Europas Überlebenskampf

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Die demografische Entwicklung wird mit ihrer Bedeutung für die wirtschaftliche Entwicklung immer unterschätzt. Dabei ist sie gemeinsam mit der Qualifikation der Bevölkerung der entscheidende Hebel für künftiges Wachstum und Wohlstand und vor allem für die Bewältigung der Schuldenprobleme. Hier ein interessanter Beitrag aus dem Jahr 2012, der ausgeprochen prophetisch war:

  • „In Griechenland hat der Schuldenschnitt faktisch 70 Prozent der Schulden wegrasiert – aber es bleiben Zweifel, ob das reicht. Für Portugal hat die sogenannte Troika nun ein Zeugnis ausgestellt, wonach die Staatsschuldenquote im Jahr 2013 mit etwas über 115 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) ihren Höhepunkt erreichen und danach sinken soll. Wer’s glaubt. Portugal bricht – wie den meisten anderen europäischen Volkswirtschaften – die demographische Basis weg. Bei einer Arbeitslosigkeit von annähernd 15 Prozent haben allein 2011 über 150 000 der Besten ihre portugiesische Heimat verlassen. (…)  Ihren Anteil an den Staatsschulden lassen sie zu Hause. Ihr Potential zur Bedienung von Krediten gewinnt die neue Heimat.“ – bto: das ist entscheidend!
  • Nach den jüngsten verfügbaren Zahlen meldeten Portugiesen 2009 nur 24 (!) der insgesamt 52 000 europäischen Patente in diesem Jahr an. Genauso wenig gingen an die 10,5 Millionen Griechen, die sogar 23 000 Euro je Kopf an EU-Hilfskrediten erhalten. Immerhin stehen die Hellenen auf der Welt-IQ-Liste des Entwicklungspsychologen Heiner Rindermann mit Rang 39 acht Plätze vor Portugal.“
  • Gibt es Hinweise, dass Griechenland und Portugal ihre Patentbilanz um den Faktor 100 oder auch nur 10 aufbessern könnten? Eher werden die Trauerwerte von 2009 noch unterboten, weil die Emigration der Könner nicht aufhört. Die demographische Entwicklung spricht dagegen, dass die Schuldentragfähigkeit zunimmt. In den Jahren 2020 und danach, wenn es auf eigenen Füßen stehen soll, werden Portugals Steuereinnahmen nicht für die wachsenden Rentenlasten reichen.“
  • Auch die 61 Millionen Italiener mit einem Durchschnittsalter von 44 Jahren (2020: 47) mit – wie Griechenland oder Portugal – nur 1,4 Kindern je Frau ächzen unter hohen Schulden, dazu 47 Millionen Spanier, die derzeit ein Durchschnittsalter von 41 Jahren erreichen (2020: 44) und kaum mehr Kinder haben. Immerhin hat Italien (IQ-Rang 25) eine innovativere Wirtschaft. Mit 1992 Patenten im Jahre 2009 erreichte es je Einwohner rund ein Zehntel des Werts der Schweiz, während Spanien (IQ-Rang 35) mit nur 348 Patenten aussichtslos abfällt.“
  • Gleichwohl erklingt auch hier immer wieder die anrührende Melodie der Euro-Retter, dass man nur noch ein knappes Jahrzehnt benötige, bis „tiefgreifende“ Strukturreformen sich selbst tragende Aufschwünge für das Abtragen der Schulden (und im Falle Griechenlands und Portugals: der Hilfskredite) nach sich ziehen. Wie so etwas bei schrumpfenden und alternden Bevölkerungen, deren beste Talente auswandern, funktionieren soll, bleibt Geheimnis der EU-Nomenklatura.“ – bto: das gilt heute immer noch!
  • Die leistungsstärkste Bevölkerungsgruppe im Alter von 25 bis 59 Jahre wird in Italien zwischen 2010 und 2030 von 30 auf 25 Millionen Menschen sinken. Obwohl Rom in der EU die geringste Unterdeckung der Pensionsversprechen ausweist, folgen für die spätere Versorgung dieser 25 Millionen nur noch 14 Millionen Menschen von derzeit unter 24 Jahren, während schon jetzt 21 Millionen über 60 Jahre zu versorgen sind.“
  • Auch in Deutschland, dem größten Garantiegeber der Eurorettung, ist bald demographisch „Feuer unterm Dach“. Zwischen 2010 und 2030 schrumpft seine Aktivgruppe (25 bis 59 Jahre) von 40,5 auf 32,5 Millionen. Für deren Absicherung folgen gerade 18 Millionen unter 25 Jahre, während 29 Millionen über 60 Jahre ein würdiges Alter fordern.“ – bto: und die Flüchtlinge kosten mehr als sie erbringen.
  • Niemand versteht, wie das aufgehen soll. Man weiß lediglich, dass für den dauerhaften Rettungsmechanismus ESM keines der großen garantierenden AAA-Länder sein Top-Rating verlieren darf, weder Frankreich und noch weniger Deutschland mit seiner schrumpfvergreisenden Bevölkerung. Wenn einer beim Garantieren fremder Ramschpapiere einknickt, bricht die gesamte Konstruktion. Dann bleibt nur noch die Europäische Zentralbank mit ihren unendlich tiefen Taschen, um die Staatsschulden zu monetisieren.“

bto: genauso kommt es jetzt! Nur, eine Lösung ist das auch nicht!

FAZ: Europas Überlebenskampf, 9. April 2012

4 Antworten
  1. Michael Stöcker says:

    Europas Überlebenskampf findet meiner Einschätzung nach auf einer ganz anderen Ebene statt: https://zinsfehler.files.wordpress.com/2016/01/die-monetaere-krise-des-kapitalismus.pdf. Die Demographie ist ein relativ einfach zu lösendes Problem. Die drei wichtigsten Hebel: Lebensarbeitszeit, Produktivität, Rentenhöhe.

