Gregor Gysi in der Analyse stark – in den Schlussfolgerungen schwammig

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Ich muss gestehen, dass ich trotz grundlegend anderer politischer Einstellung Gregor Gysi immer wieder für den schärfsten und klarsten Denker in der deutschen Politik halte. Wäre es doch schön, wir könnten seine analytische Fähigkeit (oder die Offenheit, entsprechenden Experten zuzuhören?) mit einem liberalen Ansatz verknüpfen, der die richtigen Lösungen umsetzt. Doch wo ist der Politiker?

Egal. Am letzten Mittwoch habe ich ein Interview mit Gregor Gysi im Deutschlandfunk gehört und finde, es lohnt sich, mit der Analyse als Montagsbeitrag in die Woche zu starten. Die Highlights:

  • Zunächst freut sich Gysi über die belgische Blockade von CETA, das er als Vorläufer von TTIP sieht und begründet dies so: „Da sind jetzt zwar bessere Erklärungen drin, aber zum Beispiel Frau Däubler-Gmelin und ihr Mann haben ja festgestellt, dass die rechtlich überhaupt nicht verbindlich sind. Das heißt, dass die Garantien, die meint, Herr Gabriel jetzt erreicht zu haben, juristisch überhaupt nicht standfest sind. (…) TTIP und auch CETA wird doch über die Köpfe der Leute hinweg verhandelt. Die Information war völlig unzureichend.“ bto: Ich selbst sehe die Freihandelsabkommen eigentlich grundsätzlich positiv, obwohl auch mir die eine oder andere Regelung Bauschmerzen bereiten. Gerade die fehlende Transparenz passt nicht mehr in die heutige Zeit. Doch ist das CETA-Thema nicht der Grund, weshalb ich Gysi verlinke. 
  • Dann geht es um die EU: „Wir haben doch eine Situation in Europa, dass viele Mehrheiten der Bevölkerung heute die EU gar nicht mehr wollen. Ich kritisiere die EU auch scharf, sage, sie ist unsozial, undemokratisch, ökologisch nicht nachhaltig, bürokratisch, und vor allen Dingen auch intransparent.“ bto: Da kann man sich überwiegend anschließen.
  • Als der Entwurf der Verfassung abgelehnt wurde von der Mehrheit der Bevölkerung in Frankreich und in Holland, hätte man sich ja überlegen können, wie man den Entwurf so ändert, dass die Mehrheit der Bevölkerung sie akzeptiert. Hat man nicht. Man hat getrickst. (…) Das merken sich die Leute!“ bto: und ob.
  • Was glauben Sie, wie die Stimmung in Spanien und vor allen Dingen in Portugal ist? Ich kenne den Vorsitzenden einer Partei, der war immer pro-europäisch, und der sagt mir jetzt, er kann es nicht mehr sein. Die Leute wollen es nicht mehr!“
  • Wir brauchen einen Neustart und wir müssen endlich die Bevölkerung mitnehmen.“ bto: Und jetzt wird es spannend, denn wie soll denn der Neustart aussehen?
  • „(…) schon bei der Einführung des Euro ist es falsch gelaufen. Aber nicht, dass ich sage, jetzt raus, aber damals habe ich gesagt, nicht rein, erst eine politische Union. Es hätte Steuerstandards geben müssen, Sozialstandards, also Mindeststandards geben müssen auf allen Ebenen. Du kannst doch nicht einen Binnenmarkt eröffnen mit einer Binnenwährung und sagen, jeder soll machen, was er will.“ bto: richtig. Allerdings hätten wir vor allem den Schuldenboom in den Ländern, angefeuert von tiefen Zinsen und einem Scheinboom, verhindern müssen. Ein Punkt den Gysi völlig übersieht.
