Europa und Großbritannien sitzen im gleichen Boot

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In meinem Kommentar für die WiWo gestern auch auf bto, habe ich dargelegt, weshalb es nicht ausgemacht ist, dass die Engländer die großen Verlierer sind und wir in Kontinentaleuropa davon so wenig getroffen werden. Der Brexit-Befürworter Ambroise Evans-Pritchard vom Telegraph mag sicherlich nicht neutral sein. Dennoch sind seine Argumente nicht von der Hand zu weisen:

  • What we have learnt from the market moves since Brexit is that Europe is just as vulnerable as Britain. (…) The FTSE 100 index of equities in London is back to where it was on the eve of the vote, compared to falls of roughly 6pc in Germany and France, 10pc in Spain, 11pc in Italy, 13pc in Ireland, and 14pc in Greece. (…) The FTSE 100 is cushioned or flattered by the devaluation effect on foreign earnings of big multinationals. The broader FTSE 250 is a purer gauge, and that has dropped 8pc.
  • The eurozone authorities never sorted out the structural failings of EMU. There is still no fiscal union or banking union worth the name. The North-South chasm remains, worsened by a deflationary bias. The pathologies fester.
  • „(…) it should be dawning on European politicians by now that the economic fates of the UK and the eurozone are entwined, that if we go over a cliff, so do they and just as hard, and therefore that their bargaining position is not as strong as they think. bto: Das sehe ich genauso.
  • Morgan Stanley says they need to wake up. It warns that the eurozone will suffer almost as much damage as Britain in a ‚high stress scenario‘, and so do others. Danske Bank says the UK and the eurozone will both crash into recession later this year.
    Brexit
    Morgan Stanley thinks the eurozone could suffer almost as much as the UK if Brexit is botched
  • (…) it is hard to see how the eurozone could withstand such a shock, given the levels of unemployment and the debt-deflation dynamics of southern Europe, and given the intesity of political revolt in Italy and France. bto: Es wäre eine existenzielle Krise, die aber nicht wegen des Brexit eintritt, sondern wegen der schlechten Politik hier. Der Auslöser ist letztlich egal.
  • There are two dangers for the world economy. One is that China is exporting deflation with alarming intensity. Morgan Stanley estimates that China’s trade-weighted devaluation is running at an annual rate of 11pc, and factory gate deflation adds another 2pc. This is a tsunami coming from the epicentre of global overcapacity. bto: Die Deflationserwartungen verfestigen sich bereits:
    Brexit
  • The other danger is that British and European politicians fail to understand what is coming straight at them from Asia. Britain’s Brexiteers must come up with a coherent policy on trade very fast, and the EU must come off their ideological high-horse and face the reality that they have absolutely no margin for economic error. bto: Na, wer die Truppe in Brüssel in dieser Woche erlebt hat, bekommt starke Zweifel …

Ich zum Beispiel verstehe nicht, weshalb man keinen freien Binnenmarkt haben kann mit einer Beschränkung der Personenfreizügigkeit. Fokussieren wir uns auf die Mobilität der Qualifizierten und orientieren uns an den Bedürfnissen der jeweiligen Volkswirtschaften. Nach dem Beitritt der Osteuropäer hatten wir doch auch eine Begrenzung.

→ The Telegraph: Was Brexit fear a giant hoax or is this the calm before the next storm?, 29. Juni 2016

7 Antworten
  1. Dietmar Tischer says:

    >„The eurozone authorities never sorted out the structural failings of EMU.>

    In der Eurozone gibt es nichts in Ordnung zu bringen.

    Entweder gibt es Transfers ohne Ende oder ein Ende ohne (weitere) Transfers, aber mit enormen Hilfsleistungen für die untergehende Peripherie.

    > „(…) it should be dawning on European politicians by now that the economic fates of the UK and the eurozone are entwined, that if we go over a cliff, so do they and just as hard, and therefore that their bargaining position is not as strong as they think.“ >

    Hatte Merkel schon einen Tag nach dem Brexit realisiert. Man muss sich nur anschauen, was wir nach GB exportieren. Mehr braucht es nicht, um das zu kapieren.

    Das Problem ist ein anderes:

    Wenn über hinreichend lange Zeit nichts passiert bei den Austrittsverhandlungen, heißt das natürlich für interessierten Beobachter in der EU:

    Der Austritt ist nicht weiter schlimm, warum nicht auch wir. Dann fällt der Laden auseinander.

    Deshalb die Muskelspiele der Pappkameraden Juncker, Schulz etc. , die sowie so nichts zu sagen haben, aber die EU „vertiefen“ wollen. Der Realitätsverlust ist nicht mehr nur peinlich, sondern unerträglich. Vorgestern wollten sie allein das Freihandelsabkommen mit Kanada durchwinken, einen Tag später entscheiden die nationalen Parlamente.

