Fratzschers Kampagne für die SPD

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Fratzschers Verteilungsfragen“ lautet die Serie bei der ZEIT, in der uns Professor Fratzscher mit dem Nimbus des Experten, der zudem ein ganzes Institut hinter sich weiß, wöchentlich dasselbe Thema bereitet: Es geht bei uns so ungerecht zu, dass wir dringend umverteilen müssen.

→ Vermögensungleichheit: lieber falsche Analyse, damit die Schlussfolgerung politisch passt

Dabei ist es egal, dass die Datenbasis mehr als schwach ist. Das habe ich in der Vergangenheit gezeigt und werde es heute Nachmittag nochmals wiederholen. 

Fratzscher bleibt sich treu. Mit einseitig interpretierten Daten und Manipulationen kommt er zu dem von ihm (und seinen Kunden) gewünschtem Ergebnis, um daraus eine bestimmte Politik abzuleiten. So auch in dieser Wiederholung altbekannter Thesen bei der ZEIT:

  • „Die Politik muss die Frage beantworten, wie „gute“ Arbeit in Zukunft definiert werden soll und wie sie mehr Menschen die Chance geben kann, mit ihrer eigenen Arbeit für sich selbst zu sorgen.“ bto: Vor den Reformen und dem Aufschwung waren diese Leute oftmals arbeitslos. Ist das wirklich besser?
  • „Seit 2005 sind nicht nur viele Arbeitslose, sondern viele neue Beschäftigte, vor allem gut qualifizierte Frauen, Ältere und EU-Zuwanderer, in Arbeit gekommen. Gleichzeitig aber, und das ist der zentrale Widerspruch der gegenwärtig guten wirtschaftlichen Entwicklung, hat sich der Anteil derjenigen, die von Armut bedroht sind, in Deutschland von 4,8 Prozent auf 9,6 Prozent aller Arbeitnehmer erhöht – ein dramatischer Anstieg.“ bto: Das ist erschreckend, solange man nicht hinterfragt, wie diese Armut definiert ist!
  • „Somit verdient fast jeder oder jede zehnte Beschäftigte heute weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens in Deutschland.“  bto: Das bedeutet, dass die unteren Einkommen etwas langsamer gewachsen sind. Übrigens: Wenn wir mehr Zuwanderer haben ohne Bildung und Sprachkenntnisse und zeitgleich immer noch mehr als 100.000 überwiegend Qualifizierte das Land verlassen, müssen wir mehr „Armut“ haben. Dass diese Menschen deutlich mehr Geld zur Verfügung haben, als sie je in ihren Heimatländern verdient hätten, kommt noch hinzu. Behalten wir im Hinterkopf, dass vor allem Türken in Deutschland zu dieser Gruppe gehören. Herr Fratzscher sollte also sagen, dass er vor allem für Migranten mehr Umverteilung fordert.
  • „Die Vermutung liegt nahe, der Übergang vieler aus der Arbeitslosigkeit in die Beschäftigung sei verantwortlich für diese Entwicklung, denn viele der ehemaligen Arbeitslosen haben geringe Qualifikationen und damit meist auch niedrige Einkommen. (…) Sollte der Anspruch nicht vielmehr sein, dass die Menschen mit ihrer Arbeit ein auskömmliches Dasein haben?“ bto: das ist eine politische Frage, die zuvor aber mit den richtigen Fakten begründet werden muss.
  • Dann bringt Fratzscher dieses Bild:

Armutsgefährdung von Beschäftigten nach Haushaltstyp

2005 – 2015, in Prozent der Beschäftigten der jeweiligen Gruppe

Quelle: EU-SILC, Stand: 13.03.2017

Quelle: DIE ZEIT

Das Bild ist sehr interessant. Es zeigt zwar den von Fratzscher beschriebenen Trend (zur Erinnerung: Es geht um ein geringeres Einkommen als im Durchschnitt und alle Gruppen verdienen mehr als 2005!). Richtig problematisch ist es für Alleinstehende mit Kindern. Da fällt mir die Politik von Bill Clinton ein, der mit einer Beschränkung der Unterstützung für alleinstehende Mütter auf maximal zwei Kinder zu einem deutlichen Rückgang der Kinder, die mit Alleinstehenden aufwachsen, beigetragen hat. Die Armut ging also zurück, weil man weniger umverteilt hat später dann übrigens auch die Kriminalität. Nachzulesen im sehr guten Buch Freakonomics.

