„Helikoptergeld für Inflation“

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Die Helikopter kommen garantiert. Doch was passiert dann? Schmerzfreie Problemlösung oder Hyperinflation aufgrund Vertrauensverlustes in das Geld? So richtig kann es niemand sagen, auch die Experten nicht. Die vermutlich am wenigsten. Die FINANZ und WIRTSCHAFT fasst die Thematik zusammen:

  • Den Begriff prägte Milton Friedman, der Vater des Monetarismus, im Jahr 1969. Er schlug vor, in schlechten Zeiten könnten Helikopter frisch gedruckte Geldscheine abwerfen, um den Konsum und die allzu tiefe Inflation anzufachen. Bereits in den Dreissigerjahren empfahl John Maynard Keynes angesichts der grossen Depression, in stillgelegten Kohleminen Geld zu vergraben, das dann von arbeitslosen Bergleuten ausgehoben würde.“ – bto: Da ist es doch besser, Helikopter zu schicken, muss man nichts tun :-)
  • Im Jahr 2003 schlug der spätere US-Notenbankchef Ben Bernanke vor, Japans Regierung solle zur Bekämpfung der hartnäckigen Deflation die Ausgaben erhöhen oder die Steuern senken. Finanziert werden dürfe das aber nicht mit Staatsanleihen, sondern mit frischem Geld. (…) Eine mit Notenbankgeld finanzierte Steuersenkung sei im Wesentlichen dasselbe wie Friedmans Helikopter-Geld.“ – bto: Und es wäre sehr populär. Komisch, dass das nicht von Gabriel gefordert wird.
  • Die Negativzinsen in Schweden, Dänemark, Euroland, der Schweiz und Japan dringen noch nicht bis zum Sparkonto vor, erst Vorsorgegelder werden belastet. Aus Sorge um ihre Pension sparen die Leute nun aber mehr statt weniger, was die Wirtschaft belastet statt ankurbelt.“ – bto: Genau deshalb wird ja Helikopter-Geld diskutiert. 
  • Der laufende, von den Zentralbanken gross angelegte Aufkauf von Staatsanleihen und Hypothekenpapieren verteuert auch andere Vermögenswerte. Der Effekt dieser quantitativen Lockerung (Quantitative Easing, QE) ist zweifelhaft: Wer hat, dem wird gegeben. “ – bto: und wie. Dann kommen Piketty, Fratzscher und Co. und jammern.
  • Helikopter-Geld hingegen ist nicht elitär, sondern egalitär. Wohlhabende werden nicht bevorzugt, jeder Einwohner erhält den gleichen Zustupf. Die monetäre Expansion landet ohne Umweg bei den Privathaushalten.“
  • „Konsumnachfrage soll die Konjunktur anwerfen, und Inflation kann den Schuldenberg abtragen. Der ist sonst kaum zu bewältigen. Die Ökonomen Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff haben gezeigt: Die Gesamtschulden von Staat, Unternehmen und Haushalten in den ­Industrieländern sind mittlerweile so hoch, dass sie sich nicht mehr abbauen lassen durch eine Kombination aus Sparprogrammen, Aufschub und Wirtschaftswachstum. Die notwendige Austerität wäre viel zu harsch.“ bto: Ja, so ist es. Aus einer Pleite kann man sich nicht heraussparen.
  • Für diesen schlägt Adair Turner zudem eine Variante des Helikopters vor. Das Prinzip ist einleuchtend: Die Regierung hat auf ihrer Bilanz Schulden. Die Notenbank hat in ihrer Bilanz ein Guthaben, da sie mit dem QE-Programm Staatsanleihen gekauft hat. Beide Bilanzen sind staatlich. Für die Schulden der Regierung muss der Steuerzahler geradestehen, und das Guthaben der Notenbank ist letztlich Volksvermögen. Schuld und Guthaben heben sich auf, können saldiert werden. Ein Federstrich genügt.“
  • „Aber es geht auch ohne Federstrich. Werden die Staatsanleihen in der Notenbankbilanz in zinslose ewige Anleihen verwandelt, bleiben sie dort liegen und geraten in Vergessenheit. Solches Helikopter-Geld nennt Turner ‚permanente Monetarisierung von Staatsschulden‘. Wem auch das zu alchemistisch ist, der lässt die Bilanzpositionen stehen. Endet die Laufzeit einer Staatsanleihe, zahlt die Regierung das Geld der Notenbank zurück. Dann emittiert sie eine neue Anleihe und verkauft sie wiederum der Notenbank. Deren Bilanz bleibt ewig hoch und dient als Endlager, ohne grosses Aufsehen. Das wäre dann ein Helikopter mit Tarnkappe.“ bto: genau: 5000-jährige Anleihen mit Negativzins! Das wäre doch was.
  • Ein solcher Helikoptereinsatz dürfe nur einmal stattfinden. Er verhelfe zu einem Neustart, einer zweiten Chance, um eine riesige Schuldenkrise zu vermeiden.“ – bto: Und selbst dann ist das Vertrauen in Geld gefährdet!
  • Helikopter-Geld ist also eine Wette, dass die Politik eine einmalige Gelegenheit nutzt und mit einschneidenden Strukturreformen das künftige Wirtschaftswachstum steigert. Lässt aber der Druck der Schulden nach, schwindet erfahrungsgemäss der Reformwille. Einmal ist schliesslich keinmal, und schon ist die Abhängigkeit von wiederkehrenden Helikoptereinsätzen da.“ – bto: In Mesopotamien gab es anfangs alle 30 Jahre einen totalen Reset, später alle drei Jahre …

