„Mit Deutschland geht es strukturell bergab“

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Bekanntlich halte ich die Wirtschaftspolitik in Deutschland für völlig verfehlt. Wir unterliegen einer Wohlstandsillusion, während,

Nun ein weiterer, ernüchternder Blick aus der NZZ hinter die schon fast potemkinschen Kulissen hier bei uns:

  • Kurzfristig sehen die Zahlen zwar gut aus, aber mittelfristig bröckelt das Fundament. In vielen Bereichen geht es mit der grössten Volkswirtschaft Europas strukturell bergab.“ bto: sichtbar, wenn man mit offenen Augen durch das Land geht.
  • Im Doing Business Report der Weltbank hat sich Deutschland von 2009 bis 2015 zusammen mit Luxemburg und Belgien am meisten verschlechtert und ist bei den Wirtschaftsreformen das Schlusslicht in der EU. In einer Rangliste der attraktivsten Firmenstandorte liegt Deutschland gerade noch im oberen Drittel. Die Standortqualität lässt aus Sicht der Geschäftsleute also nach.“  bto: weil diese eben nicht nur auf die hohlen Worte der Politiker hören!
  • „Die Lohnstückkosten steigen ausserdem seit 2011 deutlich schneller als im Rest des Euro-Raums, worunter die preisliche Wettbewerbsfähigkeit deutscher Produkte leidet. Inzwischen hat das Land nach Berechnungen der Commerzbank fast ein Drittel des Wettbewerbsvorteils verloren, den es sich in den ersten zehn Jahren der Währungsunion durch die Reformen in der Ära von Kanzler Gerhard Schröder mühsam erarbeitet hatte. Entsprechend stagniert seit 2012 der Weltmarktanteil der deutschen Exporte.“ bto: Das wäre ja politisch erwünscht, wir würden den Krisenländern so helfen, zumindest in der Theorie. In Wirklichkeit verlieren wir Weltmarktanteil!
    c49544a8-aa50-499d-9755-aacb8bb4a61bQuelle: NZZ
  • Die nachlassende Wettbewerbsfähigkeit durch schneller als die Produktivität steigende Löhne und die Einführung eines Mindestlohns dürften mittelfristig auf die Gewinne der Unternehmen in Deutschland drücken und bremsend auf ihre Investitionen wirken.“ bto: Schon heute wird nicht investiert, zumindest nicht in Deutschland.
  • „Ferner tragen der Fachkräftemangel in etlichen Branchen und die um 5 Punkte auf rund 50 % gestiegenen Unternehmenssteuern zu einer Verschlechterung des Standorts bei, zumal andere Länder ihre Unternehmenssteuern gesenkt haben.“
  • Laut der Deutschen Bank ist die Brutto-Profitquote, ein häufig verwendetes Mass der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung, in den Jahren vor der Finanzkrise von 40 % auf 46 % im Jahr 2007 gestiegen. Seitdem ging es aber wieder abwärts auf derzeit noch rund 41 %.“

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  • Während Deutschland bei der Strassenqualität bis 2010 zu den Top 5 der 150 analysierten Länder zählte, ist das Land nun auf Platz 13 abgerutscht. Inzwischen liegt sogar Spanien vor der Bundesrepublik.“
  • Studien kommen auf eine Investitionslücke von 6,5 Mrd. bis 7,2 Mrd. €. Die Investitionen reichen nicht einmal, um auch nur die Substanz zu erhalten.“ bto: Wir leben von der Substanz und leihen unser Geld dem Rest der Welt! Irre.

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Quelle: NZZ

  • Spätestens ab 2030 läuft das deutsche Rentensystem in grössere Unwägbarkeiten. Eine langsame Erhöhung des Rentenalters scheint hier unumgänglich. Längst geht die Tendenz aber in die andere Richtung. Die Bundesregierung hat die Arbeitsmarktreformen der Schröder-Jahre zum Teil zurückgedreht und gibt nun Geld für Konsumzwecke wie die Rente mit 63, die Mütterrente und das Elterngeld aus.“
  • Dass die deutsche Fassade trotz der strukturellen Verschlechterungen noch glänzt, ist auch der extrem expansiven Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) geschuldet. Sie verbilligte die Schuldenaufnahme des Staates enorm und schwächte den Euro stark, was der ohnehin exportstarken deutschen Wirtschaft zugutekommt.“

bto: Es ist so offensichtlich, wie unsere Politiker das Land abwirtschaften. Aber wir wollen es nicht wahrhaben.