  • „Und unsere Vorstellung, dass wir nur den Nutzen aus dem Euro ziehen, aber nicht dafür haften, das geht doch auch nicht. Es funktioniert doch einfach nicht.“ bto: Hier wäre es schön gewesen, wenn er was man von einem Linkenpolitiker hätte erwarten können klargemacht hätte, dass eben nicht wir alle vom Euro profitieren, sondern nur die Exportunternehmen, deren Eigentümer und zum Teil deren Mitarbeiter. Es gibt keinen gesamtwirtschaftlichen Nutzen für alle, wie ich an anderer Stelle erläutert habe. Hier nochmals der Link: → „Zehn Gründe, warum wir die Verlierer des Euro sind“
  • Ich bin auch für einen Schuldenschnitt, aber nicht nur für Griechenland, sondern wir brauchen eine Konferenz wie 1952 in London da sind uns übrigens die Schulden erlassen worden , wo wir sagen, was können wir bezahlen, was nicht. Ich weiß, da sind auch Schulden an ausländische Banken, alles gar nicht so einfach, muss man vorbereiten. Aber das muss dann auch für Deutschland gelten, auch für andere Länder, dass wir sagen, bestimmte Schulden werden gestrichen. Deshalb spreche ich immer von einem Neustart.“ bto: Bekanntlich bin ich für eine gesamteuropäische Schuldenrestrukturierung. Dies umfasst aber private und öffentliche Schulden, gerne auch mit Unterstützung der EZB. Was Gysi also fordert, finde ich die beste Lösung. ABER Gysi sagt nicht, wie er den Schaden verteilen will und er sagt nicht, wie groß der Schaden ist! Nehmen wir meine Schätzung von drei bis fünf Billionen Euro an zu vielen Schulden in der Eurozone, kann man das nicht schmerzfrei gestalten. Also richtige Analyse und auch Forderung, aber bewusst schwammig, damit die Zuhörer nicht ahnen, dass es auch sie treffen wird. Meine Lösung habe ich an vielen Stellen beschrieben, so hier in der Süddeutschen Zeitung: → Kommentar in der SZ: „Ohne Verluste geht es nicht“
  • Daraufhin der Journalist: „Sie sagen, Schulden streichen. Das hört sich ja ganz gut an. (…) Hört sich gut an, wie bei Monopoly könnte man das dann einfach wieder neu starten, annullieren und so weiter. Aber sagen Sie das auch den deutschen Steuerzahlern, den deutschen Wählern, dann müsst ihr dafür aufkommen? bto: gute Frage. Er hätte auch nach den Dimensionen fragen sollen!
  • Gysi weicht aus: „Wir müssen ja auch bei uns Schulden streichen. Es muss schon ausgeglichen sein. Deshalb bin ich ja für eine Schuldenkonferenz. (…). Da müssen sich Fachleute zusammensetzen, die wirklich was davon verstehen und das auch wollen, und dann sagen: Folgende Schulden können wir streichen für die gesamte Eurozone.“ bto: alles richtig. Doch um wieviel geht es und wer bezahlt am Ende? Denn einer muss bezahlen.
  • Nachfrage: „Warum ist das denn in Ordnung, dass wir bezahlen für die Fehler anderer?“
