Griechenland ‒ Heute nur weiterer Höhepunkt des Theaters

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Heute soll es also ernst werden in der griechischen Schuldenkrise. Fassen wir doch noch mal kurz zusammen:

  1.  Griechenland wurde nicht mit den neuen Schulden gerettet, sondern die Kredit gebenden Banken. Bei der Entscheidung des IWF haben die Schwellenländer und die Schweiz dagegen gestimmt. Eben, weil es um die Rettung des Euros, nicht Griechenlands ging.
  2. Von den Mitteln, die seither geflossen sind, wurden nur rund elf Prozent für neue Staatsausgaben verwendet. Der Rest diente dazu, mehrheitlich private Gläubiger zu bedienen.
  3. Der dann eingeleitete Sparkurs hat die griechische Wirtschaft kollabieren lassen. Wobei es natürlich stimmt, dass der Anstieg davor durch die Schulden künstlich aufgebläht war.

    Die Abbildung zeigt auch sehr schön, wie sehr sich die Geldgeber getäuscht haben mit ihren Erwartungen …

  4. Die Belastung Griechenlands durch diese Schulden ist schon jetzt minimal, da tiefe Zinsen und keine Tilgung.
  5. Dennoch wirkt es optisch als eine hohe Belastung, die Investitionen hemmt.
  6. Die Linksregierung weigerte sich, den Primärüberschuss ‒ also Haushaltssaldo vor Zinszahlungen ‒ in Richtung fünf Prozent zu treiben, mit Blick auf die negative Wirkung für die Wirtschaft. Zu Recht. Denn man kann sich nicht aus der Pleite heraus sparen.
  7. Dies wollten die Kreditgeber nicht akzeptieren. Der Streit führte zu einem Einbruch der griechischen Wirtschaft, was das Sparziel noch unmöglicher macht und zu einer massiven Kapitalflucht.
  8. Diese Kapitalflucht wurde und wird von der EZB bezahlt. Diese gibt insolventen Banken, gegen faule Sicherheiten, Kredit zu Nullzins. Dies schlägt sich zugleich in enorm steigenden Target-II-Forderungen der Bundesbank nieder. Den Kredit geben also vor allem wir Deutsche. Am Freitag hat die EZB den Rahmen für die Kredite erneut erhöht. Ob das noch wirklich im Rahmen ihres Mandates ist? Wohl kaum. Hätte sie es aber nicht getan, so hätte sie faktisch die Pleite herbeigeführt. Ein Entscheid, den sie nicht treffen darf. ABER: Mit der weiteren Liquiditätsspritze verschlechtert sie die Verhandlungsposition der Gläubiger. Hier dazu die Fakten (übernommen aus Zero Hedge): zunächst die Zahlen zur Flucht in Bargeld:Und dann noch die von der Bundesbank finanzierte Kapitalflucht via Target-II-Forderungen. Das sieht zunächst nicht dramatisch aus. Spanien hat viel größere Verbindlichkeiten absolut, aber relativ zur Größe der Volkswirtschaft ist Griechenland beeindruckend:
  9. Die Gläubiger inklusive des eigentlich sehr großzügigen Jean Claude Juncker „verstehen“ das Verhalten der Griechen nicht. Sie erwarten ein Einlenken. Ich denke eher: Die Gläubiger verstehen selber nicht, was sie getan haben. Sie haben ein Stück namens „Eurorettung“ aufgeführt und große Beträge mobilisiert in der Hoffnung, ein Wunder würde geschehen und zum ersten Mal in der Weltgeschichte könnte eine Pleite durch Sparen bereinigt werden. Dies geht aber nicht. Ein Blick auf die Exportwirtschaft Griechenlands genügt, um das zu verstehen. Die haben nichts für den Export.
