Italien – die Zeit wird knapp

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Ein Leser hat mich mit Bezug auf den Beitrag von heute Morgen darauf hingewiesen, dass die Italiener einen „Hang zu Verschwörungstheorien“ haben, wie die NZZ gestern berichtete:

→ NZZ: „Der alles zerfressende Argwohn“, 6.Februar 2017

Viel konkreter ist da die finanzielle Lage des Landes. Nach einer neuen Studie wachsen die Kosten eines Euroaustrittes des Landes mit jedem Monat weiter an. Es wäre also Zeit, entsprechend schneller zu handeln, so der Tenor. Ich könnte das allerdings auch umdrehen: Angesichts eines neuerlichen Rekordstandes bei den Target2-Forderungen der Bundesbank ist es auch hier höchste Zeit, die Notbremse zu ziehen.

Doch nun zu der Studie bezüglich Italien:

  • „A forensic report by Italy’s Mediobanca (…) lays out in minute detail why Italy is finally running out of road after eighteen years of economic depression and eurozone mismanagement. The awful possibility of a full-blown debt crisis in a country that is too big to save – and by now too angry to bully must be faced head on.“ bto: Das ist keine Neuigkeit, ich denke aber, Italien wird die anderen also vor allem Deutschland erfolgreich erpressen. Wo wäre denn bei uns die Opposition? Frau Merkel kann keine neue Eurokrise gebrauchen und Herr Schulz ist prinzipiell für Schuldensozialisierung.
  • The report said the optimal moment to leave the euro has already passed in narrow financial terms and that it will become progressively more costly to do so as each year passes. Within four years it will become prohibitive.“ bto: Das gilt übrigens für alle Beteiligten. Aber Achtung, daraus zu schließen, weil es alle betrifft, käme es am Ende besser, ist für mich eine heroische Annahme!
  • As of today, Italy can still switch half of its €1.9 trillion of traded sovereign debt to lira under the legal prerogative of Lex Monetae on roughly neutral terms, but the argument is that this calculus will shift as new debt with collective action clauses (CACs) displace the old bonds.“ bto: Wer glaubt ernsthaft, dass Italien (oder irgendein anderer Staat) sich im Ernstfall daran hält? Ich nicht.
  • „Mediobanca’s argument on CAC debt clauses agreed by EU leaders in December 2012   is they that make it more difficult to ‚redenominate‘ bonds from euros into lira. The litigation costs no longer make it worthwhile. As of late last year, the relevant bonds were evenly split. Italy had €932bn of old debt, and €902bn of new CAC debt. The contracts are migrating from one to the other at a pace of €200bn a year. Most of debt stock will be under CAC rules by 2022:“