  • Gysi: „Wir sind Exportweltmeister. Wir brauchen als Exportweltmeister Defizitländer, Länder, die weniger herstellen und deshalb bei uns einkaufen müssen. Dazu gehört auch Griechenland. Und dann werfen wir ihnen Schulden vor.“ bto: Das stimmt bekanntlich, allerdings ist es zu einfach. Wir müssten unser Geschäftsmodell ändern (fordert Gysi nicht) und wir haben durchaus eine Verteilungsfrage zu klären, die Gysi ausblendet. Hier nochmals, weshalb unsere Exportfixierung fatal ist: → „Deutschland wirtschaftet wie die Eichhörnchen“
  • „Außerdem dürfen wir eins nicht vergessen: Wir haben die Banken mit dereguliert. Die Banken haben weltweit spekuliert. Ich finde den Begriff Staatsschuldenkrise völlig falsch, denn diese Krise kam ja nur zustande, weil die Staaten die Banken gerettet haben.“ bto: naja. Also, wir haben es mit einer Privatschuldenkrise zu tun, einer daraus resultierenden Bankenkrise und bei einigen Staaten (Italien, Griechenland) mit einer Staatsschuldenkrise, die nichts mit den anderen Krisen zu tun hat. Richtig ist, dass die Politik mit der Deregulierung bewusst Kredite fördern wollte, um die Wirtschaft zu stimulieren. Deshalb ist es auch kein Versagen der Marktwirtschaft, sondern der Regulierung. Könnten Banken normal Pleite machen und wäre das Risiko immer klar gewesen, wäre es gar nicht so weit gekommen.
  • „(…) der Auftrag für Draghi ist zu eng. Er hat ja nur den Auftrag Geldwertstabilität. Warum nicht auch Wachstum, warum nicht auch Beschäftigung, warum nicht auch sozialer Ausgleich und nicht Ausgleich zwischen den Staaten?“ bto: Das bedeutet im Klartext die Finanzierung der Politik dauerhaft über die Notenpresse, was auch Varoufakis fordert. Das ist die linke Agenda für Europa: → „Varoufakis und Piketty ‒ die linke Lösung für Europa“
  • Dann muss sie (die EZB) natürlich auch demokratisch kontrolliert werden. Anders geht es natürlich nicht. Im Augenblick ist sie ja unabhängig und die Aufsichtsbehörde sitzt auch bei ihr. Das ist nun ganz grotesk, das geht überhaupt gar nicht. Eine Aufsichtsbehörde muss wiederum völlig unabhängig davon sein und auch ganz woanders sitzen.“ bto: Mit der demokratischen Kontrolle meint Gysi Zugriff auf die Notenpresse, was erfahrungsgemäß in der völligen Zerrüttung der Währung endet. Mit der Aufsicht hat er recht.
  • „(…) es ist auch falsch, dass wir den privaten Banken Geld geben, damit die es dann wieder teurer an die Staaten weiterreichen, sodass sie wieder mehr bezahlen müssen. Aber wir haben ja verboten, dass die Europäische Zentralbank direkt den Staaten Geld gibt. Das wäre viel sinnvoller in diesem Falle, weil man dann zum Beispiel eine Zinseinsparung hätte für die Staaten.“ bto: Er fordert aber kein Ende des Geldsystems, wie zum Beispiel Vollgeld. Er will bei dem bestehenden System bleiben und nur den Zugriff. Auch hier sagt er nicht, wie die Kosten verteilt werden.
  • Und wissen Sie, was das eigentlich Schlimme ist? Du kannst eine vernünftige Oppositionspolitik machen gegen eine aus Deiner Sicht falsche Regierungspolitik. Wenn eine Regierung aber überfordert wirkt, wie macht man Opposition gegen Überforderung? Da könnte man sich nur hinstellen und sagen, ich wäre es nicht, und das glaubt Dir keiner.“ bto: Brauche ich wohl nicht zu kommentieren.