→ NZZ: „Mit Deutschland geht es strukturell bergab“, 25. August 2016

14 Antworten
  1. Dietmar Tischer says:

    Das ist die Lage der Dinge – ungeschminkt.

    Wo steht’s?

    In der NZZ.

    Es müsste der Prolog in JEDEM Wahlprogramm zur nächsten Bundestagswahl sein.

    Und dann die Konsequenzen daraus:

    Nicht „nach uns die Sintflut“, sondern Verantwortung für die Zukunft des Landes.

    Stattdessen wird u. a. über die Rentenanpassung im Osten an das Westniveau diskutiert.

    Das ist Populismus pur – überhaupt nicht erforderlich, weil die Lebenskosten im Osten geringer sind als im Westen und die jetzige Rentnergeneration in vielen Fällen – vor allem Frauen betreffend – eine günstigere Erwerbsbiografie hat, die sich in de facto höheren Renten als in Westdeutschland niederschlägt.

    Außerdem bezuschusst der Staat, d. h. die Steuerzahler, die das BIP für die Rentner erwirtschaften, bereits jetzt mit jährlich ca. EUR 88 Mrd. die Renten. Wo soll ein Weiter so hinführen?

    Bei Themen wie diesen bin ich der schärfste Kritiker der Regierungsparteien, an der Spitze Frau Merkel betreffend.

    Man muss freilich der Fairness halber dazu sagen, dass man mit dieser Einstellung angesichts der Rentnermacht im Lande ganz schnell in der Opposition landet. Von denen, die dann wahrscheinlich an der Macht sind, ist erst recht nichts zu erwarten.

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  2. Ondoron says:

    Aber das ist doch genau das, was Schäuble will, damit die Eurozone erhalten werden kann. Deutschland muss genauso wenig wettbewerbsfähig werden wie die anderen. Dann klappt es auch mit dem Euro – vor allem dann, wenn Deutschland zusätzlich die Schulden der anderen Euroländer übernimmt.

    Auch Dr. Stelter fordert schließlich diese weitere Umverteilung in der Eurozone, wie er hier mehrfach ausgeführt hat (Stichwort: Man muss den Portugiesen bei der Schuldenumstrukturierung helfen, weil sie es alleine nicht schaffen).

    Schäuble ist so ideologisch-orthodox, dass er immer noch an die VSE glaubt – natürlich ein wettbewerbsfähiger Superstaat. Dabei wird es nur die EUSSR. Es lohnt, schon heute mal die Statuten der EU mit denjenigen der untergegangenen USSR zu vergleichen. Da wird man Augen machen…

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    • Dietmar Tischer says:

      Sie verwechseln GRUNDSÄTZLICHES.

      Es ist eine Sache die Eurozone erhalten zu wollen, weil – wenn sie nicht erhalten wird – mit kaum zu beherrschenden Konsequenzen zu rechnen ist.

      Es ist eine andere Sache, sie nicht erhalten zu wollen, weil – so wie sich die Dinge entwickeln – für einige oder alle nur die Kosten der Erhaltung steigen, ohne dass dafür irgend ein Mehrwert erzielbar ist.

      Das ist die Position von Dr. Stelter, wobei er dafür plädiert, dass die Auflösung geordnet vor sich geht, u. a. durch eine supranational vereinbarte Entschuldung. Das ist nicht weitere Umverteilung, sondern deren Ende, aber unvermeidlich zugleich eine Lösung, die mit Kosten verbunden ist (Anspruchsverluste der Gläubiger).

      Schäuble will, dass die Eurozone erhalten bleibt – siehe oben, erster Satz.

      Er will dies aber nicht um jeden Preis.

      Daher hat er letztes Jahr für einen Austritt Griechenlands plädiert.

      Er würde, wenn das die Alternative ist, auch für ein Europa der zwei Geschwindigkeiten plädieren statt für einen europäischen Superstaat, der bei allen unseren deutschen Anstrengungen nie wettbewerbsfähig wird.

      Bei Merkel bin ich mir da überhaupt nicht sicher.

      Bei der „Griechenland-Lösung“ im letzten Jahr, hat sie Schäuble zurückgepfiffen.

      Es wird sich zeigen, wie lange sie diese Position durchhält.

      Die nächsten Griechenland-Kredite können zwar im Hinterzimmer in Luxemburg ausgehandelt werden, müssen aber durch den Deutschen Bundestag. Das habe ich in Karlsruhe mit erstritten. Wir werden sehen, was da los ist, wenn die Wohlfühlblase nicht mehr so prall gefüllt ist.