    Allerdings:

    Das augenblicklich GRÖSSTE Problem ist GB. Unsicherheit ist Gift für Investitionen.

    >Ich zum Beispiel verstehe nicht, weshalb man keinen freien Binnenmarkt haben kann mit einer Beschränkung der Personenfreizügigkeit.>

    Kann man schon haben, will man aber nicht haben, weil damit keine EUROPÄISCHE IDEE verbunden ist. Wenn in Kontinentaleuropa etwas auf den Weg gebracht werden soll, muss es schon etwas sein, das für ein NARRATIV taugt.

    Ökonomische Kleinkrämerei reicht da nicht.

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  2. Raphael Wenger says:

    „Wenn der Euro scheitert, dann scheitert Europa.“ Und wenn UK aus der EU austritt, dann floriert auf einmal Europa? Warum fehlt hier jeglicher „Pathos“? Was wäre das denn für ein Treppenwitz der Geschichte, wenn wir die Griechen um jeden Preis im Euro halten (vor einem 1 Jahr mit „Oxi“ demokratisch für den Austritt gestimmt!) und die Briten dagegen ziehen lassen! Gedankenspiel: Die Briten könnten doch auch in der EU bleiben und sich einfach an jene Verträge nicht mehr halten, die sie nicht mehr haben wollen … Würde sich irgendjemand erlauben, nicht so ganz vertragstreue Briten aus der EU rauszuschmeißen? Wohl kaum, denn es sitzen alle im Glashaus … an Verträge
    hält sich sowieso niemand in der EU: weder die EZB (s. Geldpolitik, die eine umverteilende Fiskalpolitik ist), noch die Mitgliedsstaaten: die
    Griechen (no comment), Franzosen (wir sind ja schon froh wenn die nicht LePen wählen) und Italiener (bereiten Bankenrettung über EUR 150 Mrd vor und werden sich angesichts des Brexit ohnehin nichts von mehr Dtl./EU „vorschreiben“ lassen bzw. sich an irgendwelche vereinbarten Bail-in Regeln halten), Deutschland (Schengen, das hat Frau Merkel wohl ganz vergessen …). Anders als die verkrusteten, hoch verschuldeten Südländer nehmen die Briten die unterzeichneten EU-Verträge nun mal ernst. Das finde ich sympathisch. Irgendwie habe ich ein anderes Verständnis davon, wer in einer EU unsere Partner sein sollten: Albanien, Bosnien-Herzegowina, Mazedonien, Kosovo, Montenegro und Serbien, Ukraine, Türkei, Kurdistan (klopfen alle an die Tür der EU) … Who else? Volle Arbeitnehmerfreizügigkeit (mit einlösbarem Hartz IV Scheck) versteht sich. Vermutlich fehlt mir nur der politische Weitblick. Ökonomisch ist nicht einzusehen, warum man für einen gemeinsamen Binnenmarkt zwingend uneingeschränkte Arbeitnehmerfreizügigkeit benötigt. Nicht zuletzt darum geht es den Briten. Ohne die Briten fehlt das ordnungspolitische Korrektiv in der EU. Diese entwickelt sich jetzt unweigerlich zu einer Haftungs- und Schuldenunion, an der wir bereitwillig mit großem Eifer voraus marschieren. Wohin das führen kann lehrt ein Blick in die Geschichte der USA. Wirtschaftshistoriker Harold James:
    http://www.oekonomenstimme.org/artikel/2013/03/vergemeinschaftlichung-und-konstitutionalisierung-was-der-euroraum-von-den-usa-lernen-kann–und-was-nicht/

    Verhandeln nach dem viel zitierten „Harvard-Prinzip“ heißt, die Interessen seines Gegenübers zu verstehen. Dazu lohnt es sich, die Rede von David Cameron vom Januar 2013 zu lesen. Darin fordert er nichts Unvernünftiges, sondern schlichtweg die Reform der EU-Verträge nicht nur für UK, sondern für alle Mitglieder der EU:
    http://www.telegraph.co.uk/news/worldnews/europe/eu/9820230/David-Camerons-EU-speech-in-full.html

    Was Cameron sagt, dürfte in vielen Ländern Europas inzwischen mehrheitsfähig sein. Auch für Deutschland sollte das im ureigenen Interesse liegen. Leider scheint es in Deutschland keine politischen Schwergewichte mehr mit wirtschaftlichem Sachverstand zu geben, die in England unseren wichtigsten „Partner“ sehen. Ich befürchte, man wird irgendwie „weiterwursteln“ wie immer, Mund abputzen, aussitzen (damit war unsere Kanzlerin bislang immer „erfolgreich“ … wobei das wenig weitsichtig ist, wenn die Rechnung erst Generationen später auf den Tisch kommt). Eine Vision von Europa / der EU? Fehlanzeige. So verstärkt man den sog. Populismus. Die Parteienlandschaft möchte ich mir nun wirklich nicht vorstellen, wenn der Euro knallt nachdem die deutsche Einlagensicherung von Italiens Banken und anderen Dauerpatienten im Süden beraubt wurde …