  • „Lag die Armutsgefährdung bei berufstätigen Frauen in Deutschland im Jahr 2005 mit 5,6 Prozent noch deutlich unter dem europäischen Durchschnitt, so übertraf sie ihn 2015 mit 10,5 Prozent deutlich.“ bto:  Diese Zahl alleine sagt gar nichts. Man müsste jetzt wissen, wie viele Frauen waren 2005 arbeitslos und sind es heute nicht mehr und wie viele Frauen waren alleinerziehend und sind es heute. Wenn wir heute viel mehr alleinerziehende Frauen haben (These: dem ist so) und zugleich ein höherer Anteil von diesen arbeitet (was wir so wollen), dann muss sich diese Entwicklung ergeben. Ein weiteres Beispiel für die bewusste Oberflächlichkeit der „Analyse“.
  • „Einige mögen auch zu Recht darauf verweisen, dass der Anstieg der Armutsquote in Deutschland zum Teil durch den Anstieg der mittleren Einkommen erklärt wird, und dass viele derer, die heute armutsgefährdet sind, heute sogar höhere Einkommen haben als noch vor zehn Jahren.“ bto: Ja, das kann man einwenden. Darf man das nicht?
  • „Menschen, die armutsgefährdet sind, haben eine geringere soziale und politische Teilhabe, was das Funktionieren unserer Demokratie gefährdet und den Wohlstand aller, nicht nur der direkt Betroffenen, schadet.“ bto: aha. Wenn wir also die unteren Einkommen erhöhen, machen wir die Demokratie sicherer?
  • Die zunehmende Armutsgefährdung führt zu einer stärkeren Abhängigkeit vom Sozialstaat. Dies reduziert die Möglichkeiten der Betroffenen, in ihre eigene Bildung und die ihrer Kinder zu investieren und ihre Fähigkeiten in Gesellschaft und Wirtschaft einzubringen.“ bto: aha, Klartext: Hätten sie mehr Geld, würden auch ihre Kinder in der Schule bessere Leistungen erbringen. Das kann sein. Wenn man hingegen sieht, dass Kinder trotz staatlicher Hilfe auf soziale Einrichtungen angewiesen sind, um etwas zu Essen zu bekommen, so hat dies wohl auch mit der Mittelverwendung in den Familien zu tun.
  • Jetzt kommt der Wahlkampf: Kurzum, der Anstieg der Armutsgefährdung von Menschen in Arbeit sollte ein Weckruf für die Politik und ein zentrales Thema im politischen Diskurs sein. Dazu gehören drei große Fragen. Zum Ersten, wie vor allem die Schwächsten qualifiziert werden sollen, um ihnen am Arbeitsmarkt bessere Chancen zu eröffnen. (…) Zum Zweiten, wie die Verhandlungsmacht im Arbeitsmarkt gestaltet werden kann, sodass Menschen auch mit relativ geringen Qualifikationen ihre Interessen vertreten können.“ bto: Nächste Woche schreibt Fratzscher dann über die Robotersteuer. Denn die Arbeitsplätze fallen noch schneller weg, je teurer sie sind.
  • „Zum Dritten benötigen wir einen noch stärkeren Diskurs über die Familienpolitik in Deutschland. Die Tatsache, dass Frauen und Alleinerziehende im Arbeitsmarkt so viel schlechter dastehen und so viel häufiger von Armut gefährdet sind, ist kein Zufall. Es ist ein Spiegelbild der Familien-, Bildungs- und Sozialpolitik, die noch immer sehr stark auf das traditionelle Familienbild eines Ehepaares mit Kindern ausgerichtet ist und somit immer weniger Menschen in Deutschland ausreichend erreicht.“ bto: aha. Ich selber bin übrigens gegen die Frauen- aber für die Mütterquote. Denn in der Tat sind Mütter benachteiligt gegenüber Kinderlosen. Das dürfte von Fratzscher hingegen nicht kommen, würde ja nicht zum Programm passen.

zeit.de: „Armut gefährdet die Demokratie“, 17. Januar 2017

25 Antworten
  1. Johannes says:

    Nicht Armut allein gefährdet die Demokratie, sondern v.a. politische Kurzsichtigkeit und politische Dummheit (bei Wählern und Politikern gleichermaßen). Von beidem gibt es inzwischen ein Übermaß und ein weniger ist leider nicht in Aussicht. Kommenden Sonntag gibt es einen ersten kleinen Test im Saarland und ich bin sehr gespannt, ob es Rot-Rot-Grün schafft , bzw. wie nahe sie an eine Mehrheit herankommen. Artikel wie der oben besprochene, sollen Türöffner dazu sein.

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  2. Michael Stöcker says:

    Ich empfehle hier den Beitrag von Butterwege: http://www.deutschlandradiokultur.de/gesellschaftliche-teilhabe-die-verharmlosung-der-armut.1005.de.html?dram:article_id=369116. Es geht doch gar nicht so sehr um Armut, sondern um gesellschaftliche Teilhabe. Der Mensch ist in erster Linie ein soziales Wesen; und das ist doch ein wenig mehr, als via RTL II und Hartz IV bei McDonald‘s mit Burgern abgespeist und ruhig gestellt zu werden.