  10. Die griechische Regierung hat im Unterschied zu den Gläubigern nichts zu verlieren. Zur Finanzierung des laufenden Haushaltes werden fast keine Schulden mehr gebraucht. Wenn sie die Zahlungen einseitig einstellen, vor allem wenn sie dies nur den staatlichen Gläubigern, also den anderen Euroländern, dem IWF und der EZB gegenüber tun, passiert erst einmal gar nichts. Es gibt keine Grundlage, Griechenland aus dem Euro zu werfen. Griechenland kann also einfach einseitig das machen, was sie die ganze Zeit fordern.
  11. So kann man sich eigentlich nur wundern: Warum hat die neue Regierung in Athen nicht gleich die Pleite erklärt und stattdessen die monatelangen Verhandlungen geführt? Vermutlich, weil ein noch besserer Deal der Schuldenschnitt mit zusätzlichen Mitteln ist. Nur diese zusätzlichen Mittel verliert Griechenland, wenn es einseitig die Pleite erklärt.
  12. Was wird passieren? Die Pleite ist in der Tat nicht mehr so unwahrscheinlich. Andererseits: Selbst wenn Griechenland jetzt ein paar Raten nicht bezahlt, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass es am Ende doch einen Kompromiss gibt. Wieso? Ganz einfach, weil sonst die deutsche Regierung offen zugeben müsste, 80 Milliarden plus x verloren zu haben. Diese Wahrheit darf nicht in die breite Öffentlichkeit. Die Folgen sind dabei klar. Egal, ob Einigung heute oder in ein paar Monaten. Die Kosten für uns steigen immer weiter.
 Der Telegraph vergleicht derweilen die Stimmung in Griechenland mit den letzten Tagen von Pompeji und Ambrose Evans-Pritchard hat eine recht drastische Sicht:
  • Die Gläubiger sehen die Alleinschuld bei der griechischen Regierung und vergessen, dass sie für die schlechte Entwicklung in den letzten fünf Jahren mitverantwortlich sind.
  • Die EZB vertritt die Politik der Gläubiger und führt über die Äußerungen der Bank of Greece zu einem Run auf die Banken. ‒ bto: Das finde ich eine echt interessante Argumentation, denn es ist wohl nicht im Interesse der EZB, dass die Kapitalflucht stattfindet. Ich sehe es ganz anders.
  • Er geht noch weiter und zeigt weitere Beispiele, wo die EZB ihr Mandat überschritten und Politik für die Gläubiger gemacht hat. So mit Reformforderungen an Portugal, Spanien und Italien. Im Falle Italiens hat sie gar zum Sturz Berlusconis beigetragen, weil sie die Anleihenmärkte nicht stützte und die Zinsen nach oben gingen. ‒ bto: Das hat sicherlich etwas. So gesehen ist die EZB auf einem gefährlichen Kurs. Die Nordländer bedauern Tiefzins und Sparerenteignung, die Südländer politische Einmischung. Kann nicht gut gehen auf Dauer.
  • Der IWF fällt in die gleiche Kategorie: Entgegen besseren Wissens besteht der Fond auf der Bedienung der Schulden und verschärft den Druck, indem er bei Zahlungsverzug sofort eine Pleite Griechenlands verkünden will und nicht, wie sonst üblich, eine Karenzfrist von vier Wochen gewährt.
  • Die Griechen haben sehr wohl massive Sparleistungen erbracht und damit die Wirtschaft in die Knie gezwungen. Er zeigt dazu den konjunkturbereinigten Primärhaushalt, welcher einen enormen Überschuss aufweist. (Natürlich ist er unbereinigt nicht mehr positiv nach dem aktuellen Einbruch der Wirtschaft).

