Euro-Exit löst Frankreichs Probleme nicht, verschafft aber Linderung

Tweet about this on TwitterShare on FacebookShare on Google+Share on LinkedInEmail this to someone

Viel wird in diesen Tagen über den Aufstieg des Front National und der anderen rechten und eurokritischen Parteien geschrieben. Zwar gelang es in Frankreich, durch ein Bündnis der anderen Parteien einen Sieg des FN zu verhindern. Doch dies dürfte perspektivisch den FN eher stärken als schwächen.

Ich bleibe bei meiner Auffassung, dass es sich hierbei vor allem um eine Folge einer objektiv falschen Politik der etablierten Parteien handelt, die sich in Brüssel einbunkern und nicht bereit sind, von ursprünglichen Positionen abzuweichen, weil sie dann zugeben müssten, dass der Euro eben ein falsches Projekt war, das Wohlstand vermindert, statt ihn zu schaffen. Siehe: „Volksfront gegen den Euro“.

Ambroise Evans-Pritchard nutzt diesen Anlass erneut, um die Folgen des Euro grundsätzlich zu betrachten zwar durchaus wieder mit einem einseitigen, vor allem deutschlandkritischen Blickwinkel, dennoch im Kern zutreffend. Zunächst erinnert er daran, dass die Politik seit Jahren in Frankreich unfähig ist, Reformen durchzuführen. Das Rentenalter ist zu tief, die Renten sind zu hoch, der Staatsdienst ist überdimensioniert, der Staatsanteil auf dem Niveau der skandinavischen Staaten, ohne deren liberalen Arbeitsmarkt zu haben etc. bto: alles faktisch wie in Italien, hausgemachte Probleme, die es auch ohne EU und Euro und Deutschland gäbe.

Der Euro verschlimmert die Lage jedoch und bietet auch wie in Italien, würde ich ergänzen eine willkommene Möglichkeit für die politische Klasse, vom eigenen Versagen abzulenken und dem Euro, Brüssel und vor allem Deutschland die Schuld zu geben.

Dabei sind die Fakten für Frankreich wirklich ernüchternd:

Die Arbeitslosigkeit steigt ungebremst und erreicht gerade einen 18-Jahres-Höchststand:

Neben den angesprochenen hausgemachten Problemen haben sich die effektiven Lohnstückkosten seit Einführung des Euro deutlich anders entwickelt als in Deutschland. Wie ich oftmals dargelegt habe, hat Deutschland, nachdem wir mit einem überhöhten Wechselkurs in den Euro eingetreten waren, eine tiefe Krise erlebt, die zu Reformen und letztlich sinkenden Lohnstückkosten geführt hat. Auch uns wäre es ohne den Euro besser gegangen, zwar hätten wir dann weniger Exporte, dafür aber eine stärkere Binnenkonjunktur und eine bessere Infrastruktur:→ „Zehn Gründe, warum wir die Verlierer des Euro sind“

Da kann man natürlich nicht mit Deutschland in den Wettbewerb treten. Kein Wunder, dass der Handelsüberschuss von Frankreich sich in ein Defizit verwandelt hat. Frankreich blutet aus, so Ambroise Evans-Pritchard.

In diesem Umfeld kann natürlich auch von Sparen keine Rede sein. Es gibt kein realistisches Szenario, in dem Frankreich seine Schulden unter Kontrolle bringt. Willkommen im Club!“, kann man da nur sagen. Noch schauen die Prognosen so aus.

Wir wissen aber, wie unrealistisch die sind. Die Schulden haben den Point of no Return schon lange hinter sich gelassen.

Die Antwort kann nur in der Notenpresse liegen. Le Pen kündigt die Nutzung schon an und als erstes den Euro zu verlassen, wenn sie Präsidentin würde.

The Telegraph: Euro regime is working like a charm for France’s Marine Le Pen, 8. Dezember 2015

9 Antworten
  1. Michael Stöcker says:

    Selbstverständlich gibt es zahlreiche Effektivitätsprobleme etc. in Frankreich & Co. Aber dies ist für eine Währungsunion vollkommen irrelevant. Jeder kann so faul oder so fleißig sein wie er will. Er muss sich nur an seine individuelle Leistungsfähigkeit anpassen. Soll heißen: Keiner darf ÜBER seinen Verhältnissen leben.

    Man kann aber nur dann in einer Gemeinschaft über seinen Verhältnissen leben, wenn ein anderer UNTER seinen Verhältnissen lebt. Die Folge sind dann nicht nachhaltige Leistungsbilanzungleichgewichte. Was macht also eine erfolgreiche Währungsunion aus?

    Relevant ist in erster Linie das gemeinsame Inflationsziel, das man sich gesetzt hat. Dieses wurde zwar im Durchschnitt erreicht, aber eben auf Kosten der Gesamtstabilität. Im Süden war die kreditäre Expansion zu groß, insbesondere in Deutschland aber zu niedrig: http://blog.zeit.de/herdentrieb/2015/12/08/anfa-ein-skandal_9106/comment-page-3#comment-215562

    LG Michael Stöcker

    Antworten
      • Michael Stöcker says:

        Deutschland hat seine Arbeitslosigkeit in den letzten 15 Jahren weitgehend exportiert. Somit haben auch wir ein strukturelles Problem, das letztlich bis in die frühen 80er Jahre zurück geht. Strukturelle Probleme entziehen sich aber kurzfristigen Lösungen.