Der Wetteinsatz ist hoch, Turner selbst warnt vor Hyperinflation wie in der Weimarer Republik oder in Simbabwe. Nichtsdestotrotz ist damit zu rechnen, dass etwa Japan seine rekordhohen Staatsschulden bei der Notenbank im Endlager deponiert.“ – bto: ja. Japan wird es vormachen. SPANNEND!

FINANZ und WIRTSCHAFT: „Helikoptergeld für Inflation“, 16. März 2016

26 Antworten
  1. Dietmar Tischer says:

    >„Helikopter-Geld ist also eine Wette, dass die Politik eine einmalige Gelegenheit nutzt und mit einschneidenden Strukturreformen das künftige Wirtschaftswachstum steigert. Lässt aber der Druck der Schulden nach, schwindet erfahrungsgemäss der Reformwille. Einmal ist schliesslich keinmal, und schon ist die Abhängigkeit von wiederkehrenden Helikoptereinsätzen da.“>

    So ist es.

    Daher sagt Issing nach

    http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/ex-ezb-chefvolkswirt-otmar-issing-warnt-vor-helikoptergeld-14141309.html

    >Die ganze Idee des helicopter money halte ich für besorgniserregend, für geradezu verheerend. Denn das ist ja nichts anderes als eine Bankrotterklärung der Geldpolitik“, sagte Issing der Deutschen Presse-Agentur in Frankfurt. „Eine Notenbank, die Geld verschenkt, wird kaum mehr die Kontrolle über die Notenpresse wiedererlangen können … In der Wissenschaft kann man sich alles Mögliche überlegen, da gibt es kein Tabu. Aber diese Debatte hat ja den öffentlichen Raum erreicht. Ich halte das für eine totale Geistesverwirrung“, kritisierte Issing.>

    Das ist richtig, wobei Issing einmal sagen sollt, was die richtige Geldpolitik ist und welche Konsequenzen sie hätte.

    Die Geistesverwirrung bezüglich der Geldpolitik besteht m. A. n. darin, dass die Geldpolitik der EZB bankrott ist bezüglich ihres selbst gesetzten Ziels, mittels REALEM Wachstums die Zielinflationsrate zu erreichen – und man daher versuchen will, durch Inflationierung des Geldwertes die Schuldenentwertung zu generieren (Draghi: „Interessantes Konzept“)

    Warum nicht, aber dann muss man dies auch SAGEN!