    Mehr Gerechtigkeit erreiche ich insbesondere durch mehr Chancengleichheit. Diese erhöhe ich insbesondere durch fiskalische Bekämpfung des Matthäus-Effekts sowie die Erkenntnis, dass wir in einem fehlerhaften Zinssystem leben. Die Hauptfunktion des Zinses besteht eigentlich nicht darin, als Einkommen verteilt zu werden (überhöhte Gehälter, Boni, Kapitaleinkünfte etc.), sondern als kollektive Versicherungsprämie für gescheiterte Investments die Bilanzen der Banken zu zieren. Statt fiktiver Gewinne also zukünftig höhere Rückstellungen und/oder höhere EK-Quoten sowie eine Reaktivierung der Seigniorage zu Gunsten der Gemeinschaft aller Bürger (Citoyage): http://blog.tagesanzeiger.ch/nevermindthemarkets/index.php/41490/wer-beim-geldschoepfen-wirklich-kassiert/. Dann können wir uns die ganze Armutsdiskussion sparen. Von daher sollten wir alle hoffen, dass der reale Zins für Geldhorter (aka Sparer) noch sehr lange unterhalb der Nulllinie verweilt.

    Und abschließend noch einmal der Hinweis auf Lietaer: http://band2.dieweltdercommons.de/essays/wir_waehrung.html. Eine überlebenswichtige Ergänzung insbesondere im Eurosystem für Länder mit hohen akkumulierten LB-Defiziten. Wer tiefer einsteigen möchte: https://www.youtube.com/watch?v=M4ThwS1Xln0&t=2840s.

    LG Michael Stöcker

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      • T. says:

        Ich dachte, hier tummeln sich eher gebildete Menschen herum. Aber solche Kommentare sagen alles über die gute Tilly…

      • mg says:

        Ich weiss gar nicht, wie ich auf die absurde Idee kommen konnte, dass sich in diesem Forum Trolle betätigen.

        Und die gute Tilly bemüht sich offenbar wirklich um Niveau. Na, wie läuft es denn? Haben Sie Ihr Ziel endlich erreicht? Wenn nein, warum nicht?

  3. Mr. Dave says:

    Für alle, die sich das Buch Freakonomics nicht kaufen möchten, um den Zusammenhang zwischen Gebärfreudigkeit und Kinderbeihilfen zu verstehen, der folgende Artikel von Prof. Gunnar Heinsohn aus dem Jahr 2010 in der Welt:

    https://www.welt.de/welt_print/debatte/article6311869/Wie-man-mit-viel-Geld-Armut-vermehrt.html

    Gemäss Prof. Heinsohn hat Clinton gerade noch rechtzeitig die Notbremse gezogen, wogegen in Deutschland (Europa?) der Zug demokratisch kaum mehr vor dem Abgrund aufzuhalten ist…

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  4. Ralph Klages says:

    Die Zahlen kann man drehen wie man will. Was fehlt sind Langzeituntersuchungen. Eine 18-jährige kann alleinlebend und in Ausbildung befindlich trotz elterlicher Hilfe vorübergehend „arm“ sein. Kurz danach verdient sie und zieht mit ihrem Freund zusammen. Nun nicht arm. Der Kinderwunsch gewinnt Oberhand, der Freund hat andere Pläne, der Nachwuchs wird folglich „arm“ geboren – und so aufwachsen. In der glücklichen Variante wird Mutter ihren reichen Prinzen dann doch heiraten, folglich „reich“ sein, über Nacht. In der realistischen Version wird das soziale Netz herhalten, also benefit aus „Armut“. Nach 20 Jahren macht die dann alleinstehende Mutter Karriere im Einzelhandel einer Drogeriekette machen. Oder ein Friseurgeschäft eröffnen. Jetzt ist sie nicht mehr arm – wenn sie clever ist. Ihre kleine Wohnung hat sie mit 63 abgewählt, die Rente beträgt Netto 950€. Jetzt wieder arm. Die Erbschaft ihrer Eltern hat ihr eine Eigentumswohnung in Italien ermöglicht, in dem sie mit dem Vater ihres/ihrer Kinder den Winter verbringt.
    Die Statistiken werden je nach politischer Couleur von ihren Erfüllungsgehilfen hin und her gedreht. Peinlich ist es allerdings dann, wenn man das Kindergeld um lächerliche 3€ erhöht und traditionelle Bildungssysteme nebst Ausstattung verkommen lässt. Wie wäre es mit dem Narrativ: Zukunft durch Reichtum. Den muss man sich dann aber erarbeiten. LG.