    Ich kann sie zumindest verstehen unsere Briten … In Deutschland schütteln wir dagegen den Kopf über die wirren Briten … ohne darüber ernsthaft nachzudenken, wie das Ergebnis zustande kam und was in unserem nachhaltigen Interesse ist bzw. der EU sein sollte. Französische Diplomaten sind nach dem Oxi-Votum der Griechen in Windeseile nach Athen gereist. Athen hat bereitwillig alles unterschrieben, was es niemals gedenkt einzuhalten bzw. wird niemals Reformen liefern bzw dazu in der Lage sein. Der Grexit wurde vermieden. Inzwischen wird unkonditioniert(!) Geld nach Athen überwiesen. Herr Schäuble hat beschlossen, den Bundestag erst nach der Bundestagswahl damit wieder belästigen zu wollen. Es ist an der Zeit, dass deutsche Diplomaten nach London reisen und gemeinsam mit den Brexit-Befürwortern nachhaltige Vorschläge für eine marktwirtschaftliche Reform der EU nach dem Pareto-Prinzip (Sinn) liefern (und nicht einseitige Partikularinteressen der Briten bedienen wie Nettozahlerrabatt). Dann hätte ein zweites Referendum seine demokratische Legitimierung … Das Geschäftsmodell der AfD wäre im übrigen auch obsolet. Die Frage ist doch, welche EU wir wollen und ob die Mitgliedstaaten die EU wirklich reformieren wollen. Ohne die Briten kann ich mir eine EU kaum vorstellen.

    Der CDU-Wirtschaftsflügel ist in dieser Debatte nicht hörbar. Gibt es einen solchen überhaupt noch?

    Frau Merkels Politik ist in allen Belangen krachend gescheitert. Sie hat Deutschland gespalten und nun auch Europa. Wer stoppt diese Frau?

    Alas, a „populist“ minority view …

    Antworten
    • Dietmar Tischer says:

      >Gedankenspiel: Die Briten könnten doch auch in der EU bleiben und sich einfach an jene Verträge nicht mehr halten, die sie nicht mehr haben wollen … Würde sich irgendjemand erlauben, nicht so ganz vertragstreue Briten aus der EU rauszuschmeißen? Wohl kaum, denn es sitzen alle im Glashaus>

      Zu Ende gedacht:

      In den nächsten zwei Jahren werden m. A. n. Verträge mit den Briten gemacht, die GENAU das regeln, was Sie hier in den Raum stellen.

      Sie werden festlegen, dass die Briten nicht vertragstreu sein müssen, um nahezu wie alle anderen in der EU mitzuspielen. Zuwanderung wird ins nationale Ermessen der Briten fallen, ansonsten business as usual.

      Das ist dann die vertragliche Übereinkunft, dass sich niemand an vertragliche Übereinkunft halten muss.

      Eine ganz neue QUALITÄT der europäische Einigung.

      Antworten
  3. Christian Müller says:

    Europa braucht kein Narrativ und kein Globalkonzept. Dieser Tage sieht man gerade, dass es daran scheitert. Die Briten (und vorher schon die Schweizer) wählen den Austritt (für die Schweizer die Gefährdung der bilateralen Verträge), weil die Personenfreizügigkeit wie ein religiöses Dogma als nicht verhandelbar und nicht modifizierbar gilt.
    Die EU und der Euro wären nur mit Flexibilität und Pragmatik zu retten, aber sicher nicht mir ihrer pseudoreligiösen Überhöhung und Dogmatisierung…

    Antworten
    • Dietmar Tischer says:

      >Europa braucht kein Narrativ>

      Das ist m. A. n. richtig.

      >Die EU und der Euro wären nur mit Flexibilität und Pragmatik zu retten >

      Das genügt nicht.

      EU und Eurozone wären nur dann zu retten, wenn die Bevölkerungen überzeugt wären, dass es ihnen mit diesen beiden Konstrukten – wie immer sie gestalte würden – BESSER ginge als ohne sie.

      Diese Überzeugung wird aber nicht durch theoretische Überlegungen gewonnen, u. a. mit ökonomischen Begründungen (welche die meisten Menschen nicht verstehen), sondern durch EIGENE positive ERFAHRUNGEN in/mit diesen Konstrukten.

      Diese kann ihnen die Politik nicht vermitteln angesichts kurz- und mittelfristig nicht änderbarer Megatrends wie Globalisierung mit Armutsflüchtlingen, demografischen Verwerfungen und der Veränderungsdynamik von IT.

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