„Nach der Finanzkrise droht die Geldkrise“

Tweet about this on TwitterShare on FacebookShare on Google+Share on LinkedInEmail this to someone

Ich vertrete schon lange die Auffassung, dass die entscheidende Ursache unserer Probleme die Politik des billigen und einfachen Kredites gewesen ist. Dies war nur im existierenden Fiat-Geldsystem möglich. Hätten wir eine Beschränkung des Geldmengenwachstums gehabt, wie zu Zeiten der Goldbindung (die allerdings auch nicht unproblematisch und demzufolge meiner Meinung nach auch nicht die Lösung ist), dann hätte es Schuldenboom und Blasenbildung nicht gegeben. Aus diesem Grunde bin ich zunehmend zu einem Anhänger der Idee des Vollgeldes geworden, welches ich vielfach hier diskutiert und auch beim GES in Kuala Lumpur vorgetragen habe.

Mit meinem kritischen Blick auf das Geldsystem bin ich wahrlich nicht alleine. Thomas Mayer, ehemaliger Chefvolkswirt der Deutschen Bank (und freundlicherweise Unterstützer meines neuen Buches, „Die Schulden im 21. Jahrhundert“) hat ein Buch dazu veröffentlicht: „Die neue Ordnung des Geldes: Warum wir eine Geldreform brauchen“. Darin fordert er eine Abkehr vom heutigen System und eine Beschränkung des Geldmengenwachstums, vor allem eine Einschränkung der Fähigkeit der Notenbanken, aber auch der Privatbanken, autonom Geld zu schaffen. Im Interview mit der WiWo erläutert er seine Sicht der Dinge:

  • „Joseph Schumpeter betrachtete diese Kreditvergabe aus dem Nichts als treibende Kraft für das kapitalistische System. Er erkannte aber auch, dass sie die Ursache für die inhärente Instabilität des Systems ist. Denn die Banken neigen dazu, zu viel Kredit und Geld zu schöpfen, wenn die Zentralbanken den Zins zur Stimulierung der Konjunktur nach unten manipulieren. Die Folge sind Finanzkrisen, in denen sich die geballte Kraft der schöpferischen Zerstörung entlädt.“
  • „Die Krisen wecken mit der Zeit ein Bedürfnis der Gesellschaft nach Stabilität. Dann müssen die dynamischen Unternehmer den Managern, Bürokraten und Intellektuellen weichen, die das freie Spiel der Kräfte durch staatliche Eingriffe einhegen und die Wirtschaft letztlich in den bürokratischen Sozialismus führen.“ Auf heute bezogen: „Die gesellschaftliche Gegenreaktion auf die Finanzkrise besteht vor allem in Bankenregulierungen, Steuererhöhungen und Eingriffen in die freie Preisbildung. Der Kapitalismus wird schleichend in eine sozialistische Wirtschaftsordnung überführt.“
  • „Mehr Eigenkapital der Banken allein löst das Problem nicht. Es ist wie mit den  Befürwortern von  Atomkraftwerken. Die glauben, sie könnten den GAU verhindern, indem sie dickere Mauern um den Reaktor bauen. Das macht die Atommeiler zwar etwas stabiler, aber die Gefahr eines GAU bleibt.“
  • „Aktivgeld ist Geld, das im Gegensatz zum Kreditgeld nicht durch ein Schuldverhältnis zustande kommt, sondern auf einem Aktivum beruht. Dieses wird auf der Aktivseite der Bilanz des Geldemittenten verbucht. Ein Beispiel ist Warengeld wie Gold oder Silber. Beide Edelmetalle waren Handelswaren und wurden im Laufe der Zeit durch gesellschaftliche Konvention zu allgemein akzeptierten Tauschmitteln, bevor sie durch das staatliche Papiergeld abgelöst wurden. Der Aufstieg von Gold und Silber zu Tauschmitteln erfolgte im freien Markt, nicht durch staatliches Dekret. Heutzutage muss Aktivgeld nicht notwendigerweise eine Handelsware sein, es kann auch virtuellen Charakter haben wie etwa Bitcoin.“
  • „In einem solchen Aktivgeldsystem gibt es keine Kreditschöpfung aus dem Nichts. Kredite können nur vergeben werden, wenn entsprechende Ersparnisse vorhanden sind.“
  • „Im Aktivgeldsystem gibt die Zentralbank Geld direkt an die Bürger aus. Dieses wird ihnen auf den Geldkonten bei den Geschäftsbanken gutgeschrieben. Auf den ersten Blick produziert hier die Zentralbank das Geld aus dem Nichts. Aber dieses ‚Nichts‘ ist das Vertrauen der Bürger ins Geld. Die Aufgabe der Zentralbank ist es, das Vertrauen der Bürger in das Geld zu erhalten. Das setzt der Geldproduktion enge Grenzen. Diese Grenzen können im Wettbewerb mit anderen Geldemittenten gefunden werden. Denn der Wettbewerb diszipliniert die Geldemittenten, nicht zu viel Geld auszugeben. Sonst entwertet sich ihr Geld und die Bürger ersetzen es durch ein anderes.“ bto: So wie ich Mayer hier verstehe, ist dies exakt die Vorstellung von Vollgeld, wobei er einen internationalen Wettbewerb als Begrenzung für übermäßiges Geldwachstum sieht. Damit ist er auch mit Martin Wolf von der FT einig.
  • „Die Geschäftsbanken machen wieder das, wofür sie ursprünglich einmal gegründet wurden:  Sie bieten ihren Kunden sichere Einlagen an und vermitteln zwischen Sparern und Investoren. Dazu werden sie in Kredit- und Zahlungsabteilungen aufgespalten. (…) Die Zahlungsabteilung hat die Aufgabe, die Einlagen der Sparer sicher zu verwahren und muss sie deshalb vollständig mit Zentralbankgeld unterlegen. Die Kreditabteilung hingegen kann Einlagen von Sparern entgegen nehmen, um sie an Investoren zu verleihen. Mit dem Kreditvertrag verzichtet der Kreditgeber und damit der Sparer zeitweise auf die Nutzung von Aktivgeld zum Tausch gegen Güter und tritt diese an den Kreditnehmer ab. Zum Ausgleich für den Verzicht auf Nutzung und das Ausfallrisiko für den Kredit erhalten die Sparer Zinsen auf ihr Geld.“ Exakt der Vorschlag auch von Martin Wolf und für mich die beste Möglichkeit, die Krise zu lösen. Interessant, dass Malte Fischer von der WiWo das Interview führt und auch das Buch positiv bespricht. Damit ist dieser aus dem Camp der reinen Hayek-Anhänger, die die vollständige Privatisierung von Geld fordern, in das Lager der Vollgeld-Unterstützer gewechselt.
  • „Um Geld eindeutig zu definieren und Betrug zu verhindern, muss das Geld per Gesetz als Aktivum definiert werden. Das bedeutet, dass der Gebrauch von Geld als Finanzierungsinstrument strafbar ist. Dann kann die Kreditabteilung der Bank keine Kredite und Geld mehr aus dem Nichts schöpfen. Alle Ausleihungen sind vollständig durch Ersparnisse zu decken.“