        Ein plötzliches Ende des Euro (so etwas geht nur über Weihnachten oder Ostern) wird zu einer massiven Aufwertung in Deutschland führen (ca. 50 %). Als Folge wird es zu einer Schockreaktion im Exportsektor kommen, die nur noch mit dem desaströsen Management der Deutschen Einheit vergleichbar sein wird. Auch ein Overshooting ist in einer solchen Umbruchsituation sehr wahrscheinlich und verschärft somit die Probleme zusätzlich. Kapitalverkehrskontrollen werden notwendig sein und die Bundesbank wird alle Hände voll zu tun haben, die Spekulationsexzesse gegen dann wieder 18 nationale Währungen zu managen.

        In Folge wird von Seiten der Unternehmen der Ruf nach kollektiven Lohnsenkungen laut werden und die inländische Nachfrage wird zusätzlich einbrechen. Die Schuldenbremse und Schäubles Schwarze Null besorgen den Rest.

        Wie gesagt: Schäxit oder €xit. Ohne Schäxit sollten wir das europäische Projekt besser heute als morgen beenden. Wenn nicht, wird es zu einer weiteren Radikalisierung an den politischen Rändern kommen. Und ökonomische Kompetenz ist von dieser Seite noch weniger zu erwarten.

        LG Michael Stöcker

  2. Herbert Grumbel says:

    Das verrückte daran:
    Ohne Frankreich hätten wir ggf. die EU nicht mit dem Euro begonnen, sondern wie es sich gehört mit einer gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik, später dann vielleicht mit einer abgestimmten Wirtschafts- und Sozialpolitik und DANN ggf. mit einem Währungsraum Nord-Euro und dann ggf. langsame Ausbreitung nach Osten und vorsichtig auch nach Süden (einschl Frankreich). Aber die Franzosen glaubten, ihre monetären Probleme wären weg, wenn nu diese verdammt harte DMark weg wäre. Aber wie so oft in monetären Angelegenheiten wird Träumerei hart bestraft. Jetzt träumen sie den nächsten Traum, dass der Austritt aus dem Euro alle Probleme löst. Ende? Keine Ahnung, aber im Augenblick forcieren sie ja mächtig die Schuldenunion. Und Merkel wird wieder umfallen. Wahrscheinlich wieder bei der Fußball-EM. Wäre natürlich eine gute französische Lösung, wenn wir die Verbindlichkeiten mit übernehmen. Wir wollen doch Großes schaffen, sagt Merkel. Dann passt das ja wieder.

    Antworten
  3. Ralph Klages says:

    Das Problem liegt sogar noch tiefer: Betrachtet man die Südländer, stellt man einen ganz anderen „Geldhabitus“ als in den Nordländern fest: Jeder Bürger dieser Länder weiss, dass der Staat sich seit etlichen Jahrhunderten stetig verschuldet, mal mehr, mal weniger. Und dass er diese Staatschulden nur vollständig begleichen kann, wenn er Geld „druckt“ (heute sagt man vornehm „schöpft“) und zusätzlich weitere Schulden aufnimmt. Geht alles gut, solange es die eigene Währung betrifft, weil ja sukzessive zu den Aussenwährungen abgewertet wird (es sei denn, die machen es genauso). Genauso ist das Spiel mit Franc und Lire, aber auch mit Peseten gelaufen. Und jeder Bürger weiss das. Schon seit Jahrhunderten. Ergo sieht der clevere Franzose zu, dass er sein Geld nie lange irgendwo rumliegen lässt, sondern zügig in wertsichere Assets anlegt. Was als Nebenwirkung auch dazu führte, dass die Vermögenswerte der Südländer sich anhäuften, und von Generation zu Generation vermehrten. Übrigens auch ein Grund dafür, dass z.B. die staatl. Rentenversicherungen in diesen Südländern eher dürftig ausfallen. Klar, erstmal haben die Leute privat vorgesorgt, nämlich in Sachwerte angelegt, die später vererbt wurden. In Deutschland ist der Stellenwert des stets verfügbaren, omnipotenten Geldes mit höchsten Sicherungsanforderungen an seine Wertstabilität demgegenüber völlig anders. Während sich der Südländer gegenüber dem inflationärem Staatshandeln zu helfen weiss, vertrauen wir unseren Politikern, die sich mit Slogans wie „Die Rente ist sicher!“ nebst Einlagensicherungsgarantie (2008) und natürlich einer heilig gesprochenen Bundesbank publikumswirksam ausstatten. Zwei völlig konträre Sichtweisen über Geld werden nun in eine neue Währung gezwängt. Unverrückbar. Und jeder will recht behalten und natürlich so weitermachen, wie er es gewohnt ist. Geht vermutlich nicht gut.

    Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Bitte das Captcha ausfüllen * Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.