Deutschlandfunk.de: „Viele wollen Europa nicht mehr“, 26. Oktober 2016

18 Antworten
  1. Dietmar Tischer says:

    > … ich trotz grundlegend anderer politischer Einstellung Gregor Gysi immer wieder für den schärfsten und klarsten Denker in der deutschen Politik halte. Wäre es doch schön, wir könnten seine analytische Fähigkeit …>

    Ich bitte Sie.

    Gysi ist der begabteste DEMAGOGE in der deutschen Politik (was eine gewisse Intelligenz unterstellt).

    Jeder Ihrer Anmerkungen zeigt, dass er die Dinge nicht zu Ende denkt.

    Würde er es tun, müsste er seiner linken Klientel darlegen, dass jede vernünftige Lösung, insbesondere ein umfassender Schuldenschnitt bzw. die Restrukturierung der Schulden TEUER für sie wird. Einfach zu sagen „Es muss schon ausgeglichen sein“ und die Lösung „FACHLEUTEN, die etwas davon verstehen “ zu überlassen, ist so NAIV unpolitisch, dass es schreit.

    > Wenn eine Regierung aber überfordert wirkt, wie macht man Opposition gegen Überforderung? Da könnte man sich nur hinstellen und sagen, ich wäre es nicht, und das glaubt Dir keiner.“>

    Gerade einmal magere 10% der Bevölkerung der Bevölkerung glauben, dass er bzw. DIE LINKE nicht überfordert wäre.

    Die anderen 90 % haben Recht.

    Er und seine Partei verstehen noch nicht einmal, was wirklich die Probleme sind.

    Bei Gysi sind Unverständnis, Demagogie und Hybris am Werk.

    Was diese Kombination betrifft, hat er allerdings eine Alleinstellung in der deutschen Politik.

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    • Rob says:

      @ Tischer: Ihre Einschätzung zu Gysi teile ich nicht. Er ist kein Demagoge. Er zeigt hier, dass er die eigentlichen Mechanismen der Krise (mit einigen Schwachstellen) besser verstanden hat als die meisten Politiker im Bundestag.

      Apropos „klarsten Denker“: Das steht in schrillem Kontrast zum miesen Niveau, mit dem viele Zwischenrufer im Bundestag Gysi z.T. aufs Persönliche abqualifzieren (u.a. billige Vergangenheitsbezugnahmen). Sporadisch habe ich Bundestagsprotokolle nachgelesen. Echt traurig.

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    • Dietmar Tischer says:

      Hier die Leistung von Gysi, die kaum zu übertreffen sein wird:

      In 2002 ist er vom Amt des Berliner Senators für Wirtschaft zurück getreten nachdem er den Job gerade einmal ein halbes Jahr ausgeübt hat.

      Aus persönlichen Gründen, sage der damals.

      Das ist glaubhaft.

      Er war in dem Amt aus persönlichen Gründen überfordert.

      Die kompromissbehaftete Knochenarbeit in den Niederungen ist eben nichts für jemanden, der mit rhetorischen Glanzleistungen in den Talkshows vermeintlich alles besser weiß und daher auch immer recht haben muss.

      Solche Leute sind in der praktisch gestaltenden Politik zum Scheitern verurteilt, wie die Beispiele Gysi und Lafontaine zeigen.

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      • Daniel Stelter
        Daniel Stelter says:

        Ja, ich hätte meine Position präziser beschreiben sollen. Herr Gysi ist ein begnadeter Rhetoriker und ich finde so etwas immer erfrischend, weil es von einem wachen Geist zeugt. Richtig ist wohl, dass er die Punkte nicht zu ende denkt…oder denken will. Richtig dürfte auch sein, dass man mit diesem Profil weniger ein Macher ist. Ich finde dennoch, dass es sich gelohnt hat das Interview bei bto zu besprechen.

  2. Marcel Rose says:

    Gysi, Wagenknecht und der Mann von Fr. Wagenknecht sind für mich sehr profilierte Denker und ich meine, man sollte hinhören, was sie zu sagen haben.

    Ebenso Fr. Künast als Verbraucherschutzministerin, davon zehren wir Verbraucher heute noch.

    Links handeln, reden und leben ist nicht automatisch das Böse Hr. Tischler ;-)

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    • Dietmar Tischer says:

      Niemand redet vom Bösen.

      Jeder Politiker kann vorschlagen und wollen, was er will. Ich würde niemanden dabei Bösartigkeit unterstellen.

      Und eine automatische Beurteilung gibt es bei mir auch nicht.

      Ich bewerte viele Auffassungen der von Ihnen genannten Personen als „konstruktiv DUMM“ mit Blick auf die fundamentalen Problem, mit denen wir konfrontiert sind und habe anhand von Aussagen Gysi betreffend beispielhaft dargelegt, WARUM ich meine, dass eine solche Beurteilung gerechtfertigt ist.

      Das ist erweiterbar.