    Wer seine Produktivität nicht verbessern kann, die prognostizierte Rentenhöhe aber beibehalten möchte, der muss einfach länger arbeiten. Dazu benötigen wir lediglich flexible Lebensarbeitszeitmodelle. Schäuble & Co. machen es uns doch vor. Die Lebensarbeitszeit hat den größten Effekt, da mit einem späteren Renteneintritt nicht nur die Einzahlungsdauer steigt, sondern zugleich auch die Auszahlungsdauer sinkt.

    Zu dumm, dass unsere GaGaGroKo hier jüngst die falschen Signale gesetzt hatte.

    LG Michael Stöcker

    Antworten
  2. Ralph Klages says:

    Bezüglich IQ und Patente: Korrelation? Kausalität?
    Definitiv steuert Europa in eine Überalterung, die wenige Jüngere überbelasten wird. Gleichzeitig wächst die Weltbevölkerung UND der Immigrationsdruck nach EU. Wie hier schon oft ausgeführt: Es geht um einen machbaren Ausgleich, was sicher nicht bedeutet, dass Ingenieure in der Türkei verbleiben (müssen), während sich kränkelnde Analphabeten bevorzugt festsetzen.
    Zusätzlich ein quantitatives Problem: Man kann nur unter erheblichen Widerständen eine bestehende Gesellschaft mit „Fremden“ überfrachten. Die soziale Ordnung und ihre tradierte und sensible Dynamik gerät dann schnell in Schieflage.
    Leider versagt die Administration in dieser Spannungslage kläglich. Obwohl jeder halbwegs vernünftige EU-Bürger die Notwendigkeit von geregelter Zuwanderung erkennt und von ihnen eigentlich auch erwünscht wird: Untätigkeit auf ganzer Linie. DAS ist es, was man Europaparlament, Brüssel und dem Bundestag vorhalten muss.
    Aber die liefern einfach nicht.
    Süffisante Anmerkung: Vielleicht die AfD (….bringt Leben in die Bude).
    LG

    Antworten
  3. Dietmar Tischer says:

    Die Daten, die G. Heinsohn aufführt, sind signifikant.

    Für was?

    Seine expliziten Behauptung im Einstieg des FAZ-Artikels:

    a) Griechenland, Portugal, Spanien und Italien können die Schulden nicht zurückzahlen

    b) Den Volkswirtschaften bricht die demografische Basis weg (wobei er nicht nur diese VW meint, sondern u. a. auch die deutsche)

    Zu a):

    Das ist unter Betrachtung der BEIDEN entscheidenden Faktoren, nämlich demografischer Entwicklung, d. h. der Abnahme der Bevölkerung im ERWERBSFÄHIGEN Alter UND der Fähigkeit zur PRODUKTIVITÄTSSTEIGERUNGEN sehr wahrscheinlich.

    DESHALB die von Heinsohn gesehene Monetarisierung der Staatsschulden – und nicht, WEIL Frankreich oder Deutschland an Bonität verloren haben und den Rettungsmechanismus nicht mehr aufrechterhalten können.

    Diese ist nur insofern eine Lösung, wie sie die Insolvenz obiger Staaten durch Ausschaltung von Marktmechanismen verhindert (was sie zumindest im Fall Griechenlands allein schon nicht mehr schafft). Die ELA-Kredite von nahezu 100 Mrd. im letzten Jahr haben die EZB vor eine interne Zerreißprobe gestellt. Sie wären in dem gewährten Umfang nicht lange fortzuführen gewesen.

    Zu b)

    Wenn das heißen soll, dass der (materielle) Wohlstand zukünftig nicht so wie in der Vergangenheit wachsen wird, ist das richtig. Bei geringen Produktivitätszuwächsen ist bestenfalls Stagnation zu erwarten – wie Summers nicht müde wird, zu erzählen: eine lang anhaltende Stagnation.

    Warum soll das ein Problem sein, wenn die Menschen bereit sind, auf einen wachsenden materiellen Wohlstand zu verzichten?

    Wo ist das Problem, wenn z. B. in USA bei vergleichsweise geringer Arbeitslosigkeit von 5% die Wirtschaft gerade so viel wachsen würde, dass die Arbeitslosen einigermaßen zufriedenstellend alimentiert werden können?

    Und ist es ein Problem, wenn bei einer schrumpfenden Zahl von Erwerbstätigen nahezu ALLE eine Beschäftigung finden können?

    Auf den ersten Blick kann man keine großen Probleme sehen.

    Auf den zweiten schon:

    Das Problem sind die VERTEILUNGSKONFLIKTE – übrigens auch dann, wenn das Schuldenproblem gelöst würde.

    Verteilungskonflikte, die durch die Flüchtlinge eher verschärft als gemildert werden, sind der Mechanismus, der durch politische und soziale DESTABILISIERUNG die entwickelten Volkswirtschaften vermutlich in eine DYSFUNKTIONALITÄT treiben wird, die mit lang anhaltender Stagnation nicht mehr zu beschreiben ist.

    Wenn Heinsohn das gemeint haben sollte, hätte m. A. n. recht.

    Und weiter gedacht:

    Interne Dysfunktionalität führt aller Erfahrung nach zu äußerer Dysfunktionalität – durch Kriege.

    Man braucht keine große Phantasie, um dies für realistisch zu halten und muss nicht einmal die Geschichte bemühen.

    Man vergegenwärtige nur einmal, wie selbst Staaten, die als wohlhabend gelten und noch weit weg von demografisch bedingten Verteilungskämpfen sind, sich bereits intern destabilisieren und nachbarschaftlich miteinander umgehen.

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