen; der Sturz Sadam Husseins hat einen dreigeteilten, im Chaos versinkenden Irak erzeugt. Am Bürgerkrieg in Syrien trägt sicherlich auch die USA ein gerüttelt Maß Schuld. Natürlich tragen die arabisch-islamischen Gesellschaften an ihren katastrophalen Zuständen die Hauptverantwortung (siehe Heinsohn; dazu die Korruptheit und Verkommenheit ihrer Eliten).

    Ob Trump das nun anders und besser macht, das wage ich allerdings zu bezweifeln.

    Bakwahn
    Hamburg Bangkok Düsseldorf

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  5. Bakwahn says:

    Mein Schulenglisch reicht nicht aus, um die Begrifflichkeit Talebs in allen semantischen Feinheiten zu verstehen. Was heißt Intellectual Yet Idiot ? Was heißt hier YET?

    Auch hier bei dieser wohl metaphorischen Ausdrucksweise verstehe ich ehrlich gesagt nur Bahnhof. Vielleicht deswegen, weil auch ich zu den uneducated white trash gehöre, zu den old white men; auf deutch zum Pack, zu Dunkeldeutschland.
    „ … the broad category of people without skin-in-the-game who have been invading many walks of life. people without skin-in-the-game“

    Bakwahn
    PS:
    Man kann nur hoffen, daß Donald gute, besonnene Berater hat.

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  6. egp says:

    NN Talebs Kommentar ist mir auch unter all den arroganten, bornierten Besserwissereien positiv aufgefallen. Nicht, dass Taleb uneitel ist oder nicht alles noch besser wüßte – doch er ist wenigstens originell und offen.

    Hier eine Bemerkung von Prof. Gumbrecht, Stanford University: „Nach 27 Jahren meines Lebens in den Vereinigten Staaten bin ich heute vor allem erschüttert durch die nun plötzlich nicht mehr abzuweisende Gewissheit, in einer elegant duftenden Seifenblase aus Privilegien und wohlmeinenden Vorurteilen von der Mehrheit meiner Mitbürger getrennt zu sein.“ (heute, Welt.de)

    Ein ähnliches Erlebnis hatte ich, als ich in der FAZ.net einen sehr lesenswerten Artikel über das Landtagswahlergebnis in Mannheim Nord las: http://www.faz.net/aktuell/politik/denk-ich-an-deutschland-1/mannheim-else-kling-wohnt-hier-nicht-mehr-13808038.html. Hier wurde mir deutlich, dass die SPD über die Jahre alle Verbindungen zu ihren Grundgedanken gekappt hat und in Richtung des Lagers der Bobos ( https://de.wikipedia.org/wiki/Bobo_(Gesellschaft) ) gedriftet ist. Hier bahnt sich etwas an!

    Nein, es ist weniger das Geld. Es sind vornehmlich sozial/kulturelle Aspekte, die Trump die Wähler zugeführt haben. Die Verachtung, die arrogante Sprache der Bobos in amerikanischen (und unseren) (Qualitäts)medien zeigen es: „White trash“! (Wir sollten daran denken, dass die Sansculotten die Vorläufer des „White trash“ waren.)

    Interessant wird nicht nur sein, wie die Wunden des „White trash“ geheilt werden können, sondern auch, welche künftigen Opfer der ökonomische Kahlschlag des Web 4.0 unter den Bobos fordern wird – und die Reaktionen darauf.

    Die Eingriffe der Politik in die wirtschaftlichen Prozesse werden noch weiter zunehmen.My two cents.

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  7. Johannes says:

    Hier schlägt sich einer heftig auf die Brust – wohl zurecht:

    „Wir, die Elite des Landes, waren uns sicher, ganz Amerika müsse denken wie wir: pluralistisch, liberal, optimistisch. Trumps Anhänger haben wir nur als White Trash verachtet. Wir sollten uns schämen. “

    https://www.welt.de/kultur/article159389903/Wir-haben-Trumps-Anhaenger-zu-lange-verachtet.html

    Eine solche Einsicht und entsprechendes Handeln ist den poltisch/wirtschaftlichen Eliten in Deutschland und Europa zu wünschen.

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  8. Rob says:

    > and listen to their grandmothers with a better track record…

    Hm, die schwäbische Hausfrau anno dazumal lässt als unkaputtbare Insprations“quelle“ grüßen.

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