  • Die Vorschläge der Griechen sind sinnvoll: unter anderem eine Umschuldung der fälligen Anleihen bei der EZB gegen solche aus dem europäischen Rettungsfonds mit längeren Laufzeiten und tieferen Zinsen.
  • Die Reformen, die die Gläubiger fordern, bringen der griechischen Wirtschaft wenig. Syriza hätte dabei bessere Ideen, die wirklich die langfristige Wettbewerbsfähigkeit stärken. Die Gläubiger hingegen setzten auf Symbolpolitik, wie den Verkauf von Vermögen, die dann zu viel zu tiefen Preisen bei den griechischen Oligarchen landen.
  • Den Gläubigern ging es nicht um Griechenland, sondern nur darum, möglichst viel von ihrem Geld zurück zu bekommen. Was nicht funktionieren wird. Vor allem stört AEP der viel zu formalistische Ansatz, den er darauf zurückführt, dass vor allem Juristen die Verhandlungen führen.
  • Sein Fazit: Wie die CIA in den 1950er-Jahren in Guatemala legt die EU hier die Grundlage für eine (linke) Revolution der Jugend.

→ The Telegraph: Greek debt crisis is the Iraq War of finance 19. Juni 2015

Eine sehr lesenswerte Analyse der Exportwirtschaft Griechenlands zeigt, wie illusorisch es ist, dass Griechenland sich aus der Krise exportiert. Ich habe bereits darauf hingewiesen, dass Griechenland wenig innovativ ist und zudem das intellektuelle Potenzial auswandert. Die FINANZ und WIRTSCHAFT blickt tiefer mit einigen guten Darstellungen.

Erste Erkenntnis: Griechenland exportiert wenig:

„Griechenland hat tatsächlich neben vielen anderen Problemen ein Exportproblem. Das Land ist sozusagen eine kleine, geschlossene Wirtschaft. Das zeigt der Vergleich der Exportquote mit anderen EU- und OECD-Staaten. Im Durchschnitt über die Jahre 1995 bis 2012 machten die Exporte in Griechenland nur 22% des Bruttoinlandprodukts (BIP)  aus. Ähnlich grosse Volkswirtschaften wie Irland oder die Tschechische Republik weisen einen Exportanteil von über 50% aus. In der Schweiz beträgt die Exportquote 73%. In der Grafik rechts von Griechenland befinden sich nur grosse Ökonomien wie Australien, Japan oder die USA, wo der Aussenhandel wegen der Grösse des eigenen Marktes eine geringere Rolle spielt.“

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Quelle: Böwer et. al., Europäische Kommission

Zweite Erkenntnis: Griechenland exportiert wenig differenzierte Waren. Ich würde sagen: billig zu sein, genügt nicht in Europa. Schon gar nicht, wenn man einen so hohen Lebensstandard haben will. Die FuW: „Rund zwei Drittel der Exporte sind einfache Produkte wie Mineralstoffe, Agrargüter und Metalle. Das ist sonst eher der Exportmix eines Entwicklungslandes. Nicht von ungefähr landet Hellas im Economic Complexity Index weit abgeschlagen auf Rang 49, hinter dem Libanon, Panama oder den Philippinen. Um die griechische Exportwirtschaft aufblühen zu lassen, wird es nicht reichen, ein paar neue Ferienresorts hinzustellen und noch mehr Olivenöl und Früchte zu exportieren.“

„Bei den Güterexporten sind raffinierte Erdölprodukte mit einem Gewicht von 35% am wichtigsten. Zusammen belaufen sich die Ausfuhren von mineralischen Produkten auf 12,9 Mrd. $, was 38% der gesamten Güterexporte entspricht. Die OEC-Grafik illustriert die enorme Bedeutung der Ölexporte (dunkelbraune Fläche). Erdöl (unraffiniert) macht übrigens auch bei den Importen den Löwenanteil aus. Die hohe Konzentration des Aussenhandels auf den Erdölbereich ist für ein Land ohne nennenswerte Ölförderung im internationalen Vergleich auffällig: Die Exportwirtschaft Italiens oder Spaniens ist viel besser diversifiziert – der Anteil mineralischer Produkte beträgt dort weniger als 10%.“