Quelle: Telegraph

  • The European Central Bank will soon start to wind down its programme of bond purchases, while new rules on tangible equity will force Italian banks to slash holdings of government bonds by €150bn.“ bto: Die EZB wird nicht aussteigen. Sie macht immer weiter, mindestens so lange, bis Italiens Schulden bei ihr liegen. Alles andere ist Blabla.
  • The ECB system has already bought €210bn of Italian debt. This covered the entire budget deficit last year and covered the roll-over of old bonds as others pulled out. „Tapering will leave the Italy without the key buyer of its debt,“ said the report.“ bto: Wie gesagt, das wird nicht passieren. Alle wollen, dass es weitergeht.
  • Italy’s creditors will then face a choice: do they offer debt-restructing on friendly terms within monetary union, or do they hold out and wait for the political storm sweeping Italy to smash the eurozone system.“ bto: Das ist theoretisch richtig, aber vorerst nicht zu befürchten.
  • „(…) voluntary debt exchange is the cleanest way to put Italy’s debt on a sustainable path (…). Without these changes, the debate regarding a unilateral exit from the eurozone and a consequent return to the lira looks likely to gain momentum based on the political situation on Rome.“ bto: Also, entweder die EZB kauft oder Italien macht Pleite bzw. tritt aus. Wer glaubt wirklich, dass die EZB nicht kauft?
  • The genie is out of the bottle. Every talk show in Italy is openly discussing whether or not to leave the euro. It is escalating by the day, and sooner or later the market is going to move.“ bto: siehe Kommentar von heute Morgen.
  • „Mediobanca said the ECB’s various schemes (LTRO lending, QE) have essentially financed capital flight from Italy, and allowed North European banks to extract their money. The risk has been switched to the eurozone taxpayer, again, a la Grecque. Over €220bn has left the country and ended up in mutual funds in Germany, Luxembourg, and Holland. This slow break-up of monetary union shows up in the Bank of Italy’s liabilities to the ECB in the Target2 payments system, now a record €359bn.“ bto: „Eurozone Taxpayer“?? Deutsche Taxpayer!
  • Whether or not Italy would in fact owe such Target2 sums is hotly contested. The ECB has until now always rubbished any suggestion that these vast sums (Germany has €754bn in credits) are a stealth bail-out or involve real money. Suddenly Target2 is no longer Monopoly paper after all.“ bto: Das war es doch nie!
  • „Mediobanca’s calculations on gains and losses from leaving the euro are based on the premise that the lira would fall by 30pc. (…) Mr Borghi argues that the euro would in fact disintegrate. The drachma and the escudo would plummet. The D-Mark and the guilder would rocket. The franc and the lira or the new Medici ‚Florin‘, as he calls it would weaken to varying degrees but not by anything close to 30pc in pan-EMU terms.“ bto: weshalb man sich darauf vorbereiten muss! → „Was wäre wenn der Euro platzt?“
  • There has been no rise in per capita income for eighteen years. Industrial output has dropped back to the levels of the early 1980s. The economy is still 7pc smaller than it was before the Lehman crisis. Two lost decades threaten to become a third. It is worse than anything ever suffered before by a developed economy in peacetime.“ bto: Das liegt natürlich nicht nur am Euro, dennoch.
  • The elemental failure of policy elites in Europe and Italy is that they ignored all the warnings from currency theorists and indeed ignored from the historic North-South divide that blighted Italy’s internal lira union after the Risorgimento, which should have been a salutary warning.“ bto: bingo.

→ The Telegraph: „The cost of leaving the euro is rising every month for Italy“, 1. Februar 2017

11 Antworten
  1. Wolfgang Selig says:

    Herr Dr. Stelter, Sie schreiben: „bto: Das ist keine Neuigkeit, ich denke aber, Italien wird die anderen – also vor allem Deutschland – erfolgreich erpressen.“
    Das muss es doch seit Jahren politisch gar nicht mehr. Auf dem Umweg über die EZB ist doch die verbotene Staatenfinanzierung de facto längst durch. Ich würde mich von solchen Analysen nicht mehr nervös machen lassen. Wer gibt denn freiwillig ernsthaft eine große stetige Kapitalquelle ohne Gegenleistungsverpflichtung auf?. Welcher führende italienische Politiker ist verrückt genug, der Auslöser für das interne Chaos sein zu wollen, das ein freiwilliger Austritt ohne Zwang durch die Gläubigerstaaten bzw. die umverteilende EZB sofort nach sich ziehen würde? Was würde denn passieren, wenn man anschließend tatsächlich wieder alles selbst erwirtschaften müsste? Die aktuelle wirtschaftliche und politische Situation ist nichts im Vergleich zu dem, was die Italiener erleben würden, wenn sie aussteigen würden (z.B. Inflation, schlechteres Rating, Zinsanstieg, etc.).

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    • egp says:

      Interessant: Die ökonomischen Argumente rücken weiter in den Hintergrund, Herrn Stelters, als auch Ihre, Herr Selig. Tsun Tsu oder Clausewitz – anything goes schon jetzt! Der von mir gefühlte Wendepunkt war Merkels geflügeltes Wort ‚alternativlos‘, der Abkehr von der Welt der Regeln und Abmachungen – regelbasierter ‚zivilisierter Gesellschaften‘ – immerhin gut 6 Jahre vor Trump (vermutlich).

