Jetzt kommt er doch, der Protektionismus

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Als die Krise im Jahre 2009 für alle offensichtlich begann, habe ich in einem Beitrag über die New Realities spekuliert:

→ BCG: „Confronting the New Realities of a World in Crisis“, März 2009

Eine wichtige These war damals die zu erwartende Zunahme an Protektionismus. Wie in den 1930er-Jahren hatte ich damit gerechnet, dass die Länder dem Problem der fehlenden Nachfrage (als Folge von Überschuldung und Überinvestition) unter anderem durch Protektionismus entgegentreten würden. Oberflächlich betrachtet kam es nicht dazu, obwohl natürlich die Manipulation der Wechselkurse deutliche Abwertung des US-Dollars zum Beispiel durchaus in diese Richtung gingen.

Doch nun mehren sich die Stimmen, die von zunehmendem Protektionismus sprechen. Zu lange dauert die Krise nun schon an und die Überschussländer allen voran Deutschland kommen immer mehr unter Beschuss. Siehe Kommentar aus der Washington Post in der letzten Woche bei bto.

Zunächst berichtet DIE WELT:

  • Die Globalisierung, die in den 2000ern blühte, wird seit einigen Jahren abgebremst, sagte der britische Wirtschaftswissenschaftler Simon Evenett, Professor an der Universität St. Gallen.“ Die Gründe seien „offene und verdeckte Subventionen, Exportzölle sowie Regeln, die hoch qualifizierte Arbeitskräfte aus dem Ausland fernhalten. Seit der Finanzkrise, so Evenett, ist kaum ein Tag vergangen, ohne dass ein Land eine Maßnahme erließ, um heimische Unternehmen zu schützen und ausländischen die Geschäfte zu erschweren„.
  • Evenett und andere Wirtschaftsexperten vergleichen die derzeitige Situation mit 1913. Kurz vor dem Beginn des Ersten Weltkriegs endete die erste Phase der Globalisierung. Damals waren neuer Protektionismus und Nationalismus die Gründe für das Ende der Globalisierung des 20. Jahrhunderts.‘“

 

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Quelle: DIE WELT

  • Wir sehen, sagte Evenett, dass die Politiker und Wirtschaftsführer dieser Staaten zwar von einem offenen Handel sprechen, aber die Wirklichkeit ist längst eine andere. bto: Und das ist erst der Anfang, weil die Krise bekanntlich noch lange nicht zu Ende ist.

Auch die FT greift das Thema auf:

  • An analysis from the Peterson Institute for International Economics argues that ratios of world trade to output have been flat since 2008, making this the longest period of such stagnation since the second world war. According to Global Trade Alert, even the volume of world trade stagnated between January 2015 and March 2016, though the world economy continued to grow.“
  • Part of the reason for the slowdown is that many opportunities are, if not exhausted, radically diminished. When, for example, the production of essentially all labour-intensive manufactures has moved out of the rich countries, the growth of trade in such products must fall. Similarly, when the biggest investment boom in the history of the world, that in China, slows, so too must the demand for many commodities. (…) the end of once-in-a-lifetime global credit boom is sure to lead to a decline in the cross-border holdings of financial assets.“  bto: Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: einmalige Verschiebung der Arbeitsplätze, einmaliger Investitionsboom, einmaliger Schuldenboom.
  • Trade liberalisation has stalled and one can see a steady rise in protectionist measures. (…) important segments of the western public no longer believes increased trade benefits them. Evidence on relative real incomes and adjustment to rising imports provides some support for such scepticism.“
  • Does globalisation’s stalling matter? Yes. The era of globalisation has seen the first fall in global inequality of household incomes since the early 19th century. Between 1980 and 2015, average global real income rose by 120 per cent.“
  • The failure lies in not ensuring that gains were more equally shared, notably within high-income economies. Equally dismal was the failure to cushion those adversely affected.“ bto: was dann von Politikern missbraucht wird, habe gerade eine Diskussion im DLF gehört, wo wieder davon die Rede war, wir müssten unsere Standards überall durchsetzen und die Armen dürften doch nicht so viel weniger als wir verdienen. Das ist auch Protektionismus!