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Quelle: Observatory of Economic Complexity (OEC)

Auffällig klein im internationalen Vergleich ist auch der Anteil industriell gefertigter höherwertiger Produkte wie Maschinen oder Transportmittel. Während Spanien zum Beispiel pro Jahr Autos im Wert von 24 Mrd. $ (8,8% der Gesamtausfuhren) exportiert und Italien Maschinen für 125 Mrd. $ (ein Viertel des Totals), hat die blaue Fläche in Griechenland mit einem mickrigen Volumen von 2,2 Mrd. $ ein geringes Gewicht von 7% des Exportkuchens. Knapp 1 Mrd. $ verdient Hellas mit dem Verkauf von Transportmitteln. Das sind in erster Linie Passagierschiffe.“

„Fasst man alle Früchte und Gemüse, tierische Produkte, Olivenöl und andere verarbeitete Lebensmittel zusammen, kommen die Nahrungsmittel im weiteren Sinne auf 6 Mrd. $ pro Jahr, was knapp einem Fünftel der Gesamtexporte entspricht. Mit der Ausfuhr von Olivenöl verdient Griechenland knapp 500 Mio. $, das ist etwas mehr als 1% der Exporteinnahmen. Mehr wäre wohl möglich (Italien verkauft Olivenöl für 1,6 Mrd. $), aber eine tragende Säule der griechischen Wirtschaft wird das Olivengeschäft auch mit den grössten Anstrengungen nicht werden.“

bto: Dies alles war schon vor der Aufnahme Griechenlands in den Euroraum bekannt. Dennoch hat man sie aufgenommen und heute zahlen wir alle ‒ auch die Griechen ‒ einen hohen Preis dafür.

→ FINANZ und WIRTSCHAFT: Griechenland muss mehr exportieren – aber was? 18. Juni 2015

4 Antworten
  1. HHE says:

    „Eine sehr lesenswerte Analyse der Exportwirtschaft Griechenlands zeigt, wie illusorisch es ist, dass Griechenland sich aus der Krise exportiert.“
    Mir scheint, dass die Tatsache, dass die Frachttransporteinnahmen der Reeder zum großenTeil über ausländische Banken laufen und daher nicht zum griechischen Export zählen, weithin unbekannt ist. Eine wesentliche Verzerrung der Verhältnisse, worüber die griechische Zentralbank schweigt.
    Quelle: http://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2015/06/21/der-grexit-als-erster-akt-der-finalen-zerstoerung-der-eu/

    Antworten
  2. Marcel Rose says:

    @ HHE: Danke für den Hinweis. Wollte ich an anderer Stelle auch schon posten (insbesondere einen Link von Heiner Flassbeck dazu, der Wochen vorher schon diese Nachricht gebracht hatte).

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  3. OK says:

    Aber hat denn ein Reeder überhaupt einen „Exportvorteil“ aus einer Weichwährung? In dem Geschäft entstehen die Kosten ja häufig auf Fremdwährungsbasis. Ihre laufenden Schulden lauten ja auf Euro oder USD, der Treibstoff wird sicher am Dollar hängen, und zumindest der qualifizierte Teil der Besatzung (skandinavische oder russische Offiziere z.B.) wird sich wohl eher nicht in Neo-Drachmen bezahlen lassen.

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  4. Gregor_H says:

    Ausgehend vom Link des Lesers HHE empfehle ich die ausführliche Lektüre:
    http://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/wp-content/uploads/2015/06/Kurzzusammenfassung-Die-griechische-Trag%C3%B6die-und-ihre-L%C3%B6sung1052015-3.pdf
    Wenn das dort geschilderte nur halbwegs stimmt, dann befindet sich Griechenland aber auch der Rest €uropas wirklich mitten in einer Tragödie.
    Herr Stelter, es wäre wert, diesem Artikel und seinem Autor auf den Zahn zu fühlen!
    Beste Grüße

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