      Es geht also nicht mehr allein um Ökonomie, die Dimension ist eine philosophische. Der grundsätzliche Diskurs fand schon – wie konnte es anders sein – in der Antike statt, Friedrich Nietzsche schrieb Bemerkenswertes zu diesem Thema in seiner Selbstkritik seines frühen Werkes „Die Geburt der griechischen Tragödie“.

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      • Wolfgang Selig says:

        Rücken sie wirklich in den Hintergrund? Ich bin mir da nicht so sicher. Eventuell waren sie noch nie im Vordergrund. Hat Deutschland dem Euro seinerzeit wirklich aus ökonomischen Gründen zugestimmt? Vielleicht teilweise. Aber der Druck aus Frankreich in Richtung Währungsunion in den 90ern war damals ganz sicher nicht nur ökonomisch begründet, sondern weitestgehend politisch. Und damit sind wir wieder in der Geschichte Deutschlands. Für einen Hegemon zu klein (und glücklicherweise inzwischen bzw. noch zu zivilisiert), für das Schweizer Modell leider zu groß.

  2. Johannes says:

    Die Zeit wird nicht nur für Italien knapp. Für alle Staaten der Euro-Zone wird sie knapp. Die erforderlichen strukturellen Anpassungen sind bislang nicht vorgenommen worden – allein die EZB hält die Euro-Zone noch beisammen. Die Inflationsrate steigt (ob nachhaltig wird sich noch zeigen), die Zinsen sind hingegen weiterhin im Minusbereich. Eine veritabl Stagflation droht und diese ist angesichts der Haltung Amerikas zum weltweiten Handel noch wahrscheinlicher geworden.

    Entlassungen auf breiter Front sind in der exportorientierten Wirtschaft Deutschlands wahrscheinlicher geworden – so Amerika seine Ankündigungen umsetzt. Dann ist es aber auch vorbei mit der noch soliden Bonität Deutschlands und auch mit der immer noch vorhandenen politischen Stabiltät in unserem Land.

    Der Euro-Zone insgesamt läuft und Deutschland speziell läuft die Zeit davon. Ich bin überzeugt, dass der begründete oder unbegründete (das sei hier mal dahingestellt) Protektionismus Amerikas der Dominostein sein wird, der die Euro-Schuldenkrise in bislang nicht gekannter Weise entfachen wird.

    Das wird dann auch die EZB nicht mehr in der Griff bekommen können.

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  3. A. Middendorf says:

    „The D-Mark and the guilder would rocket.“
    Aber wenn sich zum Zeitpunkt der Euro-Auflösung ein Großteil des Notenbankgeldes in Deutschland befindet (bald 800 Mrd. Target-Forderungen), haben wir dann nicht zuviele in Mark umzutauschende Euros, was wiederum die Inflation nach oben und den Wechselkurs nach unten drücken würde?

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    • Christian Müller says:

      Die EZB und die Deutsche Bundesbank können die Target-Salden natürlich nicht jahrelang als blosse Buchungsbehelfe kleinreden und dann plötzlich als tatsächliche Schulden aus dem Hut zaubern, wenn sich der Euro auflöst.

      Wenn ich es richtig sehe, refektieren die Target-Salden v.a. die Verschiebungen von Einlagen weg von Peripheriebanken hin zu deutschen Banken. Die Bürger Italiens, Spaniens etc. sorgen also vor und bringen ihr Geld nach Deutschland. Gibt es dazu verlässliche Zahlen? Wieviele Konti werden in Frankfurt eröffnet von Italienern?

      Sollte der Euro auseinanderbrechen, wird man damit natürlich pragmatisch umgehen müssen und diese Konti zwangsumtauschen in die jeweilige neue Währung der Herkunftsländer.

      Interessant ist, dass das bisherige Denk- und Diskussionsverbot einer Auflösung des Euros nun überall und selbst in der EZB nicht mehr beachtet wird.