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    • Daniel Stelter
      Daniel Stelter says:

      Ich denke allerdings wir sollten ohnehin uneinbringliche Schulden in einem geordneten Prozess aus der Welt schaffen und dann auch die Eurozone restrukturieren/auflösen. Ist schon ein kleiner Unterschied…denke ich.

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      • Dietmar Tischer says:

        Das ist rational.

        Aber dafür müssen Sie den Leuten erst einmal klar machen, dass die Schulden uneinbringbar sind.

        Das ist die Krux.

  3. SMS says:

    Dass es mit Deutschland als ganzem wirtschaftlich abwärts geht, wird hier wie auch anderen Stellen in diesem Blog deutlich aufgezeigt. Nun ist aber Deutschland in sich wirtschaftlich alles andere als eine homogene Einheit. Ich denke, dass es trotz eines gesamtwirtschaftlichen Niedergangs doch Metropolregionen wie München oder Stuttgart weiterhin schaffen können, wirtschaftlich stark zu bleiben. Sicherlich werden diese auch durch allgemeine Tendenzen beeinflusst, aber ich denke, dass dort aufgrund guter Infrastruktur & starker Industrie der Entwicklung gegengewirkt werden kann…

    Schöne Grüße
    SMS

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    • Dietmar Tischer says:

      Das große GANZE sehen.

      In Stuttgart und München kann vieles getan werden, was dem strukturellen Abstieg entgegenwirkt. Wird auch getan, obwohl auch dort die Probleme wachsen (Wohnungsmarkt).

      Das ist aber noch nicht einmal die halbe Miete.

      Wenn China, USA etc. nicht mehr hinreichend deutsche Automobile kaufen, werden in diesen Städten die Lichter flackern. Und in Berlin z. B., die Harz IV-Hauptstadt, werden sie ausgehen, weil der Länderfinanzausgleich nicht mehr so wie jetzt funktionieren wird. Dann gute Nacht, kann ich nur sagen.

      Allein der Dieselskandal von VW bringt wegen rückläufiger Gewerbesteuern Städte wie Wolfsburg und Emden in große Bedrängnis. Gebühren werden erhöht etc. … die Lebensqualität sinkt in den VW-Standorten.

      Was soll Merkel da machen?

      Sie kann nur darauf hinarbeiten und hoffen, dass in China oder USA nicht Leute wie Trump wegen der dortigen Probleme den Stecker ziehen.

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      • deutelmoser1994 says:

        So ist es – was München anbelangt, verhält es sich mit der (falschen) Einschätzung des Status Quo ähnlich wie auf Bundesebene. Neben der Automobilindustrie, die vor großen Herausforderungen steht, gibt es in München einen starken Versicherungssektor und halbwegs starken Bankensektor, die beide unter dem geldpolitischen Umfeld leiden. Des Weiteren einen Mediensektor, der schwer mit der Berliner Konkurrenz zu kämpfen hat, einen Rüstungssektor, der in Gefahr steht an Frankreich „verschenkt“ zu werden. Lichtblick mag vielleicht noch der Maschinenbau sein, bei der Chemie vulgo Linde, weiß man auch nicht wohin der Weg führt. Natürlich gibt es in München einen starken Mittelstand, der aber letztendlich vom wohl und wehe der Branchengrößen abhängt. Wirklich innovative Branchen tun sich – wie in ganz Deutschland – schwer. Von Seiten der Stadt kann man nur sehr wenig erwarten. Selbst beim Lieblingsthema, der Schaffung von Alternativen zum motorisierten Individualverkehr gelang es der Verwaltung – trotz jahrelanger Beteiligung der Grünen – nicht einmal ein vernünftiges Radwegenetz einzurichten. Der ÖPNV ist zwar gut ausgebaut, aber überlastet, weil seit Jahrzehnten nur wenig Neues realisiert und das alles trotz finanziell (noch) recht guter Ausstattung, zumindest im Vergleich mit anderen Kommunen.
        Eigentlich ist München als Kommune ein Spiegelbild Deutschlands – sehr gute Voraussetzung seitens der Wirtschaft, prinzipiell hohe Einsatzbereitschaft der Manpower, relativ viel verfügbares Kapital aber überbordender Dilettantismus bei der Verwaltung dieser Ressourcen.
        Soweit mir bekannt, ist die Situation in Stuttgart zumindest nicht grundlegend anders – leider.

      • SMS says:

        @Deutelmoser:
        Eine treffende Analyse der Situation in München!