    Der beste Satz in diesem Zusammenhang:

    „Helikopter-Geld hingegen ist nicht elitär, sondern egalitär. Wohlhabende werden nicht bevorzugt, jeder Einwohner erhält den gleichen Zustupf. Die monetäre Expansion landet ohne Umweg bei den Privathaushalten.“

    Wenn Helikoptergeld zum Funktionieren gebracht wird, dann wirkt es natürlich ELITÄR. Denn es „enteignet“ die Geldbesitzer und bevorteilt damit die Sachwertbesitzer.

    Hier wird genauso verlogen begründet wie bei der Abschaffung des Bargelds – Verdummungsstrategien, um Panikmaßnahmen durchzusetzen.

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    • Karl F. says:

      „Wenn Helikoptergeld zum Funktionieren gebracht wird, dann wirkt es natürlich ELITÄR. Denn es „enteignet“ die Geldbesitzer und bevorteilt damit die Sachwertbesitzer.
      Hier wird genauso verlogen begründet wie bei der Abschaffung des Bargelds – Verdummungsstrategien, um Panikmaßnahmen durchzusetzen.“

      Das ist auch meine Meinung. Weiter könnte man fragen, wie die Umsetzung des Helikoptergeldes denn aussehen soll. Einen Betrag an jeden Steuerzahler, volljährigen Bürger, Einwohner oder „nur“ an jeden Haushalt? Einmalig, für 2 Jahre halbjährlich oder doch monatlich?
      Da wollen bestimmt die Politiker klotzen und werden an jeden Einwohner mindestens halbjährlich ausschütten, sonst ist das alles doch bloß ein Strohfeuer und nichts Halbes und nichts Ganzes. Und dann viellicht noch einmal um ein Jahr verlängern, damit die Konjunktur inSchwung kommt. Ironie aus.

      Die Diskussion ist jedenfalls in vollem Gange: http://www.focus.de/finanzen/experten/heise/gefaehrliches-helikoptergeld-ezb-chef-draghis-plan-b-geldgeschenke-fuer-alle-waeren-ein-schlimmer-irrweg_id_5376746.html

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    • Michael Stöcker says:

      Hier muss ich Ihnen widersprechen, Herr Tischer. Issing ist nicht mehr in dem Alter, neue Probleme sachgerecht zu analysieren und adäquate Lösungsstrategien zu entwickeln. Er sollte besser Rosen züchten. Seine Verdienste liegen alle in der Vergangenheit.

      Wir brauchen zudem keine Einmaligkeit, sondern Kontinuität. QE4P ist exakt das richtige Instrument, um in gesättigten Märkten mit marginalen Wachstumsraten ein Inflationsziel von 2 % erreichen zu können. Alle Details sind hier skizziert mit einer fortlaufend aktualisierten Linkliste am Ende: https://zinsfehler.wordpress.com/2015/03/23/die-citoyage-keynesianischer-monetarismus-als-ordnungspolitisches-korrektiv/

      LG Michael Stöcker

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      • Felix Kurt says:

        Schade. Ihre Meinung zu Herrn Issing können Sie haben. Sie aber so hier zu äußern und seine Ansichten plump abzuqualifizieren finde ich überheblich. Kennen Sie ihn persönlich überhaupt? M. E. hat er immer noch einen hervorragenden Intellekt und volkswirtschaftliches sowie geldpolitisches Know-how. Den Erfahrungsschatz von ihm und anderen sollte man – mit kritischer und sachgerechter – Auseinandersetzung nutzen. Wenn das Alter eine Rolle spielt, geben Sie bitte bei allen Ihren Zitaten und Anleihen, welche Sie bemühen, das jeweilige Alter derjenigen zum Zeitpunkt der Äußerung an.

