„Ist Deflation unausweichlich?“

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Felix Zulauf habe ich an dieser Stelle schon mehrfach zitiert. Heute setzt er sich bei der FINANZ und WIRTSCHAFT mit dem Thema Deflation auseinander. Nochmals zur Erinnerung: Ich denke, es ist in der Tat ein Risiko für eine überschuldete Welt (bin da also nicht so optimistisch wie die BIZ), halte aber das wirtschafts- und vor allem geldpolitische Instrumentarium für ungeeignet, diese zu bekämpfen. Bei den Risiken und Nebenwirkungen bin ich dann also wieder auf der Linie der BIZ. Für Zulauf stellt sich die Lange so dar:

  • „… die zyklischen Bewegungen der Teuerung (zeigen) seit etwa vierzig Jahren laufend niedrigere Höchst- und niedrigere Tiefstpunkte, also einen definierten Abwärtstrend. Deflation ist einfach das natürliche Zurückschlagen des Pendels nach einer grossen Inflation im Wirtschaftszyklus über eine längere Zeit.“
  • „Kaufe heute, zahle morgen, lautete die Devise vieler Wirtschaftssubjekte über Jahrzehnte, um dem Kaufkraftverlust der inflationären Zeit zu entgehen. Die Folgen sind bekannt, eine zunehmende Verschuldung unseres globalen Wirtschaftssystems absolut und in Prozent der Wirtschaftsleistung.“
  • „Wir unterscheiden jedoch zwischen produktiven und unproduktiven Schulden. Produktive Schulden sind Kredite, um Investitionen zu finanzieren, die nach Zinsdienst und Amortisation noch einen Ertrag abwerfen. Unproduktive Schulden dienen lediglich dem Vorbezug von Gütern und Dienstleistungen, die man sich heute aus dem normalen Einkommensstrom nicht leisten kann.“
  • „Wenn der Berg an unproduktiven Schulden zu gross wird, dann führt das eines Tages dazu, dass eine zunehmende Zahl von Schuldnern ihre Schuldenkapazität ausgeschöpft hat. Von diesem Moment an gibt es Schwierigkeiten für das ganze Wirtschaftssystem, weil erstens trotz niedrigem Zinsniveau immer weniger Wirtschaftssubjekte in der Lage sind, neue Schulden aufzunehmen, um zu konsumieren oder zu investieren, und  weil zweitens immer mehr Geld aus dem normalen Einkommen für Zinsdienst und Amortisation verwendet werden muss.“ ‒ bto: Genau diese Argumentation habe ich bereits vor einigen Wochen mit Blick auf die neuen Schuldendaten von McKinsey vorgetragen. Immer mehr Schulden dienen nur noch dazu, die Illusion der Bedienung der Schulden aufrechtzuerhalten.
  • „Damit wird die Endnachfrage in einer Volkswirtschaft strukturell geschwächt. Beginnt gleichzeitig die Bevölkerung zu überaltern und in der Gesamtzahl zu stagnieren oder zu schrumpfen, so potenzieren sich die Bremsfaktoren für eine Volkswirtschaft.“
  • „Der technologische Fortschritt und Innovationen wirken ebenfalls deflationär, weil mit der Zeit manches effizienter und kostengünstiger produziert werden kann und die Maschine, besonders seit der Digitalisierung, die Löhne für menschliche Arbeitskräfte in Schach hält. Darum wachsen in diversen Industrieländern die realen Einkommen des Mittelstands seit geraumer Zeit nicht mehr.“ ‒ bto: In einem anderen Geldsystem wäre deshalb eine leichte, kontinuierliche Deflation der Normalfall.
  • „Natürlich spielt der fallende Ölpreis auch eine Rolle. Aber es fallen seit einigen Jahren ja nahezu alle Rohstoffpreise. Zudem würde der Ölpreis nicht sinken, wenn die Nachfrage wachsen und das Angebot stagnieren würde. Aber das Gegenteil ist der Fall, wie das im deflationären Prozess üblich ist. Aufgrund der Nachfrageschwäche werden Preise gesenkt, teilweise auch über Währungsabwertung. Andere wollen die daraus resultierenden Einnahmenrückgang mit erhöhter Produktion kompensieren. Das ist ja gerade der deflationäre Prozess.“ ‒ bto: genau. Es steht die Beschaffung von Liquidität im Fokus aller Bemühungen. Da geht es nicht mehr um Gewinn.
  • „Die expansive Geldpolitik in den Industrieländern hat über die letzten zwei Jahrzehnte zu einem grossen Kapitalexport in die Schwellenländer geführt und dort einen gigantischen  Investitions- und Kreditboom ausgelöst, der nun zu Ende ist. (…) Der private Sektor der Schwellenländer hat heute bereits eine höhere Verschuldung in Prozent der Wirtschaftsleistung als in den Industrieländern. Doch Chinas Wachstum wird sich in den kommenden Jahren verlangsamen – die Weltwirtschaft steht netto vor Überkapazitäten in manchen Branchen.“
  • „Wenn der grösste Exporteur der Welt (=China) seine Währung 10 bis 20% abwertet, dann werden die Preise für global handelbare Güter weiter unter Druck kommen. Schon jetzt beträgt der Preisverfall in Dollar gerechnet etwa 10%, wobei historisch bei Abschlägen von 5 bis 6% die Warnsignale für zukünftige Wirtschaftskrisen aufleuchten.“
  • „Seit einiger Zeit laufen die Trends in der Realwirtschaft in einem deflationären und in der Finanzwirtschaft in einem inflationären Prozess gegenläufig. Je weiter sie sich voneinander entfernen, umso grösser werden die Risiken für Märkte und Realwirtschaft.“