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      • A. Middendorf says:

        Die Umstellung der Euros in Deutschland auf die Währungen der Herkunftsländer ist wohl nur im Falle von Bargeld technisch und juristisch möglich. Bei den Scheinen sollten Halter großer Bargeldmengen auf die Länderkennung für Deutschland achten, oder besser Österreich, da ähnlich stabil nur ohne Target-Risiko. Ob das die Munich Re bei ihren immensen Bargeldbeständen wohl beachtet?

        Aber das ist nur eine Fußnote. Der Großteil des im Umlauf befindlichen Geldes ist ohnehin Giralgeld, dessen ursprüngliche Herkunft nicht ermittelt werden kann, und das im Rahmen der Kapitalflucht schon überwiegend in Assets getauscht sein dürfte. Auch eine Ungleichbehandlung von EU-Ausländern bei einer möglichen Währungsreform ist juristisch wohl nicht machbar.

        Das in Deutschland kursierende Geld war zu Hochzeiten der Krise schon einmal vollständig „Außengeld“, wie Prof. Sinn festgestellt hat, d.h. es lag kein Refinanzierungsgeschäft der Bundesbank der Geldschöpfung zugrunde. Die Bundesbank wird die Geldmenge also nach einer Währungsreform konsequenterweise wohl hauptsächlich über den Einlagensatz und nicht mehr den Refinanzierungssatz steuern.

        Die Target-Salden der Bundesbank sind ja auch nur ein volkswirtschaftlicher Zähler für das im deutschen Bankensystem befindliche Außengeld. Ein Reset dieses Zählers würde nichts an der Situation ändern.

        Auf jeden Fall wären monetäre Basis und Geldmenge in Deutschland bei einem Auseinanderbrechen des Euro viel zu groß. Auf eine Aufwertung der Mark zu wetten und deshalb Euros in Deutschland Cash zu halten ist entsprechend risikobehaftet.

  4. Dietmar Tischer says:

    > Italien wird die anderen – also vor allem Deutschland – erfolgreich erpressen. Wo wäre denn bei uns die Opposition? Frau Merkel kann keine neue Eurokrise gebrauchen und Herr Schulz ist prinzipiell für Schuldenso-zialisierung.>

    Stimmt, im Augenblick ist sie nicht da bzw. sie regiert nicht.

    Aber es gibt eine WACHSENDE Opposition, die durchaus ein Umdenken ERZWINGEN kann – auch als Oppo-sition! Siehe Zuwanderung: Merkel ist längst von der „Willkommenskultur“ abgerückt und macht die Schotten dicht (Lob, wenn auch verhalten, für die Schließung der Balkanroute, Vertrag mit der Türkei, jetzt der Versuch, mit Libyen ins Abschottungsgeschäft zu kommen).

    Siehe auch Griechenland:

    Wenn der IWF aussteigt aus dem griechischen „Rettungsprogramm“, dann ist nicht sicher, dass der Bundestag die nächst Kredittranche durchwinkt.

    Merkel und Schulz sind Populisten.

    >„The report said the optimal moment to leave the euro has already passed – in narrow financial terms – and that it will become progressively more costly to do so as each year passes.>

    Wenn das für Italien gilt und sich dort rumspricht, warum soll das dann nicht auch prinzipiell für Deutschland gelten können?

    >Die EZB wird nicht aussteigen. Sie macht immer weiter, mindestens so lange, bis Italiens Schulden bei ihr liegen. Alles andere ist Blabla.>

    Abwarten:

    Die EZB – ja, die würde weitermachen.

    Ob sie unter welchen Umständen weitermachen KANN, ist eine andere Frage.

    Die EZB ist zwar unabhängig, aber nicht allmächtig.

    >There has been no rise in per capita income for eighteen years. Industrial output has dropped back to the levels of the early 1980s. The economy is still 7pc smaller than it was before the Lehman crisis. Two lost decades threaten to become a third. It is worse than anything ever suffered before by a developed economy in peacetime.“>

    Weil das so ist und dem gesunden Volksempfinden nach die Eliten versagt haben, kommen jetzt die wildesten Gestalten an die Macht. Wenn Trump in USA, warum nicht ein Clown in Italien?

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