    • Michael Stöcker says:

      Die Geldpolitik ist nur deshalb am Ende, weil sich die Fiskalpolitik verweigert. Und genau aus diesem Grunde benötigt die EZB ein adäquates Instrument, um ihren gesetzlichen Auftrag auch tatsächlich unabhängig ausführen zu können. In diesem Sinne argumentiert auch Eric Lonergan: „This is not fiscal policy as defined by EU law. It involves the monetary base and would be implemented independently of national treasuries and budgetary policies, and would therefore count as monetary policy. This would protect the independence of the ECB and fall within the price stability mandate.” http://www.philosophyofmoney.net/legal-helicopter-drops-in-the-eurozone/

      Die meisten Geldbesitzer werden selbstverständlich nicht „enteignet“, da sie durch QE4P mehr als überkompensiert werden. Und wer darüber hinaus Cashbestände hält, der sollte seine monistische Investstrategie überdenken. Es gibt keinen gesetzlichen Anspruch auf inflations- und inspirationsfreie Bargeldhaltung.

      LG Michael Stöcker

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  2. Stefan Bohle says:

    es gilt weiterhin – und bei Helikoptergeld in verschärftem Maße: alle diese Zentralbankmaßnahmen sind illegitim und umterminieren den Rechtsstaat. Die einseitige Belastung der Inhaber von Geldvermögen ist zudem zutiefst ungerecht.

    Wen soll man den eigentlich noch wählen, wenn sich in dieser existenziell bedeutsamen Frage alle etablierten Parteien wegducken?

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  3. SMS says:

    Wenn das Helikoptergeld demnächst kommen sollte, wäre dann jetzt als Anleger nicht nochmal eine letzte gute Gelegenheit für eine darlehensfinanzierte Investition (mal angenommen man hat was vernünftiges damit vor)?
    Denn wenn das Helikoptergeld zu Hyperinflation führt, dann kann man seine Schulden ja durch Verkauf von Sachwerten sehr billig zurück zahlen. Wenn der Geldwert stabil bleibt, dann hat man im Endeffekt auch nichts verloren.
    Allerdings: in beiden Fällen dürfte die EZB die Zinsen ja nach dem Helikoptereinsatz bald wieder anziehen: entweder – wenn das Experiment schief geht – um die galoppierende Inflation einzudämmen, oder – wenn das Experiment glückt – dann besteht ja eigentlich keine Notwendigkeit mehr für die Nullzinspolitik. Das heißt, man wird sich wohl dann als Privathaushalt nicht mehr so günstig verschulden können wie heute …

    Antworten
    • Michael Stöcker says:

      Die Hyperinflation kommt – wenn überhaupt – erst nach der Spätphase der deflationären Destruktion. Je länger wir zuwarten, desto größer sind die Zerstörungsleistungen bei den bestehenden Strukturen. Dazu eine hoffungslose Jugend, die wir dem Hysterese-Prozess ausliefern. Was wir in WK II nicht geschafft haben, das holen wir nun via Austeritätsdogma und schwarzer Null nach. Wer dann in dieser Phase (When There‘s Blood In The Streets) über Cash verfügt, der wird noch einmal so richtig belohnt.

      Als Privathaushalt verschulden Sie sich selbstverständlich auch weiterhin so günstig/ungünstig. Sie dürfen nur nicht nominal und real in einen Topf werfen.

      LG Michael Stöcker

      Antworten
      • SMS says:

        Hallo Herr Stöcker,

        ich danke Ihnen für Ihre Antwort. Wenn ich Sie richtig verstehe, dann nennen Sie hier ein drittes Szenario, das ich nicht berücksichtigt habe: Das Helikoptergeld kommt, verpufft aber wirkungslos. Dann bleiben wir weiter in der momentanen deflationären Stagnation mit all ihren wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Konsequenzen.