Die Kollegen von der FINANZ und WIRTSCHAFT bleiben noch optimistisch. Es drohen keine 1930er-Jahre, sondern eher eine Wiederholung des Protektionismus der 1870er-Jahre. Auch damals herrschte nach einem Boom eine „säkulare Stagnation“, wie wir das so schön nennen. Also ein Hangover in Form einer Eiszeit. Ich denke übrigens nicht, dass die 1870er-Jahre das Vorbild sind. Denn unsere Krise ist viel größer als jene der 1930er-Jahre, sie läuft nur in Zeitlupe ab.

  • „Die Parallelen sind mit den Händen zu greifen:
    • Die Stagnation begann mit der Finanzkrise von 1873, welche globale Auswirkungen hatte.
    • Die Jahre danach waren gekennzeichnet von schwachem Wachstum und Deflationsdruck.
    • Protektionistische Strömungen gewannen Überhand. Überall wurden Zollschranken für einzelne Branchen hochgezogen. Berühmt ist zum Beispiel die Wende des deutschen Kanzlers Bismarck, der 1878 Zölle für die Landwirtschaft und Schwerindustrie einführte. Es entstand ein neues Bündnis zwischen Roggen und Eisen.“
  • War der Protektionismus der damaligen Zeit schlimm? Nicht wirklich. Die Weltwirtschaft florierte weiterhin, vor allem ab Mitte der 1890er-Jahre. Dies dürfte auch heute der Fall sein. Wenn TTIP nicht durchkommt, geht die Welt nicht unter. “ bto: Allerdings bauten sich in den Jahren immer mehr Spannungen auf, die letztlich auch zum Ersten Weltkrieg beigetragen haben.

bto: Es kommt alles nur langsamer, aber es kommt.

DIE WELT: „Top-Ökonomen prognostizieren Ende der Globalisierung“, 4. September 2016
→ FT (Anmeldung erforderlich): „The tide of globalisation is turning“, 6. September 2016
→ FINANZ und WIRTSCHAFT: „Krise und Protektionismus“, 5. September 2016

7 Antworten
  1. Uli49 says:

    Warum ist bitte das Ende der Phase der Globalisierung erreicht, wenn der Welthandel sich auf sehr hohem Niveau stabilisiert hat? Nur weil die Kurve nicht mehr ansteigt, bedeutet das doch nicht, daß der Warenaustausch abnimmt. Die Vernetzung und Abhängigkeit der Märkte wird weiterhin hoch bleiben. Sogen würde ich mir erst machen, wenn das Welthandelsvolumen tatsächlich abnimmt.
    Grüße U.R.

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  2. Hans-Joachim Schmidt says:

    Vielleicht sind alle ihre Ansichten richtig vielleicht auch nicht. Letztendlich ist es eine Frage der ökonomischen Schule der man anhängt und wie extrem man diese vertritt. Sind niedrige Steuern ein Anzeichen für eine gesunde Wirtschaft? Der Neoklassiker sagt Ja, der Keynesianer Nein. Sind Steuern ein Hindernis oder ein geeignetes Steuerungsmittel für wirtschaftliches Wachstum? Wie jeder Wettbewerb kann auch der Steuersenkungswettbewerb gesund und ungesund sein. Falls Steuersenkungen das Resultat fiskalischer Disziplin eines Landes ist, kann das durchaus wachstumsfördernd und Zeichen einer gesunden Wirtschaft sein. Falls Steuersenkungen aber das Resultat einer „Beggar your Neighbour Strategy“ sind und zu einem auf dem Kapitalmarkt überschuldeten Haushalt führen – kann dies vielleicht (kurzfristig) zu wirtschaftlichen Wachstumsimpulsen führen. Aber ob es auch nachhaltig „wohlfahrtsoptimierend“ für ein Land ist, bleibt zu diskutieren. Meine Empfehlung zur Veranschaulichung: Fragen Sie nach einem Röntgentermin in Irland und Deutschland.

    VG

    HJS

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