      So ist z. B. die Auffassung der Linkspartei zur Bündnispolitik mit Blick auf die Realitäten geradezu abenteuerlich.

      Man muss nicht alles mitmachen, was die USA wollen. Aber man kann sich nicht VERABSCHIEDEN aus dem Kreis derer, die entscheiden, wo – auch mit militärischem Nachdruck – welche Politik betrieben wird.

      Jeder SPD-Politiker, der noch klar denken kann und ebenso jeder grüne Politiker, wird mit Leuten, die derartige Positionen vertreten, keine Koalition eingehen.

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  3. Dietmar Tischer says:

    @ Daniel Stelter

    Hier Gysi einmal zu Wort kommen lassen, ist schon o.k.

    Sie haben ihn ja nicht unkritisiert daherreden lassen und man kann auch mit diesem Beitrag zu Einsichten gelangen.

    Ich habe Verständnis für Politiker, wenn sie sagen:

    Ich muss sehen, dass die gesellschaftliche Stabilität erhalten bleibt. Bei der Vielfalt unkalkulierbarer und oftmals nicht vereinbarer Interessen, die dabei beachtet werden müssen, ergibt sich praktisch kein Gestaltungsraum, die GRUNDPROBLEME zu lösen. Vor allem dann nicht, wenn derartige Lösungen mit der Verletzung gewichtiger Interessen verbunden wären und daher zu Instabilität führten.

    Bei dieser Position kann ich Merkels Politik – inkl. ihrer Wende in der Flüchtlingspolitik – nachvollziehen und verteidigen. Was nicht heißt, dass ich alles gut und richtig finde, was sie zu verantworten hat.

    Merkels Rechthaberei ist der Position geschuldet, nicht der Verweigerung von Einsichten (wenn auch motiviert durch Machterhalt). Eine Bundeskanzlerin kann nicht sagen, dass sie sich getäuscht oder Fehler begangen hat, ohne im Amt beschädigt zu sein.

    Die Rechthaberei von Gysi ist eine andere:

    Er beeindruckt als vieldeutiger Stichwortgeber, hier z. B. mit „müssen ja auch bei uns die Schulden streichen“, ohne einen auch nur annähernd realistischen Lösungsmechanismus darlegen zu können. Im Gegenteil: Was er dazu sagt, ist höchst unrealistisch.

    Und so geht das ganz locker über praktisch alle Politikfelder.

    Die Wirkung ist verheerend.

    Beiträge an diesem Thread untermauern dieses Urteil.

    Antworten
  4. Jost Theim says:

    „Eine Bundeskanzlerin kann nicht sagen, dass sie sich getäuscht oder Fehler begangen hat, ohne im Amt beschädigt zu sein.“
    Es geht allerdings nicht um ihre Haltung im Amt, sondern um das Wohl der Bürger.

    „Wer soll das bezahlen?“
    Wenn man sieht, dass die 60 reichsten Menschen der Welt so viel besitzen, wie die 3,5 Milliarden Ärmsten, dann ist die Frage relativ schnell beantwortet. Erstaunlicherweise haben wir in Deutschland gerade die Privilegien ihre Erben verlängert.

    Antworten
    • Dietmar Tischer says:

      Es geht nicht nur, aber AUCH um ihre Haltung im Amt.

      Eine beschädigte, schwache Bundeskanzlerin nützt niemanden.

      Ansonsten:

      Man könnte ja mal versuchen, den 60 reichsten Menschen der Welt, die nicht nur die reichsten sind, sondern – schlimm und übel – mindestens 3, 5 Milliarden Menschen ausgebeutet haben müssen, um überhaupt zu diesem Reichtum gekommen zu sein, in die Tasche greifen.

      Genauso unseren Erben.

      Warum nicht.

      Wenn Sie allerdings glauben, dass damit auf Dauer das Wohl der Bürger oder Ärmsten gesichert sein würde, kann ich nur sagen:

      Träumen Sie weiter.