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  5. Axel says:

    Das mit den ungleichen Bildungschancen auf Grund geringer Einkommen leuchtet mir nicht unmittelbar ein. Jeder kann umsonst zur Schule gehen, Abitur machen, studieren oder eben eine Ausbildung beginnen. OK, ein Teil ist evtl. dadurch benachteiligt, daß er seinen Sprößlingen keine Nachhilfe bezahlen kann.
    Der wahre Grund für Bildungsferne liegt jedoch eher im kulturellen, bzw. sozialem Umfeld.
    Wenn Kindern beigebracht wird, daß die Tradition wichtiger ist als Bildung, bzw. daß Leistung zum Erwerb des Lebensunterhaltes nicht nötig ist, braucht man sich über eine Zunahme der Armut nicht zu wundern. Wer sich die (ach so erfreulichen) Statistiken des letzten Jahres zur Geburtenrate mal genauer angeguckt hat, wird feststellen, daß die Geburtenquote bei Rumänen, Bulgaren, etc. besonders hoch waren.
    Es hat nichts mit Sozialdarwinismus zu tun. Wenn aber immer mehr Menschen, die sich dem Arbeitsprozess verweigern mit Harz IV, Kindergeld und ähnlichem entlohnt werden, züchten wir uns über Generationen ein Präkariat heran, welches uns massive finanzielle und soziale Probleme bereiten könnte.
    In der durch Martin Schulz neu entfachten Debatte über soziale Gerechtigkeit, fehlt mir dieser Aspekt. weshalb sollen Generationen von Menschen, die nicht bereit sind etwas für die Gemeinschaft zu leisten, von dieser allimentiert werden, zumahl dieser gleichzeitig verkündet wird, sie bekommen für ihre Arbeit keine (kaum) Rente mehr.
    Jemand der weder Ausbildung noch sonst noch was hat, dürfte z.b. max. Kindergeld für ein Kind erhalten. Das hat nichts mit rechts zu tun. Das wäre einfach nur vernünftig und gerecht!

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    • Michael Stöcker says:

      „Jeder kann umsonst zur Schule gehen..“

      Die Selektion beginnt bereits zuvor. Insofern sind insbesondere gute Kitas für alle eine zentrale Voraussetzung für mehr Chancengleichheit, um die von Ihnen zu recht angesprochenen soziokulturellen Aspekte zumindest teilweise zu kompensieren. Da es aber immer noch nicht genügend staatliche Plätze gibt (und das auch leider nicht verpflichtend), entscheidet auch hier mal wieder die soziale/finanzielle Herkunft. Insofern weniger monetäre Anreize sondern bessere reale und verpflichtende Leistungsangebote.

      LG Michael Stöcker

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      • Axel says:

        @Michael Stöcker. Ich kenne die diversen Sozialwissenschaftlichen Argumente, Untersuchungen und Theorien nicht ausreichend. Fakt ist aber, daß es auch in weniger „guten“ Kitas hervorragende Pädagogen geben kann. Und auch aus Volksschülern soll schon mal was geworden sein!
        Außerdem wehre ich mich dagegen, alles den staatlichen Institurionen in die Schuhe zu schieben. Es gibt auch so etwas wie Eigenverantwortung und Verantwortung der Eltern gegenüber den Kindern, die die gegebenfalls vorhandenen staatlichen Defizite kompensieren müßen.
        Aber wir leben m.E. in einer überzüchteten Vollalimentierungsgesellschaft, in der die Mehrheit satt und bequem geworden ist. Die Lethargie, unsere in den 60er und 70er Jahren erkämpfte Freiheit (u.a. die gesellschaftliche Emanzipation von der Religion) wird aus Bequemlichkeit rückabgewickelt und als humanitäre Pflicht zurToleranz verkauft
        Anstatt zu fragen, ob wir das schaffen wollen und.ob wir eine ethisch-moralische Verpflichtung haben, unsere Gesellschaft dramatisch zu verändern, wird Befohlen „Das“ zu schaffen und einem „humanitärem Imperativ“ zu folgen. Demokratische Entscheidungsfindung war Gestern. Es lebe die Meinungsdiktatur.
        Wer sich mit Argumenten dagegen stemmt wird emotional sanktioniert, vergeht Verrat an den „europäischen Werten“ und ist ein Schmuddelkind.
        Und wer spielt schon gerne mit den Schmuddelkindern?