        Ich denke aber schon, dass auch dieses Szenario Auswirkungen hat auf die Konditionen, zu denen ich mich privat verschulden kann. Ich sehe dann wieder folgende Möglichkeiten:
        wir rutschen dann wiederum tiefer in die Deflation, und dann ist es ja von Vorteil Cash zu haben, wie Sie sagen. Andersherum ist dann aber Schulden zu haben nicht unbedingt von Vorteil, da diese dann ja real zunehmend steigen wie auch die Zinsraten, die bedient werden müssen.
        Oder die Notenbanken unternehmen dann weitere Maßnahmen, also zB noch mehr Helikoptergeld (ich nehme an, dass die bisherigen Mittel wie Negativzinsen, QE etc. zu diesem Zeitpunkt dann schon ausgeschöpft sind, also nicht weiter gelockert werden). Damit sind wir dann wieder bei der Ausgangssituation.

        Gefährlich könnte für mich – nach meinem Verständnis – eine Verschuldung also vor allem dann werden, wenn wir weiter in die Deflation rutschen. Aber durch das Helikoptergeld könnte ja theoretisch genau diese Spirale durchbrochen werden.
        Meine Vermutung ist also, dass für mich als verschuldungswilliger Privathaushalt das Helikoptergeld ja eigentlich die erstrebenswerteste Option wäre (nicht zuletzt auch, weil ja aufgrund der aktuellen Null-/Negativzinsen tendenziell schon die Darlehenszinsen erhöht werden, damit die Kreditinstitute ihre EZB-Zinsverluste hier wett machen können) …

        Schöne Grüße
        SMS

      • Michael Stöcker says:

        Ich glaube nicht, dass Helikoptergeld wirkungslos verpufft, da die marginale Konsumneigung insbesondere bei den unteren Einkommen deutlich höher sein dürfte als die Vorsorgewünsche der arrivierten. Beides ist aber ok, da wir keinen Konsum um des Konsums Willen benötigen. Wir können ja auch einfach ein bisschen weniger konsumieren/arbeiten: https://zinsfehler.wordpress.com/2013/10/13/zehn-masnahmen-fur-ein-europa-in-frieden-freiheit-und-wohlstand/#9

        LG Michael Stöcker

  4. Paul Bäumer says:

    -Es ist ein himmelweiter Unterschied, ob man mit den Hubschraubern die Inflation auf 2% normalisieren will, oder eine „Schmerzfreie Problemlösung“ herbeiführen. Ersteres fände ich angemessen, aber dann sind die Schuldenprobleme noch da!

    -Netter Nebeneffekt des Hubschraubergeldes: Die faulen Schulden werden unmittelbar weniger, wenn man es schlau genug anstellt, sodass Gläubiger zuerst Zugriff bekommen. Mittelbar tun sie dies dann auch noch durch höhere Inflation und bessere Konjunktur.

    -Ich halte die Aussicht für immer und ewig keine Zinsen zu bekommen für viel gefährlicher für das Vertrauen ins Geld als den maßvollen Hubschraubereinsatz.
    Bernholz schreibt, dass Pi mal Daumen dann Gefahr droht wenn 40% der Staatsausgaben aus der Notenpresse kommen. Zwischen 0% und „weit weg von 40%“ ist viel Luft. Warum probieren wir es nicht mit einer kleinen Summe und beobachten was passiert, anstatt zu warten bis das deflationäre Umfeld die Demokratie frisst?

    Antworten
  5. Dietmar Tischer says:

    @ Michael Stöcker

    Ich sehe auch nicht, dass Issing angemessene geldpolitische Lösungsstrategien entwickelt – vielleicht gibt es auch gar keine in der Situation, in der wir sind (jedenfalls könnte lange darüber diskutiert werden, was nach Lage der Dinge „angemessen“ sein soll). Seine Kritik mag zu diffus sein. Das heißt aber nicht, dass er falsch liegt.

    >Die Geldpolitik ist nur deshalb am Ende, weil sich die Fiskalpolitik verweigert.>

    Das heißt, dass die Geldpolitik funktionierte, also mit dem Kreditwachstum des Staates die Nachfrage getrieben das Wachstum im PRIVATEN Sektor hinreichend zunehmend würde, um 2% Inflation zu generieren – wenn die Fiskalpolitik expansiver würde.

