Hat die Schweiz die Glocke geläutet? Ein Ende der most crowded trades?

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Was für ein Start in das neue Jahr! Turbulent ist sicherlich noch eine untertriebene Aussage. Die Realwirtschaft stagniert und die Notenbanken inszenieren einen globalen Währungskrieg. Das Ziehen der Notbremse durch die Schweizer Notenbank (SNB) ist da nur eines der deutlichen Signale. Begonnen hat das Ganze mit dem Votum des Generalanwalts am Europäischen Gerichtshof, mit dem die letzte Hürde – so es überhaupt eine war! – für ein aggressives QE durch die EZB gefallen ist. QE wird kommen, obwohl es nichts bringt und nur schadet. Aber es geht ja auch nicht um die Realwirtschaft sondern nur um eine Schuldensozialisation durch die Hintertür.

Dabei ist es interessant, einen Blick auf die Folgen des Brüsselers Verdikts zu richten. Ambrose Evans-Pritchard springt gar den Deutschen bei und sieht es als eine Gefährdung für die Demokratie in Europa. Das Gericht würde sich über die gewählten Instanzen hinwegsetzen. Das deutsche Verfassungsgericht ist für ihn die letzte Bastion, die noch auf eine demokratische Legitimation der europäischen Handlungen drängt und eben klar macht, dass es Verträge souveräner Staaten sind, die Europa bilden und letztere deshalb oberhalb des Konstrukts der EU stehen. So sehr er mit der Politik der EZB sympathisiert (was Lesern von bto wohlbekannt ist), so sehr sieht er es als erhebliches Risiko für die Zukunft Europas:

The Telegraph: Europe’s imperial court is a threat to all our democracies, 14. Januar 2015

Vermutlich hat die SNB erkannt, dass sie angesichts des monetären „Blitzes“ vor dem wir stehen, keine Chance hat, den Schweizer Franken und die Wirtschaft zu verteidigen. Dieser Entscheid hat übrigens nicht nur die großen Spekulanten auf dem falschen Fuss erwischt, sondern auch private Schuldner in Polen, Österreich und Ungarn. Mir selbst ist es zwar schleierhaft, wieso jemand so dumm ist, sich in einer Währung zu verschulden, die er nicht selber verdient. Aber diesen Fehler machen ja auch ganze Volkswirtschaften, wie wir zur Zeit in Asien sehen können.

Zerohedge: What The Soaring Swiss Franc Means For Hungarian And Polish Mortgages, 16. Januar 2015

Wenige Tage vor dem Entscheid, die Bindung des Frankens aufzugeben, wurden immerhin schon neue Zahlen zum Umfang des QE der EZB genannt. Die Royal Bank of Scotland kommt auf einen Betrag von 2,3 Billionen Euro an QE – weitaus mehr als die bisher genannten 500 bis 1000 Milliarden Euro. Nur so ließe sich die Gefahr einer Deflation noch abwenden. Mit Blick auf die Idee, dass jede Notenbank im EZB-Verbund jeweils nur Wertpapiere (bto: eigentlich ein nicht das passende Wort für das, was da gekauft wird…) des eigenen Landes kauft, stellen die Experten fest, dass der Ausgleich zwischen den Ländern dann in den sogenannten Target II Forderungen niederschlagen wird, was den Austritt eines Landes – gemeint ist Italien, ohne es zu nennen – immer attraktiver, weil leichter macht. Man zahlt diese Forderungen einfach nicht zurück. Auch hierzu hat Ambrose Evans-Pritchard sich geäußert:

The Telegraph: RBS bets ECB blitz to reach €4.5 trillion and reignite asset boom, 11. Januar 2015

Und für alle, die wie ich Originalquellen schätzen, hier die Studie der RBS:

→ Rates_European Weekly_12 January 2015

All dies hat zur Folge, dass alle Prognosen der Kapitalmarktexperten schon vor Ende Januar nur noch Makulatur sind. Dabei gab es einige Warnungen. Zum einen die Feststellung, dass es immer dann, wenn alle einer Meinung sind, nicht mehr die richtige Meinung sein kann. Die FT greift dieses Thema unter dem Schock der Franken-Entscheidung auf und kommt zu dem Schluss, dass die Positionen, die alle halten, vor allem in Januar und Februar gefährdet sind wenn alle sich für das neue Jahr positionieren. Die „most crowded trades“ sind demnach die Erwartung eines Aufschwungs in den USA: Kauf von US-Dollar und US-Aktien und Verkauf von Anleihen wegen der erwarteten Zinserhöhung. Nun zeigen aber stagnierende Löhne, fallende Einzelhandelsumsätze und das immer weiter fallende Öl, dass diese Erwartung auch falsch sein kann. Vielmehr mehren sich die Anzeichen, dass auch die USA sich einer globalen, deflationären Entwicklung nicht entziehen können. Die Aktienmärkte sehen diese Gefahr durchaus, sind doch vor allem die risikoärmeren Titel gestiegen. Die FT warnt: sollten die Unternehmensergebnisse enttäuschen und die EZB nicht massiv genug drucken, könnten alle zur selben Tür hinaus wollen.

FT (Anmeldung erforderlich): High risk of crowded trade unravelling, 16. Januar 2015

Dabei ist die FT nicht alleine. Schon vor einigen Tagen warnte Zerohedge vor diesen Trades. Zwar hat der Dollar in den Turbulenzen um den Franken gegenüber dem Euro nochmals deutlich gewonnen, was die Spekulation befeuert. Daraus aber zu schließen, dass es ab jetzt eine Einbahnstraße ist und der Dollar nur noch steigt und der Euro nur noch fällt, dürfte sich als falsch herausstellen.

Zerohedge: These Are The Two Most Crowded Trades As We Enter 2015, 10. Januar 2015

An der Börse wird bekanntlich nicht zum Einstieg (oder Ausstieg!) geläutet. Vielleicht hat es die SNB diesmal getan.

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