  6. Wolfgang Selig says:

    Ich weiß nicht, warum wir es uns in diesem Blog immer so kompliziert machen und uns teilweise gegenseitig angreifen. Prof. Fratscher ist Hochschullehrer an der Humboldt-Universität in Berlin, das DIW gehört zum Leibniz-Verbund und sitzt auch in Berlin. Sein Dienstherr ist faktisch im Wesentlichen das Land Berlin. Sein Chef (nicht juristisch, aber politisch und haushaltstechnisch) ist damit faktisch der Regierende Bürgermeister von Berlin. Das ist seit 2014 Michael Müller, SPD, der vorher Umweltsenator und Landesvorsitzender der SPD war. Vorher war das 13 Jahre lang Klaus Wowereit, auch SPD. Was ist so schwer daran zu verstehen, dass Hr. Fratzscher einfach nur seinen Dienstherrn politisch unterstützt und seine Berufung nach seiner politischen Orientierung ausgerichtet war? Und komme mir jetzt bitte niemand mit der grundgesetzlich garantierten Freiheit von Forschung und Lehre. Die hätte Herr Fratzscher, wenn sein Institut, sein Lehrstuhl und sein eigenes Gehalt nicht im Wesentlichen aus Steuermitteln beglichen werden würde, sondern er seine Forschungen aus eigenem Vermögen finanzieren würde. Vermutlich ist es für Hr. Dr. Stelter wichtig, das Ungerechtigkeitsthema von Hr. Schulz hier zu analysieren, aber spannend ist es m.E. nicht wirklich. Fratzscher bleibt halt auf Parteilinie des Chefs. Und womöglich ist er sogar wegen seiner persönlichen Überzeugung auf diesen Posten berufen worden. Nicht schlimm, aber natürlich wissenschaftlich in Bezug auf neue Erkenntnisse nicht besonders hilfreich. Merkt denn keiner, dass die Debatte nur von den eigentlichen Problemen ablenken soll?

    Antworten
  7. Dietmar Tischer says:

    >„Die Politik muss die Frage beantworten, wie „gute“ Arbeit in Zukunft definiert werden soll und wie sie mehr Menschen die Chance geben kann, mit ihrer eigenen Arbeit für sich selbst zu sorgen.“>

    Ein Plädoyer, das mit NORMATIVEN Ansprüchen an Politik und Staat beginnt, unterschlägt die FRAGE, ob die Anreize für ein gelingendes Leben von den Individuen wahrgenommen werden sollten statt dirigistisch gesetzt zu werden.

    Die Frage ist daher nicht, wie der Staat gute Arbeit definieren soll, sondern ob er sie überhaupt definieren soll. Und sie ist nicht, wie er mehr Menschen irgendwelche Chancen geben soll, sondern welche Chancen es in der Gesellschaft geben sollte.

    Es ist nicht wohlstands- und gerechtigkeitsfördernd, DIESE Fragen nicht zu beantworten.

    Wenn sie beantwortet sind, kann man gern auch darüber befinden, was man als KONSEQUENZ aus den gegebenen Antworten NICHT zulassen will.

    Erst daraufhin MUSS der Staat kompensierend eingreifen.

    Offensichtlich sind wir dieser Art von Grundsatzdebatten längst entflohen.

    Es geht nur noch darum, WIEVIEL der Staat für WEN tun soll.

    Antworten
  8. Dietmar Tischer says:

    @ Axel

    Ich unterschreibe nicht jeden Satz von Ihnen, aber diesen schon:

    >Außerdem wehre ich mich dagegen, alles den staatlichen Institurionen in die Schuhe zu schieben. Es gibt auch so etwas wie Eigenverantwortung und Verantwortung der Eltern gegenüber den Kindern,>

    So ist, es fehlt vielfach an der Eigenverantwortung.

    So sagte mir vor ein paar Wochen ein Familienrichter, dass Eltern ihn immer wieder völlig entgeistert anschauen würden, wenn er Ihnen erkläre, dass SIE, die ELTERN eine Verantwortung für ihre Kinder hätten und diese nicht einfach dem Staat zu überlassen sei.

    Das Gegenstück dieser Verantwortungslosigkeit besteht darin, dass ihn immer wieder Freiberufler in den Sozialberufen auffordern würden, Anträge auf Diagnosen und Therapien auffälliger Kinder zu stellen, weil sie Arbeit und Einkommen bräuchten.

    Das ist das Spiel in unserer Gesellschaft, über das nicht gesprochen wird.

    M. Stöcker erklärt uns hier in notorischer Regelmäßigkeit, dass der Mensch ein soziales Wesen sei, das – wer sonst – die „neoliberale Ideologie“ deformiert habe (jawohl auch dies, weil die vermeintlich an ALLEM schuld ist).

    Das ist natürlich Käse.

    Richtig ist vielmehr:

    Die Wirtschaftsordnung, soweit sie von liberalen Grundsätzen geprägt ist, hat die Voraussetzungen geschaffen, dass der WOHLSTAND generiert werden konnte, der es uns erlaubt, in derartiger Verantwortungslosigkeit zu leben und sie problemlos zu finanzieren.

    Das wird natürlich noch nicht einmal als These debattiert.