Die WiWo fasst Mayers Vorschlag so zusammen: „Konkret sieht sein Plan vor, dass eine vom Staat unabhängige Zentralbank Geld schöpft, indem sie die Geldmenge jährlich um ein bis zwei Prozent ausweitet, was in etwa dem  Wachstum der Produktionsmöglichkeiten entspricht. Dazu schreibt die Zentralbank jedem Bürger seinen anteiligen Betrag an der Geldvermehrung jährlich auf dem Konto gut. Das Geld kommt nicht mehr durch Kredite, sondern durch den Zentralbank-Helikopter in die Welt. Banken dürfen nur noch Kredite vergeben, wenn diese durch Ersparnisse gedeckt sind, die Kredit- und Geldschöpfung aus dem Nichts wird beendet.
Die Sichteinlagen der Kunden müssen die Banken bei der Zentralbank verwahren. Dadurch können sie in Konkurs gehen, ohne die Einlagen der Kunden zu gefährden.“ Genau der Vorschlag, den auch Martin Wolf in der FT gemacht hat und der zudem in der Umsetzung unsere Schuldenprobleme über Nacht lösen könnte!

Mayers (und mein) Fazit: „Die Finanzkrise ist eine Jahrhundertchance, unser dysfunktionales Geldsystem durch ein besseres zu ersetzen. Nutzen wir diese Chance nicht, taumeln wir von der Finanzkrise in die Geldkrise und zerstören die Grundlagen unseres Wohlstandes.“

WiWo.de: „Nach der Finanzkrise droht die Geldkrise“, 9. Oktober 2014

Die Werbetrommel läuft gut, was mich gerade bei diesem Buch sehr freut. Immerhin sogar SPIEGEL ONLINE berichtet. Allerdings stellt der SPIEGEL die österreichische Schule der Nationalökonomie in den Vordergrund. Für mich klingt es eher nach Vollgeld – oder gar nach „Austrian Vollgeld“, wie ich es vor einigen Wochen nannte.