      Antworten
  5. Steffen Meier says:

    Danke für das Hereinstellen. Natürlich muss man die Schlussfolgerungen nicht teilen, aber in der Analyse liegen Gysi, Wagenknecht und Co. häufig nicht falsch. Besser als die Abgeordneten aus Union und SPD, die immer nur über die Exportüberschüsse jubeln und nicht sehen, dass es dann automatisch Schuldner geben muss. Wie das Geldsystem funktioniert, haben 80% der Abgeordneten auch nicht kapiert. Oder sie hinterfragen es nicht.

    Antworten
    • Dietmar Tischer says:

      MUSS es bei Exportüberschüssen AUTOMATICH Schuldner geben?

      Ja, WENN die Importeure die Ihnen gelieferten Güter nicht aus BEREITS erwirtschafteten Gewinnen finanzieren können.

      Kann es bereits erwirtschaftete Gewinne geben, bevor Güter gekauft und bezahlt werden.

      Natürlich kann es das.

      Damit ist Ihre Auffassung zumindest fraglich, ich würde sagen bezüglich des „automatisch“ falsch.

      Jetzt jedoch der Einwand :

      Ja, im Einzelfall, aber nicht im Saldo, für ALLE geltend.

      Das ist richtig mit Bezug darauf, WIE das Geldsystem im BESTEHENDEN Kapitalismus funktioniert.

      So haben Sie es vermutlich gemeint und damit haben Sie Ihre Auffassung gerettet.

      Trotzdem einmal mitdenken:

      Was ist, wenn das gleiche Geldsystem in einem Kapitalismus bestünde, der wie folgt betrieben würde?

      Unternehmen A importiert Güter aus Land X, um damit produktiver oder innovativer zu werden. Es verschuldet sich dafür, wird aber auch produktiver bzw. innovativer. Seine Konkurrenten B, C etc. sind nicht mehr wettbewerbsfähig und gehen pleite. DEREN SCHULDEN werden damit ELIMINIERT. Außerdem migriert deren Nachfrage zu A, was bei damit erzielbar höherem Preis ermöglicht, die aufgenommenen Schulden für die importierten Güter samt Zinsen zurückzuzahlen.

      Im Saldo muss es in der Summe keine wachsenden Schulden geben.

      Das ist meine Vorstellung eines qualitativen organischen Wachstums im Kapitalismus.

      Ist bei hoher Produktivität natürlich nicht zu verwirklichen wegen damit verbundener Arbeitslosigkeit.

      Varianten:

      A scheitert mit Produktivitätszuwachs und Innovation, geht Pleite und SEINE Schulden werden eliminiert.

      Wie vorher – keine Schuldenzunahme in der Summe.

      A wird nur etwas produktiver bzw. nur etwas innovativer, kann daher vielleicht noch den Schuldendienst leisten, aber nicht mehr die Schulden begleichen. A geht dennoch pleite, weil es den Kredit nicht zurückzahlen kann.

      Wie vorher – keine Schuldenzunahme in der Summe.

      Seine Konkurrenten können auch nur den Schuldendienst leisten, mindestens einige müssten pleitegehen mit Eliminierung ihrer Schulden bis das Preisniveau aufgrund des verringerten Angebots wieder steigt.

      Wie vorher (dem Mechanismus nach) – keine Schuldenzunahme in der Summe.

      Mein Punkt:

      Der immer wieder unterstellte AUTOMATISMUS der Aufschuldung ist nur dann einer, wenn Pleiten verhindert werden.

      Denkbar ist jedenfalls ein Kapitalismus bei dem Pleiten in hinreichendem Maße stattfinden können und DADURCH die Verschuldung nicht wachsen muss – Gruß an die österreichische Schule.

      Wie gesagt, das ist nicht der bestehende Kapitalismus und insofern nur von theoretischer Bedeutung.

      In unserem bestehenden erfolgt die Entschuldung anders, ist aber nicht zu vermeiden.