Was wäre aus Sicht von Zulauf zu tun? Vorschläge nicht unähnlich jenen aus Die Billionen-Schulden-Bombe:

  • „Einsicht der Behörden und Verständnis der Ursachen des Problems notwendig.“ ‒ bto: Stattdessen wird geleugnet und auf Zeit gespielt!
  • Dann müssten die überschuldeten Wirtschaftssubjekte (inkl. Staaten) saniert und restrukturiert und Leistungsversprechen aller Art der Realität angepasst werden.“ ‒ bto: Wir sind hier seit Jahren gefordert. Unrealistisch. Kommt eher zu Pleiten oder Monetarisierung.
  • „Dieser Prozess müsste unterstützt werden durch angebotsorientierte Stimuli, etwa den Abbau  bremsender Vorschriften und Gesetze, um dem Privatsektor wieder mehr unternehmerischen Spielraum zu geben.“
  • „Staatliche Subventionen und die Besteuerung aller Wirtschaftssubjekte müssten zurückgefahren werden.“
  • „Nur die wirklich sozial Schwächsten sollten staatlich gestützt werden.“
  • „Unterstützend könnten dafür Investitionen in die Infrastruktur lanciert werden.“

Zulauf: „Selbst ein begleiteter Prozess würde kaum schmerzlos ablaufen. Doch wenn weitsichtige politisch und wirtschaftspolitisch Verantwortliche ihn steuern, wäre er weniger gefährlich als ein ungeordnetes Abdriften in eine Krise.“ Richtig. Da es nicht so kommen wird ‒ so meine Erfahrung aus der Diskussion der Thesen der Billionen-Schulden-Bombe mit Verantwortungsträgern ‒ bleibt wohl nur das Abdriften.

FINANZ und WIRTSCHAFT: „Ist Deflation unausweichlich?“, 27. März 2015

2 Antworten
  1. Dieter Krause says:

    Gute Zusammenfassung der gegenwärtigen makroökonomischen Probleme in der Euro-Zone und in der Welt! Die freilich dadurch entstanden sind, dass die Politik die Finanzkrise vor allem durch die Zentralbanken lösen läßt. Ordnungspolitisch systematisches Denken ist wohl auch in der Bundesre-gierung seit Karl Schiller Mangelware! Jetzt muss man sich freilich mit mehr als der Hälfte der EU-Staaten sowie den USA ständig darüber abstimmen! – Politisch in die obige Richtung gehandelt wird wohl erst dann in der Euro-Zone wirklich, wenn auch Deutschland in die Krise kommt. Nur dürfte der billige Euro das wohl noch eine ganze Weil verhindern! Und das Selbstlob über den ersten Haushalt seit langem ohne Nettokreditaufnahme. Der Bund spart freilich durch die gegenwärtigen Billigzinsen im Vergleich zu 2005 über 30 Mrd. Euro Zinsausgaben pro Jahr!

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  2. Michael Stöcker says:

    “Da es nicht so kommen wird ‒ so meine Erfahrung aus der Diskussion der Thesen der Billionen-Schulden-Bombe mit Verantwortungsträgern ‒ bleibt wohl nur das Abdriften.“

    Ich teile Ihre Einschätzung. Die Persistenz fehlerhafter Paradigmen hat schon etwas von einer griechischen Tragödie. Steve Keen beschreibt dieses Dilemma hier: http://www.forbes.com/sites/stevekeen/2015/04/07/bernanke-summers-debate-ii-savings-glut-investment-shortfall-or-monty-python/

    Meinen Lösungsvorschlag habe ich vor kurzem präzisiert: https://zinsfehler.wordpress.com/2015/03/23/die-citoyage-keynesianischer-monetarismus-als-ordnungspolitisches-korrektiv/

    LG Michael Stöcker

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