SPIEGEL.de: Top-Banker kämpft gegen das Geldsystem, 13. Oktober 2014

8 Antworten
  1. Dieter Krause says:

    Wenn ein paar Politiker begriffen haben, dass Sie mit einer Umstellung auf Vollgeld sofort auch von ihren hohen Staatsschulden herunterkämen, könnte es ganz schnell gehen! Das wichtigste Umdenken dürfte wohl darin bestehen, dass Geld nicht mehr durch Kreditvergabe – und damit ex nihilo durch die Banken – geschaffen wird (Giralgeldschöpfung). Das darf dann nur noch die Zentralbank, die damit dann auch zu einer MONETATIVE, also einer vierten Gewalt (was die EZB quasi schon heute ist) aufgewertet würde! – Vielleicht ein Thema für Herrn Lucke von der AfD? Dann wären auf einen Schlag auch die bösen GIPS-Staatsschuldner (bis auf Griechenland) wieder im grünen Maastrichtbereich (60% Staatsverschuldung nach jeweiligem BIP).

    Antworten
    • Hartmut G. says:

      Vollgeld + „Monetative“ zur Staatsentschuldung bei ohnehin schon >>50% Staatsquote und Staatsverschuldung >>200%…..?????
      =Super-Druckerpresse bei den Sozis&ClubMed.

      na dann Prost Mahlzeit, dann wird es in der Tat ganz schnell gehen, Gold wird durch die Decke in die Quadrillion schießen. Ein Crackup-Boom wie ihn die Welt noch nicht gesehen hat, Weimar ist dagegen ein Kindergeburtstag.
      Ihr Problem wird die Baumwollversorgung sein, um Ihr Vollgeld überhaupt noch drucken zu können.

      ‚Tschuldigung, aber konnte ich mir jetzt nicht verkneifen.
      mfG

      Antworten
      • Daniel Stelter
        Daniel Stelter says:

        Da sind wir genau beim Kern: Der IWF hat vorgerechnet, dass das mit dem Umstellungsgewinn stimmen würde. Ich sehe das Risiko Vertrauensverlust. Allerdings könnte man ja glaubhaft sagen, das Geld wäre sicherer als heute, weil Banken nicht pleite gehen können bzw. wenn sie es tun, die Ersparnisse auf jeden Fall sicher sind. Wenn man diese Frage endgültig und „sicher“ beantworten könnte, wäre der Weg klar.

  2. thewisemansfear says:

    Kritik an Thomas Mayers Thesen folgt auf dem Fuße: http://beltwild.blogspot.de/2014/10/die-neue-ordnung-des-geldes-oder-warum.html
    Insbesondere die Unterteilung in Kredit- und Willkürgeld halte ich für sinnvoll. Die meisten Diskussionen rund ums Geld sind m.E. durch Missverständnisse und unterschiedliche Auffassungen geprägt.
    Zum Thema Vollgeld nur der Hinweis auf Norbert Härings letzten Beitrag, der sich mit dem Thema (All-)Macht der Zentralbanken beschäftigt. Mit einem Vollgeldsystem würde man eine noch mächtigere Institution schaffen, dem Papier nach „unabhängig“ :-\

    Antworten
  3. Burkhardt Brinkmann says:

    Wenn das Herz das Blut im Körper nicht mehr richtig transportiert, käme niemand auf die Idee, dass es helfen könnte, „das Blutsystem“ zu ersetzen.
    Wieso reiten dann angesichts der Finanzkrise so viele Autoren auf „dem Geldsystem“ herum?

    Wer das Offensichtliche hinterfragen will, muss vernetzt denken [ein Terminus von Frederic Vester].
    Das bedeutet in diesem Falle: Nicht das Finanzsystem in den Mittelpunkt stellen, sondern die Realwirtschaft. Und dessen Zusammenhang mit dem Geldwesen.

    Dann stellt man nämlich fest, dass die Banken keineswegs „zu viel Kredit vergeben“ haben, wie es doch scheinbar so „obvious“ ist. (http://beltwild.blogspot.de/2014/06/finanzkrise-haben-die-banken-zu-viel.html)
    In der Realwirtschaft hatten wir (von einzelnen Ländern und Sektoren vielleicht abgesehen) keine Konjunkturüberhitzung, sondern allenfalls eine gute Auslastung. Und das ist es ja doch, was wir anstreben.