      Antworten
      • Rob says:

        > Unternehmen A importiert Güter aus Land X, um damit produktiver oder innovativer zu werden. Es verschuldet sich dafür, wird aber auch produktiver […]

        Das Beispiel halte ich für nicht gerade zutreffend. Die beiden Pleitefirmen lassen ihre jeweilige Bank auch pleite gehen, wenn da nicht der Staat wäre, der sagt: Systemrelevant! Wir müssen die Banken retten! Nun sind die Schulden aber nicht länger „streichbar“, weil der Staat i.d.R. immer solvent ist. Siehe da: ein Mechanismus der Aufschuldung…

    • Michael Stöcker says:

      „Wie das Geldsystem funktioniert, haben 80% der Abgeordneten auch nicht kapiert“

      Woher haben Sie diese Zahl? Ich befürchte, wir können sie an einer Hand abzählen. Und selbst das scheint mir noch ein optimistischer Wert zu sein. Hierarchie und Hybridität sind selbst für Volkswirte zumeist böhmische Dörfer. Selbst bei Wagenknecht habe ich meine Zweifel und ich sehe keinen, der ihr hier das Wasser reichen könnte.

      LG Michael Stöcker

      Antworten
  6. Rob says:

    Aus dem Beitrag:

    > Allerdings hätten wir vor allem den Schuldenboom in den Ländern, angefeuert von tiefen Zinsen und einem Scheinboom, verhindern müssen.

    Nicht „wir“, sondern die Banken. Ein Schlüssel dazu stellt Folgendes natürlich dar.

    > Könnten Banken normal Pleite machen und wäre das Risiko immer klar gewesen, wäre es gar nicht so weit gekommen.

    Antworten
  7. Dietmar Tischer says:

    @ Rob

    >Das Beispiel halte ich für nicht gerade zutreffend.>

    Nicht in unserem Wirtschaftssystem, habe ich doch ausdrücklich gesagt.

    Ich habe aber auch gesagt „Trotzdem einmal mitdenken“.

    Sinn dieser Aufforderung und meiner Fallbeispiele ist es, den notorisch behaupteten AUTOMATISMUS immer höherer Verschuldung infrage zu stellen und zu zeigen, dass er kein unbedingtes Muss, sondern ein lediglich an unser System gebundenes ist.

    In dem System, das nicht nur denkbar ist, sondern auch funktional wäre, gibt es keinen Staat oder sonst eine Institution, die Pleiten verhindert.

    Pleiten wären in diesem System SYSTEMRELEVANT und dürften daher nicht verhindert werden!

    Kurzum mir kommt es darauf an, dass verstanden wird, unter welchen Bedingungen was der Fall ist und unter welchen was nicht der Fall ist.

    Nur wenn man dies versteht, kann man konstruktiv über Alternativen diskutieren.

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    • Rob says:

      Sie haben Recht. Ihr Beispiel ist als Denkanstoß zutreffend.
      Ich würde diese Handhabe jedoch nicht als qualitativ organisches Wachstum bezeichnen sondern es im Unterschied zur heutigen „Handhabe“ als nicht mehr „Gläubigerorientiert“ bezeichnen. Das ist erst mal als plakatives Stichwort gedacht.

      Tatsache ist jedenfalls: wenn Gläubiger nicht mehr automatisch damit rechnen könnten, dass ihre Forderungen sicher sind, würden wesentlich weniger Ersparnisse angelegt werden (alternativ würde z.B. verstärkt in Betongold investiert, aber man sieht auch, wie Exzesse zu großen Mengen ungenutzten Wohnbauten führen -> Fehlallokation).

      Die Menge an abzuschreibenden Forderungen heute wären in Ihrem Beispiel deutlich größer als das Weniger an angelegten Überschüssen in einer nicht einseitig „gläubigerorientierten“ Welt. Die Ungleichheit wäre also deutlich geringer, es sei denn, Überschüsse wären verstärkt gehortet. Dann aber wäre die Wirtschaft bereits deutlich früher eingebrochen. Gäbe es dann eine Hortersteuer?

      Antworten

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