    Antworten
    • Axel says:

      Ich arbeite selbst in einem Sozialberuf. Es ist eine „Industrie“ (insgesamt die größte Deutschlands), in der Milliarden damit gemacht werden, den Menschen ihren Allerwertesten nachzutragen. Viele werden geradezu aufgefordert, sich in die soziale Hängematte zu legen. Der eigene Überlebenswille wird in einigen Fällen bis zur Unkenntlichkeit abtrainiert.
      Ansprechen darf man so etwas natürlich nicht. Es wäre Verrat an unserer „christlichen Nächstenliebe“, dem Grundwert unserer abendländischen Kultur.
      Ich will garnicht wißen, mit wieviel Euros an Steuergeldern sich die Wohlfahrtverbände und Kirchen mit den Flüchtlingen die Taschen vollstopfen. Es werden aber wohl Milliarden und Abermiliiarden sein. Aber Pfui, solch eine Diskussion auf dem Rücken der Allerschwächsten zu führen…

      Antworten
    • Michael Stöcker says:

      „So ist, es fehlt vielfach an der Eigenverantwortung.“

      Ja, das sehe ich auch so. Und diese Verantwortungslosigkeitsübertragung sollte schon frühzeitig bekämpft werden. Die Kita scheint mir hier der geeignete Ort, schon frühzeitig zu lernen, was es bedeutet für sich selbst, aber eben auch für andere Verantwortung zu übernehmen.

      „Das ist natürlich Käse.“

      So ist es. Deshalb habe ich ja auch nicht „- wer sonst – “ oder „ausschließlich“ geschrieben. Es gibt wie immer Licht und Schatten. Es kommt auch beim pervertierten Neoliberalismus auf die Dosis an. Und je stärker zuvor das Pendel in die eine Richtung ausgeschlagen hat, desto stärker schwingt es anschießend in die andere Richtung. Wir deutsche sind hier leider besonders anfällig. An der Deformation arbeiten selbstverständlich viele unterschiedliche Institutionen und Interessengruppen zu unterschiedlichen Zeiten mit unterschiedlicher Intensität (Katholizismus, Protestantismus, Sozialismus, Liberalismus…).

      „Die Wirtschaftsordnung, soweit sie von liberalen Grundsätzen geprägt ist, hat die Voraussetzungen geschaffen, dass der WOHLSTAND generiert werden konnte, der es uns erlaubt, in derartiger Verantwortungslosigkeit zu leben und sie problemlos zu finanzieren.“

      Nicht nur die Wirtschaftsordnung, sondern insbesondere die Geldordnung. Dazu fehlt leider jegliches Verständnis und somit wird auf Nebenschauplätzen debattiert. Lietaer scheint hier einer der ganz wenigen zu sein, der den weiten Blick hat.

      LG Michael Stöcker

      Antworten
      • Dietmar Tischer says:

        >… diese Verantwortungslosigkeitsübertragung sollte schon frühzeitig bekämpft werden. Die Kita scheint mir hier der geeignete Ort, schon frühzeitig zu lernen, was es bedeutet für sich selbst, aber eben auch für andere Verantwortung zu übernehmen.>

        Ich kann und will nichts zur Kita sagen, weil ich ihren Modus Operandi nicht hinreichend kenne.

        Ich schließe daher nicht aus, dass er ein geeigneter Ort sein könnte.

        Wenn es allerdings der Ort ist, der NUR dafür sorgt, dass abends PFLEGELEICHTE Kinder in Empfang genommen werden und somit die Eltern sich VOLL darauf konzentrieren, möglichst effektiv im kompetitiven Arbeitsmarkt agieren zu können, dann ist meinem Verständnis nach nichts gewonnen:

        Den Eltern werden sich weniger denn je in der Pflicht sehen, der ANSTRENGENDEN Aufgabe, Verantwortung zu übernehmen, gerecht zu werden.

        Es geht um mündige, d. h. nicht umfassend konditionierte und daher auch prinzipiell unbequeme Kinder, mit denen sich jemand KONTROVERS auseinander setzten muss – also um QUALITÄT.

        Die ist aller Erfahrung nach mit Rechtsansprüchen, Finanzierung und Verwaltungspraxis nicht zu leisten.

        Ich meine schon, dass Verantwortung zu übernehmen in aller Regel auch heißt, an anderer Stelle VERZICHTSLEISTUNGEN zu erbringen.

        Es ist in unserem System, dem des Kapitalismus, offensichtlich sehr, sehr schwer, viele Menschen dafür zu gewinnen.

        Denn das System inkl. Geldordnung setzt seiner Ausrichtung auf materielles Maximum entsprechend keine Anreize für Verzichtsleistungen, die deshalb durchweg als VERLUST wahrgenommen werden.