    Die Frage ist demnach nicht „wieso haben die Banken zu viel Kredit vergeben?“, sondern: Wieso war eine finanzwirtschaftlich zu hohe Kreditschöpfung (anscheinend ja doch) erforderlich, um die Realwirtschaft in Schwung zu halten?

    Und aus dieser Perspektive muss man folgern, dass eine Begrenzung der Geldmenge (etwa durch Goldgeld, oder eben Vollgeld) die Realwirtschaft abwürgen würde.
    Wahrscheinlich ist für mich, dass die Geldbesitzer ihr Geld irgendwo „verschwinden“ lassen (aus realwirtschaftlicher Perspektive), d. h. finanzwirtschaftlich: horten. (Dazu braucht man keineswegs ein Kopfkissen; Geld kann man auch in der Finanzwirtschaft horten, einfach indem man es nicht ausgibt. Zwar kann der dadurch bedingte Nachfrageausfall durch neu geschöpftes Kreditgeld zunächst kompensiert werden; aber die Spirale läuft dann eben ständig weiter und wird laufend größer.

    Jedenfalls: Jedwede Krisenerklärungen, die nicht erklären können bzw. gar nicht erst zu erklären versuchen, welche systemischen Sachzwänge (Geldsystem + Realwirtschaft + „Eigentumssystem“) die gewaltige Geldmengenausweitung nicht nur ermöglicht, sondern erzwungen haben, sind nutzlos, wenn nicht gar schädlich.

    Im Übrigen habe ich außer dem oben von dem Kommentator thewisemansfear verlinkten Blott hier http://beltwild.blogspot.de/2014/10/mensch-mayer-was-fur-ein-schwindelgeld.html eine weitere Kritik von Mayers Geldreformvorschlag eingestellt.

    Antworten
    • Daniel Stelter
      Daniel Stelter says:

      Auch wenn ich Ihr Bild treffend finde, sehe ich einen Punkt anders. In Boomzeiten – denken Sie an Spanien – hatten wir sehr wohl einen realwirtschaftlichen Effekt: Billiges Geld – mehr Kredit – Kauf von Häusern auf Kredit – Preisanstieg – mehr Beleihung – mehr Bautätigkeit – mehr Einkommen/Steuern, Konsum – mehr Wirtschaftstätigkeit – mehr beleibares Kapital – mehr Kredite … bis zum Platzen der Blase. Also, da hatte Geld/Kredit sehr wohl eine realwirtschaftliche Bedeutung. Dabei wurden Kredite durchaus im besten Glauben gewährt und genommen.

      Was das mit dem „Geldhorten“ betrifft, so ist es sicher richtig, dass eine höhere Einkommens-/Vermögenskonzentration dazu führt, dass weniger konsumiert wird. Theoretisch sollte dies zu mehr Investitionen führen, tut es aber im heutigen Umfeld nicht, wie ich beschrieben habe. Folge: schwaches Wachstum. Aber es nur auf das „Horten“ zu schieben, springt zu kurz, es liegt an mehr Faktoren, unter anderem eben auch an der ausgeschöpften Verschuldungskapazität.

      Antworten
  4. Burkhardt Brinkmann says:

    Natürlich hat „Geld/Kredit ….. eine realwirtschaftliche Bedeutung“: Das ist doch genau mein Argument?
    Was ich insoweit beklage, ist ja gerade der Umstand, dass die Geldsystemfreaks diesen Zusammenhang ausblenden, und mehr oder weniger nur auf die Geldstabilität abstellen. (Oder gar ein Geldsystem konstruieren wollen, bei dem das Geld aufwertet, zu welchem Zwecke speziell die „Austrians“ Deflationen kurzerhand pauschal für ungefährlich, wenn nicht gar wünschenswert erklären.)

    Immobilienblasen lassen sich durchaus verhindern: http://www.riksbank.se/sv/Press-och-publicerat/Tal/1997/The-Swedish-Experience/, aber offenbar wollten die Politiker und Zentralbanker in den USA (und anderswo) aus diesen Erfahrungen nicht lernen.
    Andererseits stellt sich die Frage, ob die Realwirtschaft „rund“ gelaufen wäre, wenn die USA NICHT diesen „Kreditsozialismus“ praktiziert hätten. Ich neige mit Colin Crouch dazu, den „Privatised Keynesianism“ (http://wrap.warwick.ac.uk/28891/1/WRAP_Crouch_privatised_Keynesianism.pdf) als unverzichtbar im Rahmen unserer Wirtschaftsverfassung und der aktuellen Konstellationen darin anzusehen. Nur funktioniert das nicht auf Dauer.

    Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Bitte das Captcha ausfüllen * Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.