Japan: „Vorbild“ für die westliche Welt?

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Auf unserem Weg in das japanische Szenario – die Eiszeit – ist es gut, sich früh vor Augen zu halten, was auf uns zukommt. Die HSBC schaut nochmals genauer hin und fasst die ernüchternden Fakten zusammen: zunächst die Erinnerung daran, dass bis zur japanischen Krise die Zukunftserwartungen deutlich andere waren. Unter Fortsetzung des Trends wäre das japanische BIP im Jahr 2000 24 Prozent höher gewesen:

Der Unterschied zwischen Erwartung und Ist wuchs in den kommenden Jahren weiter an. So liegen das nominale BIP und BIP pro Kopf auf dem Niveau von vor 25 Jahren, trotz einer massiven Zunahme der Verschuldung auf über 400 Prozent des BIP.

Trotz immer tieferer Zinsen, die jeweils tiefer waren, als erwartet:

 

Was, so Zero Hedge, ziemlich an die heutige Lage bei uns (hier USA) erinnert:

Wie auch die Zinsentwicklung:

HSBC: Wir sind auf dem Weg in unser japanisches Szenario – schwaches Wachstum, wachsende Schulden, immer tiefere Zinsen (nun negativ).

Derweil berichtet die Deutsche Bank, dass der Welthandel immer schwächer wächst und einen immer geringeren Anteil am Wirtschaftswachstum hat:

Was die Bank zu der interessanten Schlussfolgerung führt, dass die Schwächung der eigenen Währung wenig bringt. Das sieht man übrigens in Japan, wo die deutliche Abwertung die Gewinne der Unternehmen treibt, aber nicht so sehr die Umsätze.

An anderer Stelle hat die Bank übrigens ausgerechnet, welche Währungen billig oder teuer sind, wobei sie verschiedene Modelle verwendet hat:

Demnach war die EZB recht erfolgreich in der Schwächung des Euro. Nur ob es etwas bringt? Wohl kaum, vor allem nicht, wenn wir alle in Richtung Eiszeit unterwegs sind.

Trotz der Tatsache, dass eine Abwertung – wenn überhaupt – nur kurzfristig etwas bringt wird es in Zukunft wieder probiert werden. Denn die theoretische Einsicht in die Notwendigkeit der Kooperation dürfte zunehmende an der politischen Realität scheitern.

Zero Hedge: „Was This The Worst Economist Forecast Of All Time“, 25. März 2016

Zero Hedge: „Deutsche Bank’s Dire Warning On Global Trade: ‚The Currency War Is Futile‘“, 25. März 2016

Zero Hedge: „Presenting The Complete Global Currency Swirlogram“, 25. März 2016

7 Antworten
    • Philipp H. says:

      Sehr interessanter Punkt! Ich hatte bisher eigentlich alle Ideen in Zusammenhang mit Helikoptergeld als „(nominelles) Wachstum um jeden Preis“ gebucht. Nun hier Ihr Argument, dies eher als „weniger Zwang zum Wachstum“ zu positionieren.
      Ehrlich gesagt bekomme ich aber die Kurve noch nicht ganz hin? Inwiefern ist der Zwang zum Wachstum niedriger in Ihrem Modell (80€ pro Bürger und Monat)? Wird der Zwang zum nominellen Wachstum nicht sogar höher (weil die Inflation potentiell auf 2% steigt)? Und wie wäre das reale Wachstum betroffen?

      Antworten
      • Michael Stöcker says:

        Die Renditevorstellungen lassen sich in gesättigten Märkten mit realem Wachstum nicht umsetzen. Der Kreditgeldkapitalismus ist aber ein System, dass immer wieder einer Anschlussfinanzierung bedarf, die nicht abreißen darf. Da Zinsen/Renditen als Gewinnbestandteil nur dauerhaft in einer wachsenden Wirtschaft möglich sind, kommt es bei tendenzieller Marktsättigung zu einer Entwicklung, die Binswanger in seinem Buch „Die Wachstumsspirale“ beschrieben hat. Durch QE4P wird es eine Stabilisierung der Nachfrage geben, da es einen Nachholbedarf beim abgehängten Prekariat gibt, vermutlich dann auch noch etwas höheres Wachstum für einen eng begrenzten Zeitraum. Danach werden die realen Wachstumsraten wieder weiter abflachen.

        Nominelles Wachstum pro Kopf ist hingegen immer möglich, sofern genügend zusätzliche Liquidität via QE4P in den Markt fließt. Somit lassen sich dauerhaft monetäre Renditen erzielen (und nur die sind relevant), die sich mit der Funktionsweise des Kreditgeldkapitalismus vertragen.

        Wenn wir aus ökologischen Gründen das Wachstum begrenzen möchten oder aber die Inflation stärker zunimmt als gewünscht, dann vertrete ich hier ganz die Auffassung von Larry Summers, der für diesen Fall eine Erhöhung der Energiesteuer empfiehlt.

        LG Michael Stöcker

    • Rob says:

      Erstaunlich, das Japan lt. Schaubild seit etwa 1993 Nullwachstum beim BIP aufweist. Das Binswanger-Papier schließt diese Möglichkeit aus ;)

      Antworten
      • Michael Stöcker says:

        Das Binswanger-Papier schließt dies keinesfalls aus. Im Gegenteil: Es ist genau das Szenario, das Binswanger beschreibt. Japan hat sich nur deshalb stabilisiert und ist nicht abgestürzt, weil es massives Deficit-Spending betrieben hat. Japan wird nun ex post seine Schulden via BoJ-Bilanz monetisieren. Hätte man auch ex ante machen können. Und auch dies entspricht der grundsätzlichen Empfehlung von Binswanger.

        LG Michael Stöcker

  1. Meiner Einer says:

    Sehr geehrter Herr Stelter,

    in der FAZ ist heute ein Artikel über die Geldpolitk in Japan:

    „Langes Leiden unter billigem Geld.

    Die ultralockere Geldpolitik hat über Umverteilungseffekte einschneidende gesellschaftliche Auswirkungen. Das zeigt sich in Japan in aller Deutlichkeit. Welche Lehren sollte die Europäische Zentralbank daraus ziehen?“

    http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaftspolitik/die-lockere-geldpolitik-in-japan-sorgt-fuer-umverteilungseffekte-14142197.html

    War es nicht einmal Japan, das unserer Industrie Ende der 70er Anfang der 80er mit Kaizen und schlagkräftigen Fabriken und qualitätiv hochwertigen Produkten das Fürchten lehrte? Die Erklärung, daß der Niedergang mit einer Wechselkursanhebung zum US Dollar begann ist mir zu einfach.
    Wie sehen Sie es?

    Vielen Dank!

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