    Bei hoher Verschuldung und fehlender Wettbewerbsfähigkeit ist das nahezu aussichtslos, abgesehen davon, dass es bei gegebener Staatsverschuldung in der Peripherie der Eurozone kontraproduktiv ist, die Fiskalpolitik über das Maß hinaus auszuweiten, das die GEGENWÄRTIGE Geldpolitik den Staaten erlaubt.

    Ich empfehle, über Ihre Aussage noch einmal nachzudenken.

    Zu Lonergan:

    Er umgeht das Problem, das Turner mit der Staatsfinanzierung hat, nämlich die nach dem Vertragsrecht verbotene Staatsfinanzierung.

    Seine Logik:

    Wer denen negative Zinsen verordnen kann, um 2% Inflationsziel zu erreichen, also Geld „entwendet“, kann denen auch welches „schenken“ – den Privathaushalten. Die sind nicht der Staat.

    Sein Fazit:

    Die EZB habe die PFLICHT, Helikoptergeld einzusetzen, um das Inflationsziel UNABHÄNGIG von der Fiskalpolitik zu erreichen.

    Ich will nicht spekulieren, was mit dem Helikoptergeld geschehen würde. Vermutlich hängt das entscheidend von den Erwartungen ab, die damit – dem Geldgeschenk – verbunden werden. Darüber wissen wir zu wenig, um einfach mal so auf Helikoptergeld umzuschalten.

    Unabhängig davon:

    Artikel 127 Absatz 1 des AEU-Vergtrages sagt: „Soweit dies ohne Beeinträchtigung des Zieles der Preisstabilität möglich ist, unterstützt das ESZB die allgemeine Wirtschaftspolitik in der Union, um zur Verwirklichung der in Artikel 3 des Vertrags über die Europäische Union festgelegten Ziele der Union beizutragen.“ Zu dieser Wirtschaftspolitik gehört u. a. eine in hohem Maße wettbewerbsfähige Wirtschaft, Vollbeschäftigung und sozialer Fortschritt.

    Die EZB unterstützt dieses Ziel der Wirtschaftspolitik nicht, wenn sie mit Helikoptergeld die Wirtschaftspolitik quasi konterkariert. Beispielhaft dafür: Wenn Menschen die wegen des demografischen Wandels absehbar fallenden Renten aus der GRV durch vermehrtes Sparen kompensieren wollen, dann werden sie dies vermutlich mit Helikoptergeld tun. Insoweit ist nicht nur die Geldpolitik wirkungslos, sondern auch eine Wirtschaftspolitik, die das Renteneintrittsalter erhöhen will – sie greift ins Leere.

    In letzter Konsequenz heißt dies:

    Die EZB betreibt nicht nur Geldpolitik – nach dem Mantra von Draghi selbstverständlich im Rahmen ihres Mandats und strickt auf das Inflationsziel gerichtet – und sie unterstützt auch nicht eine institutionell ANDERS bestimmte Wirtschaftspolitik, sondern sie ERSETZT WIRTSCHAFTSPOLITIK indem sie eine solche betreibt.

    Dafür hat sie kein Mandat.

    Und sie soll auch keines dafür haben:

    Die Unabhängigkeit der Geldpolitik ist letztlich nicht vereinbar mit einer durch demokratische Interessenvertretung oder Plebiszit bestimmten Wirtschaftspolitik. Wenn die Bevölkerung bzw. die Politik, die sie legitimiert, keine Wirtschaftspolitik zustande bringt, die Probleme löst, kann nicht eine UNABHÄNGIGE Institution sie lösen wollen.

    Sie könnte damit beauftragt werden – ist dann aber nicht mehr unabhängig.

    Lonergan ist zwar smart (Oxford und LSE), aber offensichtlich nicht smart genug, um dies zu begreifen.