        Der ÖPNV ist wirklich sehr überlastet, wie auch das Strassennetz. Ein einziger Personenunfall auf der S-Bahn-Stammstrecke legt die halbe Stadt lahm. Und vor dieser Situation lässt sich die Obrigkeit alle Zeit der Welt bei der Entscheidung über eine Lösung des Problems. Und herausgekommen ist dabei ein gigantisches Tunnelprojekt, das in erst knapp 10 Jahren zur Besserung beitragen wird. Hier zeigt sich der von Ihnen angesprochene Dilettantismus sehr deutlich.

        Was Sie vergessen haben zu nennen ist die IT-Industrie, die in München stark vertreten ist. Zwar auch ist diese nicht sonderlich innovativ, aber viele internationale IT-Firmen haben ihren Deutschland-Sitz in München. Und diese dürften auch in europäischen Krisenzeiten weiterhin einige Jobs bereitstellen.

        Schließlich gibt es auch noch zwei der besten Unis Deutschlands (was international aber nicht viel bedeutet), sodass auch Fachkräftenachwuchs verfügbar ist.

        Insgesamt also denke ich, dass sich München schon auch weiterhin ganz passabel durchschlagen wird, wenigstens im nationalen Vergleich. Frei nach dem Motto: unter den Blinden ist der Einäugige König…

  4. SMS says:

    Aus einer ökonomischen und politischen Perspektive muss man sicherlich das große Ganze sehen, das ich richtig. Als Privatperson interessieren mich aber aber primär mal meine persönlichen wirtschaftlichen Lebensbedingungen. Und die können eben in einer wirtschaftlich starken Metropolregion wie München oder Stuttgart eben trotz einer gesamtwirtschaftlich sehr negativen Entwicklung gut sein. Wenn Sie z.B. mal den Lebensstandard in Moskau und anderen Teilen Russlands vergleichen, dann sehen Sie was ich damit meine. Das „eine Russland“ gibt es nicht…

    Nichts desto trotz haben Sie speziell mit der problematischen Abhängigkeit unserer Wirtschaft von der Autoindustrie Recht. Alle Standorte, die einseitig von der Automobilindustrie abhängen, haben wohl im Falle einer Wirtschaftskrise schlechte Karten (Ingolstadt, Wolfsburg). Oder auf welches Konsumgut kann man im allgemeinen bei knappem Geld besser verzichten, als auf ein neues Auto? Da wären auch München (BMW) und Stuttgart (Porsche, Daimler) stark betroffen. Insofern kann ich auch nicht verstehen, weshalb zur Zeit mit einer Diskussion zur Abschaffung der Dieseltechnologie (auch wenn ökologisch vielleicht richtig) hierzulande versucht wird die eigene Autoindustrie noch weiter zu schädigen, zumal diese ja u.a. durch die USA schon massiv gebeutelt wird…

    Nun ist aber Deutschland schon auch noch mehr als Autos. IT-mäßig hinken wir hinterher, ich denke aber, dass wir im Anlagen- und Maschinenbau nach wie vor top und nicht so teuer wie die Schweizer sind. Das ganze Zeug, dass es z.B. so in den Baumärkten (übrigens auch in vielen anderen Teilen Europas) gibt, kommt ja auch zu einem großen Teil aus Deutschland.

    Nur werden diese konkurrenzfähigen Produkte eben im Allgemeinen nicht im mondänen Berlin gefertigt, sondern in den wirtschaftlich starken, durchaus auch ländlichen Regionen vor allem in BW und Bayern (sicherlich nicht nur, aber hier ist meines Wissens schon ein großer Teil des produzierenden Mittelstands zuhause). Während sich diese Regionen also auch unter erschwerten Bedingungen durchschlagen können sollten, sähe es für andere wie z.B. das subventionierte Berlin dann wohl deutlich schlechter aus würde ich auch sagen …

    Schöne Grüße
    SMS

    Antworten
  5. Peter says:

    Mal ne blöde Frage: hat D aktuell nicht gerade China bei der Exportquote(?) überholt?
    Und steht D strukturell nicht deutlich besser dar, als seine Nachbarn? Wenn man sich beispielsweise den Verschuldungsgrad der anderen Länder anschaut?

    Ich habe von alldem keine Ahnung, aber dieser Beitrag wirkt auf mich sehr reißerisch im Sinne des allgemeinen Politikbashings einiger weniger.
    Aus meiner Einschätzung stehen wir in einer Zeit extremer Unsicherheiten der Weltwirtschaft so gut da, wie nur wenige andere Länder.
    Und das der *Prozentuale* Anteil des BIP für Infrastruktur aufgewendet wird, ist doch eher positiv: wir brauchen gerade keine staatlichen Subventionen in die Infrastruktur – das wird früh genug relevant, wenn es mal nicht mehr so gut laufen sollte.

    Antworten

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