        Loser sind zweitklassig und daher eine eher abschreckende Referenz im System.

      • Horst says:

        Mit vielen Ihrer Ausführungen stimme ich überein.

        Ihr „Loblied“ auf die frühkindlichen staatlichen Institutionen jedoch teile ich nicht – aus einem emphatischen Grund: Kinder der Fürsorge und Obhut ihrer Eltern zu nehmen, um sie aufgrund der geltenden Wirtschaftsordnung, in eine solche Einrichtung zu verpflanzen, kann m.E. für die Seele des Kinde nicht gut sein (zumindest dann nicht, wenn Kinderköpfe (Zuschüsse) und Personalkosten im Vordergrund stehen. Das ist zumindest meine Sicht, nachdem mir viele Einblicke in das Innenleben dieser gewährt wurden – notgedrungen – denn auch ich muss ein wenig arbeiten.

        Da Sie in letzter Zeit häufig Lietaer zitieren: Lese gerade von Amery „Briefe an den Reichtum“ – hierin veröffentlicht auch einer von Margrit Kennedy, mit der eben dieser oft zusammenarbeitete (so geht es zumindest aus den Fußnoten hervor.

        Besonders bewegt hat mich der Brief eines in Argentinien lebenden Geistlichen, adressiert an einen deutschen Erzbischof. Sehr besonnen – bereits 2013 – beschreibt dieser das von ihm wahrgenommene ökonomische Geschehen um ihn herum. Ich kam nicht umhin, zu vermuten, dass wir heute in Europa – 14 Jahre nach diesem Brief – an ganz ähnlicher Stelle stehen – siehe Ihren verlinkten Artikel aus der Zeit zum „Niedergang des deutschen Mittelstandes“.

        p.s. Es soll – so hörte ich – eine ganze Menge Familien geben, die darauf angewiesen sind, dass beide Elternteile pflichtgemäß arbeiten, die gerne mehr Verantwortung für ihre Kindern übernehmen würden (Reduktion der Betreuungszeit bspw.), dies aber nicht können, da Reallöhne kaum steigen, Lebensmittel, Mieten, Strom und Gas jedoch immer teurer werden – Dinge, so schätze ich, auf die Familien (oder jeder Mensch?) wohl angewiesen sind.

      • Horst says:

        p.s. Kenndey beschreibt hierin das mir bisher unbekannte schwedische JAK-Bankmodell, dass, obwohl es sich nicht einer Parallelwährung bedient, einige inhaltliche Verknüpfungen zum dem Schweizer Modell, das Sie verlinkt haben, aufweist. Danke für den Link.

      • Michael Stöcker says:

        @ Dietmar Tischer

        „Ich meine schon, dass Verantwortung zu übernehmen in aller Regel auch heißt, an anderer Stelle VERZICHTSLEISTUNGEN zu erbringen.“

        So ist es, Herr Tischer. Wer Kinder großzieht verzichtet nicht nur auf materiellen Wohlstand sondern auch auf viele andere Dinge. Diesen Verzichtsleistungen stehen in den allermeisten Fällen aber sehr viel höhere soziale „Ertragsraten“ gegenüber.

        „Loser sind zweitklassig und daher eine eher abschreckende Referenz im System.“

        Das ist so, wenn Erfolg ausschließlich/überwiegend in monetären Kategorien gemessen wird. Die totale Ökonomisierung hat unser Referenzsystem deformiert und beschleunigt den gesellschaftlichen Niedergang. Das ist heute kaum anders als vor 2000 Jahren. Nur die Fallhöhe scheint mir heute wesentlich größer zu sein.

        LG Michael Stöcker

      • Michael Stöcker says:

        @ Horst

        „Kinder der Fürsorge und Obhut ihrer Eltern zu nehmen, um sie aufgrund der geltenden Wirtschaftsordnung, in eine solche Einrichtung zu verpflanzen, kann m.E. für die Seele des Kinde nicht gut sein (zumindest dann nicht, wenn Kinderköpfe (Zuschüsse) und Personalkosten im Vordergrund stehen.“

        D’accord. Es kommt auf das richtige Gleichgewicht an. Wer ausschließlich von seinen Helikoptereltern erzogen wird, der ist ebenso wenig auf ein gelungenes Leben vorbereitet, wie ein abgeschobenes Kind. Die von ihnen angesprochene zu geringe Reallohnentwicklung spielt hier sicherlich auch eine Rolle. Und auch die Qualität vieler Kitas ist durchaus noch verbesserungsfähig. Das Angebot in Dresden-Striesen ist hier vorbildlich. Das sieht wohl auch die jüngere Generation so:

        „Striesen ist nicht nur der bevölkerungsreichste Stadtteil Dresdens, sondern auch einer der familienfreundlichsten. Habt ihr eigentlich gewusst, dass Striesen, neben der Neustadt die meisten Geburten pro Jahr aufweist? Das kommt nicht von ungefähr! Die Striesener Familien fühlen sich wohl in ihrem Stadtteil und das liegt nicht zuletzt an dem guten Bildungsangebot in den Striesener-Schulen sowie einem umfangreichen Freizeitangebot und der Kinderbetreuung in den Kitas. Egal ob Grund- und Mittelschule oder Gymnasium, für das Wohl und die Entwicklung deiner jüngsten wird in Striesen gesorgt.http://so-lebt-dresden.de/striesen-alles-andere-als-eine-endstation/.