    Zur Diskussion ein Überblick:

    http://bruegel.org/2016/03/helicopter-drops-reloaded/

    Antworten
  6. Dietmar Tischer says:

    @ Michael Stöcker

    Klar, dass Sie alles kennen und schon irgendwo gepostet haben.

    Nur:

    Posten ist nicht argumentieren, hat Ihnen jüngst jemand gesagt.

    Dennoch Dank für den Link zu Summers.

    Ich zitiere ihn:

    “Economic success is about much more than economics. It is about the character of society that we are. It is no accident that Hitler came to power after a hyperinflation and a depression.”

    Ich bin hier völlig d’accord mit Summers:

    Weil wir nicht mehr einen solchen Unfall wie Hitler haben wollen, akzeptieren wir nicht ein Experiment der Geldpolitik, dem das Risiko von irgendwann einmal Hyperinflation nicht abzusprechen ist. Das gilt für Deutschland.

    Für andere Länder der Eurozone mag etwas anderes gelten.

    Vor allem Länder der Peripherie haben gezeigt, dass sie mit Inflation und Abwertung ihrer Währungen leben können. Dann sollen sie ihrem „character of society“ entsprechend dahin zurückkehren.

    Wenn die „Charaktere“ von Gesellschaften nicht zusammenpassen, muss man sich trennen, auch wenn es schmerzlich ist.

    Antworten
    • Michael Stöcker says:

      Ja, posten ist nicht argumentieren, aber aus Gründen der Zeitökonomie oftmals unvermeidlich. Unser Novize im Herdentrieb, auf den Sie anspielen, hatte sich zum Einstieg aber nicht auf eine Diskussion eingelassen, sondern lediglich den allwissenden Weltökonomen raushängen lassen, der dem gemeinen Pöbel die Welt erklären wollte. Der argumentiert noch dann gegen die Wirklichkeit, wenn er von ihr schon überholt wurde.

      Das Risiko der Hyperinflation ist doch eine Frage der Dosis. Um mit Turner zu argumentieren: Eine kleine Dosis hat eine kleine inflationäre Wirkung, eine große Dosis eine große. Bitte erläutern Sie, wie bei 80 EUR pro Kopf und Monat eine Hyperinflation entstehen kann (eine potenzielle Assetinflation kann man durch eine reformierte Erbschaftssteuer bekämpfen).

      Insofern sehe ich die Kausalität anders als Sie: Weil wir nicht mehr einen solchen Unfall wie Hitler in Europa haben wollen, sollten wir neue Wege in der Geldpolitik beschreiten und diese durch eine europäische Volksabstimmung legitimieren (so neu wäre dieses Instrument aber auch nicht, sondern lediglich eine alternative Verbuchung von Staatsschulden in der Bilanz der ZBen; denn auch Staatsschulden werden als ‚vergangenes Nichts‘ nicht zurück gezahlt, sondern stets revolviert). Wer als Land mehrheitlich dagegen votiert, der muss die gemeinsame Währung verlassen und zur Währungsschlange zurückkehren. Ein Realignment sollte dann auf Basis des Inflationsdifferentials sowie von LB-Ungleichgewichten jährlich geprüft werden.

      „Wenn die „Charaktere“ von Gesellschaften nicht zusammenpassen, muss man sich trennen, auch wenn es schmerzlich ist.“ So ist es: https://zinsfehler.wordpress.com/2015/07/02/schaxit-oder-exit/

      LG Michael Stöcker

      Antworten
      • Dietmar Tischer says:

        @ Michael Stöcker

        Ich will die Diskussion vom Herdentrieb nicht hierher tragen, sage Ihnen jedoch, dass Sie es sich zu einfach machen. B. ist zwar Novize (dort), aber kein Anfänger in Sachen Ökonomie. Das heißt nicht, dass er immer Recht hat. Aber seine Beiträge sind diskussionswürdig.