        LG Michael Stöcker

  9. Dietmar Tischer says:

    @ M. Stöcker

    Bei den Themen Verzichtsleistung und totale Ökonomisierung sind wir uns anscheinend einig wie selten.

    Man muss daraus – jeder für sich – auch die Schlüsse ziehen.

    Ich für mich und mit dem Wunsch, dass das andere hoffentlich ähnlich sehen:

    Verzichten muss gelernt und akzeptiert werden, selbstverständlich mit der Einsicht, dass dies mit kompensierender Bereicherung anderer Art erfolgen kann. Wird man dahingehend einsichtig, kann man auch akzeptieren, dass dies nicht mit gesamtgesellschaftlicher materieller Wachstumsmaximierung vereinbar ist – und wird im wahrsten Sinne des Wortes nicht weiter darauf hinarbeiten.

    Dies schließt ausdrücklich nicht aus, dass es gesellschaftliche Aufgaben gibt, die auch umfassend wahrgenommen werden sollten, was wiederum Verzicht verlangt. Der Umgang damit würde aber nicht mehr auf der Basis einer von Partikularinteressen geleiteten Umverteilungsbegründung, sondern auf Konsensvermögen hin ausgerichtet sein.

    Wir müssen auf eine stabile, wenngleich nicht statische, wohlgeordnete Gesellschaft zielen.

    Ich weiß, dass dies durchaus wolkig ist mit Blick auf konkrete Ansatzpunkte sowie bei sich permanent wandelnden Bedingungen und sehe auch nicht den Mechanismus – eh schon der falsche Ansatz, weil es um EINSICHT geht – mit dem das zu erreichen wäre. Die Richtung sollte aber dennoch klar sein.

    Vielleicht machen Sie sich ähnliche Gedanken und überprüfen Ihr Sozialstaatsmodell.

    Antworten
  10. Rob says:

    „Menschen, die armutsgefährdet sind, haben eine geringere soziale und politische Teilhabe, was das Funktionieren unserer Demokratie gefährdet und den Wohlstand aller, nicht nur der direkt Betroffenen, schadet.“ – bto: aha. Wenn wir also die unteren Einkommen erhöhen, machen wir die Demokratie sicherer?

    Bleiben Sie bitte sachlich, Herr Stelter…

    Vor kurzem habe ich diesen Satz gelesen, und der trifft es:

    „Um unsere Freiheit zu bewahren, müssen sie den Menschen besser klarmachen, warum es sich lohnt, die liberale Demokratie zu schützen. Dazu müssen sie auch anerkennen, dass eine fairere Verteilung der Gewinne aus dem Wirtschaftswachstum nicht nur eine Frage der sozialen Gerechtigkeit ist, sondern auch der politischen Stabilität.“
    http://www.zeit.de/politik/2017-03/demokratie-schutz-russland-cyberkrieg-aufdeckung (Am ende des Beitrages).

    Kontext: Gefährdung der Demokratie durch Populismus und Demagotie.

    Antworten
  11. Rob says:

    bto: Ja, das kann man einwenden. Darf man das nicht?

    Was aus Fratzscher zuvor zitiert wird, muss fairerweise weiterzitiert werden: „Auch dieser Punkt führt aber letztlich wieder zu der Frage, welchen Anspruch wir als Gesellschaft an unser Zusammenleben richten […]“

    „so hat dies wohl auch mit der Mittelverwendung in den Familien zu tun.“ – ein beliebtes Argument am Stammtisch, das leider dazu beiträgt, Familien am unteren Ende der Wohlstandsleiter pauschal zu verurteilen. Dazu nur dies: es ist klar, dass ein kleiner Prozentsatz missbrauch betreibt. Das gibt es aber überall.

    bto: Nächste Woche schreibt Fratzscher dann über die Robotersteuer. Denn die Arbeitsplätze fallen noch schneller weg, je teurer sie sind.

    Da steckt wohl mehr als eine Prise Sarkasmus drin, oder? Der zweite Satz spricht natürlich eine konkrete Problemstellung an. Die kurze Antwort: Fordismus zurück.

    Antworten

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