        >Das Risiko der Hyperinflation ist doch eine Frage der Dosis … Bitte erläutern Sie, wie bei 80 EUR pro Kopf und Monat eine Hyperinflation entstehen kann>

        Zwei Antworten:

        1) Bei 80 EUR pro Kopf und Monat kann vermutlich keine Hyperinflation entstehen, jedenfalls sehe ich nicht, wie sie entstehen könnte bei dieser Summe.

        2) Wer SO wie Sie argumentiert, hat das PROBLEM und damit das Risiko nicht verstanden.

        Das Problem liegt in der UNABHÄNGIGKEIT der EZB, die Lonergan und offensichtlich auch Sie als VORAUSSETZUNG für Helikoptergeld fordern.

        Wer GARANTIERT denn, dass es bei 80 EUR pro Kopf und Monat bleibt, wenn die EZB unabhängig ist?

        NIEMAND.

        Die EZB wäre eine „Diktatur des Geldes“, in der ausschließlich das Direktorium – ein Politkomitee – bestimmt, ob es heute 80 und morgen 800 EUR pro Kopf und Monat sind, die aus dem Helikopter „abgeworfen“ werden.

        Eine Diskussion darüber, welcher Betrag keine Hyperinflation entstehen lässt, das Problem also auf ein rein „technisches“ REDUZIERT, blendet diesen Aspekt aus.

        Daran würde auch nichts ändern, wenn eine europäische Volksabstimmung eine solche Unabhängigkeit der EZB wollte. Sie wollte eine „Diktatur des Geldes“.

        Um es mit letzter Konsequenz zu benennen:

        Eine derartige Volksabstimmung würde, – wenn auch unbeabsichtigt – mindestens potenziell einem neuen Hitler den Weg bereiten.

      • Michael Stöcker says:

        Gerade weil B. kein Anfänger ist, glaubt er im Besitz der Wahrheit zu sein.

        „Wer GARANTIERT denn, dass es bei 80 EUR pro Kopf und Monat bleibt, wenn die EZB unabhängig ist?“

        Über die Höhe sollte eine Konzertierte Aktion auf Antrag der ZB im Rahmen ihres Mandats entscheiden. Über diesen Vorschlag stimmen alsdann die Bürger von Euroland im Rahmen eines Volksentscheids ab. Wieso hierdurch eine Diktatur des Geldes entstehen sollte, erschließt sich mir nicht. Im Gegenteil: Das Geldsystem wird wieder demokratisch verankert und der Missbrauch durch den parasitären Finanzsektor partiell korrigiert.

        Eine solche Vorgehensweise nimmt zudem die kritischen Anmerkungen von Jens Weidmann ernst: http://www.bundesbank.de/Redaktion/DE/Interviews/2016_03_19_weidmann_funke_mediengruppe.html?startpageId=Startseite-DE&startpageAreaId=Teaserbereich&startpageLinkName=2016_03_19_weidmann_funke_mediengruppe+366062. Denn wie schon mehrfach von mir vorgetragen: It takes two to tango. Der deutsche medial inszenierte Widerstand erfolgt ohne inhaltliche Auseinandersetzung. Wo bleibt die sachliche Debatte? Hans Christoph Binswanger sollte Pflichtlektüre für alle Kritiker werden.

        LG Michael Stöcker

  7. Dieter Krause says:

    Alle Politik in Deutschland (und Europa) endet immer irgendwie bei Hitler oder? Geht es vielleicht mal ein Nummer kleiner? – Warum schaut man sich nicht einfach mal die jetzigen EZB-Null-Zins-Gewinner an – und vergleicht sie mit den möglichen Gewinnern bei Helicopter-Money? Da sehe ich eindeutig mehr Gewinner – also ist das das demokratischere Konzept, das zudem auch die Nachfrage in viel stärkerem Maße (und damit auch ein bisschen die Inflation) ankurbeln würde! Im übrigen haben wir in zehn Jahren alle unser eigenes Zentralbankkonto, wo das Geld der EZB dann gleich per Mausklick rübergeschoben werden könnte – ab der Geburt übrigens!

    Antworten

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